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🇩🇪 „Nicht stolz be­wegt 2026: Ich bin ge­gen die ra­di­ka­le Ho­mo­se­xua­li­sie­rung der He­te­ro­ge­sell­schaft“ (Teil 2) – 1. Auf­satz ei­ner Bei­trags­rei­he zu „40 Jah­re ROSA ARCHIV & Bi­blio­thek“ – ge­gr. 1986 in Leipzig

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Seit 40 Jah­ren set­ze ich mich für ei­ne Sa­che ein, die von ei­ner Lob­by ver­ra­ten wur­de, die Auf­klä­rung durch ideo­lo­gi­sche Be­vor­mun­dung er­setzt hat. Statt Frei­heit for­dert die­se Be­we­gung kon­for­mis­ti­sche An­pas­sung und un­ter­drückt je­den, der nicht in ihr Ras­ter paßt, was ich als schwu­len Fa­schis­mus be­zeich­ne. Die­ser Kurs pro­vo­ziert ei­nen un­ver­meid­li­chen Bu­me­rang-Ef­fekt, da die Nö­ti­gung der Mehr­heit den so­zia­len Frie­den mas­siv gefährdet. 

Das Ro­sa Ar­chiv & Bi­blio­thek wur­de 2026 gay­n­au 40 Jahre. 

Bis zum 44. Ju­bi­lä­um 2030 zie­hen wir Bi­lanz. Sein grün­dER und heu­te im­mer noch ma­chER wird mit Bei­trä­gen aus 40 Jah­ren auf­war­ten: von in­ne­ren Per­spek­ti­ven und der Ar­beit bis zu den äu­ße­ren po­li­tisch-ideo­lo­gisch- und ge­sell­schaft­li­chen Wand­lun­gen, die das Ver­hält­nis zwi­schen Schwu­len und He­te­ros in ei­ne Rich­tung trieb, die kaum ein ehe­ma­li­ger Ak­ti­vist so ge­wollt hat.
Be­reits 2014 schrieb ich da­zu die­sen Ar­ti­kel Ich bin ge­gen die ra­di­ka­le Ho­mo­se­xua­li­sie­rung der He­te­ro-Ge­sell­schaft! und mach­te auf die­sen auf­kom­men­den schwu­len Fa­schis­mus auf­merk­sam, der heu­te lei­der mehr als deut­lich und über­all zu se­hen ist.
Ich for­de­re da­her ei­ne ra­di­ka­le Rück­be­sin­nung auf Sou­ve­rä­ni­tät und die ur­sprüng­li­chen Idea­le in­di­vi­du­el­ler Frei­heit, für die wir ALLE da­mals antraten.

- Vor­be­mer­kun­gen -

Ab Som­mer 2026 fol­gen in der Ka­te­go­rie
🇩🇪 40 Jah­re ROSA ARCHIV & Bi­blio­thek 2026 mei­ne auf­ge­ar­bei­te­ten Er­fah­run­gen und die ih­nen zu­grun­de lie­gen­den Er­leb­nis­se und Ak­ti­vi­tä­ten und sie ge­hen zu­rück bis zur Grün­dung des Ro­sa Ar­chivs im Jahr 1986.
(Be­gon­nen ha­be ich aber be­reits im Herbst 1985).
In ei­ner wei­te­ren Ka­te­go­rie wird es un­ter 🇩🇪 GLB-Sze­ne: Re­zen­sio­nen & Kom­men­ta­re zu­dem klei­ne­re Bei­trä­ge ge­ben.
Auch wenn sich mein sprach­li­cher Aus­druck in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren ge­wan­delt hat, bleibt die in­halt­li­che Sub­stanz die­ser Be­ob­ach­tun­gen, von der Kom­mer­zia­li­sie­rung der ge­sam­ten Sze­ne bis zur seit Jah­ren statt­fin­den­den ideo­lo­gi­schen Ver­ein­nah­mung durch ei­ne in­ter­es­sen­ge­steu­er­te Sze­ne-Lob­by, für mich nicht nur gül­tig, son­dern heu­te dring­li­cher denn je. Ich di­stan­zie­re mich nicht von der Schär­fe die­ser Auf­zeich­nun­gen, ganz im Ge­gen­teil: Mei­ne War­nun­gen vor ei­ner Ent­wick­lung, die den Bu­me­rang der ge­sell­schaft­li­chen Ab­leh­nung durch Be­vor­mun­dung selbst pro­vo­ziert, be­wahr­hei­ten sich im­mer wei­ter.
Was hier folgt, ist kei­ne neue Er­kennt­nis, son­dern die kon­se­quen­te Fort­schrei­bung ei­nes Kamp­fes für in­di­vi­du­el­le Frei­heit und Sou­ve­rä­ni­tät, der schon im­mer an min­des­tens zwei Fron­ten ge­führt wur­de: ge­gen die äu­ße­ren Dis­kri­mi­nie­rer und ge­gen die in­ne­ren Gleich­schal­ter.

Es geht nicht mehr um Öff­nung,
es geht förm­lich um ei­ne ech­te Kriegs­er­klä­rung!
Das An­ders­sein wur­de zur Lob­by-Waf­fe, die je­dem in die Hand ge­drückt wird und wer nicht mit­mar­schiert und nicht mit­schießt, den er­le­digt sie oh­ne mit der Wim­per zu zu­cken. Einst war es die Schwu­len- und Les­ben­be­we­gung, die der Ge­sell­schaft und dem Staat die Stirn bot, die dem Mi­li­ta­ris­mus den Mit­tel­fin­ger zeig­te und die laut und stolz er­klär­te, daß sie sich von kei­ner Ob­rig­keit vor­schrei­ben läßt, wie sie zu le­ben hat. Heu­te kriecht die­sel­be Be­we­gung dem Staat so tief hin­ten rein, daß man von au­ßen nur noch die blank ge­wixs­ten Stie­fel­spit­zen sieht. Sie will nicht nur über­all da­bei sein, nein und wie man ganz ak­tu­ell se­hen kann, so­gar mit­schie­ßen, sie will mit­schie­ßen, in Uni­form, mit Or­den auf der Brust und dem Se­gen des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums im Rü­cken. Und sie will mit­schie­ßen, um die ei­ge­nen Rei­hen zu „säu­bern“!
Das ist nicht Gleich­be­rech­ti­gung. Das ist Selbst­auf­ga­be in häß­li­cher Pa­ra­de­klei­dung.

Ich ma­che das an ei­nem Bei­spiel deut­lich:
Be­reits die Fra­ge­stel­lung des In­ter­views Ich bin be­reit, für un­se­re frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­schen Wer­te zu ster­ben auf queer.de über­nimmt die Prä­mis­se ei­ner kon­kre­ten Be­dro­hung aus Russ­land und setzt da­mit den Rah­men für das ge­sam­te Ge­spräch. Vor die­sem Hin­ter­grund be­ja­hen die Que­erBw-Vor­sit­zen­den Sven Bär­ing und Ana­sta­sia Biefang die Über­nah­me mi­li­tä­ri­scher Ver­ant­wor­tung; Biefang er­klärt aus­drück­lich, sie sei be­reit, „für die­se Ge­sell­schaft und für un­se­re frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­schen Wer­te zu ster­ben“.
Daß die­sel­be Lob­by, die das Mit­mar­schie­ren zur Pflicht er­klärt, heu­te auch noch un­be­dingt in die Bun­des­wehr will, um im Ernst­fall (der ja seit Mo­na­ten ge­schürt wird) mit­zu­schie­ßen, das ist nicht nur die Krö­nung des Ver­rats an der ei­ge­nen Ge­schich­te, das ist ihr selbst­ver­faß­ter Nach­ruf, den sie je­den Tag ein Stück wei­ter zu En­de schreibt.

Wei­ter mit mei­nem Auf­satz,
der nicht nur die Fort­set­zung ei­nes äl­te­ren ist, er ist des­sen Be­stä­ti­gung. Was ich 2011 un­ter dem Ti­tel Nicht stolz be­wegt in acht Kom­men­ta­ren zum Köl­ner CSD und in ei­nem kur­zen Bei­trag zum CSD in Leip­zig nie­der­ge­schrie­ben ha­be, war kein Wunsch­den­ken und kei­ne Kaf­fee­satz­le­se­rei, son­dern das Er­geb­nis ei­nes schlich­ten, lo­gi­schen Den­kens, das wei­ter reicht als bis zur nächs­ten Pa­ra­de und wer da­mals noch zwei­fel­te, der mö­ge heu­te die Wirk­lich­keit be­fra­gen.
Ganz un­ten am Auf­satz­en­de sind die ein­zel­nen Links zu den acht (neun) Bei­trä­gen von 2011 beigefügt.


- Ein­lei­tung -

So ist es: Wir (Schwu­le) sind nun mal ANDERS als die ANDERN, aber gern ANDERS und ein­ver­nehm­lich mit den ANDERN (He­te­ros) und so soll es auch blei­ben.
Die Ge­schich­te der Schwu­len­be­we­gung wird heu­te nur ein­sei­tig und halb­her­zig von je­nen ge­schrie­ben, die den Ur­sprungs­ge­dan­ken von 1969 längst ge­gen staat­li­che För­der­gel­der und po­li­ti­sche Op­por­tu­ni­tät (heu­te eher Über­zeu­gungs-Ver­rat) ein­ge­tauscht ha­ben. Wer heu­te als Schwu­ler nicht in das ideo­lo­gi­sche Ras­ter paßt, wer sei­ne Männ­lich­keit be­wah­ren will und nicht an der stän­di­gen In­sze­nie­rung als „un­ter­drück­te Min­der­heit“ teil­nimmt, wird dis­kri­mi­nier: nicht mehr nur von au­ßen, son­dern pri­mär von der ei­ge­nen, durch Lob­by­is­ten ge­lenk­ten Sze­ne.

Mei­ne Ar­beit seit 1985,
der Auf­bau des Ro­sa Ar­chiv ab 1986 bis zur Aus­ein­an­der­set­zung mit den Leip­zi­ger Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten nach der Wen­de, war im­mer ein Plä­doy­er für ein selbst­be­wuß­tes, nor­ma­les Le­ben. Doch heu­te er­le­ben wir, wie die eins­ti­ge For­de­rung nach Ak­zep­tanz in ei­ne for­dern­de und ag­gres­si­ve Be­vor­mun­dung um­ge­schla­gen hat, die die Mehr­heits­ge­sell­schaft ent­frem­det und den so­zia­len Frie­den ge­fähr­det. Wir (al­so die Schwu­len ge­ne­rell) müs­sen den Mut ha­ben, die Din­ge beim Na­men zu nen­nen (ich per­sön­lich tue es ja schon im­mer): Es geht nicht mehr um Öff­nung, es geht um ei­ne Ideo­lo­gie, die das An­ders­sein zum Kampf­be­griff de­gra­diert und da­mit die Sou­ve­rä­ni­tät des In­di­vi­du­ums zerstört.


- Vor­wort –

Es gibt Tex­te, die man schreibt, weil man muß.
Weil sie ei­nem kei­ne Ru­he las­sen, weil sie sich seit Jah­ren im Kopf auf­stau­en wie Was­ser hin­ter ei­nem mor­schen Damm und weil man ir­gend­wann weiß: ent­we­der du öff­nest die Schleu­se oder der Damm bricht von selbst und reißt al­les mit, was du dir in Jahr­zehn­ten auf­ge­baut hast. Die­ser Es­say ist so ein Text.

Ich schrei­be ihn nicht,
weil mir je­mand da­zu ge­ra­ten hat. Ich schrei­be ihn, weil ich vier­zig Jah­re lang da­bei war, weil ich 1986 in der DDR an­fing, für ei­ne Sa­che zu strei­ten, für die man da­mals we­der Ap­plaus noch Rü­cken­wind be­kam und weil ich heu­te, im Jah­re 2026, fest­stel­len muß, daß die­se Sa­che mir ge­stoh­len wor­den ist. Ge­stoh­len, um­ge­schmol­zen und als Waf­fe ge­gen ge­nau je­ne Men­schen ge­rich­tet, die einst für ih­re ei­ge­ne Frei­heit kämpf­ten.
Ich bin Volks-Phi­lo­soph. Kein Aka­de­mi­ker mit Ti­tel und Lehr­stuhl, kein ge­för­der­ter Theo­re­ti­ker aus dem Mi­lieu der Bun­des­stif­tun­gen. Ich bin ein Zehn­kläß­ler aus der DDR, der sich sein Den­ken selbst er­ar­bei­tet hat, der früh lern­te, daß man die Wirk­lich­keit nicht mit dem Wunsch­zet­tel ver­wech­seln darf und der seit­dem ei­nem ein­zi­gen Grund­satz folgt: erst ver­ste­hen, dann ur­tei­len und dann, wenn nö­tig, laut und oh­ne Be­schö­ni­gung den Mund auf­ma­chen.
Die­ser Text ist mein ge­öff­ne­ter Mund.

Er rich­tet sich an al­le,
die da­mals da­bei wa­ren und heu­te schwei­gen. Er rich­tet sich an je­ne He­te­ros, die sich fra­gen, war­um ei­ne eins­ti­ge Min­der­heit plötz­lich vor­schreibt, wie die Mehr­heit zu den­ken hat. Er rich­tet sich an jun­ge Schwu­le und Les­ben, die nicht wis­sen, was die­se Be­we­gung ein­mal war und was aus ihr ge­wor­den ist. Und er rich­tet sich, ja, auch an die Lob­by selbst, ob­wohl ich weiß, daß sie nicht zu­hö­ren wird. Wer nur auf den ei­ge­nen Ap­plaus horcht, ist für frem­de Stim­men taub.
Ich ha­be nicht nur 2014 auf Tumb­lr ge­schrie­ben, was ich dach­te. Da­mals hiel­ten man­che das für über­trie­ben. Heu­te ist es Wirk­lich­keit. Das ist kei­ne Ge­nug­tu­ung, das ist ein Be­fund. Und ein Be­fund ver­langt nach Diagnose.


- 1. Teil –
ANDERS als die ANDERN, das war einmal

Es war Ma­gnus Hirsch­feld,
der Arzt und Se­xu­al-Auf­klä­rer, der im Jah­re 1919 ei­nen Film in die deut­schen Licht­spiel­häu­ser brach­te, der ei­nen Ti­tel trug wie ei­nen Faust­schlag: ANDERS als die ANDERN. Hirsch­feld woll­te zei­gen, daß es Men­schen gibt, die an­ders lie­ben, an­ders füh­len, an­ders sind und daß die­ses An­ders­sein kein Ver­bre­chen ist, kein Ma­kel, kei­ne Krank­heit, son­dern ein Teil der mensch­li­chen Wirk­lich­keit, den kein Ge­setz, wo­her es auch kom­men mag, aus der Welt schaf­fen kann.
Das Wort ANDERS war da­mals ein Be­frei­ungs­wort. Es sag­te: ich bin nicht wie ihr und das ist mein gu­tes Recht. Es war ein Wort mit Rück­grat, ein Wort, das stand, wenn rings­um al­les wank­te.

Heu­te, mehr als hun­dert Jah­re spä­ter,
hat die Schwu­len­lob­by die­ses Wort um­ge­dreht wie ei­nen Hand­schuh. Das ANDERS gilt längst nicht mehr als das Recht der Min­der­heit, sich von der Mehr­heit zu un­ter­schei­den. Es gilt als Auf­for­de­rung an die Mehr­heit, sich der Min­der­heit an­zu­pas­sen. Wer heu­te ANDERS als die ANDERN ist und das auch blei­ben will, ob als stil­ler He­te­ro, ob als Schwu­ler der al­ten Schu­le, der sei­ne Männ­lich­keit nicht zur Pa­ra­de trägt, der wird nicht mehr to­le­riert, der wird kor­ri­giert.
Das ist der Ver­rat. Nicht an ir­gend­ei­ner Ideo­lo­gie. An dem ein­zi­gen Ge­dan­ken, der die­se Be­we­gung ein­mal trug: daß je­der Mensch das Recht hat, so zu sein, wie er ist, oh­ne daß ihn je­mand da­zu bringt, sich zu er­klä­ren, zu recht­fer­ti­gen oder um­zu­for­men.

Ich war da­bei, als die­ser Ge­dan­ke noch jung war.
Ich ha­be ihn in der DDR mit auf­ge­baut, in ei­ner Zeit, in der man für sol­che Ge­dan­ken nicht ge­lobt wur­de, son­dern be­ob­ach­tet und das nicht nur von der STASI. Und ich sa­ge heu­te mit der­sel­ben Klar­heit, mit der ich es da­mals sag­te: wer die Frei­heit der Mehr­heit be­schnei­det, um die Sicht­bar­keit ei­ner Min­der­heit zu er­hö­hen, der hat das We­sen der Frei­heit nicht ver­stan­den. Der hat nur die Sei­ten gewechselt.

Ei­ne Auf­satz-Se­rie zum
40-jäh­ri­gen Be­stehen:

Die hier do­ku­men­tier­ten Ana­ly­sen ge­hen zu­rück bis zum Grün­dungs­jahr 1986.
1. von 44 in­halts­rei­chen und kri­ti­schen Auf­sät­zen.
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Wer mir schrei­ben möch­te, aber nicht als öf­fent­li­chen Kom­men­tar, bit­te an:
info@rosa-archiv.de
Gern auch Kommentare!

In­halts­ver­zeich­nis:

  • Vor­be­mer­kun­gen
  • Ein­lei­tung
  • Vor­wort
  • 1. Teil
    ANDERS als die ANDERN, das war ein­mal:
    Ma­gnus Hirsch­feld, der Film von 1919, der ur­sprüng­li­che Kampf­be­griff. Was „an­ders sein“ da­mals be­deu­te­te und was es heu­te be­deu­tet, wenn die Lob­by ihn für sich ver­ein­nahmt hat.
  • 2. Teil
    Das Ro­sa Ar­chiv und die Welt, aus der es kam:
    DDR, 1986, die An­fän­ge. Was wir da­mals woll­ten, wo­für wir stan­den, was es kos­te­te. Per­sön­li­che Er­leb­nis­se als Zeitzeuge.
  • 3. Teil
    Da­mals (2011) nicht stolz be­wegt, heu­te erst recht nicht:
    Was ich da­mals (2011) schrieb, was da­mals be­lä­chelt wur­de, was heu­te Wirk­lich­keit ist. Der Bu­me­rang kün­digt sich schon lan­ge an.
  • 4. Teil
    Die Ho­mo­se­xua­li­sie­rung der He­te­ro­ge­sell­schaft:

    Der Tumb­lr-Text von 2014 als Be­weis­stück. Be­griffs­klä­rung zu­erst: was ist da­mit ge­meint, was nicht. Dann die Tat­sa­chen: Re­gen­bo­gen­fah­nen an Be­hör­den, Zwangs­päd­ago­gik, Sonderrechte …
  • 5. Teil
    Schwu­ler Lob­by-Fa­schis­mus, ein Be­griff, der sitzt:

    War­um die­ser Be­griff 2014 zu­traf und 2026 noch mehr. Ty­ran­nei ist Ty­ran­nei, gleich wer sie aus­übt. Die Be­we­gung, die dem Spie­ßer­tum den Kampf an­sag­te und selbst zum größ­ten Spie­ßer wurde.
  • 6. Teil
    Was wirk­lich ech­te Schwu­len­freund­lich­keit wä­re:

    Kon­kre­te Vor­schlä­ge. Rück­be­sin­nung auf das In­di­vi­du­um, auf Sou­ve­rä­ni­tät, auf das Recht, ANDERS als die ANDERN zu sein, oh­ne an­de­re zu nö­ti­gen, das­sel­be zu sein.
  • 7. Teil:
    Der un­ver­meid­li­che Bu­me­rang:

    Wo­hin die­se Ent­wick­lung führt, wenn sie nicht ge­stoppt wird. His­to­ri­sche Par­al­le­len. Der Aus­blick, der kein ge­müt­li­cher ist.
  • Nach­wort
    Per­sön­li­che Schluß­be­trach­tung:
    Was vier­zig Jah­re leh­ren. Was ich mei­nen Mit­strei­tern von da­mals schul­de und was ich der heu­ti­gen Sze­ne sage.
  • An­hang:
    Dort sind die acht Kom­men­ta­re zu „Nicht stolz be­wegt“, die ich 2011 zum CSD Ost und West schrieb. Mit vie­len Bil­dern be­leg­te, die das of­fen­ba­ren, was ich kritisierte.

Hirschfeld´s Film wur­de 1920 ver­bo­ten.
Die Na­zis ver­nich­te­ten sei­ne Ar­chi­ve. Was er auf­ge­baut hat­te, wur­de zer­stört, weil es un­be­quem war. Das Ro­sa Ar­chiv, das ich 1986 in Leip­zig grün­de­te, trug die­sen Geist wei­ter. Nicht den Geist der For­de­rung, nicht den Geist der Nö­ti­gung, son­dern den Geist der Auf­klä­rung, des of­fe­nen Ge­sprächs, der Ver­nunft, die mehr aus­rich­tet als je­de Re­gen­bo­gen­fah­ne an ei­nem Be­hör­den­ge­bäu­de.
Wie weit sind wir von die­sem Geist heu­te ent­fernt. Und wer hat uns so weit von ihm weg­ge­führt. Das sind die Fra­gen, auf die (nicht nur) die­ser Es­say Ant­wor­ten sucht und zum Teil fin­den wird.


- 2. Teil –
Das Ro­sa Ar­chiv und die Welt, aus der es kam

Leip­zig, 1986, Wald­stra­ße 44.
Wer heu­te nicht weiß, was das be­deu­te­te, dem sei es kurz er­klärt, nicht um Mit­leid zu ern­ten, son­dern weil der Bo­den, auf dem et­was wächst, dar­stellt, was dar­aus wird.
Die DDR war kein Staat, der An­ders­den­ken­de an­er­kann­te, för­der­te oder gar „lieb­te“. Sie dul­de­te sie manch­mal, sie be­ob­ach­te­te sie im­mer und sie be­straf­te sie, wenn es ihr nütz­te, sie­he die STA­SI-Ak­ten von Max Fech­ner, die ich ge­ra­de in ei­ner ana­ly­ti­schen und in ei­ner ro­man­haf­ten Do­ku­men­ta­ti­on ver­ar­bei­te. Ho­mo­se­xua­li­tät war seit 1968 nicht mehr straf­bar, aber das be­deu­te­te nicht Ak­zep­tanz, das be­deu­te­te le­dig­lich, daß man uns nicht mehr ein­ge­sperrt hat, son­dern nur noch un­ter die Lu­pe nahm und da­für zu­stän­dig war in ers­ter Li­nie die STASI und das lei­der auch un­ter Mit­hil­fe von Schwu­len, die sich als IM ver­pflich­te­ten.
Der Un­ter­schied zwi­schen Straf­ver­fol­gung und stil­ler Über­wa­chung ist für den Be­trof­fe­nen klei­ner, als er auf dem Pa­pier aus­sieht.

In die­ser Welt grün­de­te ich das
Ro­sa Ar­chiv & Bi­blio­thek, kurz RAB, mit Freun­den. Nicht mit Fan­fa­re, nicht mit För­der­gel­dern, nicht mit dem Se­gen ir­gend­ei­ner DDR-Ein­rich­tung. Nur mit dem, was wir hat­ten: Über­zeu­gung, Bü­cher, Gleich­ge­sinn­te und den un­be­ding­ten Wil­len, ei­ne Ge­schich­te zu be­wah­ren, die man vor un­se­ren Au­gen zu ver­gra­ben ver­such­te. Das RAB wur­de zur Keim­zel­le, zum Ge­dächt­nis­spei­cher, zum Treff­punkt für Men­schen, die ver­ste­hen woll­ten, wo­her sie ka­men, wer vor ih­nen ge­gan­gen war und wel­chen Preis die­se Vor­gän­ger ge­zahlt hat­ten.

Fast Par­al­lel da­zu ent­stan­den ers­te Ideen

für ei­ne Karl-Hein­rich-Ul­richs-Ge­sell­schaft, je­ne DDR-Urin­itia­ti­ve, die den Na­men ei­nes Man­nes trug, der schon im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert das Wort er­griff, als es noch ge­fähr­lich war, es zu er­grei­fen.
Karl Hein­rich Ul­richs (1825 – 1895), ju­ris­tisch ge­schult, mensch­lich mu­tig, war der ers­te, der öf­fent­lich für das Recht auf gleich­ge­schlecht­li­che Lie­be ein­trat, vor Ge­richt, vor Pu­bli­kum, vor ei­ner Ge­sell­schaft, die ihn da­für aus­lach­te und ver­folg­te. Wir tru­gen sei­nen Na­men nicht als Schmuck, son­dern als Ver­pflich­tung.
Und:
Am 19. Ok­to­ber 2010 tra­fen sich sie­ben Freun­de des Ro­sa Ar­chiv, die im Come­back den För­der­ver­ein Karl-Hein­rich-Ul­richs-Ge­sell­schaft e.V. (KHU‑G) mit Sitz in Leip­zig, grün­de­ten.
Und am 17.5. im dar­auf fol­gen­dem Jahr 2011 er­öff­ne­ten wir das Karl-Hein­rich-Ul­richs-Zen­trum (kurz TuK = Treff und Kul­tur) in der Leip­zi­ger In­nen­stadt (nur 300 Me­ter vom Haupt­bahn­hof und 100 Me­ter von der ge­schichts­träch­ti­gen Ni­ko­lai­kir­che ent­fernt. 

Was wir da­mals woll­ten,
war schlicht und ließ sich in ei­nem Satz sa­gen: laßt uns in Ru­he, laßt uns so sein, wie wir sind und hört auf, so zu tun, als wä­ren wir ein Pro­blem, das ge­löst wer­den muß.
Kein Son­der­recht, kei­ne Son­der­büh­ne, kei­ne Son­der­för­de­rung. Das Recht auf Un­auf­fäl­lig­keit war für uns das höchs­te Gut. Wer sein gan­zes Le­ben lang auf­fällt, weil er ver­folgt wird, der träumt nicht von der gro­ßen Pa­ra­de. Der träumt da­von, ein­mal in Frie­den sei­nen Kaf­fee zu trin­ken.
Ich ha­be in die­sen und in den Jah­ren da­vor ge­lernt, was Frei­heit kos­tet. Ich ha­be ge­se­hen, wie Men­schen für ei­ne Über­zeu­gung be­zahl­ten, die heu­te als selbst­ver­ständ­lich gilt. Und ich ha­be mir da­mals ge­schwo­ren, daß ich die­sen Preis nicht ver­ges­sen wer­de, auch dann nicht, wenn die Zei­ten sich än­dern und das Ver­ges­sen be­que­mer wird als das Er­in­nern.

Die Zei­ten ha­ben sich ge­än­dert.
Das Ver­ges­sen ist be­que­mer ge­wor­den. Und ge­nau des­halb schrei­be ich die­sen Text.
Wer näm­lich ver­gißt, wo­für ge­kämpft wur­de, der kämpft ir­gend­wann für das Ge­gen­teil. Das ist kei­ne Pro­phe­zei­ung. Das ist Ge­schich­te. Und Ge­schich­te, das ha­be ich in vier­zig Jah­ren ge­lernt, wie­der­holt sich zwar nicht buch­sta­ben­ge­treu, aber sie schreit nach Ge­rech­tig­keit, manch­mal so laut, daß man sie durch al­le Wän­de hört.
Und heu­te schreit sie wie­der und lauter! 


- 3. Teil –
Da­mals (2011) nicht stolz be­wegt, heu­te erst recht nicht

Im Jah­re 2014 schrieb ich auf Tumb­lr ei­nen lau­ten Kom­men­tar.
Sein Ti­tel war ei­ne An­sa­ge: Ich bin ge­gen die ra­di­ka­le Ho­mo­se­xua­li­sie­rung der He­te­ro­ge­sell­schaft! Wer ihn da­mals las, der tat ihn ent­we­der ab als die Gries­grä­mig­keit ei­nes äl­te­ren Ak­ti­vis­ten, der mit der Zeit nicht mit­hal­ten konn­te oder er nick­te still und sag­te nichts, weil das Ni­cken schon ris­kant ge­nug war.

Im Jah­re 2026, zwölf Jah­re spä­ter,
ist die­ser Text ak­tu­el­ler als an je­nem Tag, an dem ich ihn ver­faß­te, da der dar­in an­ge­kün­dig­te schwu­le Fa­schis­mus heu­te sicht­ba­rer ist denn je.
Nicht weil ich ein Pro­phet bin, son­dern weil ich nicht so kurz­fris­tig den­ke wie ein Teil der Sze­ne, die in ih­rem Tun oft nicht wei­ter denkt als ein Huhn scheißt. Ich dach­te und den­ke im­mer wei­ter als ein Huhn scheißt und ma­che mir auch Ge­dan­ken dar­über, wo, wie in die­sem Fall, der ge­sam­mel­te Mist zwangs­läu­fig lan­den wird.
Ich sag­te es al­so und die Ant­wort, die ich da­mals vor­ahn­te, ist heu­te mit bei­den Au­gen un­über­seh­bar: na­tür­lich nicht für se­hen­de Blin­de.

Der so­ge­nann­te „Stolz“ (Pri­de), die­ser all­jähr­li­che „Breit“-Monat,
der sich über den Ju­ni legt wie ein grell­bun­ter Zir­kus­vor­hang über ein Trau­er­spiel, war ein­mal ein Pro­test. Er ent­stand aus Schmerz, aus Wut, aus dem be­rech­tig­ten Auf­schrei von schwu­len Men­schen, die man ver­folgt, ge­schla­gen und teils er­mor­det hat­te. Stone­wall 1969 war kein Fest. Es war ein Auf­stand. Die Faust, die sich dort ball­te, ge­hör­te Men­schen, die nichts mehr zu ver­lie­ren hat­ten.

Was ist aus die­ser Faust ge­wor­den?
Sie hat sich ge­öff­net. Die­se nun ge­öff­ne­te Hand streckt sich aus, um För­der­gel­der ent­ge­gen­zu­neh­men. Sie we­delt mit Re­gen­bo­gen­fah­nen vor Be­hör­den­ge­bäu­den, die der Steu­er­zah­ler be­zahlt. Sie zeigt den aus­ge­streck­ten Zei­ge­fin­ger auf je­den, der nicht mit­klatscht.
Das ist kein Stolz. Das ist An­pas­sung in bun­ten Far­ben, Kon­for­mis­mus mit Kon­fet­ti, Spie­ßer­tum in Pail­let­ten.
Die ehe­mals li­be­ra­le For­de­rung nach Ak­zep­tanz von Min­der­hei­ten ist längst in ei­ne mis­sio­na­ri­sche Nö­ti­gung der Mehr­heit um­ge­schla­gen.


Ich war 2011 nicht stolz be­wegt!
Ich bin es heu­te erst recht nicht!

Und ich sa­ge das als je­mand, der weiß, was es be­deu­tet, für die­se Be­we­gung et­was ge­op­fert zu ha­ben, in ei­ner Zeit, als das Op­fern noch et­was kos­te­te und der Ap­plaus noch nicht ga­ran­tiert war.
Die Fra­ge, die ich 2014 stell­te und die ich heu­te er­neut stel­le, lau­tet nicht: bist du schwul oder nicht? Sie lau­tet: hast du das Recht, an­de­re zu nö­ti­gen?
Und die Ant­wort lau­tet, un­ab­hän­gig von Fah­nen­far­be und Mo­nats­the­ma: NEIN.
Die­ses Recht be­saß nie­mand.
Die­ses Recht wird nie­mand be­sit­zen.
Das ist kein Son­der­recht für die, die ANDERS sind.
Und es ist auch kein Son­der­recht für die He­te­ros.
Das Ver­bot der Nö­ti­gung ist ein Fun­da­ment der mensch­li­chen Frei­heit und da­mit un­ver­rück­ba­res Na­tur­recht. Und für die, die mit Na­tur­recht nichts an­fan­gen kön­nen, sei das GG, die Men­schen­rech­te und wei­te­re über Staats­recht ste­hen­de Rech­te-Mög­lich­kei­ten er­wähnt.
Das Ver­bot der Nö­ti­gung gilt aus­nahms­los für alle.


- Teil 4 –
Die Ho­mo­se­xua­li­sie­rung der Heterogesellschaft

Be­vor man über ei­ne Sa­che ur­teilt,
muß man die Be­grif­fe klä­ren. Das ist kei­ne aka­de­mi­sche Spie­le­rei, das ist Hand­werk. Wer mit un­ge­schärf­ten Be­grif­fen ar­bei­tet, der zim­mert mit stump­fer Axt und das Er­geb­nis sieht man dem Holz an.
Was al­so be­deu­tet Ho­mo­se­xua­li­sie­rung der He­te­ro­ge­sell­schaft?
Es be­deu­tet nicht, daß Schwu­le, Les­ben und an­de­re Min­der­hei­ten sicht­bar sind. Sicht­bar­keit ist kein Scha­den. Es be­deu­tet nicht, daß gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re sich ver­part­nern dür­fen, Kin­der ad­op­tie­ren, Erb­schaf­ten an­tre­ten. Das sind Rech­te-Fra­gen, die man dis­ku­tie­ren kann und ich ha­be sie dis­ku­tiert, jahr­zehn­te­lang, mit Ver­nunft und oh­ne Schaum vor dem Mund. Es be­deu­tet auch nicht, daß ein schwu­ler Nach­bar ein schwu­ler Nach­bar ist. Das war er schon im­mer, nur sprach er nicht dar­über, weil er nicht muß­te und die Meis­ten es heu­te eben­so nicht wol­len.

Was es be­deu­tet, ist dies,
daß ei­ne Min­der­heit ih­re Welt­an­schau­ung, ih­re Sym­bo­lik, ih­re Be­griffs­welt und ih­re Mo­ral­vor­stel­lun­gen in den öf­fent­li­chen Raum preßt mit ei­ner Auf­dring­lich­keit, die längst über das Maß des Zu­mut­ba­ren hin­aus­geht und daß je­der, der sich da­ge­gen ver­wahrt, als Feind be­han­delt wird.
Re­gen­bo­gen­fah­nen an Rat­häu­sern, Schul­be­hör­den, Bot­schaf­ten, Ka­ser­nen. Ein gan­zer Mo­nat, den der Staat zum The­ma er­klärt, mit öf­fent­li­chen Gel­dern, mit Be­hör­den­ver­an­stal­tun­gen, mit Dienst­an­wei­sun­gen.
Lehr­plä­ne, die Kin­dern im Grund­schul­al­ter er­klä­ren, was Trans­se­xua­li­tät ist, noch be­vor sie wis­sen, was Bruch­rech­nen ist.
Un­ter­neh­men, die ih­re Lo­gos ein­fär­ben, weil sie Angst ha­ben vor dem Ruf ei­ner Lob­by, die ge­lernt hat, daß Lärm sich aus­zahlt.
Po­li­ti­ker, die sich in Reih und Glied auf­stel­len, um zu si­gna­li­sie­ren: wir sind da­bei, straft uns nicht ab.
Das ist Ho­mo­se­xua­li­sie­rung.
Das ist die Ver­wand­lung ei­ner Min­der­hei­ten­fra­ge in ei­ne Mehr­heits­pflicht.

Und wer hier noch im­mer glaubt,
das sei Auf­klä­rung, dem sei ein ein­fa­ches Bild an­ge­bo­ten: stell dir vor, die ka­tho­li­sche Kir­che wür­de ver­lan­gen, daß im Ju­ni an al­len öf­fent­li­chen Ge­bäu­den Kreu­ze hän­gen, daß Schu­len die Hei­li­gen­leh­re in den Un­ter­richt auf­neh­men und daß je­der Bür­ger, der das ab­lehnt, als kir­chen­feind­lich ge­brand­markt wird.
Der Auf­schrei wä­re oh­ren­be­täu­bend und er wä­re be­rech­tigt. Was bei der Kir­che Nö­ti­gung hie­ße, heißt bei der Re­gen­bo­gen­lob­by Fort­schritt. Das ist kei­ne Lo­gik. Das ist Dop­pel­maß.
Es geht mir nicht dar­um, mich bei der Mehr­heits­ge­sell­schaft an­zu­bie­dern oder de­ren Be­stä­ti­gung zu su­chen, denn ich ach­te bei­de Grup­pie­run­gen mensch­lich ge­se­hen gleich. Die He­te­ros sind die Mehr­heit, sie wer­den sich schon zu hel­fen wis­sen, spä­tes­tens dann, wenn der Sze­ne-Bu­me­rang lan­det.

Ich sa­ge es, weil das, was hier ge­schieht,
dem We­sen des­sen wi­der­spricht, wo­für ich 1986 an­ge­tre­ten bin. Wir woll­ten Platz in der Ge­sell­schaft. Wir woll­ten nicht die Ge­sell­schaft um­bau­en. Wer in ein frem­des Haus ein­zieht, hat das Recht auf sein Zim­mer. Er hat nicht das Recht, die Haus­be­woh­ner aus dem Ge­mein­schafts­raum zu drän­gen und das Mo­bi­li­ar nach sei­nem Ge­schmack um­zu­stel­len. Das Mo­bi­li­ar wird aber seit ge­rau­mer Zeit um­ge­stellt. Mit Nach­druck.
Und wer fragt, wer ei­gent­lich die Er­laub­nis da­zu ge­ge­ben hat, der be­kommt kei­ne Ant­wort. Er be­kommt ein Eti­kett.
Je­des die­ser mir ver­lie­he­nen Eti­ket­ten ha­be ich mit der ge­büh­ren­den Ver­ach­tung ent­ge­gen­ge­nom­men und ex­akt dort plat­ziert, wo der­ar­ti­ge An­ma­ßun­gen ih­re ein­zi­ge Be­rech­ti­gung fin­den und ich auch nur so eti­ket­tie­ren kann: für´n Arsch.

Das Eti­kett „ho­mo­phob“ zum Bei­spiel ist ein Wort,
das die Lob­by wie ei­nen Gum­mi­stem­pel be­nutzt: wer nicht mit­macht, be­kommt ihn auf­ge­drückt, egal ob er schwul ist oder he­te­ro, egal ob er vier­zig Jah­re Ak­ti­vist ist oder ges­tern zum ers­ten Mal über das The­ma nach­ge­dacht hat. Und egal, wenn er sei­ner Li­nie 40 Jah­re treu blieb und kei­nen Zeit­geist in die­ser ge­sam­ten Zeit die Treue hielt. Der Stem­pel er­setzt das Ar­gu­ment. Das ist be­quem. Das ist aber auch das Ein­ge­ständ­nis, daß man kein Ar­gu­ment mehr hat und auch nicht mehr dis­ku­tie­ren will.

Ein Schwu­ler, der ge­gen die Ho­mo­se­xua­li­sie­rung der He­te­ro­ge­sell­schaft ist,
paßt in kein Sche­ma. Das ir­ri­tiert die Lob­by. Was sie ir­ri­tiert, das be­kämpft sie. Was sie be­kämpft, das nimmt sie ernst, ob sie es zu­gibt oder nicht.
Und ge­nau des­halb schrei­be ich wei­ter.
Und das ist si­che­rer als das Amen in der Kirche.


- Teil 5 –
Schwu­ler Lob­by-Fa­schis­mus, ein Be­griff, der sitzt

Es gibt Wör­ter, die man nicht leicht­fer­tig in den Mund neh­men soll­te.
Fa­schis­mus ist ei­nes da­von. Es hat Ge­wicht, es hat Ge­schich­te, es hat Blut an sich. Wer es falsch ver­wen­det, ver­harm­lost das Ech­te. Wer es aber dort nicht ver­wen­det, wo es zu­trifft, der ver­nied­licht das Ge­gen­wär­ti­ge.
Ich ver­wen­de es.
Und ich be­grün­de es.

2014 schrieb ich:
Was hier vor sich geht, ist schwu­ler Fa­schis­mus. Fa­schis­mus im Sin­ne ei­ner im­mer stär­ker wer­den­den Ty­ran­nei und Ver­fol­gung An­ders­den­ken­der.
Das war kei­ne Über­trei­bung für Auf­merk­sam­keit. Das war ei­ne Be­griffs­be­stim­mung, prä­zi­se, nüch­tern und aus der Be­ob­ach­tung her­aus, nicht aus der Theo­rie.
Fa­schis­mus in sei­nem Kern ist nicht nur das, was Hit­ler oder Mus­so­li­ni ver­kör­per­ten. In sei­nem Kern ist Fa­schis­mus die Gleich­schal­tung des Den­kens, die Ver­fol­gung der Ab­wei­chung, die Un­ter­wer­fung des Ein­zel­nen un­ter das Kol­lek­tiv­dik­tat ei­ner Be­we­gung, die sich selbst für un­fehl­bar hält.
Der In­halt wech­selt.
Die Struk­tur bleibt.
Wer se­hen kann, sieht!

Und die­se Struk­tur se­he ich.
Ich se­he sie, wenn ei­ne Pro­fes­so­rin wie Frau Prof. Etschen­berg, die jahr­zehn­te­lang auch für Min­der­hei­ten ein­ge­tre­ten ist, auch für Schwu­le und Les­ben, von der Schwu­len­lob­by öf­fent­lich nie­der­ge­macht wird, weil sie ei­ne Mei­nung äu­ßer­te, die nicht in de­ren Bild paß­te. Ich se­he sie, wenn Links zu kri­ti­schen Ar­ti­keln ver­schwin­den, weil man die Ver­fas­ser für zu „re­ni­tent“ hält, wie es mei­nem ei­ge­nen Link auf der Sei­te der Bun­des­stif­tung Ma­gnus Hirsch­feld er­ging. Ich se­he sie, wenn das Axi­om lau­tet: „Wer nicht für uns ist, ist ge­gen uns, bas­ta!“ Das ist kein Satz aus dem Vo­ka­bu­lar der Auf­klä­rung. Das ist der Satz ei­nes Ap­pa­ra­tes, der kei­ne Wi­der­re­de dul­det.
Aber Wi­der­re­de muß sein, wenn sie da­durch Fak­ten klar­stellt, die ein­fach ver­schwie­gen wer­den sol­len. Und das tat ich 2016, als ich Frau Prof. Etschen­berg öf­fent­lich ver­tei­dig­te. und so mit klar stell­te: ich ma­che bei die­sem schwu­len Fa­schis­mus NICHT mit.

Ei­ne Be­we­gung, die einst dem Spie­ßer­tum den Kampf an­sag­te,
ist selbst zum größ­ten Spie­ßer ge­wor­den. Sie hat nur die Fah­ne aus­ge­tauscht. Der Spie­ßer von ges­tern be­stand auf Ord­nung, Sit­te und Kon­for­mi­tät und ver­folg­te al­le, die da­von ab­wi­chen. Der Spie­ßer von heu­te be­steht auf Re­gen­bo­gen­kon­for­mi­tät und ver­folgt al­le, die da­von ab­wei­chen. Das Mus­ter ist das­sel­be. Nur die Ku­lis­se hat ge­wech­selt.

Ich schä­me mich für die­se Ent­wick­lung.
Das ist kein rhe­to­ri­sches Schä­men, kein Lip­pen­be­kennt­nis. Es ist das Schä­men des­sen, der mit auf­ge­baut hat, was nun miß­braucht wird. Wer ein Haus baut und sieht, wie dar­in Din­ge ge­sche­hen, für die er nie ge­baut hat, der schämt sich.
Nicht aus Schwä­che.
Aus Wür­de.
Das Ro­sa Ar­chiv und die Karl-Hein­rich-Ul­richs-Ge­sell­schaft ha­ben seit vier­zig Jah­ren Auf­klä­rungs­ar­beit ge­leis­tet. Mit Herz und Ver­stand, wie ich 2014 schrieb. Mit Über­zeu­gung, mit Ge­duld, mit dem Re­spekt vor dem an­de­ren, auch vor dem, der an­de­rer Mei­nung ist. Das ist der Un­ter­schied zwi­schen Auf­klä­rung und Pro­pa­gan­da.
Auf­klä­rung la­det ein.
Pro­pa­gan­da be­fiehlt.

Die heu­ti­ge schwu­len Lob­by-Fa­schis­ten nö­ti­gen und be­feh­len!
Sie nennt es Auf­klä­rung. Das ist der äl­tes­te Trick der Welt und er funk­tio­niert nur so lan­ge, wie nie­mand laut ge­nug wi­der­spricht.
Ich wi­der­spre­che, laut wie im­mer.
Und im­mer wie­der!
Und mit vier­zig Jah­ren Rü­cken­de­ckung.
Und:
Es ist die bit­te­re Frat­ze ei­ner per­ver­tier­ten Eman­zi­pa­ti­on:
Einst trat ich an, die Schwu­len vor den He­te­ros zu ver­tei­di­gen.
Und heu­te ver­tei­di­ge ich als Schwu­ler die He­te­ros.
Wie sich doch Eman­zi­pa­ti­on än­dern kann.



- Teil 6 –
Der un­ver­meid­li­che Bumerang

Es gibt ein Ge­setz, das kei­ne Lob­by au­ßer Kraft set­zen kann,
das kein För­der­an­trag um­schreibt und das kein Mi­nis­te­ri­um­ser­laß auf­hebt. Es ist äl­ter als je­de Ver­fas­sung, äl­ter als je­der Staat, äl­ter als je­de or­ga­ni­sier­te Re­li­gi­on. Es lau­tet, schlicht und un­er­bitt­lich: wer die Frei­heit an­de­rer un­ter­gräbt, ver­liert über kurz oder lang sei­ne ei­ge­ne.
Das ist kein from­mer Wunsch.
Das ist Ge­schich­te.

Die Ja­ko­bi­ner der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on
schlu­gen im Na­men der Frei­heit Köp­fe ab, bis sie selbst un­ter der Klin­ge la­gen. Die Bol­sche­wi­ki be­frei­ten das Volk aus der Knecht­schaft des Za­ren und schu­fen ei­ne viel grö­ße­re Knecht­schaft, ge­gen die der Zar wie ein gut­mü­ti­ger On­kel wirk­te. Die Pu­ri­ta­ner flo­hen aus Eng­land vor re­li­giö­ser Ver­fol­gung und ver­folg­ten in der Neu­en Welt an­ders­gläu­bi­ge mit der­sel­ben In­brunst, die ih­nen selbst das Le­ben ver­gällt hat­te.
Das Mus­ter ist so alt wie der Mensch: wer un­ter­drückt wur­de, trägt die Ver­su­chung in sich, selbst zu un­ter­drü­cken, so­bald er die Ge­le­gen­heit da­zu hat. Nicht al­le er­lie­gen ihr. Aber vie­le tun es. Und Be­we­gun­gen, die kei­ne Selbst­kor­rek­tur ken­nen, er­lie­gen ihr fast im­mer.

Die heu­ti­ge Schwu­len- und Sze­ne­lob­by ist auf die­sem Weg.
Wäh­rend die Ja­ko­bi­ner noch rea­le Köp­fe for­der­ten, um ih­re Macht zu ze­men­tie­ren, agiert die heu­ti­ge Schwu­len­lob­by be­reits voll­kom­men kopf­los, da sie ih­re geis­ti­ge Grund­la­ge längst der ideo­lo­gi­schen Ver­blen­dung ge­op­fert hat. Die­se Be­we­gung braucht kei­ne frem­de Klin­ge mehr, um ge­rich­tet zu wer­den, denn sie voll­zieht ih­re Selbst­ent­haup­tung be­reits durch ihr täg­li­ches Han­deln.
Sie hat die Ge­le­gen­heit be­kom­men, sie hat Macht an­ge­häuft, sie hat In­sti­tu­tio­nen be­setzt, För­der­töp­fe ge­füllt, Mi­nis­te­ri­en er­reicht, Me­di­en ge­won­nen. Und sie hat aus die­ser Macht her­aus be­gon­nen, ge­nau das zu tun, wo­ge­gen sie einst an­ge­tre­ten ist: An­ders­den­ken­de – ja selbst Gleich­ge­sinn­te – zu ver­fol­gen, Mei­nun­gen zu un­ter­drü­cken, Men­schen mit Eti­ket­ten zu be­wer­fen statt mit Ar­gu­men­ten zu kon­tern.
Das ist der Bu­me­rang, der sich ge­ra­de in der Luft be­wegt.
Er wird lan­den. Nicht weil ich es wün­sche, son­dern weil Bu­me­ran­ge lan­den. Das ist ih­re Na­tur. Die Fra­ge ist nicht ob, son­dern wann und mit wel­cher Wucht.

Die Zei­chen sind be­reits sicht­bar,
für den, der hin­schaut oh­ne die Schutz­bril­le der Ge­fäl­lig­keit. In meh­re­ren eu­ro­päi­schen Län­dern wächst der ge­sell­schaft­li­che Wi­der­stand ge­gen die Lob­by­isie­rung des öf­fent­li­chen Raums. In Un­garn, wo ich heu­te le­be, hat man die­se Ent­wick­lung frü­her er­kannt als an­ders­wo und kla­re Gren­zen ge­zo­gen, mö­gen die­se Gren­zen im west­li­chen Dis­kurs auch als rück­stän­dig gel­ten. Was rück­stän­dig heißt und was vor­wärts­ge­wandt, das ent­schei­det nicht die lau­tes­te Stim­me. Das ent­schei­det die Zeit. In Po­len, in der Slo­wa­kei, in Tei­len Ita­li­ens, in wei­ten Tei­len der deut­schen Be­völ­ke­rung, die nicht ge­fragt wur­de, ob sie den Re­gen­bo­gen am Rat­haus ha­ben will, wächst ei­ne stil­le, aber be­stän­di­ge Ab­wehr. Nicht ge­gen Schwu­le. Ge­gen Be­vor­mun­dung. Das ist ein fei­ner, aber ent­schei­den­der Un­ter­schied, den die Lob­by ge­flis­sent­lich über­sieht, weil es ihr nützt, ihn zu über­se­hen.

Ich ha­be die­sen Bu­me­rang 2014 be­schrie­ben.
Ich ha­be ihn in mei­ner Ar­beit im Ar­chiv schon frü­her ge­spürt, in je­nen Jah­ren, als wir noch Auf­klä­rung mit Herz und Ver­stand be­trie­ben und nicht wie die ANDEREN mit Druck und Dro­hung. Da­mals sag­ten man­che Mit­strei­ter, ich sei zu pes­si­mis­tisch, zu miß­trau­isch, zu we­nig be­reit, den Fort­schritt zu fei­ern. Ich ant­wor­te­te ih­nen da­mals das­sel­be, was ich heu­te schrei­be: ich feie­re Fort­schritt ger­ne, aber ich feie­re ihn nicht, wenn er auf Kos­ten an­de­rer geht. Ich schrieb es oben schon ein­mal: Ich den­ke eben wei­ter, als ein Huhn scheißt, aber auch dar­an, wo das Ge­sam­mel­te am En­de lan­den soll.
Der Bu­me­rang wur­de ge­wor­fen, er ist be­reits im Rück­flug.

Und das Schlimms­te dar­an ist nicht,
daß die Lob­by da­von kei­nen Scha­den neh­men wird. Das Schlimms­te dar­an ist, daß all je­ne Scha­den neh­men wer­den, die wirk­lich auf Gleich­be­rech­ti­gung an­ge­wie­sen sind, die stil­len Schwu­len, Les­ben und die an­de­ren (se­xu­el­len) Min­der­hei­ten, die kein In­ter­es­se an Pa­ra­den ha­ben, die ih­ren All­tag le­ben wol­len oh­ne Auf­he­bens, die sich von der Lob­by ge­nau­so we­nig ver­tre­ten füh­len wie von ih­ren Geg­nern. Die­se Men­schen wer­den in die Haf­tung ge­nom­men für das, was lau­te Min­der­hei­ten (der gan­ze Que­er-Zir­kus) heu­te in­ner­halb ei­ner Min­der­heit an­ge­rich­tet hat. Das ist die ei­gent­li­che Un­ge­rech­tig­keit. Nicht die, über die die Lob­by re­det. Die, über die sie schweigt.
Ich schwei­ge dar­über nicht.
Der Bu­me­rang lehrt, wenn er lan­det, ei­ne ein­zi­ge Lek­ti­on: daß Frei­heit kei­ne Ein­bahn­stra­ße ist. Daß sie in bei­de Rich­tun­gen gilt oder in kei­ne. Daß ei­ne Be­we­gung, die das ver­gißt, nicht an ih­ren Geg­nern schei­tert, son­dern an sich selbst.

Ma­gnus Hirsch­feld und Karl Hein­rich Ul­richs wuß­ten es.
Wir wuß­ten es 1986 in Leip­zig, als wir in ei­ner Welt, die uns miß­trau­te, für das Recht auf An­ders­sein ein­tra­ten, oh­ne da­bei das Recht der ANDERN auf ihr ANDERSSEIN zu ver­ges­sen.
Die­ses Wis­sen ist noch nicht ver­lo­ren. Es war­tet. Es war­tet auf je­ne, die den Mut ha­ben, es wie­der aus­zu­spre­chen, laut, klar und oh­ne die Sche­re im Kopf, die der Ap­plaus der Mas­se schleift.
Ich spre­che es aus.
Hier und jetzt.
Mit mei­nem Na­men.
Wie im­mer.


- Teil 7 -
Was wirk­lich ech­te Schwu­len­freund­lich­keit wäre

Ich bin jetzt seit vier­zig Jah­ren in die­ser Sa­che ak­tiv.
Vier Jahr­zehn­te sind lang ge­nug, um nicht nur zu kri­ti­sie­ren, son­dern auch zu sa­gen, wie es an­ders ge­hen könn­te. Wer nur kri­ti­siert – wenn auch be­rech­tigt -, oh­ne Vor­schlä­ge zu ma­chen, der ist ein Jam­mer­lap­pen. Ich bin aber ganz si­cher kein Jam­mer­lap­pen. Ich bin im­mer po­si­tiv den­kend und dem Na­tur­recht zu­ge­tan und das kennt kei­ne ne­ga­ti­ven Ein­stel­lun­gen.

Al­so: was wä­re ech­te Schwu­len­freund­lich­keit?
Sie fängt da­mit an, daß man auf­hört, Schwul­sein zu ei­ner Ideo­lo­gie zu ma­chen. Ein Schwu­ler ist ein Mensch, der Män­ner liebt. Das ist al­les. Das ist nicht mehr und nicht we­ni­ger als die Tat­sa­che, daß ein Links­hän­der mit der lin­ken Hand schreibt. Es ist ei­ne Ei­gen­schaft, kein Pro­gramm, kei­ne Welt­an­schau­ung, kein po­li­ti­sches Amt. Wer aus die­ser schlich­ten Tat­sa­che ein ein­hun­dert­fünf­und­sieb­zi­ger For­de­rungs­pa­ket baut, der hat das We­sen der Sa­che ver­las­sen und das Ge­schäft be­tre­ten.

Ech­te Schwu­len­freund­lich­keit be­deu­tet:
Schluß mit der Selbst­ghet­toi­sie­rung. Der Schwu­le, der sich aus­schließ­lich über sei­ne Se­xua­li­tät de­fi­niert, der je­den Abend in den­sel­ben Lo­ka­len sitzt, der je­den Som­mer auf den­sel­ben Pa­ra­den mar­schiert, der je­des Ge­spräch frü­her oder spä­ter auf sein Schwul­sein lenkt, der hat sich in ein Ge­he­ge ge­sperrt, des­sen Git­ter er selbst ge­schmie­det hat. Das ist kei­ne Be­frei­ung. Das ist ei­ne an­de­re Art von Ge­fan­gen­schaft, bunt an­ge­stri­chen, aber bit­te­re Ge­fan­gen­schaft.
Ich ha­be im­mer un­ter Men­schen ge­lebt, He­te­ros, Schwu­le, Les­ben, Ci­gá­ny, Al­te, Jun­ge, Kon­ser­va­ti­ve, Rech­te, Lin­ke … Nicht weil ich ein Hei­li­ger bin, son­dern weil das für mich die Wirk­lich­keit ist. Die Wirk­lich­keit ist ge­mischt. Wer sich aus ihr her­aus­schält und nur noch sei­nes­glei­chen sucht, der ver­küm­mert. Der ver­liert den Maß­stab. Der hält sei­ne ei­ge­ne Bla­se für die Welt und wun­dert sich, wenn die Welt drau­ßen an­ders denkt.

Ech­te Schwu­len­freund­lich­keit be­deu­tet wei­ter:
Rück­be­sin­nung auf das In­di­vi­du­um. Nicht die Fah­ne, nicht die Pa­ra­de, nicht die Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on macht ei­nen Men­schen frei. Die ei­ge­ne Ent­schei­dung macht ihn frei, die er je­den Tag neu trifft: sein Le­ben nach sei­nem ei­ge­nen Maß zu füh­ren oh­ne es an­de­ren auf­zu­zwin­gen und oh­ne es sich von an­de­ren auf­zwin­gen zu las­sen.
Sou­ve­rä­ni­tät ist kein Ge­schenk der Lob­by. Sie ist das Er­geb­nis ei­ge­ner Ar­beit, ei­ge­nen Den­kens, ei­ge­ner Hal­tung.
Der sou­ve­rä­ne Schwu­le braucht kei­nen Re­gen­bo­gen am Rat­haus, um zu wis­sen, wer er ist. Er weiß es auch oh­ne das. Und ge­ra­de weil er es weiß, stört es ihn nicht, wenn der Nach­bar es an­ders sieht. Stär­ke braucht kei­ne stän­di­ge öf­fent­li­che Be­stä­ti­gung. Nur Un­si­cher­heit braucht das. Und ei­ne Be­we­gung, die nach Jahr­zehn­ten Gleich­stel­lungs­po­li­tik im­mer lau­ter und im­mer ag­gres­si­ver nach Be­stä­ti­gung ver­langt, ist kei­ne star­ke Be­we­gung.
Sie ist ei­ne ver­un­si­cher­te.
Und sie wird mit der Zeit im­mer schwä­cher!

Ech­te Schwu­len­freund­lich­keit be­deu­tet au­ßer­dem:
Re­spekt vor der Mehr­heit. Das klingt pa­ra­dox, ist es aber nicht. Die Mehr­heit hat das­sel­be Recht auf ih­re Nor­ma­li­tät wie die Min­der­heit auf ih­re An­ders­ar­tig­keit. Wer als Min­der­heit jah­re­lang da­für kämpf­te, nicht be­vor­mun­det zu wer­den, der ver­liert je­des mo­ra­li­sche Recht, die Mehr­heit zu be­vor­mun­den. Das ist kei­ne Fra­ge der Ge­sin­nung, das ist ei­ne Fra­ge der Fol­ge­rich­tig­keit. Wer den ei­nen Maß­stab für sich be­an­sprucht und den an­de­ren für sei­ne Geg­ner, der hat den Maß­stab nicht ver­stan­den. Er hat ihn nur als Waf­fe be­nutzt.

Ich schla­ge des­halb vor und die­ser Vor­schlag ist nicht neu,
ich ma­che ihn seit Jah­ren, daß die Schwu­len­be­we­gung, was von ihr noch üb­rig ist, die an Ver­nunft in­ter­es­siert ist, zu ih­ren Wur­zeln zu­rück­kehrt. Zu Hirsch­feld, zu Ul­richs, zu dem Ge­dan­ken, daß Frei­heit un­teil­bar ist. Daß sie ent­we­der für al­le gilt oder für nie­man­den. Daß ei­ne Min­der­heit, die die Frei­heit der Mehr­heit be­schnei­det, nicht Frei­heit mehrt, son­dern le­dig­lich die Rich­tung der Un­ter­drü­ckung än­dert.
Ich weiß der Vor­schlag war blöd, denn Ge­hör wird er in der Sze­ne wohl kaum fin­den.
Aber ich woll­te ihn ge­macht ha­ben.

Das Ro­sa Ar­chiv wur­de nicht ge­grün­det,
um ei­ne neue Herr­schaft zu er­rich­ten. Es wur­de ge­grün­det, um ei­ne al­te ab­zu­schaf­fen. Die­ser Un­ter­schied ist nicht klein. Er ist al­les.
Wer das ver­stan­den hat, der weiß, daß ech­te Schwu­len­freund­lich­keit still sein kann. Daß sie sich nicht auf­drängt. Daß sie ne­ben dem He­te­ro sitzt, oh­ne ihn zu be­leh­ren. Daß sie ANDERS als die ANDERN ist und ge­nau das als Reich­tum be­greift, als Bei­trag zur Viel­falt, der nur dann ein Bei­trag ist, wenn die ANDERN auch ANDERS sein dür­fen.

Das ist der Ge­dan­ke, für den ich 1986 an­ge­tre­ten bin.
Ich tre­te heu­te noch da­für an. Mit dem­sel­ben Rück­grat, mit dem­sel­ben kla­ren Blick und mit der ru­hi­gen Ge­wiß­heit des­sen, der weiß, daß er auf der rich­ti­gen Sei­te steht, nicht weil ei­ne Fah­ne es ihm sagt, son­dern weil sein Ge­wis­sen es ihm sagt und weil er sieht, was seit Jah­ren schief läuft.


- Nach­wort -

Vier­zig Jah­re sind ei­ne lan­ge Zeit.
Lang ge­nug, um zu se­hen, wie aus Sa­men Bäu­me wer­den und lang ge­nug, um zu se­hen, wie Bäu­me fal­len. Lang ge­nug, um Men­schen zu ken­nen, die für ei­ne Sa­che brann­ten und lang ge­nug, um zu er­le­ben, wie die­sel­be Sa­che zur Asche wur­de, weil die, die nach ih­nen ka­men, das Feu­er nicht mehr hü­te­ten, son­dern da­mit zün­del­ten.
Ich schrei­be die­sen Es­say nicht aus Bit­ter­keit. Bit­ter­keit ist das Ge­fühl de­rer, die et­was woll­ten und es nicht be­ka­men. Ich ha­be be­kom­men, was ich woll­te: das Recht, so zu le­ben, wie ich bin, ANDERS als die ANDERN, oh­ne mich da­für zu ent­schul­di­gen und oh­ne da­für zu kämp­fen, daß die ANDERN ge­nau­so wer­den wie ich. Das war mein Ziel. Es ist er­füllt.

Was mich an­treibt, ist et­was an­de­res.
Es ist die Pflicht des­sen, der da­bei war, der weiß, wie es war und der des­halb sa­gen kann, wie weit man sich da­von ent­fernt hat. Die Pflicht des Zeu­gen. Nicht des Rich­ters, nicht des Rä­chers, son­dern des Zeu­gen, der auf­steht und sagt: ich ha­be es an­ders er­lebt, ich ha­be es mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen und was ihr heu­te als Fort­schritt ver­kauft, das ist kei­ner.
Ich den­ke an mei­ne Mit­strei­ter von da­mals. An die Män­ner und auch Frau­en des Ro­sa Ar­chivs, der Karl-Hein­rich-Ul­richs-Ge­sell­schaft, an all je­ne, die in ei­ner Welt, die uns nicht woll­te, trotz­dem auf­recht gin­gen. Man­che von ih­nen le­ben nicht mehr. Man­che ha­ben sich längst aus al­lem zu­rück­ge­zo­gen, er­schöpft, ent­täuscht oder ein­fach alt ge­wor­den auf ei­ne wür­di­ge Art. Ich fra­ge mich manch­mal, was sie sa­gen wür­den, wenn sie sä­hen, was aus un­se­rem ge­mein­sa­men An­fang ge­wor­den ist. Ich glau­be, die meis­ten wür­den den­sel­ben Kopf schüt­teln, den ich schüt­te­le. Nicht weil wir Gest­ri­ge wä­ren. Son­dern weil wir wis­sen, wo­her wir ka­men.
Her­kunft ist kein Ma­kel. Sie ist ein Kompaß.

Mein Kompaß zeigt heu­te die­sel­be Rich­tung wie 1986:
Frei­heit für al­le, Zwang für nie­man­den, Auf­klä­rung mit Herz und Ver­stand und die un­er­schüt­ter­li­che Über­zeu­gung, daß ein Mensch, der ANDERS als die ANDERN ist, ge­ra­de des­halb ei­nen Bei­trag zur Ge­sell­schaft leis­ten kann, weil er den Mut hat, er selbst zu sein, oh­ne die­ses Selbst­sein zur Pflicht an­de­rer zu er­klä­ren.
Das ist kei­ne ra­di­ka­le Po­si­ti­on. Das ist die ur­sprüng­li­che. Und das Ur­sprüng­li­che hat die un­an­ge­neh­me Ei­gen­schaft, daß es bleibt, auch wenn man es über­streicht, auch wenn man es um­be­nennt, auch wenn man es mit bun­ten Fah­nen zu­hängt. Es bleibt, weil es wahr ist. Und die Wahr­heit, das ha­be ich in vier­zig Jah­ren ge­lernt, braucht kei­ne Lob­by. Sie braucht nur Men­schen, die den Mund auf­ma­chen.
Ich ma­che ihn auf.
So­lan­ge ich kann.
So­lan­ge es nö­tig ist.
Und nach al­lem, was ich se­he, wird es noch ei­ne Wei­le nö­tig sein.

HERZ­lichst und in der Über­zeu­gung des­sen,
der weiß, wo­für er steht,
Ro­sa von Zehnle.

- An­hang -

De­tail­lier­te Ein­bli­cke in die his­to­ri­sche Kon­ti­nui­tät
mei­ner Kri­ti­ken fin­den sich auch in den oben an­ge­kün­dig­ten Bei­trä­gen aus dem Jahr 2011, die den Zer­fall der Eman­zi­pa­ti­on sezieren:

Hier ist die voll­stän­di­ge Do­ku­men­ta­ti­on und die bild­haf­te Ana­ly­se der „He­te­ro­ali­sie­rung der Schwu­len­sze­ne“ von 2001 Ant­ago­nis­men: CSD West und CSD Ost „Nicht stolz be­wegt!“ zu finden.


Ro­sa von Zehn­le úr
Ùjud­var, 2026.06.06
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