Seit 40 Jahren setze ich mich für eine Sache ein, die von einer Lobby verraten wurde, die Aufklärung durch ideologische Bevormundung ersetzt hat. Statt Freiheit fordert diese Bewegung konformistische Anpassung und unterdrückt jeden, der nicht in ihr Raster paßt, was ich als schwulen Faschismus bezeichne. Dieser Kurs provoziert einen unvermeidlichen Bumerang-Effekt, da die Nötigung der Mehrheit den sozialen Frieden massiv gefährdet.

Das Rosa Archiv & Bibliothek wurde 2026 gaynau 40 Jahre.
Bis zum 44. Jubiläum 2030 ziehen wir Bilanz. Sein gründER und heute immer noch machER wird mit Beiträgen aus 40 Jahren aufwarten: von inneren Perspektiven und der Arbeit bis zu den äußeren politisch-ideologisch- und gesellschaftlichen Wandlungen, die das Verhältnis zwischen Schwulen und Heteros in eine Richtung trieb, die kaum ein ehemaliger Aktivist so gewollt hat.
Bereits 2014 schrieb ich dazu diesen Artikel Ich bin gegen die radikale Homosexualisierung der Hetero-Gesellschaft! und machte auf diesen aufkommenden schwulen Faschismus aufmerksam, der heute leider mehr als deutlich und überall zu sehen ist.
Ich fordere daher eine radikale Rückbesinnung auf Souveränität und die ursprünglichen Ideale individueller Freiheit, für die wir ALLE damals antraten.
- Vorbemerkungen -
Ab Sommer 2026 folgen in der Kategorie
🇩🇪 40 Jahre ROSA ARCHIV & Bibliothek 2026 meine aufgearbeiteten Erfahrungen und die ihnen zugrunde liegenden Erlebnisse und Aktivitäten und sie gehen zurück bis zur Gründung des Rosa Archivs im Jahr 1986.
(Begonnen habe ich aber bereits im Herbst 1985).
In einer weiteren Kategorie wird es unter 🇩🇪 GLB-Szene: Rezensionen & Kommentare zudem kleinere Beiträge geben.
Auch wenn sich mein sprachlicher Ausdruck in den vergangenen 15 Jahren gewandelt hat, bleibt die inhaltliche Substanz dieser Beobachtungen, von der Kommerzialisierung der gesamten Szene bis zur seit Jahren stattfindenden ideologischen Vereinnahmung durch eine interessengesteuerte Szene-Lobby, für mich nicht nur gültig, sondern heute dringlicher denn je. Ich distanziere mich nicht von der Schärfe dieser Aufzeichnungen, ganz im Gegenteil: Meine Warnungen vor einer Entwicklung, die den Bumerang der gesellschaftlichen Ablehnung durch Bevormundung selbst provoziert, bewahrheiten sich immer weiter.
Was hier folgt, ist keine neue Erkenntnis, sondern die konsequente Fortschreibung eines Kampfes für individuelle Freiheit und Souveränität, der schon immer an mindestens zwei Fronten geführt wurde: gegen die äußeren Diskriminierer und gegen die inneren Gleichschalter.
Es geht nicht mehr um Öffnung,
es geht förmlich um eine echte Kriegserklärung!
Das Anderssein wurde zur Lobby-Waffe, die jedem in die Hand gedrückt wird und wer nicht mitmarschiert und nicht mitschießt, den erledigt sie ohne mit der Wimper zu zucken. Einst war es die Schwulen- und Lesbenbewegung, die der Gesellschaft und dem Staat die Stirn bot, die dem Militarismus den Mittelfinger zeigte und die laut und stolz erklärte, daß sie sich von keiner Obrigkeit vorschreiben läßt, wie sie zu leben hat. Heute kriecht dieselbe Bewegung dem Staat so tief hinten rein, daß man von außen nur noch die blank gewixsten Stiefelspitzen sieht. Sie will nicht nur überall dabei sein, nein und wie man ganz aktuell sehen kann, sogar mitschießen, sie will mitschießen, in Uniform, mit Orden auf der Brust und dem Segen des Verteidigungsministeriums im Rücken. Und sie will mitschießen, um die eigenen Reihen zu „säubern“!
Das ist nicht Gleichberechtigung. Das ist Selbstaufgabe in häßlicher Paradekleidung.
Ich mache das an einem Beispiel deutlich:
Bereits die Fragestellung des Interviews Ich bin bereit, für unsere freiheitlich-demokratischen Werte zu sterben auf queer.de übernimmt die Prämisse einer konkreten Bedrohung aus Russland und setzt damit den Rahmen für das gesamte Gespräch. Vor diesem Hintergrund bejahen die QueerBw-Vorsitzenden Sven Bäring und Anastasia Biefang die Übernahme militärischer Verantwortung; Biefang erklärt ausdrücklich, sie sei bereit, „für diese Gesellschaft und für unsere freiheitlich-demokratischen Werte zu sterben“.
Daß dieselbe Lobby, die das Mitmarschieren zur Pflicht erklärt, heute auch noch unbedingt in die Bundeswehr will, um im Ernstfall (der ja seit Monaten geschürt wird) mitzuschießen, das ist nicht nur die Krönung des Verrats an der eigenen Geschichte, das ist ihr selbstverfaßter Nachruf, den sie jeden Tag ein Stück weiter zu Ende schreibt.
Weiter mit meinem Aufsatz,
der nicht nur die Fortsetzung eines älteren ist, er ist dessen Bestätigung. Was ich 2011 unter dem Titel Nicht stolz bewegt in acht Kommentaren zum Kölner CSD und in einem kurzen Beitrag zum CSD in Leipzig niedergeschrieben habe, war kein Wunschdenken und keine Kaffeesatzleserei, sondern das Ergebnis eines schlichten, logischen Denkens, das weiter reicht als bis zur nächsten Parade und wer damals noch zweifelte, der möge heute die Wirklichkeit befragen.
Ganz unten am Aufsatzende sind die einzelnen Links zu den acht (neun) Beiträgen von 2011 beigefügt.
- Einleitung -
So ist es: Wir (Schwule) sind nun mal ANDERS als die ANDERN, aber gern ANDERS und einvernehmlich mit den ANDERN (Heteros) und so soll es auch bleiben.
Die Geschichte der Schwulenbewegung wird heute nur einseitig und halbherzig von jenen geschrieben, die den Ursprungsgedanken von 1969 längst gegen staatliche Fördergelder und politische Opportunität (heute eher Überzeugungs-Verrat) eingetauscht haben. Wer heute als Schwuler nicht in das ideologische Raster paßt, wer seine Männlichkeit bewahren will und nicht an der ständigen Inszenierung als „unterdrückte Minderheit“ teilnimmt, wird diskriminier: nicht mehr nur von außen, sondern primär von der eigenen, durch Lobbyisten gelenkten Szene.
Meine Arbeit seit 1985,
der Aufbau des Rosa Archiv ab 1986 bis zur Auseinandersetzung mit den Leipziger Gleichstellungsbeauftragten nach der Wende, war immer ein Plädoyer für ein selbstbewußtes, normales Leben. Doch heute erleben wir, wie die einstige Forderung nach Akzeptanz in eine fordernde und aggressive Bevormundung umgeschlagen hat, die die Mehrheitsgesellschaft entfremdet und den sozialen Frieden gefährdet. Wir (also die Schwulen generell) müssen den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen (ich persönlich tue es ja schon immer): Es geht nicht mehr um Öffnung, es geht um eine Ideologie, die das Anderssein zum Kampfbegriff degradiert und damit die Souveränität des Individuums zerstört.
- Vorwort –
Es gibt Texte, die man schreibt, weil man muß.
Weil sie einem keine Ruhe lassen, weil sie sich seit Jahren im Kopf aufstauen wie Wasser hinter einem morschen Damm und weil man irgendwann weiß: entweder du öffnest die Schleuse oder der Damm bricht von selbst und reißt alles mit, was du dir in Jahrzehnten aufgebaut hast. Dieser Essay ist so ein Text.
Ich schreibe ihn nicht,
weil mir jemand dazu geraten hat. Ich schreibe ihn, weil ich vierzig Jahre lang dabei war, weil ich 1986 in der DDR anfing, für eine Sache zu streiten, für die man damals weder Applaus noch Rückenwind bekam und weil ich heute, im Jahre 2026, feststellen muß, daß diese Sache mir gestohlen worden ist. Gestohlen, umgeschmolzen und als Waffe gegen genau jene Menschen gerichtet, die einst für ihre eigene Freiheit kämpften.
Ich bin Volks-Philosoph. Kein Akademiker mit Titel und Lehrstuhl, kein geförderter Theoretiker aus dem Milieu der Bundesstiftungen. Ich bin ein Zehnkläßler aus der DDR, der sich sein Denken selbst erarbeitet hat, der früh lernte, daß man die Wirklichkeit nicht mit dem Wunschzettel verwechseln darf und der seitdem einem einzigen Grundsatz folgt: erst verstehen, dann urteilen und dann, wenn nötig, laut und ohne Beschönigung den Mund aufmachen.
Dieser Text ist mein geöffneter Mund.
Er richtet sich an alle,
die damals dabei waren und heute schweigen. Er richtet sich an jene Heteros, die sich fragen, warum eine einstige Minderheit plötzlich vorschreibt, wie die Mehrheit zu denken hat. Er richtet sich an junge Schwule und Lesben, die nicht wissen, was diese Bewegung einmal war und was aus ihr geworden ist. Und er richtet sich, ja, auch an die Lobby selbst, obwohl ich weiß, daß sie nicht zuhören wird. Wer nur auf den eigenen Applaus horcht, ist für fremde Stimmen taub.
Ich habe nicht nur 2014 auf Tumblr geschrieben, was ich dachte. Damals hielten manche das für übertrieben. Heute ist es Wirklichkeit. Das ist keine Genugtuung, das ist ein Befund. Und ein Befund verlangt nach Diagnose.
- 1. Teil –
ANDERS als die ANDERN, das war einmal
Es war Magnus Hirschfeld,
der Arzt und Sexual-Aufklärer, der im Jahre 1919 einen Film in die deutschen Lichtspielhäuser brachte, der einen Titel trug wie einen Faustschlag: ANDERS als die ANDERN. Hirschfeld wollte zeigen, daß es Menschen gibt, die anders lieben, anders fühlen, anders sind und daß dieses Anderssein kein Verbrechen ist, kein Makel, keine Krankheit, sondern ein Teil der menschlichen Wirklichkeit, den kein Gesetz, woher es auch kommen mag, aus der Welt schaffen kann.
Das Wort ANDERS war damals ein Befreiungswort. Es sagte: ich bin nicht wie ihr und das ist mein gutes Recht. Es war ein Wort mit Rückgrat, ein Wort, das stand, wenn ringsum alles wankte.
Heute, mehr als hundert Jahre später,
hat die Schwulenlobby dieses Wort umgedreht wie einen Handschuh. Das ANDERS gilt längst nicht mehr als das Recht der Minderheit, sich von der Mehrheit zu unterscheiden. Es gilt als Aufforderung an die Mehrheit, sich der Minderheit anzupassen. Wer heute ANDERS als die ANDERN ist und das auch bleiben will, ob als stiller Hetero, ob als Schwuler der alten Schule, der seine Männlichkeit nicht zur Parade trägt, der wird nicht mehr toleriert, der wird korrigiert.
Das ist der Verrat. Nicht an irgendeiner Ideologie. An dem einzigen Gedanken, der diese Bewegung einmal trug: daß jeder Mensch das Recht hat, so zu sein, wie er ist, ohne daß ihn jemand dazu bringt, sich zu erklären, zu rechtfertigen oder umzuformen.
Ich war dabei, als dieser Gedanke noch jung war.
Ich habe ihn in der DDR mit aufgebaut, in einer Zeit, in der man für solche Gedanken nicht gelobt wurde, sondern beobachtet und das nicht nur von der STASI. Und ich sage heute mit derselben Klarheit, mit der ich es damals sagte: wer die Freiheit der Mehrheit beschneidet, um die Sichtbarkeit einer Minderheit zu erhöhen, der hat das Wesen der Freiheit nicht verstanden. Der hat nur die Seiten gewechselt.

Eine Aufsatz-Serie zum
40-jährigen Bestehen:
Die hier dokumentierten Analysen gehen zurück bis zum Gründungsjahr 1986.
1. von 44 inhaltsreichen und kritischen Aufsätzen.
- – - – - – -
Wer mir schreiben möchte, aber nicht als öffentlichen Kommentar, bitte an:
info@rosa-archiv.de

Inhaltsverzeichnis:
- Vorbemerkungen
- Einleitung
- Vorwort
- 1. Teil
ANDERS als die ANDERN, das war einmal:
Magnus Hirschfeld, der Film von 1919, der ursprüngliche Kampfbegriff. Was „anders sein“ damals bedeutete und was es heute bedeutet, wenn die Lobby ihn für sich vereinnahmt hat.

- 2. Teil
Das Rosa Archiv und die Welt, aus der es kam:
DDR, 1986, die Anfänge. Was wir damals wollten, wofür wir standen, was es kostete. Persönliche Erlebnisse als Zeitzeuge.

- 3. Teil
Damals (2011) nicht stolz bewegt, heute erst recht nicht:
Was ich damals (2011) schrieb, was damals belächelt wurde, was heute Wirklichkeit ist. Der Bumerang kündigt sich schon lange an.

- 4. Teil
Die Homosexualisierung der Heterogesellschaft:
Der Tumblr-Text von 2014 als Beweisstück. Begriffsklärung zuerst: was ist damit gemeint, was nicht. Dann die Tatsachen: Regenbogenfahnen an Behörden, Zwangspädagogik, Sonderrechte …

- 5. Teil
Schwuler Lobby-Faschismus, ein Begriff, der sitzt:
Warum dieser Begriff 2014 zutraf und 2026 noch mehr. Tyrannei ist Tyrannei, gleich wer sie ausübt. Die Bewegung, die dem Spießertum den Kampf ansagte und selbst zum größten Spießer wurde.

- 6. Teil
Was wirklich echte Schwulenfreundlichkeit wäre:
Konkrete Vorschläge. Rückbesinnung auf das Individuum, auf Souveränität, auf das Recht, ANDERS als die ANDERN zu sein, ohne andere zu nötigen, dasselbe zu sein.

- 7. Teil:
Der unvermeidliche Bumerang:
Wohin diese Entwicklung führt, wenn sie nicht gestoppt wird. Historische Parallelen. Der Ausblick, der kein gemütlicher ist.

- Nachwort
Persönliche Schlußbetrachtung:
Was vierzig Jahre lehren. Was ich meinen Mitstreitern von damals schulde und was ich der heutigen Szene sage.

- Anhang:
Dort sind die acht Kommentare zu „Nicht stolz bewegt“, die ich 2011 zum CSD Ost und West schrieb. Mit vielen Bildern belegte, die das offenbaren, was ich kritisierte.

Hirschfeld´s Film wurde 1920 verboten.
Die Nazis vernichteten seine Archive. Was er aufgebaut hatte, wurde zerstört, weil es unbequem war. Das Rosa Archiv, das ich 1986 in Leipzig gründete, trug diesen Geist weiter. Nicht den Geist der Forderung, nicht den Geist der Nötigung, sondern den Geist der Aufklärung, des offenen Gesprächs, der Vernunft, die mehr ausrichtet als jede Regenbogenfahne an einem Behördengebäude.
Wie weit sind wir von diesem Geist heute entfernt. Und wer hat uns so weit von ihm weggeführt. Das sind die Fragen, auf die (nicht nur) dieser Essay Antworten sucht und zum Teil finden wird.
- 2. Teil –
Das Rosa Archiv und die Welt, aus der es kam
Leipzig, 1986, Waldstraße 44.
Wer heute nicht weiß, was das bedeutete, dem sei es kurz erklärt, nicht um Mitleid zu ernten, sondern weil der Boden, auf dem etwas wächst, darstellt, was daraus wird.
Die DDR war kein Staat, der Andersdenkende anerkannte, förderte oder gar „liebte“. Sie duldete sie manchmal, sie beobachtete sie immer und sie bestrafte sie, wenn es ihr nützte, siehe die STASI-Akten von Max Fechner, die ich gerade in einer analytischen und in einer romanhaften Dokumentation verarbeite. Homosexualität war seit 1968 nicht mehr strafbar, aber das bedeutete nicht Akzeptanz, das bedeutete lediglich, daß man uns nicht mehr eingesperrt hat, sondern nur noch unter die Lupe nahm und dafür zuständig war in erster Linie die STASI und das leider auch unter Mithilfe von Schwulen, die sich als IM verpflichteten.
Der Unterschied zwischen Strafverfolgung und stiller Überwachung ist für den Betroffenen kleiner, als er auf dem Papier aussieht.
In dieser Welt gründete ich das
Rosa Archiv & Bibliothek, kurz RAB, mit Freunden. Nicht mit Fanfare, nicht mit Fördergeldern, nicht mit dem Segen irgendeiner DDR-Einrichtung. Nur mit dem, was wir hatten: Überzeugung, Bücher, Gleichgesinnte und den unbedingten Willen, eine Geschichte zu bewahren, die man vor unseren Augen zu vergraben versuchte. Das RAB wurde zur Keimzelle, zum Gedächtnisspeicher, zum Treffpunkt für Menschen, die verstehen wollten, woher sie kamen, wer vor ihnen gegangen war und welchen Preis diese Vorgänger gezahlt hatten.
Fast Parallel dazu entstanden erste Ideen
für eine Karl-Heinrich-Ulrichs-Gesellschaft, jene DDR-Urinitiative, die den Namen eines Mannes trug, der schon im neunzehnten Jahrhundert das Wort ergriff, als es noch gefährlich war, es zu ergreifen.
Karl Heinrich Ulrichs (1825 – 1895), juristisch geschult, menschlich mutig, war der erste, der öffentlich für das Recht auf gleichgeschlechtliche Liebe eintrat, vor Gericht, vor Publikum, vor einer Gesellschaft, die ihn dafür auslachte und verfolgte. Wir trugen seinen Namen nicht als Schmuck, sondern als Verpflichtung.
Und:
Am 19. Oktober 2010 trafen sich sieben Freunde des Rosa Archiv, die im Comeback den Förderverein Karl-Heinrich-Ulrichs-Gesellschaft e.V. (KHU‑G) mit Sitz in Leipzig, gründeten.
Und am 17.5. im darauf folgendem Jahr 2011 eröffneten wir das Karl-Heinrich-Ulrichs-Zentrum (kurz TuK = Treff und Kultur) in der Leipziger Innenstadt (nur 300 Meter vom Hauptbahnhof und 100 Meter von der geschichtsträchtigen Nikolaikirche entfernt.
Was wir damals wollten,
war schlicht und ließ sich in einem Satz sagen: laßt uns in Ruhe, laßt uns so sein, wie wir sind und hört auf, so zu tun, als wären wir ein Problem, das gelöst werden muß.
Kein Sonderrecht, keine Sonderbühne, keine Sonderförderung. Das Recht auf Unauffälligkeit war für uns das höchste Gut. Wer sein ganzes Leben lang auffällt, weil er verfolgt wird, der träumt nicht von der großen Parade. Der träumt davon, einmal in Frieden seinen Kaffee zu trinken.
Ich habe in diesen und in den Jahren davor gelernt, was Freiheit kostet. Ich habe gesehen, wie Menschen für eine Überzeugung bezahlten, die heute als selbstverständlich gilt. Und ich habe mir damals geschworen, daß ich diesen Preis nicht vergessen werde, auch dann nicht, wenn die Zeiten sich ändern und das Vergessen bequemer wird als das Erinnern.
Die Zeiten haben sich geändert.
Das Vergessen ist bequemer geworden. Und genau deshalb schreibe ich diesen Text.
Wer nämlich vergißt, wofür gekämpft wurde, der kämpft irgendwann für das Gegenteil. Das ist keine Prophezeiung. Das ist Geschichte. Und Geschichte, das habe ich in vierzig Jahren gelernt, wiederholt sich zwar nicht buchstabengetreu, aber sie schreit nach Gerechtigkeit, manchmal so laut, daß man sie durch alle Wände hört.
Und heute schreit sie wieder und lauter!
- 3. Teil –
Damals (2011) nicht stolz bewegt, heute erst recht nicht
Im Jahre 2014 schrieb ich auf Tumblr einen lauten Kommentar.
Sein Titel war eine Ansage: Ich bin gegen die radikale Homosexualisierung der Heterogesellschaft! Wer ihn damals las, der tat ihn entweder ab als die Griesgrämigkeit eines älteren Aktivisten, der mit der Zeit nicht mithalten konnte oder er nickte still und sagte nichts, weil das Nicken schon riskant genug war.
Im Jahre 2026, zwölf Jahre später,
ist dieser Text aktueller als an jenem Tag, an dem ich ihn verfaßte, da der darin angekündigte schwule Faschismus heute sichtbarer ist denn je.
Nicht weil ich ein Prophet bin, sondern weil ich nicht so kurzfristig denke wie ein Teil der Szene, die in ihrem Tun oft nicht weiter denkt als ein Huhn scheißt. Ich dachte und denke immer weiter als ein Huhn scheißt und mache mir auch Gedanken darüber, wo, wie in diesem Fall, der gesammelte Mist zwangsläufig landen wird.
Ich sagte es also und die Antwort, die ich damals vorahnte, ist heute mit beiden Augen unübersehbar: natürlich nicht für sehende Blinde.
Der sogenannte „Stolz“ (Pride), dieser alljährliche „Breit“-Monat,
der sich über den Juni legt wie ein grellbunter Zirkusvorhang über ein Trauerspiel, war einmal ein Protest. Er entstand aus Schmerz, aus Wut, aus dem berechtigten Aufschrei von schwulen Menschen, die man verfolgt, geschlagen und teils ermordet hatte. Stonewall 1969 war kein Fest. Es war ein Aufstand. Die Faust, die sich dort ballte, gehörte Menschen, die nichts mehr zu verlieren hatten.
Was ist aus dieser Faust geworden?
Sie hat sich geöffnet. Diese nun geöffnete Hand streckt sich aus, um Fördergelder entgegenzunehmen. Sie wedelt mit Regenbogenfahnen vor Behördengebäuden, die der Steuerzahler bezahlt. Sie zeigt den ausgestreckten Zeigefinger auf jeden, der nicht mitklatscht.
Das ist kein Stolz. Das ist Anpassung in bunten Farben, Konformismus mit Konfetti, Spießertum in Pailletten.
Die ehemals liberale Forderung nach Akzeptanz von Minderheiten ist längst in eine missionarische Nötigung der Mehrheit umgeschlagen.
Ich war 2011 nicht stolz bewegt!
Ich bin es heute erst recht nicht!
Und ich sage das als jemand, der weiß, was es bedeutet, für diese Bewegung etwas geopfert zu haben, in einer Zeit, als das Opfern noch etwas kostete und der Applaus noch nicht garantiert war.
Die Frage, die ich 2014 stellte und die ich heute erneut stelle, lautet nicht: bist du schwul oder nicht? Sie lautet: hast du das Recht, andere zu nötigen?
Und die Antwort lautet, unabhängig von Fahnenfarbe und Monatsthema: NEIN.
Dieses Recht besaß niemand.
Dieses Recht wird niemand besitzen.
Das ist kein Sonderrecht für die, die ANDERS sind.
Und es ist auch kein Sonderrecht für die Heteros.
Das Verbot der Nötigung ist ein Fundament der menschlichen Freiheit und damit unverrückbares Naturrecht. Und für die, die mit Naturrecht nichts anfangen können, sei das GG, die Menschenrechte und weitere über Staatsrecht stehende Rechte-Möglichkeiten erwähnt.
Das Verbot der Nötigung gilt ausnahmslos für alle.
- Teil 4 –
Die Homosexualisierung der Heterogesellschaft
Bevor man über eine Sache urteilt,
muß man die Begriffe klären. Das ist keine akademische Spielerei, das ist Handwerk. Wer mit ungeschärften Begriffen arbeitet, der zimmert mit stumpfer Axt und das Ergebnis sieht man dem Holz an.
Was also bedeutet Homosexualisierung der Heterogesellschaft?
Es bedeutet nicht, daß Schwule, Lesben und andere Minderheiten sichtbar sind. Sichtbarkeit ist kein Schaden. Es bedeutet nicht, daß gleichgeschlechtliche Paare sich verpartnern dürfen, Kinder adoptieren, Erbschaften antreten. Das sind Rechte-Fragen, die man diskutieren kann und ich habe sie diskutiert, jahrzehntelang, mit Vernunft und ohne Schaum vor dem Mund. Es bedeutet auch nicht, daß ein schwuler Nachbar ein schwuler Nachbar ist. Das war er schon immer, nur sprach er nicht darüber, weil er nicht mußte und die Meisten es heute ebenso nicht wollen.
Was es bedeutet, ist dies,
daß eine Minderheit ihre Weltanschauung, ihre Symbolik, ihre Begriffswelt und ihre Moralvorstellungen in den öffentlichen Raum preßt mit einer Aufdringlichkeit, die längst über das Maß des Zumutbaren hinausgeht und daß jeder, der sich dagegen verwahrt, als Feind behandelt wird.
Regenbogenfahnen an Rathäusern, Schulbehörden, Botschaften, Kasernen. Ein ganzer Monat, den der Staat zum Thema erklärt, mit öffentlichen Geldern, mit Behördenveranstaltungen, mit Dienstanweisungen.
Lehrpläne, die Kindern im Grundschulalter erklären, was Transsexualität ist, noch bevor sie wissen, was Bruchrechnen ist.
Unternehmen, die ihre Logos einfärben, weil sie Angst haben vor dem Ruf einer Lobby, die gelernt hat, daß Lärm sich auszahlt.
Politiker, die sich in Reih und Glied aufstellen, um zu signalisieren: wir sind dabei, straft uns nicht ab.
Das ist Homosexualisierung.
Das ist die Verwandlung einer Minderheitenfrage in eine Mehrheitspflicht.
Und wer hier noch immer glaubt,
das sei Aufklärung, dem sei ein einfaches Bild angeboten: stell dir vor, die katholische Kirche würde verlangen, daß im Juni an allen öffentlichen Gebäuden Kreuze hängen, daß Schulen die Heiligenlehre in den Unterricht aufnehmen und daß jeder Bürger, der das ablehnt, als kirchenfeindlich gebrandmarkt wird.
Der Aufschrei wäre ohrenbetäubend und er wäre berechtigt. Was bei der Kirche Nötigung hieße, heißt bei der Regenbogenlobby Fortschritt. Das ist keine Logik. Das ist Doppelmaß.
Es geht mir nicht darum, mich bei der Mehrheitsgesellschaft anzubiedern oder deren Bestätigung zu suchen, denn ich achte beide Gruppierungen menschlich gesehen gleich. Die Heteros sind die Mehrheit, sie werden sich schon zu helfen wissen, spätestens dann, wenn der Szene-Bumerang landet.
Ich sage es, weil das, was hier geschieht,
dem Wesen dessen widerspricht, wofür ich 1986 angetreten bin. Wir wollten Platz in der Gesellschaft. Wir wollten nicht die Gesellschaft umbauen. Wer in ein fremdes Haus einzieht, hat das Recht auf sein Zimmer. Er hat nicht das Recht, die Hausbewohner aus dem Gemeinschaftsraum zu drängen und das Mobiliar nach seinem Geschmack umzustellen. Das Mobiliar wird aber seit geraumer Zeit umgestellt. Mit Nachdruck.
Und wer fragt, wer eigentlich die Erlaubnis dazu gegeben hat, der bekommt keine Antwort. Er bekommt ein Etikett.
Jedes dieser mir verliehenen Etiketten habe ich mit der gebührenden Verachtung entgegengenommen und exakt dort platziert, wo derartige Anmaßungen ihre einzige Berechtigung finden und ich auch nur so etikettieren kann: für´n Arsch.
Das Etikett „homophob“ zum Beispiel ist ein Wort,
das die Lobby wie einen Gummistempel benutzt: wer nicht mitmacht, bekommt ihn aufgedrückt, egal ob er schwul ist oder hetero, egal ob er vierzig Jahre Aktivist ist oder gestern zum ersten Mal über das Thema nachgedacht hat. Und egal, wenn er seiner Linie 40 Jahre treu blieb und keinen Zeitgeist in dieser gesamten Zeit die Treue hielt. Der Stempel ersetzt das Argument. Das ist bequem. Das ist aber auch das Eingeständnis, daß man kein Argument mehr hat und auch nicht mehr diskutieren will.
Ein Schwuler, der gegen die Homosexualisierung der Heterogesellschaft ist,
paßt in kein Schema. Das irritiert die Lobby. Was sie irritiert, das bekämpft sie. Was sie bekämpft, das nimmt sie ernst, ob sie es zugibt oder nicht.
Und genau deshalb schreibe ich weiter.
Und das ist sicherer als das Amen in der Kirche.
- Teil 5 –
Schwuler Lobby-Faschismus, ein Begriff, der sitzt
Es gibt Wörter, die man nicht leichtfertig in den Mund nehmen sollte.
Faschismus ist eines davon. Es hat Gewicht, es hat Geschichte, es hat Blut an sich. Wer es falsch verwendet, verharmlost das Echte. Wer es aber dort nicht verwendet, wo es zutrifft, der verniedlicht das Gegenwärtige.
Ich verwende es.
Und ich begründe es.
2014 schrieb ich:
Was hier vor sich geht, ist schwuler Faschismus. Faschismus im Sinne einer immer stärker werdenden Tyrannei und Verfolgung Andersdenkender.
Das war keine Übertreibung für Aufmerksamkeit. Das war eine Begriffsbestimmung, präzise, nüchtern und aus der Beobachtung heraus, nicht aus der Theorie.
Faschismus in seinem Kern ist nicht nur das, was Hitler oder Mussolini verkörperten. In seinem Kern ist Faschismus die Gleichschaltung des Denkens, die Verfolgung der Abweichung, die Unterwerfung des Einzelnen unter das Kollektivdiktat einer Bewegung, die sich selbst für unfehlbar hält.
Der Inhalt wechselt.
Die Struktur bleibt.
Wer sehen kann, sieht!
Und diese Struktur sehe ich.
Ich sehe sie, wenn eine Professorin wie Frau Prof. Etschenberg, die jahrzehntelang auch für Minderheiten eingetreten ist, auch für Schwule und Lesben, von der Schwulenlobby öffentlich niedergemacht wird, weil sie eine Meinung äußerte, die nicht in deren Bild paßte. Ich sehe sie, wenn Links zu kritischen Artikeln verschwinden, weil man die Verfasser für zu „renitent“ hält, wie es meinem eigenen Link auf der Seite der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld erging. Ich sehe sie, wenn das Axiom lautet: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, basta!“ Das ist kein Satz aus dem Vokabular der Aufklärung. Das ist der Satz eines Apparates, der keine Widerrede duldet.
Eine Bewegung, die einst dem Spießertum den Kampf ansagte,
ist selbst zum größten Spießer geworden. Sie hat nur die Fahne ausgetauscht. Der Spießer von gestern bestand auf Ordnung, Sitte und Konformität und verfolgte alle, die davon abwichen. Der Spießer von heute besteht auf Regenbogenkonformität und verfolgt alle, die davon abweichen. Das Muster ist dasselbe. Nur die Kulisse hat gewechselt.
Ich schäme mich für diese Entwicklung.
Das ist kein rhetorisches Schämen, kein Lippenbekenntnis. Es ist das Schämen dessen, der mit aufgebaut hat, was nun mißbraucht wird. Wer ein Haus baut und sieht, wie darin Dinge geschehen, für die er nie gebaut hat, der schämt sich.
Nicht aus Schwäche.
Aus Würde.
Das Rosa Archiv und die Karl-Heinrich-Ulrichs-Gesellschaft haben seit vierzig Jahren Aufklärungsarbeit geleistet. Mit Herz und Verstand, wie ich 2014 schrieb. Mit Überzeugung, mit Geduld, mit dem Respekt vor dem anderen, auch vor dem, der anderer Meinung ist. Das ist der Unterschied zwischen Aufklärung und Propaganda.
Aufklärung ladet ein.
Propaganda befiehlt.
Die heutige schwulen Lobby-Faschisten nötigen und befehlen!
Sie nennt es Aufklärung. Das ist der älteste Trick der Welt und er funktioniert nur so lange, wie niemand laut genug widerspricht.
Ich widerspreche, laut wie immer.
Und immer wieder!
Und mit vierzig Jahren Rückendeckung.
Und:
Es ist die bittere Fratze einer pervertierten Emanzipation:
Einst trat ich an, die Schwulen vor den Heteros zu verteidigen.
Und heute verteidige ich als Schwuler die Heteros.
Wie sich doch Emanzipation ändern kann.
- Teil 6 –
Der unvermeidliche Bumerang
Es gibt ein Gesetz, das keine Lobby außer Kraft setzen kann,
das kein Förderantrag umschreibt und das kein Ministeriumserlaß aufhebt. Es ist älter als jede Verfassung, älter als jeder Staat, älter als jede organisierte Religion. Es lautet, schlicht und unerbittlich: wer die Freiheit anderer untergräbt, verliert über kurz oder lang seine eigene.
Das ist kein frommer Wunsch.
Das ist Geschichte.
Die Jakobiner der Französischen Revolution
schlugen im Namen der Freiheit Köpfe ab, bis sie selbst unter der Klinge lagen. Die Bolschewiki befreiten das Volk aus der Knechtschaft des Zaren und schufen eine viel größere Knechtschaft, gegen die der Zar wie ein gutmütiger Onkel wirkte. Die Puritaner flohen aus England vor religiöser Verfolgung und verfolgten in der Neuen Welt andersgläubige mit derselben Inbrunst, die ihnen selbst das Leben vergällt hatte.
Das Muster ist so alt wie der Mensch: wer unterdrückt wurde, trägt die Versuchung in sich, selbst zu unterdrücken, sobald er die Gelegenheit dazu hat. Nicht alle erliegen ihr. Aber viele tun es. Und Bewegungen, die keine Selbstkorrektur kennen, erliegen ihr fast immer.
Die heutige Schwulen- und Szenelobby ist auf diesem Weg.
Während die Jakobiner noch reale Köpfe forderten, um ihre Macht zu zementieren, agiert die heutige Schwulenlobby bereits vollkommen kopflos, da sie ihre geistige Grundlage längst der ideologischen Verblendung geopfert hat. Diese Bewegung braucht keine fremde Klinge mehr, um gerichtet zu werden, denn sie vollzieht ihre Selbstenthauptung bereits durch ihr tägliches Handeln.
Sie hat die Gelegenheit bekommen, sie hat Macht angehäuft, sie hat Institutionen besetzt, Fördertöpfe gefüllt, Ministerien erreicht, Medien gewonnen. Und sie hat aus dieser Macht heraus begonnen, genau das zu tun, wogegen sie einst angetreten ist: Andersdenkende – ja selbst Gleichgesinnte – zu verfolgen, Meinungen zu unterdrücken, Menschen mit Etiketten zu bewerfen statt mit Argumenten zu kontern.
Das ist der Bumerang, der sich gerade in der Luft bewegt.
Er wird landen. Nicht weil ich es wünsche, sondern weil Bumerange landen. Das ist ihre Natur. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und mit welcher Wucht.
Die Zeichen sind bereits sichtbar,
für den, der hinschaut ohne die Schutzbrille der Gefälligkeit. In mehreren europäischen Ländern wächst der gesellschaftliche Widerstand gegen die Lobbyisierung des öffentlichen Raums. In Ungarn, wo ich heute lebe, hat man diese Entwicklung früher erkannt als anderswo und klare Grenzen gezogen, mögen diese Grenzen im westlichen Diskurs auch als rückständig gelten. Was rückständig heißt und was vorwärtsgewandt, das entscheidet nicht die lauteste Stimme. Das entscheidet die Zeit. In Polen, in der Slowakei, in Teilen Italiens, in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung, die nicht gefragt wurde, ob sie den Regenbogen am Rathaus haben will, wächst eine stille, aber beständige Abwehr. Nicht gegen Schwule. Gegen Bevormundung. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied, den die Lobby geflissentlich übersieht, weil es ihr nützt, ihn zu übersehen.
Ich habe diesen Bumerang 2014 beschrieben.
Ich habe ihn in meiner Arbeit im Archiv schon früher gespürt, in jenen Jahren, als wir noch Aufklärung mit Herz und Verstand betrieben und nicht wie die ANDEREN mit Druck und Drohung. Damals sagten manche Mitstreiter, ich sei zu pessimistisch, zu mißtrauisch, zu wenig bereit, den Fortschritt zu feiern. Ich antwortete ihnen damals dasselbe, was ich heute schreibe: ich feiere Fortschritt gerne, aber ich feiere ihn nicht, wenn er auf Kosten anderer geht. Ich schrieb es oben schon einmal: Ich denke eben weiter, als ein Huhn scheißt, aber auch daran, wo das Gesammelte am Ende landen soll.
Der Bumerang wurde geworfen, er ist bereits im Rückflug.
Und das Schlimmste daran ist nicht,
daß die Lobby davon keinen Schaden nehmen wird. Das Schlimmste daran ist, daß all jene Schaden nehmen werden, die wirklich auf Gleichberechtigung angewiesen sind, die stillen Schwulen, Lesben und die anderen (sexuellen) Minderheiten, die kein Interesse an Paraden haben, die ihren Alltag leben wollen ohne Aufhebens, die sich von der Lobby genauso wenig vertreten fühlen wie von ihren Gegnern. Diese Menschen werden in die Haftung genommen für das, was laute Minderheiten (der ganze Queer-Zirkus) heute innerhalb einer Minderheit angerichtet hat. Das ist die eigentliche Ungerechtigkeit. Nicht die, über die die Lobby redet. Die, über die sie schweigt.
Ich schweige darüber nicht.
Der Bumerang lehrt, wenn er landet, eine einzige Lektion: daß Freiheit keine Einbahnstraße ist. Daß sie in beide Richtungen gilt oder in keine. Daß eine Bewegung, die das vergißt, nicht an ihren Gegnern scheitert, sondern an sich selbst.
Magnus Hirschfeld und Karl Heinrich Ulrichs wußten es.
Wir wußten es 1986 in Leipzig, als wir in einer Welt, die uns mißtraute, für das Recht auf Anderssein eintraten, ohne dabei das Recht der ANDERN auf ihr ANDERSSEIN zu vergessen.
Dieses Wissen ist noch nicht verloren. Es wartet. Es wartet auf jene, die den Mut haben, es wieder auszusprechen, laut, klar und ohne die Schere im Kopf, die der Applaus der Masse schleift.
Ich spreche es aus.
Hier und jetzt.
Mit meinem Namen.
Wie immer.
- Teil 7 -
Was wirklich echte Schwulenfreundlichkeit wäre
Ich bin jetzt seit vierzig Jahren in dieser Sache aktiv.
Vier Jahrzehnte sind lang genug, um nicht nur zu kritisieren, sondern auch zu sagen, wie es anders gehen könnte. Wer nur kritisiert – wenn auch berechtigt -, ohne Vorschläge zu machen, der ist ein Jammerlappen. Ich bin aber ganz sicher kein Jammerlappen. Ich bin immer positiv denkend und dem Naturrecht zugetan und das kennt keine negativen Einstellungen.
Also: was wäre echte Schwulenfreundlichkeit?
Sie fängt damit an, daß man aufhört, Schwulsein zu einer Ideologie zu machen. Ein Schwuler ist ein Mensch, der Männer liebt. Das ist alles. Das ist nicht mehr und nicht weniger als die Tatsache, daß ein Linkshänder mit der linken Hand schreibt. Es ist eine Eigenschaft, kein Programm, keine Weltanschauung, kein politisches Amt. Wer aus dieser schlichten Tatsache ein einhundertfünfundsiebziger Forderungspaket baut, der hat das Wesen der Sache verlassen und das Geschäft betreten.
Echte Schwulenfreundlichkeit bedeutet:
Schluß mit der Selbstghettoisierung. Der Schwule, der sich ausschließlich über seine Sexualität definiert, der jeden Abend in denselben Lokalen sitzt, der jeden Sommer auf denselben Paraden marschiert, der jedes Gespräch früher oder später auf sein Schwulsein lenkt, der hat sich in ein Gehege gesperrt, dessen Gitter er selbst geschmiedet hat. Das ist keine Befreiung. Das ist eine andere Art von Gefangenschaft, bunt angestrichen, aber bittere Gefangenschaft.
Ich habe immer unter Menschen gelebt, Heteros, Schwule, Lesben, Cigány, Alte, Junge, Konservative, Rechte, Linke … Nicht weil ich ein Heiliger bin, sondern weil das für mich die Wirklichkeit ist. Die Wirklichkeit ist gemischt. Wer sich aus ihr herausschält und nur noch seinesgleichen sucht, der verkümmert. Der verliert den Maßstab. Der hält seine eigene Blase für die Welt und wundert sich, wenn die Welt draußen anders denkt.
Echte Schwulenfreundlichkeit bedeutet weiter:
Rückbesinnung auf das Individuum. Nicht die Fahne, nicht die Parade, nicht die Lobbyorganisation macht einen Menschen frei. Die eigene Entscheidung macht ihn frei, die er jeden Tag neu trifft: sein Leben nach seinem eigenen Maß zu führen ohne es anderen aufzuzwingen und ohne es sich von anderen aufzwingen zu lassen.
Souveränität ist kein Geschenk der Lobby. Sie ist das Ergebnis eigener Arbeit, eigenen Denkens, eigener Haltung.
Der souveräne Schwule braucht keinen Regenbogen am Rathaus, um zu wissen, wer er ist. Er weiß es auch ohne das. Und gerade weil er es weiß, stört es ihn nicht, wenn der Nachbar es anders sieht. Stärke braucht keine ständige öffentliche Bestätigung. Nur Unsicherheit braucht das. Und eine Bewegung, die nach Jahrzehnten Gleichstellungspolitik immer lauter und immer aggressiver nach Bestätigung verlangt, ist keine starke Bewegung.
Sie ist eine verunsicherte.
Und sie wird mit der Zeit immer schwächer!
Echte Schwulenfreundlichkeit bedeutet außerdem:
Respekt vor der Mehrheit. Das klingt paradox, ist es aber nicht. Die Mehrheit hat dasselbe Recht auf ihre Normalität wie die Minderheit auf ihre Andersartigkeit. Wer als Minderheit jahrelang dafür kämpfte, nicht bevormundet zu werden, der verliert jedes moralische Recht, die Mehrheit zu bevormunden. Das ist keine Frage der Gesinnung, das ist eine Frage der Folgerichtigkeit. Wer den einen Maßstab für sich beansprucht und den anderen für seine Gegner, der hat den Maßstab nicht verstanden. Er hat ihn nur als Waffe benutzt.
Ich schlage deshalb vor und dieser Vorschlag ist nicht neu,
ich mache ihn seit Jahren, daß die Schwulenbewegung, was von ihr noch übrig ist, die an Vernunft interessiert ist, zu ihren Wurzeln zurückkehrt. Zu Hirschfeld, zu Ulrichs, zu dem Gedanken, daß Freiheit unteilbar ist. Daß sie entweder für alle gilt oder für niemanden. Daß eine Minderheit, die die Freiheit der Mehrheit beschneidet, nicht Freiheit mehrt, sondern lediglich die Richtung der Unterdrückung ändert.
Ich weiß der Vorschlag war blöd, denn Gehör wird er in der Szene wohl kaum finden.
Aber ich wollte ihn gemacht haben.
Das Rosa Archiv wurde nicht gegründet,
um eine neue Herrschaft zu errichten. Es wurde gegründet, um eine alte abzuschaffen. Dieser Unterschied ist nicht klein. Er ist alles.
Wer das verstanden hat, der weiß, daß echte Schwulenfreundlichkeit still sein kann. Daß sie sich nicht aufdrängt. Daß sie neben dem Hetero sitzt, ohne ihn zu belehren. Daß sie ANDERS als die ANDERN ist und genau das als Reichtum begreift, als Beitrag zur Vielfalt, der nur dann ein Beitrag ist, wenn die ANDERN auch ANDERS sein dürfen.
Das ist der Gedanke, für den ich 1986 angetreten bin.
Ich trete heute noch dafür an. Mit demselben Rückgrat, mit demselben klaren Blick und mit der ruhigen Gewißheit dessen, der weiß, daß er auf der richtigen Seite steht, nicht weil eine Fahne es ihm sagt, sondern weil sein Gewissen es ihm sagt und weil er sieht, was seit Jahren schief läuft.
- Nachwort -
Vierzig Jahre sind eine lange Zeit.
Lang genug, um zu sehen, wie aus Samen Bäume werden und lang genug, um zu sehen, wie Bäume fallen. Lang genug, um Menschen zu kennen, die für eine Sache brannten und lang genug, um zu erleben, wie dieselbe Sache zur Asche wurde, weil die, die nach ihnen kamen, das Feuer nicht mehr hüteten, sondern damit zündelten.
Ich schreibe diesen Essay nicht aus Bitterkeit. Bitterkeit ist das Gefühl derer, die etwas wollten und es nicht bekamen. Ich habe bekommen, was ich wollte: das Recht, so zu leben, wie ich bin, ANDERS als die ANDERN, ohne mich dafür zu entschuldigen und ohne dafür zu kämpfen, daß die ANDERN genauso werden wie ich. Das war mein Ziel. Es ist erfüllt.
Was mich antreibt, ist etwas anderes.
Es ist die Pflicht dessen, der dabei war, der weiß, wie es war und der deshalb sagen kann, wie weit man sich davon entfernt hat. Die Pflicht des Zeugen. Nicht des Richters, nicht des Rächers, sondern des Zeugen, der aufsteht und sagt: ich habe es anders erlebt, ich habe es mit eigenen Augen gesehen und was ihr heute als Fortschritt verkauft, das ist keiner.
Ich denke an meine Mitstreiter von damals. An die Männer und auch Frauen des Rosa Archivs, der Karl-Heinrich-Ulrichs-Gesellschaft, an all jene, die in einer Welt, die uns nicht wollte, trotzdem aufrecht gingen. Manche von ihnen leben nicht mehr. Manche haben sich längst aus allem zurückgezogen, erschöpft, enttäuscht oder einfach alt geworden auf eine würdige Art. Ich frage mich manchmal, was sie sagen würden, wenn sie sähen, was aus unserem gemeinsamen Anfang geworden ist. Ich glaube, die meisten würden denselben Kopf schütteln, den ich schüttele. Nicht weil wir Gestrige wären. Sondern weil wir wissen, woher wir kamen.
Herkunft ist kein Makel. Sie ist ein Kompaß.
Mein Kompaß zeigt heute dieselbe Richtung wie 1986:
Freiheit für alle, Zwang für niemanden, Aufklärung mit Herz und Verstand und die unerschütterliche Überzeugung, daß ein Mensch, der ANDERS als die ANDERN ist, gerade deshalb einen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann, weil er den Mut hat, er selbst zu sein, ohne dieses Selbstsein zur Pflicht anderer zu erklären.
Das ist keine radikale Position. Das ist die ursprüngliche. Und das Ursprüngliche hat die unangenehme Eigenschaft, daß es bleibt, auch wenn man es überstreicht, auch wenn man es umbenennt, auch wenn man es mit bunten Fahnen zuhängt. Es bleibt, weil es wahr ist. Und die Wahrheit, das habe ich in vierzig Jahren gelernt, braucht keine Lobby. Sie braucht nur Menschen, die den Mund aufmachen.
Ich mache ihn auf.
Solange ich kann.
Solange es nötig ist.
Und nach allem, was ich sehe, wird es noch eine Weile nötig sein.
HERZlichst und in der Überzeugung dessen,
der weiß, wofür er steht,
Rosa von Zehnle.
- Anhang -
Detaillierte Einblicke in die historische Kontinuität
meiner Kritiken finden sich auch in den oben angekündigten Beiträgen aus dem Jahr 2011, die den Zerfall der Emanzipation sezieren:
- Teil 1: Ein Blick zurück, in die Zukunft …
- Teil 2: „Danke Köln für mein Selbstbewußtsein“ …
- Teil 3: Beck und seine GRÜNEN Schwulenmafia …
- Teil 4: Dem KLuST verging die Lust …
- Teil 5: Der CSG und das ROSA ARCHIV …
- Teil 6: Bless wird beim enten nicht bless …
- Teil 7: Intelligenzminderung: Schwule lieben Lesbenquoten …
- Teil 8: Quintessenz meiner CSD-West-Betrachtungen …
Hier ist die vollständige Dokumentation und die bildhafte Analyse der „Heteroalisierung der Schwulenszene“ von 2001 Antagonismen: CSD West und CSD Ost „Nicht stolz bewegt!“ zu finden.
Rosa von Zehnle úr
Ùjudvar, 2026.06.06
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