Wer in leitender publizistischer Verantwortung schreibt, prägt öffentliche Debatten mit. Umso wichtiger ist es, zwischen Tatsachen, Bewertungen und moralischen Schlußfolgerungen zu unterscheiden. Der folgende Beitrag ordnet die bekannten Fakten ein und zeigt, warum Zurückhaltung manchmal die größere Stärke ist. Öffentliche Stellungnahmen können Diskussionen anstoßen, aber auch Dynamiken entfalten, die sich später verselbständigen können. Gerade deshalb lohnt ein gaynauer Blick auf die Fakten, die zeitlichen Abläufe und die Verantwortung derjenigen, die den öffentlichen Diskurs mitgestalten.

K O M M E N T A R
Wie sich auch der schwule Zeitgeist seine Meinungen so hinbiegt,
daß er in die heutige Gesellschaft paßt,
weil man ja auf keinen Fall anecken will.
Hallo (Sternchen)Christian,
in Anbetracht Deines heutigen Kommentars auf maenner.media* zur Debatte um Rosa von Zehnle, also mich und den Umgang mit unserer Schwulengeschichte ist eine grundlegende und scharfe Kritik an Deiner Vorgehensweise geboten.
Auslöser für Dich war mein gestriger Beitrag:
„Guten Tag, ich bin Rosa von Zehnle, ich reagiere nur auf die Pronomen ER oder IHM. Ach, Entschuldigung, man sieht es doch optisch.“ – Ein öffentlicher Antwortbrief zum Pronomen-Zirkus.
* Diskussion nicht wirklich gewünscht und angesagt. Der Beitrag wurde wenige Tage nach Erscheinen wieder gelöscht und kann aber jetzt im RAB nachgelesen werden.
Vorweg möchte ich eine wesentliche Bemerkung tun,
die auf Deine Unterüberschrift zu Deinem Kommentar hinweist, welche jegliche Grundlage vermissen läßt und völlig an den Haaren herbeigezogen ist, da sie in keinem inhaltlichen Zusammenhang zu meinem Text steht. Die von Dir gewählte Unterüberschrift „Über einen Archivbetreiber, der Kinderschutz hinter Pronomen-Polemik versteckt“ konstruiert einen inhaltlichen Zusammenhang, der in meinem ursprünglichen Artikel NICHT zu finden ist. Es handelt sich hierbei um eine bewußte Verzerrung meiner Argumentation, um den Kern meiner Kritik zu einem völlig anderem Thema zu diskreditieren und in einen polemischen Kontext zu rücken. Die Behauptung, ich würde Kinderschutz hinter einer Pronomen-Thematik verstecken, ist schlichtweg sachfremd und entbehrt jeder Grundlage.
Aber gaynau so funktioniert jedoch die heutige Presse:
Statt sich an Tatsachen und Realitäten zu orientieren, wird nach den herrschenden Dogmen ge- und verurteilt und diese werden mit einer bewußten Provokation verbreitet, um das öffentliche Bild zu manipulieren.
Also legen wir los,
denn Archive haben eine leider für den Zeitgeist sehr schlechte Angewohnheit: sie archivieren alles und vergessen nichts.
Laß uns also einmal über Deine eigene redaktionelle Biografie sprechen, anstatt den Blick nur auf andere zu richten. Es ist bemerkenswert, wie Du heute über historische Diskurse urteilst, obwohl Du seit über zwei Jahrzehnten selbst an (auch an zentralen) Stellen für Publikationen tätig bist, die in ihrer Geschichte gaynau jene Positionen vertraten, die Du heute an mir so scharf kritisierst.
(Hinweis vorab: diese Daten sind grob recherchiert, da mir eine aufwendige Tiefenrecherche in dieser Angelegenheit – noch – nicht wertvoll erscheint.)
Hier ist der ungefähre Überblick Deiner beruflichen Stationen:
- Um 2000 bis 2006: Eurogay (Onlineportal):– erste journalistische bzw. redaktionelle Mitarbeit;
- Um 2006: blu Mediengruppe, Betreuung der norddeutschen Ausgabe; journalistische/redaktionelle Tätigkeit;
- Um 2013: hinnerk (Teil der blu Mediengruppe): verantwortlich für die Hamburger/norddeutsche Ausgabe.
- 2020 bis heute (2026): männer.media: Chefredakteur Online / Mitglied der Chefredaktion;
Und Du solltest auch bitte unbedingt
Dein Verhältnis zur Siegessäule (SiS) etwas kritisch hinterfragen, denn auch wenn Du dort wohl nie als Redakteur tätig warst, trittst Du seit Jahren regelmäßig als Interviewpartner, Funktionsträger und ehemaliger CSD-Vorstand auf: sei es bei der Berichterstattung über Deine Vorstandswahl 2016 (als Radiogast) bei Deinem Rücktritt 2018 oder durch Deine Reformideen 2021.
Wer sich so tief in Strukturen bewegt, die den historischen Diskurs (auch zur Pädo-Debatte) maßgeblich geprägt haben, muß bei einem ehrlichen Standpunkt zur heutigen Debatte auch öffentlich und konsequent die Distanz wahren, anstatt von diesen Plattformen zu profitieren, während er gleichzeitig andere angreift.
Das wäre Konsequenz, doch wer handelt schon konsequent, wenn es nur seiner Reputation schaden könnte.
Zum Thema Pädophilie sei hier unmißverständlich klar gestellt:
Es ist geboten, in dieser Debatte eine strikte und präzise Differenzierung vorzunehmen, wie sie faktisch und rechtlich zwingend ist. Ich unterscheide zwischen Pädophilie als Neigung und Kindesmißbrauch als strafbare Handlung ebenso radikal, wie es angebracht ist, anstatt diese beiden grundverschiedenen Sachverhalte in einen Topf zu werfen und damit jegliche sachliche Beurteilung zu verunmöglichen.
Man wird diesen Unterschied zwar weiterhin ausblenden und mir dessen begriffliche Trennung verweigern wollen, aber das geht mir an dem Körperteil vorbei, auf dem die Zeitgeistler sitzen und versuchen, neue und für heute passende Verurteilungen und neue Verdrehungen von realen Begrifflichkeiten auszubrüten, die sich aber letztlich allesamt als faule Eier entpuppen und bis in den Himmel stinken werden.
Das ich Transmenschen verhöhnen würde,
wie Du schreibst, weise ich ebenso strikt zurück. Wer mir eine solche Absicht unterstellt, verkennt nicht nur meinen sachlich geführten Beitrag zum Pronomen-Zirkus, sondern ignoriert gänzlich meine eigene Geschichte. Während Du noch im Sandkasten spieltest, habe ich in der DDR bereits gegen die Diskriminierung von Transmenschen energisch Partei ergriffen. Ich erinnere an den Vorfall im Leipziger Café Centra, einem Treffpunkt für Schwule, Lesben und Transpersonen, wo ich mich nach einer verbalen Auseinandersetzung eines Trans-Gastes mit dem Personal in einem offiziellen Gästebucheintrag scharf beschwert habe. Diese Intervention führte wenige Tage später zu einer förmlichen Entschuldigung der Gaststättenleitung. Erzähle mir also bitte nichts über meine Haltung; meine Taten sprechen eine deutlichere Sprache als Deine haltlose Polemik.
Ich habe zudem Transmenschen begleitet, bei Ihren operativen Geschlechtsumwandlungen, die in der DDR in den 1980er Jahren an der Leipziger Uni-Klinik gemacht wurden. Also bitte Mund halten, wenn man nur sinnloses Getöns daher plappert. Den Gästebucheintrag habe ich noch als Kopie, den werde ich schnellstmöglich als Beweis nachreichen.
Doch zurück (Sternchen)Christian zu Dir ‚
der sich gern und öffentlich als Penisträger*in bezeichnet und sich selbst in seinem Youtube-Kanal als Linksgrünversiffter Queer-Journalist mit Freude an der Natur bezeichnet, aber abwegig von meiner Verwirklichung des Naturrechtes spricht.
Aus Deinem MÄNNER-Media-Kommentar ergibt sich für mich die Kritik, die ich in sieben Punkten zusammen fassen möchte.

Erstens werfe ich Dir einen fundamentalen Mangel an persönlicher Integrität vor. Indem Du in Medienstrukturen verharrst, die historisch auch diese Pädo-Debatten ausführlich führten, profitierst Du beruflich von der Kontinuität dieser Magazine und heutigen Medien-Häuser (die sich diese einstigen freien schwulen Magazine einverleibt haben) und verleugnest dabei aber deren Geschichte, anstatt Dich ihr zu stellen.
Pfui, was für eine Heuchelei!
Zweitens betreibst Du eine moralische Asymmetrie. Anstatt Dich der historischen Last Deiner eigenen Arbeitsumgebung zu stellen, wählst Du den Weg der Projektion, um von Deiner heute persönlichen Einbettung in diese Systeme abzulenken.
Pfui, was für eine Heuchelei!
Drittens mangelt es Deinem Vorgehen an Anstand. Ein redlicher Akteur würde die eigene Geschichte aufarbeiten, anstatt mit dem Finger auf Zeitzeugen wie mich zu zeigen. Durch das ständige Anprangern anderer sicherst Du lediglich Deine Position als zeitgeistkonformer Wortführer.
Pfui, was für eine Heuchelei!
Viertens instrumentalisierst Du den aktuellen Diskurs als Schutzschild, indem Du die heutige moralische Überlegenheit reklamierst, versuchst Du, Kritik an Deiner eigenen Biografie und Deinem beruflichen Umfeld im Keim zu ersticken.
Pfui, was für eine Heuchelei!
Fünftens verrätst Du die ursprüngliche Idee der Emanzipation. Du betreibst eine ideologische Säuberung, die jede historisch fundierte Meinung unterdrückt, nur um Deinen Aufstieg im bestehenden System nicht zu gefährden. Das kenne ich noch aus der DDR.
Pfui, was für eine Heuchelei!
Sechstens charakterisiert Dein Agieren eine aufgesetzt freundlich und verlogene Grundhaltung. Du genießt die Privilegien eines Systems, welches Du zum Ausgangspunkt Deiner Angriffe machst, was von einer opportunistischen Anpassung an wechselnde gesellschaftliche Konjunkturen zeugt.
Pfui, was für eine Heuchelei!
Siebtens fordere ich ehrlichen Anstand ein. Wahre Integrität würde bedeuten, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, Verantwortung für die Strukturen zu übernehmen, in denen Du wirkst, und die eigene Argumentationsbasis zu prüfen, anstatt sich auf Kosten anderer als moralische Instanz zu inszenieren.
Super, das wäre Anstand, Haltung, Konsequenz und keine Heuchelei!
Es ist Zeit, daß Du darüber nachdenkst,
daß jede Ära ihre eigenen Prägungen und Sichtweisen hervorbringt. In vierzig Jahren werden die kommenden Generationen auf Eure heutige Einstellung blicken und vielleicht gaynau das tun, was Du heute mit unserer schwulen Vergangenheit tust: Sie werden das, was Ihr heute für den moralischen Gipfel haltet, verleugnen und wieder umdeuten.
Es steht uns nicht zu, die Zeiten gegeneinander auszuspielen, sondern wir sollten die Geschichte als das anerkennen, was sie ist.
Ich bin nach wie vor der Überzeugung, daß ein offener, respektvoller Diskurs ohne ideologische Scheuklappen uns alle weiterbringen kann, denn wir alle tragen Verantwortung für ein gemeinsames und besseres Miteinander.
Und ein letzter Gedanke,
den Ihr Zeitgeister ALLE ernst nehmen solltet,
auch Du (Sternchen)Christian,
denn darüber hinaus wäre in Deiner Position mehr Zurückhaltung bei der moralischen Verurteilung anderer geboten. Das Schicksal von Ralf Dose, der die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft (MHG) über 44 Jahre hinweg maßgeblich aufgebaut hat und bei den ersten nicht einmal im Vorfeld untersuchten Anschuldigungen dennoch umgehend fallengelassen wurde, sollte Dir als warnendes Beispiel dienen.
Zum Fall Ralf Dose wird es in dieser Woche noch einen sehr ausführlichen Beitrag geben und dazu zudem ein Hörbeitrag.
Es ist leicht, sich auf moralischen Hochmut zu stützen.
Hüte Dich daher davor, mit überheblicher Rhetorik Maßstäbe zu setzen, an denen Du Dich womöglich selbst eines Tages messen lassen mußt.
Wirst Du dann vielleicht das nächste Zeitgeist-Opfer werden?
Wer im Glashaus sitzt, darf auch gern mit Steinen werfen, denn jeder ist seines Glücke Schmied selbst.
Und noch etwas:
Ich kann mir eine solche öffentliche Meinungsäußerung leisten, weil ich unabhängig von Fördergeldern oder der Gunst von Institutionen bin und 40 Jahre lang war. Darauf bin ich STOLZ!
Von Dir und anderen in vergleichbaren Positionen wäre hingegen deutlich mehr Zurückhaltung geboten. Es liegt mir fern, andere Menschen anzuschwärzen. Doch wer eine öffentliche Debatte in einer Weise befeuert, die moralische Verurteilungen begünstigt, muß damit rechnen, daß sich dieselbe Dynamik irgendwann gegen ihn selbst oder sein Umfeld richtet: sei es nur, weil Dritte im jeweiligen Zeitgeist nach Aufmerksamkeit oder Anerkennung suchen. Das sollten Du und alle, die solche Kommentare verfassen, bedenken, bevor Ihr Euch als moralische Instanz über andere erhebt.
Mit besten und freien Grüßen,
Rosa von Zehnle úr.
schreibendER, herausgebER, musikmachER, kreativER,
volks-philosophierendER & naturrechtlER
zudem inhabER und machER des
Rosa Archiv & Bibliothek
gegr. 1986 in Leipzig
und gründER und machER des
175er Verlag & TROTZ Verlag
- – - – - – -
Artikel-Serie beginnend ab 2026 zum Rosa Archiv:
40 Jahre ROSA ARCHIV & Bibliothek 2026
aber auch GLB: Rezensionen & Kommentare
und ebenso die ab 2026 begonnene Reihe:
Hörbeiträge (Podcast)
auch zu Szene-Themen!
Kleine Zusatzbemerkungen:
Daß Du (Sternchen)Christian bei Deinem Artikel die Kommentarfunktion abgeschaltet hast, ist bezeichnend. Es ist offensichtliche Absicht, denn der heutige Zeitgeist läßt keine Kritik mehr zu und ist zu einem Einheitsbrei verkommen, den jeder hinzunehmen und jeder mitzulöffeln hat, wenn er am Förder- und Futtertrog bleiben will.
Wer mich kennt, wird wissen, daß ich mich davon nicht beeindrucken lasse.
Ich bin mir meiner Linie treu und konsequent und nehme auch Haft auf mich, wenn ich Freiheit im Denken und Handeln bedroht sehe oder mich gegen Ungerechtigkeit wehren muß.
Das war im von mir 2009 aufgedeckten LSVD-Skandal: „Homophobie unter dem Logo des LSVD“ so
(Zur Situation damals hier einen Kommentar von mir und hier der gesamte Fall)
und auch bei dem zweiten Fall zog ich zehn Tage Ersatzhaft vor, als mit der Bezahlung einer Strafe das Urteil letztlich anzuerkennen.
Damals ging es um die Bundestagspetition Rehabilitierung aller und Entschädigung der (noch lebenden) in Deutschland wegen § 175 Verurteilten, in der ich dort ein Hakenkreuz, nicht der Verherrlichung der National-Sozialisten graphisch anbrachte, sondern um auf einen Judenhasser aufmerksam zu machen, der da seinen Mist von sich gab.
Der Witz:
Keinen der knapp 6.000 Unterzeichner hatte das HK gestört, denn alle hatten den Zusammenhang richtig gesehen und unterzeichnet haben Dutzende Profs, MdBs, MdLs, usw. – und annähernd fünfzig Prozent waren Unterzeichnerinnen, also weiblich.
Die Strafanzeige kam, übrigens nicht,
wie ich erst dachte, von Volker Beck (der zwar die Feierlichkeiten) aber nicht die komplette Übergabe der Petition im Reichstag verhinderte (sie wurde dann später sogar in einem Ausschuß des Bundestages thematisiert und behandelt), sondern die Anzeige kam, was ich erst später erfuhr, von einem ehemaligen STASI-Spitzel aus Leipzig, der mich nach der Wende bis in die 2000er Jahre immer wieder anschwärzte. Dazu wird später auch ein Beitrag folgen.
Rosa von Zehnle úr
Ùjudvar, 2026.06.29
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