Veröffentlicht in

🇩🇪 „Nicht stolz bewegt 2026: Ich bin gegen die radikale Homosexualisierung der Heterogesellschaft“ (Teil 2) – 1. Aufsatz einer Beitragsreihe zu „40 Jahre ROSA ARCHIV & Bibliothek“ – gegr. 1986 in Leipzig

Lis­ten to this article

Seit 40 Jah­ren set­ze ich mich für eine Sache ein, die von einer Lob­by ver­ra­ten wur­de, die Auf­klä­rung durch ideo­lo­gi­sche Bevor­mun­dung ersetzt hat. Statt Frei­heit for­dert die­se Bewe­gung kon­for­mis­ti­sche Anpas­sung und unter­drückt jeden, der nicht in ihr Ras­ter paßt, was ich als schwu­len Faschis­mus bezeich­ne. Die­ser Kurs pro­vo­ziert einen unver­meid­li­chen Bume­rang-Effekt, da die Nöti­gung der Mehr­heit den sozia­len Frie­den mas­siv gefährdet. 

Das Rosa Archiv & Bibliothek wurde 2026 gaynau 40 Jahre. 

Bis zum 44. Jubi­lä­um 2030 zie­hen wir Bilanz. Sein grün­dER und heu­te immer noch machER wird mit Bei­trä­gen aus 40 Jah­ren auf­war­ten: von inne­ren Per­spek­ti­ven und der Arbeit bis zu den äuße­ren poli­tisch-ideo­lo­gisch- und gesell­schaft­li­chen Wand­lun­gen, die das Ver­hält­nis zwi­schen Schwu­len und Hete­ros in eine Rich­tung trieb, die kaum ein ehe­ma­li­ger Akti­vist so gewollt hat.
Bereits 2014 schrieb ich dazu die­sen Arti­kel Ich bin gegen die radi­ka­le Homo­se­xua­li­sie­rung der Hete­ro-Gesell­schaft! und mach­te auf die­sen auf­kom­men­den schwu­len Faschis­mus auf­merk­sam, der heu­te lei­der mehr als deut­lich und über­all zu sehen ist.
Ich for­de­re daher eine radi­ka­le Rück­be­sin­nung auf Sou­ve­rä­ni­tät und die ursprüng­li­chen Idea­le indi­vi­du­el­ler Frei­heit, für die wir ALLE damals antraten.

- Vorbemerkungen -

Ab Som­mer 2026 fol­gen in der Kate­go­rie
🇩🇪 40 Jah­re ROSA ARCHIV & Biblio­thek 2026 mei­ne auf­ge­ar­bei­te­ten Erfah­run­gen und die ihnen zugrun­de lie­gen­den Erleb­nis­se und Akti­vi­tä­ten und sie gehen zurück bis zur Grün­dung des Rosa Archivs im Jahr 1986.
(Begon­nen habe ich aber bereits im Herbst 1985).
In einer wei­te­ren Kate­go­rie wird es unter 🇩🇪 GLB-Sze­ne: Rezen­sio­nen & Kom­men­ta­re zudem klei­ne­re Bei­trä­ge geben.
Auch wenn sich mein sprach­li­cher Aus­druck in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren gewan­delt hat, bleibt die inhalt­li­che Sub­stanz die­ser Beob­ach­tun­gen, von der Kom­mer­zia­li­sie­rung der gesam­ten Sze­ne bis zur seit Jah­ren statt­fin­den­den ideo­lo­gi­schen Ver­ein­nah­mung durch eine inter­es­sen­ge­steu­er­te Sze­ne-Lob­by, für mich nicht nur gül­tig, son­dern heu­te dring­li­cher denn je. Ich distan­zie­re mich nicht von der Schär­fe die­ser Auf­zeich­nun­gen, ganz im Gegen­teil: Mei­ne War­nun­gen vor einer Ent­wick­lung, die den Bume­rang der gesell­schaft­li­chen Ableh­nung durch Bevor­mun­dung selbst pro­vo­ziert, bewahr­hei­ten sich immer wei­ter.
Was hier folgt, ist kei­ne neue Erkennt­nis, son­dern die kon­se­quen­te Fort­schrei­bung eines Kamp­fes für indi­vi­du­el­le Frei­heit und Sou­ve­rä­ni­tät, der schon immer an min­des­tens zwei Fron­ten geführt wur­de: gegen die äuße­ren Dis­kri­mi­nie­rer und gegen die inne­ren Gleich­schal­ter.

Es geht nicht mehr um Öff­nung,
es geht förm­lich um eine ech­te Kriegs­er­klä­rung!
Das Anders­sein wur­de zur Lob­by-Waf­fe, die jedem in die Hand gedrückt wird und wer nicht mit­mar­schiert und nicht mit­schießt, den erle­digt sie ohne mit der Wim­per zu zucken. Einst war es die Schwu­len- und Les­ben­be­we­gung, die der Gesell­schaft und dem Staat die Stirn bot, die dem Mili­ta­ris­mus den Mit­tel­fin­ger zeig­te und die laut und stolz erklär­te, daß sie sich von kei­ner Obrig­keit vor­schrei­ben läßt, wie sie zu leben hat. Heu­te kriecht die­sel­be Bewe­gung dem Staat so tief hin­ten rein, daß man von außen nur noch die blank gewixs­ten Stie­fel­spit­zen sieht. Sie will nicht nur über­all dabei sein, nein und wie man ganz aktu­ell sehen kann, sogar mit­schie­ßen, sie will mit­schie­ßen, in Uni­form, mit Orden auf der Brust und dem Segen des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums im Rücken. Und sie will mit­schie­ßen, um die eige­nen Rei­hen zu „säu­bern“!
Das ist nicht Gleich­be­rech­ti­gung. Das ist Selbst­auf­ga­be in häß­li­cher Para­de­klei­dung.

Ich mache das an einem Bei­spiel deut­lich:
Bereits die Fra­ge­stel­lung des Inter­views Ich bin bereit, für unse­re frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Wer­te zu ster­ben auf queer.de über­nimmt die Prä­mis­se einer kon­kre­ten Bedro­hung aus Russ­land und setzt damit den Rah­men für das gesam­te Gespräch. Vor die­sem Hin­ter­grund beja­hen die Que­erBw-Vor­sit­zen­den Sven Bär­ing und Ana­sta­sia Biefang die Über­nah­me mili­tä­ri­scher Ver­ant­wor­tung; Biefang erklärt aus­drück­lich, sie sei bereit, „für die­se Gesell­schaft und für unse­re frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Wer­te zu ster­ben“.
Daß die­sel­be Lob­by, die das Mit­mar­schie­ren zur Pflicht erklärt, heu­te auch noch unbe­dingt in die Bun­des­wehr will, um im Ernst­fall (der ja seit Mona­ten geschürt wird) mit­zu­schie­ßen, das ist nicht nur die Krö­nung des Ver­rats an der eige­nen Geschich­te, das ist ihr selbst­ver­faß­ter Nach­ruf, den sie jeden Tag ein Stück wei­ter zu Ende schreibt.

Wei­ter mit mei­nem Auf­satz,
der nicht nur die Fort­set­zung eines älte­ren ist, er ist des­sen Bestä­ti­gung. Was ich 2011 unter dem Titel Nicht stolz bewegt in acht Kom­men­ta­ren zum Köl­ner CSD und in einem kur­zen Bei­trag zum CSD in Leip­zig nie­der­ge­schrie­ben habe, war kein Wunsch­den­ken und kei­ne Kaf­fee­satz­le­se­rei, son­dern das Ergeb­nis eines schlich­ten, logi­schen Den­kens, das wei­ter reicht als bis zur nächs­ten Para­de und wer damals noch zwei­fel­te, der möge heu­te die Wirk­lich­keit befra­gen.
Ganz unten am Auf­satz­en­de sind die ein­zel­nen Links zu den acht (neun) Bei­trä­gen von 2011 beigefügt.


- Einleitung -

So ist es: Wir (Schwu­le) sind nun mal ANDERS als die ANDERN, aber gern ANDERS und ein­ver­nehm­lich mit den ANDERN (Hete­ros) und so soll es auch blei­ben.
Die Geschich­te der Schwu­len­be­we­gung wird heu­te nur ein­sei­tig und halb­her­zig von jenen geschrie­ben, die den Ursprungs­ge­dan­ken von 1969 längst gegen staat­li­che För­der­gel­der und poli­ti­sche Oppor­tu­ni­tät (heu­te eher Über­zeu­gungs-Ver­rat) ein­ge­tauscht haben. Wer heu­te als Schwu­ler nicht in das ideo­lo­gi­sche Ras­ter paßt, wer sei­ne Männ­lich­keit bewah­ren will und nicht an der stän­di­gen Insze­nie­rung als „unter­drück­te Min­der­heit“ teil­nimmt, wird dis­kri­mi­nier: nicht mehr nur von außen, son­dern pri­mär von der eige­nen, durch Lob­by­is­ten gelenk­ten Sze­ne.

Mei­ne Arbeit seit 1985,
der Auf­bau des Rosa Archiv ab 1986 bis zur Aus­ein­an­der­set­zung mit den Leip­zi­ger Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten nach der Wen­de, war immer ein Plä­doy­er für ein selbst­be­wuß­tes, nor­ma­les Leben. Doch heu­te erle­ben wir, wie die eins­ti­ge For­de­rung nach Akzep­tanz in eine for­dern­de und aggres­si­ve Bevor­mun­dung umge­schla­gen hat, die die Mehr­heits­ge­sell­schaft ent­frem­det und den sozia­len Frie­den gefähr­det. Wir (also die Schwu­len gene­rell) müs­sen den Mut haben, die Din­ge beim Namen zu nen­nen (ich per­sön­lich tue es ja schon immer): Es geht nicht mehr um Öff­nung, es geht um eine Ideo­lo­gie, die das Anders­sein zum Kampf­be­griff degra­diert und damit die Sou­ve­rä­ni­tät des Indi­vi­du­ums zerstört.


- Vorwort –

Es gibt Tex­te, die man schreibt, weil man muß.
Weil sie einem kei­ne Ruhe las­sen, weil sie sich seit Jah­ren im Kopf auf­stau­en wie Was­ser hin­ter einem mor­schen Damm und weil man irgend­wann weiß: ent­we­der du öff­nest die Schleu­se oder der Damm bricht von selbst und reißt alles mit, was du dir in Jahr­zehn­ten auf­ge­baut hast. Die­ser Essay ist so ein Text.

Ich schrei­be ihn nicht,
weil mir jemand dazu gera­ten hat. Ich schrei­be ihn, weil ich vier­zig Jah­re lang dabei war, weil ich 1986 in der DDR anfing, für eine Sache zu strei­ten, für die man damals weder Applaus noch Rücken­wind bekam und weil ich heu­te, im Jah­re 2026, fest­stel­len muß, daß die­se Sache mir gestoh­len wor­den ist. Gestoh­len, umge­schmol­zen und als Waf­fe gegen genau jene Men­schen gerich­tet, die einst für ihre eige­ne Frei­heit kämpf­ten.
Ich bin Volks-Phi­lo­soph. Kein Aka­de­mi­ker mit Titel und Lehr­stuhl, kein geför­der­ter Theo­re­ti­ker aus dem Milieu der Bun­des­stif­tun­gen. Ich bin ein Zehn­kläß­ler aus der DDR, der sich sein Den­ken selbst erar­bei­tet hat, der früh lern­te, daß man die Wirk­lich­keit nicht mit dem Wunsch­zet­tel ver­wech­seln darf und der seit­dem einem ein­zi­gen Grund­satz folgt: erst ver­ste­hen, dann urtei­len und dann, wenn nötig, laut und ohne Beschö­ni­gung den Mund auf­ma­chen.
Die­ser Text ist mein geöff­ne­ter Mund.

Er rich­tet sich an alle,
die damals dabei waren und heu­te schwei­gen. Er rich­tet sich an jene Hete­ros, die sich fra­gen, war­um eine eins­ti­ge Min­der­heit plötz­lich vor­schreibt, wie die Mehr­heit zu den­ken hat. Er rich­tet sich an jun­ge Schwu­le und Les­ben, die nicht wis­sen, was die­se Bewe­gung ein­mal war und was aus ihr gewor­den ist. Und er rich­tet sich, ja, auch an die Lob­by selbst, obwohl ich weiß, daß sie nicht zuhö­ren wird. Wer nur auf den eige­nen Applaus horcht, ist für frem­de Stim­men taub.
Ich habe nicht nur 2014 auf Tumb­lr geschrie­ben, was ich dach­te. Damals hiel­ten man­che das für über­trie­ben. Heu­te ist es Wirk­lich­keit. Das ist kei­ne Genug­tu­ung, das ist ein Befund. Und ein Befund ver­langt nach Diagnose.


- 1. Teil –
ANDERS als die ANDERN, das war einmal

Es war Magnus Hirsch­feld,
der Arzt und Sexu­al-Auf­klä­rer, der im Jah­re 1919 einen Film in die deut­schen Licht­spiel­häu­ser brach­te, der einen Titel trug wie einen Faust­schlag: ANDERS als die ANDERN. Hirsch­feld woll­te zei­gen, daß es Men­schen gibt, die anders lie­ben, anders füh­len, anders sind und daß die­ses Anders­sein kein Ver­bre­chen ist, kein Makel, kei­ne Krank­heit, son­dern ein Teil der mensch­li­chen Wirk­lich­keit, den kein Gesetz, woher es auch kom­men mag, aus der Welt schaf­fen kann.
Das Wort ANDERS war damals ein Befrei­ungs­wort. Es sag­te: ich bin nicht wie ihr und das ist mein gutes Recht. Es war ein Wort mit Rück­grat, ein Wort, das stand, wenn rings­um alles wank­te.

Heu­te, mehr als hun­dert Jah­re spä­ter,
hat die Schwu­len­lob­by die­ses Wort umge­dreht wie einen Hand­schuh. Das ANDERS gilt längst nicht mehr als das Recht der Min­der­heit, sich von der Mehr­heit zu unter­schei­den. Es gilt als Auf­for­de­rung an die Mehr­heit, sich der Min­der­heit anzu­pas­sen. Wer heu­te ANDERS als die ANDERN ist und das auch blei­ben will, ob als stil­ler Hete­ro, ob als Schwu­ler der alten Schu­le, der sei­ne Männ­lich­keit nicht zur Para­de trägt, der wird nicht mehr tole­riert, der wird kor­ri­giert.
Das ist der Ver­rat. Nicht an irgend­ei­ner Ideo­lo­gie. An dem ein­zi­gen Gedan­ken, der die­se Bewe­gung ein­mal trug: daß jeder Mensch das Recht hat, so zu sein, wie er ist, ohne daß ihn jemand dazu bringt, sich zu erklä­ren, zu recht­fer­ti­gen oder umzu­for­men.

Ich war dabei, als die­ser Gedan­ke noch jung war.
Ich habe ihn in der DDR mit auf­ge­baut, in einer Zeit, in der man für sol­che Gedan­ken nicht gelobt wur­de, son­dern beob­ach­tet und das nicht nur von der STASI. Und ich sage heu­te mit der­sel­ben Klar­heit, mit der ich es damals sag­te: wer die Frei­heit der Mehr­heit beschnei­det, um die Sicht­bar­keit einer Min­der­heit zu erhö­hen, der hat das Wesen der Frei­heit nicht ver­stan­den. Der hat nur die Sei­ten gewechselt.

Eine Auf­satz-Serie zum
40-jäh­ri­gen Bestehen:

Die hier doku­men­tier­ten Ana­ly­sen gehen zurück bis zum Grün­dungs­jahr 1986.
1. von 44 inhalts­rei­chen und kri­ti­schen Auf­sät­zen.
- – - – - – -
Wer mir schrei­ben möch­te, aber nicht als öffent­li­chen Kom­men­tar, bit­te an:
info@rosa-archiv.de

Inhalts­ver­zeich­nis:

  • Vor­be­mer­kun­gen
  • Ein­lei­tung
  • Vor­wort
  • 1. Teil
    ANDERS als die ANDERN, das war ein­mal:
    Magnus Hirsch­feld, der Film von 1919, der ursprüng­li­che Kampf­be­griff. Was „anders sein“ damals bedeu­te­te und was es heu­te bedeu­tet, wenn die Lob­by ihn für sich ver­ein­nahmt hat.
  • 2. Teil
    Das Rosa Archiv und die Welt, aus der es kam:
    DDR, 1986, die Anfän­ge. Was wir damals woll­ten, wofür wir stan­den, was es kos­te­te. Per­sön­li­che Erleb­nis­se als Zeitzeuge.
  • 3. Teil
    Damals (2011) nicht stolz bewegt, heu­te erst recht nicht:
    Was ich damals (2011) schrieb, was damals belä­chelt wur­de, was heu­te Wirk­lich­keit ist. Der Bume­rang kün­digt sich schon lan­ge an.
  • 4. Teil
    Die Homo­se­xua­li­sie­rung der Hete­ro­ge­sell­schaft:

    Der Tumb­lr-Text von 2014 als Beweis­stück. Begriffs­klä­rung zuerst: was ist damit gemeint, was nicht. Dann die Tat­sa­chen: Regen­bo­gen­fah­nen an Behör­den, Zwangs­päd­ago­gik, Sonderrechte …
  • 5. Teil
    Schwu­ler Lob­by-Faschis­mus, ein Begriff, der sitzt:

    War­um die­ser Begriff 2014 zutraf und 2026 noch mehr. Tyran­nei ist Tyran­nei, gleich wer sie aus­übt. Die Bewe­gung, die dem Spie­ßer­tum den Kampf ansag­te und selbst zum größ­ten Spie­ßer wurde.
  • 6. Teil
    Was wirk­lich ech­te Schwu­len­freund­lich­keit wäre:

    Kon­kre­te Vor­schlä­ge. Rück­be­sin­nung auf das Indi­vi­du­um, auf Sou­ve­rä­ni­tät, auf das Recht, ANDERS als die ANDERN zu sein, ohne ande­re zu nöti­gen, das­sel­be zu sein.
  • 7. Teil:
    Der unver­meid­li­che Bume­rang:

    Wohin die­se Ent­wick­lung führt, wenn sie nicht gestoppt wird. His­to­ri­sche Par­al­le­len. Der Aus­blick, der kein gemüt­li­cher ist.
  • Nach­wort
    Per­sön­li­che Schluß­be­trach­tung:
    Was vier­zig Jah­re leh­ren. Was ich mei­nen Mit­strei­tern von damals schul­de und was ich der heu­ti­gen Sze­ne sage.
  • Anhang:
    Dort sind die acht Kom­men­ta­re zu „Nicht stolz bewegt“, die ich 2011 zum CSD Ost und West schrieb. Mit vie­len Bil­dern beleg­te, die das offen­ba­ren, was ich kritisierte.

Hirschfeld´s Film wur­de 1920 ver­bo­ten.
Die Nazis ver­nich­te­ten sei­ne Archi­ve. Was er auf­ge­baut hat­te, wur­de zer­stört, weil es unbe­quem war. Das Rosa Archiv, das ich 1986 in Leip­zig grün­de­te, trug die­sen Geist wei­ter. Nicht den Geist der For­de­rung, nicht den Geist der Nöti­gung, son­dern den Geist der Auf­klä­rung, des offe­nen Gesprächs, der Ver­nunft, die mehr aus­rich­tet als jede Regen­bo­gen­fah­ne an einem Behör­den­ge­bäu­de.
Wie weit sind wir von die­sem Geist heu­te ent­fernt. Und wer hat uns so weit von ihm weg­ge­führt. Das sind die Fra­gen, auf die (nicht nur) die­ser Essay Ant­wor­ten sucht und zum Teil fin­den wird.


- 2. Teil –
Das Rosa Archiv und die Welt, aus der es kam

Leip­zig, 1986, Wald­stra­ße 44.
Wer heu­te nicht weiß, was das bedeu­te­te, dem sei es kurz erklärt, nicht um Mit­leid zu ern­ten, son­dern weil der Boden, auf dem etwas wächst, dar­stellt, was dar­aus wird.
Die DDR war kein Staat, der Anders­den­ken­de aner­kann­te, för­der­te oder gar „lieb­te“. Sie dul­de­te sie manch­mal, sie beob­ach­te­te sie immer und sie bestraf­te sie, wenn es ihr nütz­te, sie­he die STA­SI-Akten von Max Fech­ner, die ich gera­de in einer ana­ly­ti­schen und in einer roman­haf­ten Doku­men­ta­ti­on ver­ar­bei­te. Homo­se­xua­li­tät war seit 1968 nicht mehr straf­bar, aber das bedeu­te­te nicht Akzep­tanz, das bedeu­te­te ledig­lich, daß man uns nicht mehr ein­ge­sperrt hat, son­dern nur noch unter die Lupe nahm und dafür zustän­dig war in ers­ter Linie die STASI und das lei­der auch unter Mit­hil­fe von Schwu­len, die sich als IM ver­pflich­te­ten.
Der Unter­schied zwi­schen Straf­ver­fol­gung und stil­ler Über­wa­chung ist für den Betrof­fe­nen klei­ner, als er auf dem Papier aus­sieht.

In die­ser Welt grün­de­te ich das
Rosa Archiv & Biblio­thek, kurz RAB, mit Freun­den. Nicht mit Fan­fa­re, nicht mit För­der­gel­dern, nicht mit dem Segen irgend­ei­ner DDR-Ein­rich­tung. Nur mit dem, was wir hat­ten: Über­zeu­gung, Bücher, Gleich­ge­sinn­te und den unbe­ding­ten Wil­len, eine Geschich­te zu bewah­ren, die man vor unse­ren Augen zu ver­gra­ben ver­such­te. Das RAB wur­de zur Keim­zel­le, zum Gedächt­nis­spei­cher, zum Treff­punkt für Men­schen, die ver­ste­hen woll­ten, woher sie kamen, wer vor ihnen gegan­gen war und wel­chen Preis die­se Vor­gän­ger gezahlt hat­ten.

Fast Par­al­lel dazu ent­stan­den ers­te Ideen

für eine Karl-Hein­rich-Ulrichs-Gesell­schaft, jene DDR-Urin­itia­ti­ve, die den Namen eines Man­nes trug, der schon im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert das Wort ergriff, als es noch gefähr­lich war, es zu ergrei­fen.
Karl Hein­rich Ulrichs (1825 – 1895), juris­tisch geschult, mensch­lich mutig, war der ers­te, der öffent­lich für das Recht auf gleich­ge­schlecht­li­che Lie­be ein­trat, vor Gericht, vor Publi­kum, vor einer Gesell­schaft, die ihn dafür aus­lach­te und ver­folg­te. Wir tru­gen sei­nen Namen nicht als Schmuck, son­dern als Ver­pflich­tung.
Und:
Am 19. Okto­ber 2010 tra­fen sich sie­ben Freun­de des Rosa Archiv, die im Come­back den För­der­ver­ein Karl-Hein­rich-Ulrichs-Gesell­schaft e.V. (KHU‑G) mit Sitz in Leip­zig, grün­de­ten.
Und am 17.5. im dar­auf fol­gen­dem Jahr 2011 eröff­ne­ten wir das Karl-Hein­rich-Ulrichs-Zen­trum (kurz TuK = Treff und Kul­tur) in der Leip­zi­ger Innen­stadt (nur 300 Meter vom Haupt­bahn­hof und 100 Meter von der geschichts­träch­ti­gen Niko­lai­kir­che ent­fernt. 

Was wir damals woll­ten,
war schlicht und ließ sich in einem Satz sagen: laßt uns in Ruhe, laßt uns so sein, wie wir sind und hört auf, so zu tun, als wären wir ein Pro­blem, das gelöst wer­den muß.
Kein Son­der­recht, kei­ne Son­der­büh­ne, kei­ne Son­der­för­de­rung. Das Recht auf Unauf­fäl­lig­keit war für uns das höchs­te Gut. Wer sein gan­zes Leben lang auf­fällt, weil er ver­folgt wird, der träumt nicht von der gro­ßen Para­de. Der träumt davon, ein­mal in Frie­den sei­nen Kaf­fee zu trin­ken.
Ich habe in die­sen und in den Jah­ren davor gelernt, was Frei­heit kos­tet. Ich habe gese­hen, wie Men­schen für eine Über­zeu­gung bezahl­ten, die heu­te als selbst­ver­ständ­lich gilt. Und ich habe mir damals geschwo­ren, daß ich die­sen Preis nicht ver­ges­sen wer­de, auch dann nicht, wenn die Zei­ten sich ändern und das Ver­ges­sen beque­mer wird als das Erin­nern.

Die Zei­ten haben sich geän­dert.
Das Ver­ges­sen ist beque­mer gewor­den. Und genau des­halb schrei­be ich die­sen Text.
Wer näm­lich ver­gißt, wofür gekämpft wur­de, der kämpft irgend­wann für das Gegen­teil. Das ist kei­ne Pro­phe­zei­ung. Das ist Geschich­te. Und Geschich­te, das habe ich in vier­zig Jah­ren gelernt, wie­der­holt sich zwar nicht buch­sta­ben­ge­treu, aber sie schreit nach Gerech­tig­keit, manch­mal so laut, daß man sie durch alle Wän­de hört.
Und heu­te schreit sie wie­der und lauter! 


- 3. Teil –
Damals (2011) nicht stolz bewegt, heute erst recht nicht

Im Jah­re 2014 schrieb ich auf Tumb­lr einen lau­ten Kom­men­tar.
Sein Titel war eine Ansa­ge: Ich bin gegen die radi­ka­le Homo­se­xua­li­sie­rung der Hete­ro­ge­sell­schaft! Wer ihn damals las, der tat ihn ent­we­der ab als die Gries­grä­mig­keit eines älte­ren Akti­vis­ten, der mit der Zeit nicht mit­hal­ten konn­te oder er nick­te still und sag­te nichts, weil das Nicken schon ris­kant genug war.

Im Jah­re 2026, zwölf Jah­re spä­ter,
ist die­ser Text aktu­el­ler als an jenem Tag, an dem ich ihn ver­faß­te, da der dar­in ange­kün­dig­te schwu­le Faschis­mus heu­te sicht­ba­rer ist denn je.
Nicht weil ich ein Pro­phet bin, son­dern weil ich nicht so kurz­fris­tig den­ke wie ein Teil der Sze­ne, die in ihrem Tun oft nicht wei­ter denkt als ein Huhn scheißt. Ich dach­te und den­ke immer wei­ter als ein Huhn scheißt und mache mir auch Gedan­ken dar­über, wo, wie in die­sem Fall, der gesam­mel­te Mist zwangs­läu­fig lan­den wird.
Ich sag­te es also und die Ant­wort, die ich damals vor­ahn­te, ist heu­te mit bei­den Augen unüber­seh­bar: natür­lich nicht für sehen­de Blin­de.

Der soge­nann­te „Stolz“ (Pri­de), die­ser all­jähr­li­che „Breit“-Monat,
der sich über den Juni legt wie ein grell­bun­ter Zir­kus­vor­hang über ein Trau­er­spiel, war ein­mal ein Pro­test. Er ent­stand aus Schmerz, aus Wut, aus dem berech­tig­ten Auf­schrei von schwu­len Men­schen, die man ver­folgt, geschla­gen und teils ermor­det hat­te. Stone­wall 1969 war kein Fest. Es war ein Auf­stand. Die Faust, die sich dort ball­te, gehör­te Men­schen, die nichts mehr zu ver­lie­ren hat­ten.

Was ist aus die­ser Faust gewor­den?
Sie hat sich geöff­net. Die­se nun geöff­ne­te Hand streckt sich aus, um För­der­gel­der ent­ge­gen­zu­neh­men. Sie wedelt mit Regen­bo­gen­fah­nen vor Behör­den­ge­bäu­den, die der Steu­er­zah­ler bezahlt. Sie zeigt den aus­ge­streck­ten Zei­ge­fin­ger auf jeden, der nicht mit­klatscht.
Das ist kein Stolz. Das ist Anpas­sung in bun­ten Far­ben, Kon­for­mis­mus mit Kon­fet­ti, Spie­ßer­tum in Pail­let­ten.
Die ehe­mals libe­ra­le For­de­rung nach Akzep­tanz von Min­der­hei­ten ist längst in eine mis­sio­na­ri­sche Nöti­gung der Mehr­heit umge­schla­gen.


Ich war 2011 nicht stolz bewegt!
Ich bin es heu­te erst recht nicht!

Und ich sage das als jemand, der weiß, was es bedeu­tet, für die­se Bewe­gung etwas geop­fert zu haben, in einer Zeit, als das Opfern noch etwas kos­te­te und der Applaus noch nicht garan­tiert war.
Die Fra­ge, die ich 2014 stell­te und die ich heu­te erneut stel­le, lau­tet nicht: bist du schwul oder nicht? Sie lau­tet: hast du das Recht, ande­re zu nöti­gen?
Und die Ant­wort lau­tet, unab­hän­gig von Fah­nen­far­be und Monats­the­ma: NEIN.
Die­ses Recht besaß nie­mand.
Die­ses Recht wird nie­mand besit­zen.
Das ist kein Son­der­recht für die, die ANDERS sind.
Und es ist auch kein Son­der­recht für die Hete­ros.
Das Ver­bot der Nöti­gung ist ein Fun­da­ment der mensch­li­chen Frei­heit und damit unver­rück­ba­res Natur­recht. Und für die, die mit Natur­recht nichts anfan­gen kön­nen, sei das GG, die Men­schen­rech­te und wei­te­re über Staats­recht ste­hen­de Rech­te-Mög­lich­kei­ten erwähnt.
Das Ver­bot der Nöti­gung gilt aus­nahms­los für alle.


- Teil 4 –
Die Homosexualisierung der Heterogesellschaft

Bevor man über eine Sache urteilt,
muß man die Begrif­fe klä­ren. Das ist kei­ne aka­de­mi­sche Spie­le­rei, das ist Hand­werk. Wer mit unge­schärf­ten Begrif­fen arbei­tet, der zim­mert mit stump­fer Axt und das Ergeb­nis sieht man dem Holz an.
Was also bedeu­tet Homo­se­xua­li­sie­rung der Hete­ro­ge­sell­schaft?
Es bedeu­tet nicht, daß Schwu­le, Les­ben und ande­re Min­der­hei­ten sicht­bar sind. Sicht­bar­keit ist kein Scha­den. Es bedeu­tet nicht, daß gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re sich ver­part­nern dür­fen, Kin­der adop­tie­ren, Erb­schaf­ten antre­ten. Das sind Rech­te-Fra­gen, die man dis­ku­tie­ren kann und ich habe sie dis­ku­tiert, jahr­zehn­te­lang, mit Ver­nunft und ohne Schaum vor dem Mund. Es bedeu­tet auch nicht, daß ein schwu­ler Nach­bar ein schwu­ler Nach­bar ist. Das war er schon immer, nur sprach er nicht dar­über, weil er nicht muß­te und die Meis­ten es heu­te eben­so nicht wol­len.

Was es bedeu­tet, ist dies,
daß eine Min­der­heit ihre Welt­an­schau­ung, ihre Sym­bo­lik, ihre Begriffs­welt und ihre Moral­vor­stel­lun­gen in den öffent­li­chen Raum preßt mit einer Auf­dring­lich­keit, die längst über das Maß des Zumut­ba­ren hin­aus­geht und daß jeder, der sich dage­gen ver­wahrt, als Feind behan­delt wird.
Regen­bo­gen­fah­nen an Rat­häu­sern, Schul­be­hör­den, Bot­schaf­ten, Kaser­nen. Ein gan­zer Monat, den der Staat zum The­ma erklärt, mit öffent­li­chen Gel­dern, mit Behör­den­ver­an­stal­tun­gen, mit Dienst­an­wei­sun­gen.
Lehr­plä­ne, die Kin­dern im Grund­schul­al­ter erklä­ren, was Trans­se­xua­li­tät ist, noch bevor sie wis­sen, was Bruch­rech­nen ist.
Unter­neh­men, die ihre Logos ein­fär­ben, weil sie Angst haben vor dem Ruf einer Lob­by, die gelernt hat, daß Lärm sich aus­zahlt.
Poli­ti­ker, die sich in Reih und Glied auf­stel­len, um zu signa­li­sie­ren: wir sind dabei, straft uns nicht ab.
Das ist Homo­se­xua­li­sie­rung.
Das ist die Ver­wand­lung einer Min­der­hei­ten­fra­ge in eine Mehr­heits­pflicht.

Und wer hier noch immer glaubt,
das sei Auf­klä­rung, dem sei ein ein­fa­ches Bild ange­bo­ten: stell dir vor, die katho­li­sche Kir­che wür­de ver­lan­gen, daß im Juni an allen öffent­li­chen Gebäu­den Kreu­ze hän­gen, daß Schu­len die Hei­li­gen­leh­re in den Unter­richt auf­neh­men und daß jeder Bür­ger, der das ablehnt, als kir­chen­feind­lich gebrand­markt wird.
Der Auf­schrei wäre ohren­be­täu­bend und er wäre berech­tigt. Was bei der Kir­che Nöti­gung hie­ße, heißt bei der Regen­bo­gen­lob­by Fort­schritt. Das ist kei­ne Logik. Das ist Dop­pel­maß.
Es geht mir nicht dar­um, mich bei der Mehr­heits­ge­sell­schaft anzu­bie­dern oder deren Bestä­ti­gung zu suchen, denn ich ach­te bei­de Grup­pie­run­gen mensch­lich gese­hen gleich. Die Hete­ros sind die Mehr­heit, sie wer­den sich schon zu hel­fen wis­sen, spä­tes­tens dann, wenn der Sze­ne-Bume­rang lan­det.

Ich sage es, weil das, was hier geschieht,
dem Wesen des­sen wider­spricht, wofür ich 1986 ange­tre­ten bin. Wir woll­ten Platz in der Gesell­schaft. Wir woll­ten nicht die Gesell­schaft umbau­en. Wer in ein frem­des Haus ein­zieht, hat das Recht auf sein Zim­mer. Er hat nicht das Recht, die Haus­be­woh­ner aus dem Gemein­schafts­raum zu drän­gen und das Mobi­li­ar nach sei­nem Geschmack umzu­stel­len. Das Mobi­li­ar wird aber seit gerau­mer Zeit umge­stellt. Mit Nach­druck.
Und wer fragt, wer eigent­lich die Erlaub­nis dazu gege­ben hat, der bekommt kei­ne Ant­wort. Er bekommt ein Eti­kett.
Jedes die­ser mir ver­lie­he­nen Eti­ket­ten habe ich mit der gebüh­ren­den Ver­ach­tung ent­ge­gen­ge­nom­men und exakt dort plat­ziert, wo der­ar­ti­ge Anma­ßun­gen ihre ein­zi­ge Berech­ti­gung fin­den und ich auch nur so eti­ket­tie­ren kann: für´n Arsch.

Das Eti­kett „homo­phob“ zum Bei­spiel ist ein Wort,
das die Lob­by wie einen Gum­mi­stem­pel benutzt: wer nicht mit­macht, bekommt ihn auf­ge­drückt, egal ob er schwul ist oder hete­ro, egal ob er vier­zig Jah­re Akti­vist ist oder ges­tern zum ers­ten Mal über das The­ma nach­ge­dacht hat. Und egal, wenn er sei­ner Linie 40 Jah­re treu blieb und kei­nen Zeit­geist in die­ser gesam­ten Zeit die Treue hielt. Der Stem­pel ersetzt das Argu­ment. Das ist bequem. Das ist aber auch das Ein­ge­ständ­nis, daß man kein Argu­ment mehr hat und auch nicht mehr dis­ku­tie­ren will.

Ein Schwu­ler, der gegen die Homo­se­xua­li­sie­rung der Hete­ro­ge­sell­schaft ist,
paßt in kein Sche­ma. Das irri­tiert die Lob­by. Was sie irri­tiert, das bekämpft sie. Was sie bekämpft, das nimmt sie ernst, ob sie es zugibt oder nicht.
Und genau des­halb schrei­be ich wei­ter.
Und das ist siche­rer als das Amen in der Kirche.


- Teil 5 –
Schwuler Lobby-Faschismus, ein Begriff, der sitzt

Es gibt Wör­ter, die man nicht leicht­fer­tig in den Mund neh­men soll­te.
Faschis­mus ist eines davon. Es hat Gewicht, es hat Geschich­te, es hat Blut an sich. Wer es falsch ver­wen­det, ver­harm­lost das Ech­te. Wer es aber dort nicht ver­wen­det, wo es zutrifft, der ver­nied­licht das Gegen­wär­ti­ge.
Ich ver­wen­de es.
Und ich begrün­de es.

2014 schrieb ich:
Was hier vor sich geht, ist schwu­ler Faschis­mus. Faschis­mus im Sin­ne einer immer stär­ker wer­den­den Tyran­nei und Ver­fol­gung Anders­den­ken­der.
Das war kei­ne Über­trei­bung für Auf­merk­sam­keit. Das war eine Begriffs­be­stim­mung, prä­zi­se, nüch­tern und aus der Beob­ach­tung her­aus, nicht aus der Theo­rie.
Faschis­mus in sei­nem Kern ist nicht nur das, was Hit­ler oder Mus­so­li­ni ver­kör­per­ten. In sei­nem Kern ist Faschis­mus die Gleich­schal­tung des Den­kens, die Ver­fol­gung der Abwei­chung, die Unter­wer­fung des Ein­zel­nen unter das Kol­lek­tiv­dik­tat einer Bewe­gung, die sich selbst für unfehl­bar hält.
Der Inhalt wech­selt.
Die Struk­tur bleibt.
Wer sehen kann, sieht!

Und die­se Struk­tur sehe ich.
Ich sehe sie, wenn eine Pro­fes­so­rin wie Frau Prof. Etschen­berg, die jahr­zehn­te­lang auch für Min­der­hei­ten ein­ge­tre­ten ist, auch für Schwu­le und Les­ben, von der Schwu­len­lob­by öffent­lich nie­der­ge­macht wird, weil sie eine Mei­nung äußer­te, die nicht in deren Bild paß­te. Ich sehe sie, wenn Links zu kri­ti­schen Arti­keln ver­schwin­den, weil man die Ver­fas­ser für zu „reni­tent“ hält, wie es mei­nem eige­nen Link auf der Sei­te der Bun­des­stif­tung Magnus Hirsch­feld erging. Ich sehe sie, wenn das Axi­om lau­tet: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, bas­ta!“ Das ist kein Satz aus dem Voka­bu­lar der Auf­klä­rung. Das ist der Satz eines Appa­ra­tes, der kei­ne Wider­re­de dul­det.

Eine Bewe­gung, die einst dem Spie­ßer­tum den Kampf ansag­te,
ist selbst zum größ­ten Spie­ßer gewor­den. Sie hat nur die Fah­ne aus­ge­tauscht. Der Spie­ßer von ges­tern bestand auf Ord­nung, Sit­te und Kon­for­mi­tät und ver­folg­te alle, die davon abwi­chen. Der Spie­ßer von heu­te besteht auf Regen­bo­gen­kon­for­mi­tät und ver­folgt alle, die davon abwei­chen. Das Mus­ter ist das­sel­be. Nur die Kulis­se hat gewech­selt.

Ich schä­me mich für die­se Ent­wick­lung.
Das ist kein rhe­to­ri­sches Schä­men, kein Lip­pen­be­kennt­nis. Es ist das Schä­men des­sen, der mit auf­ge­baut hat, was nun miß­braucht wird. Wer ein Haus baut und sieht, wie dar­in Din­ge gesche­hen, für die er nie gebaut hat, der schämt sich.
Nicht aus Schwä­che.
Aus Wür­de.
Das Rosa Archiv und die Karl-Hein­rich-Ulrichs-Gesell­schaft haben seit vier­zig Jah­ren Auf­klä­rungs­ar­beit geleis­tet. Mit Herz und Ver­stand, wie ich 2014 schrieb. Mit Über­zeu­gung, mit Geduld, mit dem Respekt vor dem ande­ren, auch vor dem, der ande­rer Mei­nung ist. Das ist der Unter­schied zwi­schen Auf­klä­rung und Pro­pa­gan­da.
Auf­klä­rung ladet ein.
Pro­pa­gan­da befiehlt.

Die heu­ti­ge schwu­len Lob­by-Faschis­ten nöti­gen und befeh­len!
Sie nennt es Auf­klä­rung. Das ist der ältes­te Trick der Welt und er funk­tio­niert nur so lan­ge, wie nie­mand laut genug wider­spricht.
Ich wider­spre­che, laut wie immer.
Und immer wie­der!
Und mit vier­zig Jah­ren Rücken­de­ckung.
Und:
Es ist die bit­te­re Frat­ze einer per­ver­tier­ten Eman­zi­pa­ti­on:
Einst trat ich an, die Schwu­len vor den Hete­ros zu ver­tei­di­gen.
Und heu­te ver­tei­di­ge ich als Schwu­ler die Hete­ros.
Wie sich doch Eman­zi­pa­ti­on ändern kann.



- Teil 6 –
Der unvermeidliche Bumerang

Es gibt ein Gesetz, das kei­ne Lob­by außer Kraft set­zen kann,
das kein För­der­an­trag umschreibt und das kein Minis­te­ri­um­ser­laß auf­hebt. Es ist älter als jede Ver­fas­sung, älter als jeder Staat, älter als jede orga­ni­sier­te Reli­gi­on. Es lau­tet, schlicht und uner­bitt­lich: wer die Frei­heit ande­rer unter­gräbt, ver­liert über kurz oder lang sei­ne eige­ne.
Das ist kein from­mer Wunsch.
Das ist Geschich­te.

Die Jako­bi­ner der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on
schlu­gen im Namen der Frei­heit Köp­fe ab, bis sie selbst unter der Klin­ge lagen. Die Bol­sche­wi­ki befrei­ten das Volk aus der Knecht­schaft des Zaren und schu­fen eine viel grö­ße­re Knecht­schaft, gegen die der Zar wie ein gut­mü­ti­ger Onkel wirk­te. Die Puri­ta­ner flo­hen aus Eng­land vor reli­giö­ser Ver­fol­gung und ver­folg­ten in der Neu­en Welt anders­gläu­bi­ge mit der­sel­ben Inbrunst, die ihnen selbst das Leben ver­gällt hat­te.
Das Mus­ter ist so alt wie der Mensch: wer unter­drückt wur­de, trägt die Ver­su­chung in sich, selbst zu unter­drü­cken, sobald er die Gele­gen­heit dazu hat. Nicht alle erlie­gen ihr. Aber vie­le tun es. Und Bewe­gun­gen, die kei­ne Selbst­kor­rek­tur ken­nen, erlie­gen ihr fast immer.

Die heu­ti­ge Schwu­len- und Sze­ne­lob­by ist auf die­sem Weg.
Wäh­rend die Jako­bi­ner noch rea­le Köp­fe for­der­ten, um ihre Macht zu zemen­tie­ren, agiert die heu­ti­ge Schwu­len­lob­by bereits voll­kom­men kopf­los, da sie ihre geis­ti­ge Grund­la­ge längst der ideo­lo­gi­schen Ver­blen­dung geop­fert hat. Die­se Bewe­gung braucht kei­ne frem­de Klin­ge mehr, um gerich­tet zu wer­den, denn sie voll­zieht ihre Selbst­ent­haup­tung bereits durch ihr täg­li­ches Han­deln.
Sie hat die Gele­gen­heit bekom­men, sie hat Macht ange­häuft, sie hat Insti­tu­tio­nen besetzt, För­der­töp­fe gefüllt, Minis­te­ri­en erreicht, Medi­en gewon­nen. Und sie hat aus die­ser Macht her­aus begon­nen, genau das zu tun, woge­gen sie einst ange­tre­ten ist: Anders­den­ken­de – ja selbst Gleich­ge­sinn­te – zu ver­fol­gen, Mei­nun­gen zu unter­drü­cken, Men­schen mit Eti­ket­ten zu bewer­fen statt mit Argu­men­ten zu kon­tern.
Das ist der Bume­rang, der sich gera­de in der Luft bewegt.
Er wird lan­den. Nicht weil ich es wün­sche, son­dern weil Bume­ran­ge lan­den. Das ist ihre Natur. Die Fra­ge ist nicht ob, son­dern wann und mit wel­cher Wucht.

Die Zei­chen sind bereits sicht­bar,
für den, der hin­schaut ohne die Schutz­bril­le der Gefäl­lig­keit. In meh­re­ren euro­päi­schen Län­dern wächst der gesell­schaft­li­che Wider­stand gegen die Lob­by­isie­rung des öffent­li­chen Raums. In Ungarn, wo ich heu­te lebe, hat man die­se Ent­wick­lung frü­her erkannt als anders­wo und kla­re Gren­zen gezo­gen, mögen die­se Gren­zen im west­li­chen Dis­kurs auch als rück­stän­dig gel­ten. Was rück­stän­dig heißt und was vor­wärts­ge­wandt, das ent­schei­det nicht die lau­tes­te Stim­me. Das ent­schei­det die Zeit. In Polen, in der Slo­wa­kei, in Tei­len Ita­li­ens, in wei­ten Tei­len der deut­schen Bevöl­ke­rung, die nicht gefragt wur­de, ob sie den Regen­bo­gen am Rat­haus haben will, wächst eine stil­le, aber bestän­di­ge Abwehr. Nicht gegen Schwu­le. Gegen Bevor­mun­dung. Das ist ein fei­ner, aber ent­schei­den­der Unter­schied, den die Lob­by geflis­sent­lich über­sieht, weil es ihr nützt, ihn zu über­se­hen.

Ich habe die­sen Bume­rang 2014 beschrie­ben.
Ich habe ihn in mei­ner Arbeit im Archiv schon frü­her gespürt, in jenen Jah­ren, als wir noch Auf­klä­rung mit Herz und Ver­stand betrie­ben und nicht wie die ANDEREN mit Druck und Dro­hung. Damals sag­ten man­che Mit­strei­ter, ich sei zu pes­si­mis­tisch, zu miß­trau­isch, zu wenig bereit, den Fort­schritt zu fei­ern. Ich ant­wor­te­te ihnen damals das­sel­be, was ich heu­te schrei­be: ich feie­re Fort­schritt ger­ne, aber ich feie­re ihn nicht, wenn er auf Kos­ten ande­rer geht. Ich schrieb es oben schon ein­mal: Ich den­ke eben wei­ter, als ein Huhn scheißt, aber auch dar­an, wo das Gesam­mel­te am Ende lan­den soll.
Der Bume­rang wur­de gewor­fen, er ist bereits im Rück­flug.

Und das Schlimms­te dar­an ist nicht,
daß die Lob­by davon kei­nen Scha­den neh­men wird. Das Schlimms­te dar­an ist, daß all jene Scha­den neh­men wer­den, die wirk­lich auf Gleich­be­rech­ti­gung ange­wie­sen sind, die stil­len Schwu­len, Les­ben und die ande­ren (sexu­el­len) Min­der­hei­ten, die kein Inter­es­se an Para­den haben, die ihren All­tag leben wol­len ohne Auf­he­bens, die sich von der Lob­by genau­so wenig ver­tre­ten füh­len wie von ihren Geg­nern. Die­se Men­schen wer­den in die Haf­tung genom­men für das, was lau­te Min­der­hei­ten (der gan­ze Que­er-Zir­kus) heu­te inner­halb einer Min­der­heit ange­rich­tet hat. Das ist die eigent­li­che Unge­rech­tig­keit. Nicht die, über die die Lob­by redet. Die, über die sie schweigt.
Ich schwei­ge dar­über nicht.
Der Bume­rang lehrt, wenn er lan­det, eine ein­zi­ge Lek­ti­on: daß Frei­heit kei­ne Ein­bahn­stra­ße ist. Daß sie in bei­de Rich­tun­gen gilt oder in kei­ne. Daß eine Bewe­gung, die das ver­gißt, nicht an ihren Geg­nern schei­tert, son­dern an sich selbst.

Magnus Hirsch­feld und Karl Hein­rich Ulrichs wuß­ten es.
Wir wuß­ten es 1986 in Leip­zig, als wir in einer Welt, die uns miß­trau­te, für das Recht auf Anders­sein ein­tra­ten, ohne dabei das Recht der ANDERN auf ihr ANDERSSEIN zu ver­ges­sen.
Die­ses Wis­sen ist noch nicht ver­lo­ren. Es war­tet. Es war­tet auf jene, die den Mut haben, es wie­der aus­zu­spre­chen, laut, klar und ohne die Sche­re im Kopf, die der Applaus der Mas­se schleift.
Ich spre­che es aus.
Hier und jetzt.
Mit mei­nem Namen.
Wie immer.


- Teil 7 -
Was wirklich echte Schwulenfreundlichkeit wäre

Ich bin jetzt seit vier­zig Jah­ren in die­ser Sache aktiv.
Vier Jahr­zehn­te sind lang genug, um nicht nur zu kri­ti­sie­ren, son­dern auch zu sagen, wie es anders gehen könn­te. Wer nur kri­ti­siert – wenn auch berech­tigt -, ohne Vor­schlä­ge zu machen, der ist ein Jam­mer­lap­pen. Ich bin aber ganz sicher kein Jam­mer­lap­pen. Ich bin immer posi­tiv den­kend und dem Natur­recht zuge­tan und das kennt kei­ne nega­ti­ven Ein­stel­lun­gen.

Also: was wäre ech­te Schwu­len­freund­lich­keit?
Sie fängt damit an, daß man auf­hört, Schwul­sein zu einer Ideo­lo­gie zu machen. Ein Schwu­ler ist ein Mensch, der Män­ner liebt. Das ist alles. Das ist nicht mehr und nicht weni­ger als die Tat­sa­che, daß ein Links­hän­der mit der lin­ken Hand schreibt. Es ist eine Eigen­schaft, kein Pro­gramm, kei­ne Welt­an­schau­ung, kein poli­ti­sches Amt. Wer aus die­ser schlich­ten Tat­sa­che ein ein­hun­dert­fünf­und­sieb­zi­ger For­de­rungs­pa­ket baut, der hat das Wesen der Sache ver­las­sen und das Geschäft betre­ten.

Ech­te Schwu­len­freund­lich­keit bedeu­tet:
Schluß mit der Selbst­ghet­toi­sie­rung. Der Schwu­le, der sich aus­schließ­lich über sei­ne Sexua­li­tät defi­niert, der jeden Abend in den­sel­ben Loka­len sitzt, der jeden Som­mer auf den­sel­ben Para­den mar­schiert, der jedes Gespräch frü­her oder spä­ter auf sein Schwul­sein lenkt, der hat sich in ein Gehe­ge gesperrt, des­sen Git­ter er selbst geschmie­det hat. Das ist kei­ne Befrei­ung. Das ist eine ande­re Art von Gefan­gen­schaft, bunt ange­stri­chen, aber bit­te­re Gefan­gen­schaft.
Ich habe immer unter Men­schen gelebt, Hete­ros, Schwu­le, Les­ben, Cigá­ny, Alte, Jun­ge, Kon­ser­va­ti­ve, Rech­te, Lin­ke … Nicht weil ich ein Hei­li­ger bin, son­dern weil das für mich die Wirk­lich­keit ist. Die Wirk­lich­keit ist gemischt. Wer sich aus ihr her­aus­schält und nur noch sei­nes­glei­chen sucht, der ver­küm­mert. Der ver­liert den Maß­stab. Der hält sei­ne eige­ne Bla­se für die Welt und wun­dert sich, wenn die Welt drau­ßen anders denkt.

Ech­te Schwu­len­freund­lich­keit bedeu­tet wei­ter:
Rück­be­sin­nung auf das Indi­vi­du­um. Nicht die Fah­ne, nicht die Para­de, nicht die Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on macht einen Men­schen frei. Die eige­ne Ent­schei­dung macht ihn frei, die er jeden Tag neu trifft: sein Leben nach sei­nem eige­nen Maß zu füh­ren ohne es ande­ren auf­zu­zwin­gen und ohne es sich von ande­ren auf­zwin­gen zu las­sen.
Sou­ve­rä­ni­tät ist kein Geschenk der Lob­by. Sie ist das Ergeb­nis eige­ner Arbeit, eige­nen Den­kens, eige­ner Hal­tung.
Der sou­ve­rä­ne Schwu­le braucht kei­nen Regen­bo­gen am Rat­haus, um zu wis­sen, wer er ist. Er weiß es auch ohne das. Und gera­de weil er es weiß, stört es ihn nicht, wenn der Nach­bar es anders sieht. Stär­ke braucht kei­ne stän­di­ge öffent­li­che Bestä­ti­gung. Nur Unsi­cher­heit braucht das. Und eine Bewe­gung, die nach Jahr­zehn­ten Gleich­stel­lungs­po­li­tik immer lau­ter und immer aggres­si­ver nach Bestä­ti­gung ver­langt, ist kei­ne star­ke Bewe­gung.
Sie ist eine ver­un­si­cher­te.
Und sie wird mit der Zeit immer schwä­cher!

Ech­te Schwu­len­freund­lich­keit bedeu­tet außer­dem:
Respekt vor der Mehr­heit. Das klingt para­dox, ist es aber nicht. Die Mehr­heit hat das­sel­be Recht auf ihre Nor­ma­li­tät wie die Min­der­heit auf ihre Anders­ar­tig­keit. Wer als Min­der­heit jah­re­lang dafür kämpf­te, nicht bevor­mun­det zu wer­den, der ver­liert jedes mora­li­sche Recht, die Mehr­heit zu bevor­mun­den. Das ist kei­ne Fra­ge der Gesin­nung, das ist eine Fra­ge der Fol­ge­rich­tig­keit. Wer den einen Maß­stab für sich bean­sprucht und den ande­ren für sei­ne Geg­ner, der hat den Maß­stab nicht ver­stan­den. Er hat ihn nur als Waf­fe benutzt.

Ich schla­ge des­halb vor und die­ser Vor­schlag ist nicht neu,
ich mache ihn seit Jah­ren, daß die Schwu­len­be­we­gung, was von ihr noch übrig ist, die an Ver­nunft inter­es­siert ist, zu ihren Wur­zeln zurück­kehrt. Zu Hirsch­feld, zu Ulrichs, zu dem Gedan­ken, daß Frei­heit unteil­bar ist. Daß sie ent­we­der für alle gilt oder für nie­man­den. Daß eine Min­der­heit, die die Frei­heit der Mehr­heit beschnei­det, nicht Frei­heit mehrt, son­dern ledig­lich die Rich­tung der Unter­drü­ckung ändert.
Ich weiß der Vor­schlag war blöd, denn Gehör wird er in der Sze­ne wohl kaum fin­den.
Aber ich woll­te ihn gemacht haben.

Das Rosa Archiv wur­de nicht gegrün­det,
um eine neue Herr­schaft zu errich­ten. Es wur­de gegrün­det, um eine alte abzu­schaf­fen. Die­ser Unter­schied ist nicht klein. Er ist alles.
Wer das ver­stan­den hat, der weiß, daß ech­te Schwu­len­freund­lich­keit still sein kann. Daß sie sich nicht auf­drängt. Daß sie neben dem Hete­ro sitzt, ohne ihn zu beleh­ren. Daß sie ANDERS als die ANDERN ist und genau das als Reich­tum begreift, als Bei­trag zur Viel­falt, der nur dann ein Bei­trag ist, wenn die ANDERN auch ANDERS sein dür­fen.

Das ist der Gedan­ke, für den ich 1986 ange­tre­ten bin.
Ich tre­te heu­te noch dafür an. Mit dem­sel­ben Rück­grat, mit dem­sel­ben kla­ren Blick und mit der ruhi­gen Gewiß­heit des­sen, der weiß, daß er auf der rich­ti­gen Sei­te steht, nicht weil eine Fah­ne es ihm sagt, son­dern weil sein Gewis­sen es ihm sagt und weil er sieht, was seit Jah­ren schief läuft.


- Nachwort -

Vier­zig Jah­re sind eine lan­ge Zeit.
Lang genug, um zu sehen, wie aus Samen Bäu­me wer­den und lang genug, um zu sehen, wie Bäu­me fal­len. Lang genug, um Men­schen zu ken­nen, die für eine Sache brann­ten und lang genug, um zu erle­ben, wie die­sel­be Sache zur Asche wur­de, weil die, die nach ihnen kamen, das Feu­er nicht mehr hüte­ten, son­dern damit zün­del­ten.
Ich schrei­be die­sen Essay nicht aus Bit­ter­keit. Bit­ter­keit ist das Gefühl derer, die etwas woll­ten und es nicht beka­men. Ich habe bekom­men, was ich woll­te: das Recht, so zu leben, wie ich bin, ANDERS als die ANDERN, ohne mich dafür zu ent­schul­di­gen und ohne dafür zu kämp­fen, daß die ANDERN genau­so wer­den wie ich. Das war mein Ziel. Es ist erfüllt.

Was mich antreibt, ist etwas ande­res.
Es ist die Pflicht des­sen, der dabei war, der weiß, wie es war und der des­halb sagen kann, wie weit man sich davon ent­fernt hat. Die Pflicht des Zeu­gen. Nicht des Rich­ters, nicht des Rächers, son­dern des Zeu­gen, der auf­steht und sagt: ich habe es anders erlebt, ich habe es mit eige­nen Augen gese­hen und was ihr heu­te als Fort­schritt ver­kauft, das ist kei­ner.
Ich den­ke an mei­ne Mit­strei­ter von damals. An die Män­ner und auch Frau­en des Rosa Archivs, der Karl-Hein­rich-Ulrichs-Gesell­schaft, an all jene, die in einer Welt, die uns nicht woll­te, trotz­dem auf­recht gin­gen. Man­che von ihnen leben nicht mehr. Man­che haben sich längst aus allem zurück­ge­zo­gen, erschöpft, ent­täuscht oder ein­fach alt gewor­den auf eine wür­di­ge Art. Ich fra­ge mich manch­mal, was sie sagen wür­den, wenn sie sähen, was aus unse­rem gemein­sa­men Anfang gewor­den ist. Ich glau­be, die meis­ten wür­den den­sel­ben Kopf schüt­teln, den ich schüt­te­le. Nicht weil wir Gest­ri­ge wären. Son­dern weil wir wis­sen, woher wir kamen.
Her­kunft ist kein Makel. Sie ist ein Kompaß.

Mein Kompaß zeigt heu­te die­sel­be Rich­tung wie 1986:
Frei­heit für alle, Zwang für nie­man­den, Auf­klä­rung mit Herz und Ver­stand und die uner­schüt­ter­li­che Über­zeu­gung, daß ein Mensch, der ANDERS als die ANDERN ist, gera­de des­halb einen Bei­trag zur Gesell­schaft leis­ten kann, weil er den Mut hat, er selbst zu sein, ohne die­ses Selbst­sein zur Pflicht ande­rer zu erklä­ren.
Das ist kei­ne radi­ka­le Posi­ti­on. Das ist die ursprüng­li­che. Und das Ursprüng­li­che hat die unan­ge­neh­me Eigen­schaft, daß es bleibt, auch wenn man es über­streicht, auch wenn man es umbe­nennt, auch wenn man es mit bun­ten Fah­nen zuhängt. Es bleibt, weil es wahr ist. Und die Wahr­heit, das habe ich in vier­zig Jah­ren gelernt, braucht kei­ne Lob­by. Sie braucht nur Men­schen, die den Mund auf­ma­chen.
Ich mache ihn auf.
Solan­ge ich kann.
Solan­ge es nötig ist.
Und nach allem, was ich sehe, wird es noch eine Wei­le nötig sein.

HERZ­lichst und in der Über­zeu­gung des­sen,
der weiß, wofür er steht,
Rosa von Zehnle.

- Anhang -

Detail­lier­te Ein­bli­cke in die his­to­ri­sche Kon­ti­nui­tät
mei­ner Kri­ti­ken fin­den sich auch in den oben ange­kün­dig­ten Bei­trä­gen aus dem Jahr 2011, die den Zer­fall der Eman­zi­pa­ti­on sezieren:

Hier ist die voll­stän­di­ge Doku­men­ta­ti­on und die bild­haf­te Ana­ly­se der „Hete­ro­ali­sie­rung der Schwu­len­sze­ne“ von 2001 Ant­ago­nis­men: CSD West und CSD Ost „Nicht stolz bewegt!“ zu finden.


Rosa von Zehn­le úr
Ùjud­var, 2026.06.06
♛ Róz­sa Magyar Rádió ♛
non pro­fit · © q‑art-in 2026
https://175er-verlag.org/.recherchiert/archive/8978
https://1956-hirek.org/8978


Cím­ke­fel­hő / Schlag­wort­wol­ke / Tag Cloud 


Views: 172

Wird vor dem For­mu­lar angezeigt

Schreibe einen Kommentar

📧 Anmeldung (Newsletter)