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🇩🇪 Ma­gnus Hirschfeld´s Er­be er­neut in Ge­fahr? – Of­fe­ner Brief an Ralf Do­se von der Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft (MHG) – Ro­sa von Zehn­le: „Ralf, ich ste­he öf­fent­lich zu Dir!“ – 2. Bei­trag mei­ner Auf­satz­rei­he zu „40 Jah­re ROSA ARCHIV & Bi­blio­thek“ – ge­gr. 1986 in Leipzig

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Es gibt Mo­men­te, in de­nen Schwei­gen zur Mit­schuld wird. Die­ser öf­fent­li­che Brief tut et­was an­de­res und be­nennt ei­nen sol­chen: den Ver­rat ei­ner Be­we­gung an sei­nen Mit­grün­der, voll­zo­gen nicht von Fein­den, son­dern von Weg­ge­fähr­ten. Wer Ralf Do­se ist und war­um – au­ßer mir – heu­te nie­mand mehr zu ihm steht, kann man fol­gend le­sen. Scho­nungs­los und un­ter der Nen­nung von Na­men!

Lie­ber Ralf,

als ich von Dei­nem Schick­sal er­fuhr, hat es mich nicht mehr los­ge­las­sen. Mor­gens beim Auf­wa­chen. Abends beim Ein­schla­fen. Nachts, wenn man ei­gent­lich schla­fen soll­te. Ich bin seit 2014 im freie­ren Un­garn und sit­ze an mei­nem Schreib­tisch, weit weg von der BRD und ih­rem deut­schen Sze­ne­trei­ben mit sei­nen ewi­gen, meist völ­lig be­deu­tungs­lo­sen Emp­find­lich­kei­ten. Und trotz­dem hat mich die­ser Fall ein­ge­holt. Weil er mich an­geht. Weil er uns al­le an­geht, die wir da­bei wa­ren.
Ich ha­be lan­ge über­legt, ob ich re­agie­re oder schwei­ge. Ich ha­be mich am En­de ge­gen das Schwei­gen ent­schie­den, weil Schwei­gen in die­sem Fall Mit­schuld wä­re und Mit­schuld ist et­was, das ich mir in 40 Jah­ren noch nie ge­leis­tet habe.

Der In­halt die­ser The­men-Tri­lo­gie:
(Nicht der In­halt des fol­gen­den Auf­sat­zes!)

  • 1. Der um­fang­rei­che Auf­satz mit der Nen­nung von un­schö­nen Aus­sa­gen und ei­ni­ger Na­men der be­tei­lig­ten und un­be­tei­lig­ten Ak­teu­re … un­ten folgend.
  • 2. Die Bun­des­tags-Pe­ti­ti­on, hier nur ver­linkt, dort mehr zum Inhalt.
  • 3. Der Hör­bei­trag (deutsch­feind­lich: Pod­cast) hat 3 Tei­le und ist zu­sätz­lich mit 58 Schau­ta­feln versehen.

- Vor­be­mer­kun­gen -

Du kennst mich, Ralf,
wir ken­nen uns zwar nicht per­sön­lich aber den­noch seit um 1986. Du aus West-Ber­lin, ich da­mals aus Leip­zig, auf der an­de­ren Sei­te ei­ner Mau­er, die zu sei­ner Zeit noch sehr re­al war und sehr töd­lich. Was uns ver­band, war stär­ker als Be­ton, Sta­chel­draht und po­li­ti­sche Un­ter­schie­de: die über Gren­zen hin­weg ge­mein­sa­me Ar­beit mit Ma­gnus Hirsch­feld, die sei­ner Ge­schich­te, die sei­nes Er­bes und die Auf­ga­be für das, was er der Nach­welt hin­ter­las­sen hat­te, um es nicht dem Ver­ges­sen zu über­las­sen. Du hast dem Ro­sa Ar­chiv zu je­ner Zeit noch un­ter den Na­men „Freun­des­kreis Ro­sa Ar­chiv“ fun­gie­rend, im­mer und re­gel­mä­ßig das ak­tu­el­le Ma­te­ri­al der MHG zu­ge­schickt: kos­ten­los, über die Gren­ze, ob­wohl das ver­bo­ten war und ob­wohl es (für mich) Kon­se­quen­zen hät­te ha­ben kön­nen.
Die­ses Ma­te­ri­al steht heu­te noch im les­ben- und frau­en­quo­ten­frei­en Ro­sa Ar­chiv, das in die­sem Jahr 40 Jah­re jung wird.
Ich ha­be es nicht weg­ge­wor­fen.
Ich ha­be es nicht ver­steckt.
Es ist Teil Dei­ner und mei­ner Ge­schich­te und es ist Teil un­se­rer da­ma­li­gen ge­mein­sa­men Ar­beit zu Ma­gnus Hirsch­feld über tren­nen­de po­li­ti­sche Gren­zen hin­weg.

In mei­ner von 1990 bis 1994
er­schie­ne­nen bun­des­wei­ten GAY NEWS, die ab der 5. Aus­ga­be im ge­sam­ten deutsch­spra­chi­gen Eu­ro­pa ver­brei­tet war, ha­be ich die Ma­te­ria­li­en re­gel­mä­ßig vor­ge­stellt und der MHG dar­über hin­aus kos­ten­freie An­zei­gen ein­ge­räumt, als klei­nes Ge­gen­ge­wicht zu den vie­len Sach­spen­den, die sie uns zu DDR-Zei­ten zu­kom­men ließ.

Dann ka­men die 2000er Jah­re
und ein eBrief von Dir, in dem Du mir mit­teil­test, daß Du mit mir und mei­nem „ko­mi­schen Ver­lag“, so nann­test Du mei­nen 175er Ver­lag, den ich im Ju­ni 1990 noch in der DDR ge­grün­det hat­te, nichts mehr zu tun ha­ben woll­test.
Ich ha­be nie wirk­lich ver­stan­den, war­um. Wahr­schein­lich wa­ren es mei­ne Sze­ne-Kri­ti­ken, die ich im­mer ge­übt ha­be und die den Schwu­len­ak­ti­vis­ten nie ge­paßt ha­ben. Ich ha­be nie ge­mocht, was ich nicht gut fand und ich ha­be es ge­sagt, auch – und erst recht – wenn und weil es un­be­quem war. Ich ha­be das da­mals auf sich be­ru­hen las­sen, denn ich bin nicht emp­find­lich und schon gar nicht nach­tra­gend.

Heu­te sa­ge ich Dir:
Ich ha­be es Dir längst nicht mehr so übel ge­nom­men, wie Du an­neh­men könn­test, denn ich kann­te sol­che Ver­hal­tens­wei­sen mir ge­gen­über aus der Sze­ne und das nicht erst in der BRD, son­dern schon lan­ge zu­vor aus der DDR-Schwu­len­be­we­gung. Die ha­ben mich nie ge­mocht, weil ich im­mer al­le Fin­ger in die Wun­den ge­legt ha­be, wenn es an­ge­bracht war nicht zu heu­cheln und nicht Tat­sa­chen zu ver­dre­hen oder schön zu re­den. Das war da­mals mei­ne Art und das hat sich bis heu­te NICHT ge­än­dert.

Wie weit die­ses da­ma­li­ge De­nun­zi­an­ten­tum
in der Sze­ne reich­te (und es ist heu­te, un­ter an­de­rem Deck­man­tel, längst wie­der gang und gä­be), ha­be ich am ei­ge­nen Leib er­fah­ren, durch ei­nen Schwu­len aus den ei­ge­nen Rei­hen, der das De­nun­zie­ren von der STASI ge­lernt hat­te und nach dem En­de die­ser nach 1990 da­mit mun­ter wei­ter mach­te.
Das be­weist auch fol­gen­des Bei­spiel:
Als ich von 2012 bis 2013 die Bun­des­tags-Pe­ti­ti­on für die Re­ha­bi­li­tie­rung und Ent­schä­di­gung der we­gen § 175 Ver­ur­teil­ten in­iti­ier­te und mit knapp 6.000 Un­ter­schrif­ten (an der die ge­sam­te von Vol­ker Beck be­ein­fluß­te Schwu­len­lob­by NICHT teil­nahm) er­folg­reich dem Deut­schen Bun­des­tag über­gab (und die­se Pe­ti­ti­on in ei­nem Aus­schuß auch be­han­del­te), sorg­te ein ehe­ma­li­ger Sta­si­spit­zel mit gleich zwei IM-Na­men, al­so ein ge­wis­ser Det­lef Hüt­tig, da­für, um im­mer wie­der ge­gen mich vor­zu­ge­hen. Die­ser Typ hat­te ei­nen Groß­teil der Schwu­len­sze­ne im Auf­tra­ge der STASI un­ter „Kon­trol­le“ und be­spit­zel­te mich schon zu DDR-Zei­ten und de­nun­zier­te mich wei­ter nach der Wen­de, wo im­mer es ihm mög­lich war: bei Buch­au­to­ren, bei Pro­fes­so­ren, bei Zei­tun­gen. Er zeig­te mich so­gar we­gen der Ver­wen­dung ei­nes Ha­ken­kreu­zes an, das ich in ei­ner Pe­ti­ti­on gra­fisch ein­ge­setzt hat­te, nicht um Na­ti­onl-So­zia­lis­ten zu ver­herr­li­chen, son­dern um zu zei­gen, wie sich ein selbst­er­nann­ter Ju­den­has­ser öf­fent­lich äu­ßert.
Das Er­geb­nis: 850 Eu­ro Stra­fe, die ich ver­wei­ger­te und 10 Ta­ge Er­satz­haft, die ich mit Hun­ger­streik ver­brach­te, um so zu­sätz­lich auf die­ses un­ge­rech­te Ur­teil auf­merk­sam zu ma­chen. Wer al­so glaubt, mich mit ir­gend­et­was ein­schüch­tern zu kön­nen, hat mich schlicht nicht ver­stan­den.

Heu­te kommt mir eben die­se Kri­tik
nicht ge­gen Dich zu­gu­te, son­dern ge­gen je­ne, die Dich jahr­zehn­te­lang ge- und miß­braucht ha­ben, die von Dei­ner Ar­beit ge­zehrt ha­ben wie die Mis­tel schma­rot­zend auf ei­nem star­ken Baum und die Dich heu­te förm­lich und mit al­ler Wucht zur Sei­te sto­ßen, da­mit sie wei­ter ge­ra­de­aus mar­schie­ren kön­nen, als wärst Du ein läs­ti­ges Hin­der­nis auf dem Weg zu „sau­be­ren“ För­der­bi­lan­zen und „un­be­fleck­ten“ Ver­eins­pro­to­kol­len. Das ist kei­ne Ab­rech­nung. Das ist ei­ne Schan­de. Ei­ne Schan­de, die ich (wei­ter un­ten) beim Na­men und mit Na­men nen­nen wer­de, weil es sonst nie­mand tut.

Ich ste­he öf­fent­lich zu Dir Ralf.
Ich be­ken­ne mich da­zu, daß Du Dich in der Ar­beits­ge­mein­schaft Hu­ma­ne Se­xua­li­tät (AHS) in frü­he­ren Jah­ren auch mit The­men wie der Pä­do-Se­xua­li­tät be­faßt hast, die da­mals Ge­gen­stand ei­nes wirk­lich sehr brei­ten ge­sell­schaft­li­chen Dis­kur­ses wa­ren. Dar­an nah­men Schwu­len­ver­bän­de, Ver­tre­ter der Grü­nen, der SPD, der FDP, der CSU und an­de­re eben­so teil wie Se­xu­al­wis­sen­schaft­ler, Re­form­päd­ago­gen, Kin­der­schutz­ver­bän­de und man kann es heu­te kaum noch glau­ben, auch der Bun­des­rat.
Sie al­le pfleg­ten re­gen Kon­takt zur AHS, die die­ses The­ma als ei­nen von vie­len Be­rei­chen in­ner­halb ei­ner sach­li­chen wis­sen­schaft­li­chen und auf­klä­ren­den Ar­beit be­han­del­te. Daß selbst der zu sei­ner Zeit weit be­kann­te Se­xu­al­auf­klä­rer Os­wald Kol­le Mit­glied der AHS wur­de, zeigt, wie tief die­se dis­kus­si­ons­freu­di­ge Har­mo­nie al­len se­xu­el­len The­men ge­gen­über reich­te und al­le Schich­ten er­faß­te.
Auch das ZDF und an­de­re Me­di­en­häu­ser be­tei­lig­ten sich an die­sem Dis­kurs und selbst das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz rich­te­te An­fra­gen an die AHS, was de­ren fach­li­che An­er­ken­nung und ge­sell­schaft­li­che Ein­bin­dung zwei­fels­frei be­legt.

Ich ha­be da­zu Gra­fi­ken zu­sam­men­ge­stellt
(rech­te Spal­te), die ei­nen klei­nen Quer­schnitt bil­det und zeigt, wie breit und von ge­gen­sei­ti­gem Re­spekt ge­prägt die­ser ge­sell­schaft­li­che Kon­sens ver­lief. Heu­te exis­tiert kein dis­kus­si­ons­freu­di­ger Kon­sens mehr; an sei­ne Stel­le ist ein ge­sell­schafts­zer­stö­ren­der, de­struk­ti­ver Dis­sens ge­tre­ten, der nicht nur Men­schen ver­nich­tet und Ge­schich­te ver­fälscht, son­dern die ehe­ma­li­gen Ak­teu­re als mo­ra­lisch ver­kom­me­ne Rand­fi­gu­ren stig­ma­ti­siert, um je­de sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung im Keim zu er­sti­cken.

Ich ste­he öf­fent­lich da­zu, weil ich da­mals da­bei war
und es er­leb­te und ich ste­he da­zu, mich noch heu­te öf­fent­lich auch für die ech­te na­tür­li­che Pä­do­phi­lie ein­zu­set­zen. Nicht im Sin­ne der Be­deu­tung des heu­ti­gen Zeit­geis­tes, son­dern im Sin­ne ech­ter wis­sen­schaft­lich-fun­dier­ter Ba­sis, al­ler­dings nicht die der Ak­tu­el­len.
Lei­der ist die ur­sprüng­li­che Se­xu­al­wis­sen­schaft heu­te zeit­geist­ver­kom­men, was ich hier nicht wei­ter aus­füh­ren möch­te. Mein da­zu aus­führ­li­cher zwei­ge­teil­ter Hör­bei­trag (deutsch­feind­lich: Pod­cast) zeigt das heu­ti­ge wis­sen­schafts­feind­li­che „Sys­tem der Ge­fäl­lig­kei­ten“ und war­um wah­re Auf­klä­rung nie­mals käuf­lich sein darf, deut­lich auf. Hier ist da­zu die kur­ze re­dak­tio­nel­le Ein­füh­rung.

Ich ste­he zu Dir Ralf,
weil ich die­se Zeit der Auf­klä­rung selbst er­lebt ha­be. Weil ich es be­le­gen kann, in mei­ner GAY NEWS, im Re­gal mei­nes Ar­chivs, in den üp­pig ge­füll­ten Ord­nern. In mei­nem Ar­chiv la­gern zwan­zig prall ge­füll­te AHS-Ak­ten­ord­ner, die das Wir­ken der AHS von ih­ren An­fän­gen bis in die frü­hen zwei­tau­sen­der Jah­re do­ku­men­tie­ren. In die­sem um­fang­rei­chen Be­stand fin­det sich nicht ein ein­zi­ger Be­leg für die Vor­wür­fe, die heu­te ge­gen Dich er­ho­ben wer­den. Es ist be­zeich­nend, daß be­reits ein öf­fent­li­ches Ur­teil ge­fällt wur­de, noch be­vor das an­ge­kün­dig­te Schein­gut­ach­ten über­haupt er­stellt ist. Die­ses al­ber­ne Gut­ach­ten wird letzt­lich rei­ne Ma­ku­la­tur blei­ben, da es sich nicht an den da­ma­li­gen Ge­ge­ben­hei­ten ori­en­tiert, son­dern den For­de­run­gen des heu­ti­gen Zeit­geis­tes fol­gen wird. Es geht nicht mehr um Klä­rung, son­dern aus­schließ­lich um Vor­ver­ur­tei­lung, was man ja be­reits tat oh­ne Be­le­ge, Be­wei­se und oh­ne sach­kun­di­ges Ma­te­ri­al auf den Tisch zu le­gen und noch ein­mal: es geht dar­um zu ver­ur­tei­len und nicht dar­um, die An­ge­le­gen­heit sach­lich und fair zu klä­ren.
Wie ver­lo­gen das heu­te doch al­les ist!
Man kann es kaum glau­ben, aber lei­der muß man es glau­ben.

Lie­ber Ralf,
Ich bin ge­ne­rell in je­der Sa­che un­an­greif­bar und das sa­ge ich oh­ne je­de Ko­ket­te­rie. Ich ha­be in 40 Jah­ren kei­ner­lei be­din­gen­de För­der­mit­tel an­ge­nom­men. Ich ha­be mich nie­mals ei­nem Ver­ein, ei­ner Par­tei, ei­ner Stif­tung oder an­de­ren In­stan­zen an­ge­bie­dert, um mei­ne Ar­beit zu fi­nan­zie­ren. Ich schul­de nie­man­dem et­was und des­we­gen kann mir auch nie­mand dro­hen. Soll­te man mich nach die­sem Brief an­grei­fen wol­len, was ich für reich­lich un­wahr­schein­lich hal­te, dann wird mir das schlicht und er­grei­fend am Arsch vor­bei­ge­hen. Und je lau­ter man mir den Mund ver­bie­ten woll­te, des­to wei­ter ha­be ich ihn in der Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der auf­ge­macht. Das ist in 40 Jah­ren so ge­blie­ben und dar­an wird sich auch künf­tig NICHTS än­dern.

Was mich nun nach kur­zem Schwei­gen
doch an den Schreib­tisch trieb, ist nicht Nost­al­gie. Es ist der lä­cher­li­che An­blick ei­ner eins­ti­gen stol­zen Schwu­len­sze­ne, die heu­te un­auf­hör­lich von To­le­ranz re­det, von Frei­heit und De­mo­kra­tie fa­selt, von der Wür­de des An­ders­den­ken­den, aber in Wirk­lich­keit die in­to­le­ran­tes­te Min­der­heit ge­wor­den ist, der ich je be­geg­net bin, so­bald es dar­um geht, ei­nen der ih­ren nicht mehr zu schüt­zen, da er des Zeit­geis­tes we­gen un­be­quem ge­wor­den ist.
Das ist Ver­rat, Ver­rat der übels­ten Art!
Ver­rat aus den ei­ge­nen Rei­hen.

Aber Ralf, Du bist nicht ge­fal­len,
Du wur­dest zwar an­ge­grif­fen und ver­sto­ßen: wer je­doch an­ge­grif­fen und ver­sto­ßen wird, ver­dient zu­min­dest ei­nen Men­schen, der dies öf­fent­lich aus­spricht und oh­ne Scheu zu ihm steht – erst recht, wenn es um sol­che Heu­che­lei und Ver­lo­gen­heit geht, wie in Dei­nem Fall. Die­sen Men­schen fin­dest Du in mir, denn ich bin wohl der Ein­zi­ge aus der ge­sam­ten Schwu­len­be­we­gung, der die­sen Weg geht.
Auch wenn wir kei­ne Freun­de wa­ren oder heu­te sind, so ha­ben wir uns bei­de doch dem­sel­ben Mann ge­gen­über ver­pflich­tet ge­fühlt und tun es heu­te noch: Ma­gnus Hirsch­feld.
Ge­ra­de des­halb schät­ze ich Dei­ne 44-jäh­ri­ge Hirsch­feld-Ar­beit zu­tiefst, denn kol­le­gia­le Wert­schät­zung er­for­dert kei­ne per­sön­li­che Freund­schaft.
Ro­sa von Zehn­le
Un­garn – 17.6. – 2026


- Ein­lei­tung -

Die­ser öf­fent­li­che Brief ist kein Nach­ruf
und kei­ne Ver­tei­di­gungs­schrift. Er ist ein öf­fent­li­ches Zeug­nis, ab­ge­legt von je­man­dem, der da­bei war und der heu­te, im Ju­ni 2026, nicht zum in­halt­li­chen Vor­fall schwei­gen will.

Er er­scheint als 2. Teil ei­ner 44-teil­i­gen Auf­satz­se­rie,
die ich an­läß­lich des 40-jäh­ri­gen Be­stehens mei­nes Ro­sa Ar­chiv und Bi­blio­thek, ge­grün­det 1986 in Leip­zig, bis zum Jahr 2030, der 44.-jährigen Exis­tenz, ver­öf­fent­li­che. In die­ser Rei­he geht es um Men­schen, Er­eig­nis­se und Ent­wick­lun­gen, die das Ro­sa Ar­chiv und sei­ne Ge­schich­te ge­prägt ha­ben. Ralf Do­se und die Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft ge­hö­ren un­trenn­bar da­zu.
Der Brief ist in sie­ben Tei­le ge­glie­dert, de­nen obi­ges Vor­wort und die Ein­lei­tung vor­an­ge­stellt sind und sich wie folgt glie­dert.
Sie­he rech­te Spal­te oben.

Wer die­sen öf­fent­li­chen Brief liest,
wird am En­de er­ken­nen, wie die heu­ti­ge Be­we­gung aus­sieht, die Tag für Tag von To­le­ranz spricht und Tag für Tag ge­nau je­ne Men­schen vor den Kopf stößt, die ihr Ver­trau­en, ih­re Zeit, ih­re Ar­beit und ih­re Loya­li­tät ein­ge­bracht ha­ben und ei­ne ge­ra­de­zu prak­ti­zier­te und in­fla­tio­nä­re Un­dank­bar­keit an den Tag legt, nicht nur nach au­ßen, son­dern auch in den ei­ge­nen Rei­hen.
Und wer die­sen Bei­trag bis zum En­de liest, wird wis­sen, daß es noch Men­schen gibt, die die­sen Wi­der­spruch se­hen und nicht be­reit sind, ihn schwei­gend hin­zu­neh­men.

Auch wenn von ih­nen kaum mehr als ei­ne Hand­voll ge­blie­ben ist. Und zu die­ser Hand­voll Men­schen ge­hör­te ich schon im­mer. Viel­leicht ge­ra­de auch des­halb, weil ei­ne aus­ge­streck­te Hand mehr ver­bin­det als tau­send er­ho­be­ne Arme.

Ei­ne Auf­satz-Se­rie zum
40-jäh­ri­gen Be­stehen:

Die hier do­ku­men­tier­ten Ana­ly­sen ge­hen zu­rück bis zum Grün­dungs­jahr 1986.
2. von 44 in­halts­rei­chen und kri­ti­schen Auf­sät­zen.
- – - – - – -
Wer mir schrei­ben möch­te, aber nicht als öf­fent­li­chen Kom­men­tar, bit­te an:
info@rosa-archiv.de
Gern auch Kommentare!


Of­fe­ner Brief an
Ralf Do­se von der MHG!
Ro­sa von Zehn­le:
„Lie­ber Ralf,
ich ste­he zu Dir!
Ich wert­schät­ze Dei­ne

ge­leis­te­te Ar­beit
der letz­ten

44 Jah­re!
Da­für gro­ßen Dank!“

Mir ist wurscht,
was die an­de­ren
da­von hal­ten!

I n h a l t :

  • Vor­be­mer­kun­gen
    (Et­was län­ger als gewohnt!)
  • Ein­lei­tung
  • Teil 1
    „Vier­zig Jah­re auf dem­sel­ben Weg“
    und schil­dert den ge­mein­sa­men Ar­beits­kon­takt zwi­schen dem Ro­sa Ar­chiv und der Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft Ber­lin seit 1985, den Brief­wech­sel, den Ma­te­ri­al­ver­sand über die in­ner­deut­sche Gren­ze und was dar­aus bis zur Wen­de ge­wor­den ist.
  • Teil 2 
    wid­met sich Ralf Do­ses
    wis­sen­schaft­li­chem Le­bens­werk:

    40 Jah­re For­schung zu Ma­gnus Hirsch­feld, zur Ge­schich­te der Se­xu­al­wis­sen­schaft und zur Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung. Was er ge­leis­tet hat und was da­von bleibt, un­ab­hän­gig da­von, was der Zeit­geist heu­te dar­über denkt.
  • Teil 3 
    stellt den his­to­ri­schen Kon­text der 1970er, 1980er bis An­fang der 1990er Jah­re dar.
    Es war ei­ne Zeit, in der der Dis­kurs über Se­xua­li­tät, Eman­zi­pa­ti­on und ge­sell­schaft­li­che Rand­grup­pen quer durch Schwu­len­be­we­gung, Grü­ne, Wis­sen­schaft und Re­form­päd­ago­gik ge­führt wur­de. Wer das heu­te ver­ges­sen will, lügt sich in die ei­ge­ne Tasche.
  • Teil 4 
    wirft die volks-phi­lo­so­phi­sche und recht­li­che Grund­fra­ge auf:
    Kann man ei­nen Men­schen nach Maß­stä­ben ver­ur­tei­len, die es zum Zeit­punkt sei­nes Han­delns schlicht nicht gab? Das Tri­bu­nal der Nach­ge­bo­re­nen als in­tel­lekt­lo­ses und amo­ra­li­sches Problem.
  • Teil 5 be­schreibt,
    wie die eins­ti­ge Sub­kul­tur­be­we­gung zur Hü­te­rin des herr­schen­den Dis­kur­ses wur­de:
    För­der­gel­der als Zü­gel, staat­li­che An­er­ken­nung als Zäh­mung, in­sti­tu­tio­nel­le Ab­hän­gig­keit als Schweigepflicht.
  • Teil 6 schwer­wie­gend und hat den Ti­tel „Die Be­we­gung frißt ih­re Bes­ten“
    und be­nennt beim Na­men und was ge­sche­hen ist: ei­ne Be­we­gung, die ih­re ei­ge­nen Grün­der op­fert, um sich nach au­ßen zu „rei­ni­gen“. Mit Quel­len, mit Na­men und oh­ne Beschönigung.
  • Teil 7
    schließt mit dem Ti­tel „Hal­tung oh­ne Ap­plaus, aber mit Rück­grat“.
    Es ist mein per­sön­li­ches Schluß­wort: war­um ich heu­te öf­fent­lich zu Ralf Do­se ste­he, was Freund­schaft über Jahr­zehn­te und trotz Dif­fe­ren­zen be­deu­tet und was der Zeit­geist da­mit (nicht) an­fan­gen kann.
  • Nach­wort und Fazit
  • Ein letz­ter Ge­dan­ke, den ich mir nicht ver­knei­fen kann!


Der brei­te ge­sell­schaft­li­che Kon­sens der AHS
in den 1980er-1990er
Jah­ren in zahl­rei­chen
Ab­bil­dungs­bei­spie­len
:


- Teil 1 -
Vier­zig Jah­re auf dem­sel­ben Weg

Es gibt Ver­bin­dun­gen,
die kei­ne Ur­kun­de brau­chen und kei­nen Ver­eins­stem­pel. Sie ent­ste­hen ein­fach, weil zwei Men­schen zur glei­chen Zeit an der­sel­ben Sa­che ar­bei­ten, aus dem­sel­ben An­trieb her­aus, mit den­sel­ben Mit­teln: Bü­cher, Brie­fe, Hart­nä­ckig­keit.
1986 war ich 26 Jah­re jung und be­trieb seit 1985 den „Freun­des­kreis Ro­sa Ar­chiv“ (FKRA), der eben 1986 und bis heu­te das Ro­sa Ar­chiv und Bi­blio­thek ist und das in die­sem Jahr sein 40-jäh­ri­ges Be­stehen nach­wei­sen kann. Ein Ar­chiv oh­ne Geld, oh­ne För­de­rung, oh­ne staat­li­che Rü­cken­de­ckung, in ei­nem Land, das sol­che In­itia­ti­ven nicht moch­te und ei­gent­lich nicht dul­de­te. Ein Ar­chiv, das trotz­dem exis­tier­te, weil es exis­tie­ren muß­te.

Du, Ralf, warst zu die­ser Zeit
be­reits seit vier Jah­ren Mit­be­grün­der und Ge­schäfts­füh­rer der Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft in West-Ber­lin, ei­ner In­sti­tu­ti­on, die sich dem Er­be Ma­gnus Hirsch­felds ver­schrie­ben hat­te, je­nem Arzt und Se­xu­al­wis­sen­schaft­ler, der 1919 in Ber­lin das ers­te In­sti­tut für Se­xu­al­wis­sen­schaft der Welt ge­grün­det hat­te und des­sen Werk die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1933 zum größ­ten Teil ver­brann­ten und zer­stör­ten.
Was uns zu­sam­men­brach­te, war al­so Ma­gnus Hirsch­feld. Nicht als Le­gen­de, nicht als Denk­mals­fi­gur, son­dern als Auf­ga­be. Die Auf­ga­be, sein Werk zu be­wah­ren, sei­ne Ge­schich­te zu er­for­schen und da­für zu sor­gen, daß das, was noch vor­han­den war, Puz­zle­teil für Puz­zle­teil neu zu­sam­men­ge­fügt und für al­le Zu­kunft ar­chi­viert wird.

Un­ser Brief­wech­sel be­gann,
wie vie­le wich­ti­ge Din­ge be­gin­nen: un­spek­ta­ku­lär.
Ein Brief hier­hin, ei­ne Ant­wort dort­hin. Dann Ma­te­ria­li­en, Pu­bli­ka­tio­nen, Mit­tei­lun­gen der Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft, Auf­sät­ze, Do­ku­men­ta­tio­nen. Das al­les kam über die in­ner­deut­sche Gren­ze, von West nach Ost, auf ei­nem Weg, der of­fi­zi­ell nicht exis­tie­ren durf­te und der für mich nicht oh­ne Ri­si­ko war, denn was ich mach­te, war nach DDR-Straf­recht ver­folg­bar und konn­te mit Ge­fäng­nis ge­ahn­det wer­den.
Ich ha­be das da­mals wie heu­te nie als Selbst­ver­ständ­lich­keit be­trach­tet. In ei­nem Land, in dem der Post­weg über­wacht wur­de und in dem un­er­wünsch­te Li­te­ra­tur be­schlag­nahmt wer­den konn­te, war je­des Pa­ket, das an­kam, ein klei­ner Sieg ge­gen die Dumm­heit des Sys­tems.

Zu­dem war ge­nau das Ma­te­ri­al was ich sam­mel­te, in der DDR nur in gro­ßen Bi­blio­the­ken ein­seh­bar, wenn man ei­nen wis­sen­schaft­li­chen Nach­weis ei­ner DDR-In­sti­tu­ti­on vor­le­gen konn­te. Und die­sem be­kam kei­ner, der nicht zur The­ma­tik stu­dier­te. Ich be­kam hin und wie­der et­was aus dem Gift­schrank der Leip­zi­ger „Deut­schen Bü­che­rei“ (heu­te Deut­sche Na­tio­nal­bi­blio­thek), da ich als Fleisch- und Wurst­ver­käu­fer in ei­ner pri­va­ten Flei­sche­rei mit Schwei­ne­lend­chen und Koch­schin­ken auf­war­ten konn­te, die es fast nur un­ter dem La­den­tisch zu kau­fen gab.
Das war DDR-All­tag und je­der mach­te das Bes­te dar­aus.

Ralf, Dei­ne Ma­te­ria­li­en aus je­ner Zeit sind heu­te noch vor­han­den.
Sie ste­hen im Ro­sa Ar­chiv, ge­ord­net und sind un­ter dem Bi­blio­theks­sie­gel L 333, das im Sigel­ver­zeich­nis der Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz ein­ge­tra­gen ist, als Be­stand für die Zu­kunft ge­si­chert. Sie sind kein pri­va­tes An­denken, son­dern Teil ei­nes öf­fent­li­chen, wis­sen­schaft­lich an­er­kann­ten Be­stan­des. Wer al­so be­haup­ten woll­te, un­se­re Zu­sam­men­ar­beit ha­be nie statt­ge­fun­den oder sei be­deu­tungs­los ge­we­sen, der mö­ge sich auf den Weg der kur­zen Su­che ma­chen, nach­se­hen und fest­stel­len, wie es wirk­lich ist.

Dann kam die Wen­de und sie ver­än­der­te vie­les. Die Mau­er fiel, die DDR ver­schwand und mit ihr die äu­ße­ren Be­din­gun­gen, die un­se­re Zu­sam­men­ar­beit ge­prägt hat­ten. Was blieb, war die Ar­beit selbst. Ich grün­de­te im Ju­ni 1990, in den letz­ten Wo­chen der DDR, den 175er Ver­lag, be­nannt nach dem Pa­ra­gra­phen, der männ­li­che Ho­mo­se­xua­li­tät un­ter Stra­fe ge­stellt hat­te, aber end­gül­tig erst 1994 rest­los viel. – Ein Ver­lag oh­ne Ka­pi­tal, oh­ne Netz und oh­ne Ap­plaus, aber mit ei­nem kla­ren Auf­trag.

Dann, ir­gend­wann in den 2000er Jah­ren, kam ei­ne ePost von Dir.
Du woll­test mit mir und dem „ko­mi­schen Ver­lag“ nichts mehr zu tun ha­ben. Ich ha­be dar­über nach­ge­dacht, wahr­schein­lich zu lan­ge. Mei­ne Kri­ti­ken an der Schwu­len­sze­ne, die ich im­mer ge­übt hat­te und nie zu­rück­ge­hal­ten ha­be, mö­gen Dich ge­stört ha­ben. Viel­leicht war es auch et­was an­de­res, das ich bis heu­te nicht wirk­lich ken­ne, ich aber ver­mu­te. Ich ha­be es auf sich be­ru­hen las­sen, weil ich ge­lernt ha­be, daß man­che Din­ge kei­ne Er­klä­rung be­nö­ti­gen und daß man trotz­dem wei­ter­ar­bei­ten kann.
Was ich aber nicht auf sich be­ru­hen las­se, ist das, was heu­te mit Dir ge­schieht.
40 Jah­re ha­ben wir auf dem­sel­ben Weg ge­ar­bei­tet, Du in Ber­lin, ich in Leip­zig und spä­ter in Un­garn.
40 Jah­re, in de­nen Du För­der­gel­der be­kamst und ich kei­nen Pfen­nig öf­fent­li­che Gel­der in An­spruch ge­nom­men ha­be, wir aber bei­de ge­trennt und den­noch the­ma­tisch ver­bun­den, ta­ten, was uns wirk­lich wich­tig war.
40 Jah­re, in de­nen wir bei­de wuß­ten, was Ab­hän­gig­keit be­deu­tet, aber auch 40 Jah­re was Un­ab­hän­gig­keit be­deu­tet.
Je­der aus sei­ner Sicht.

Heu­te stehst Du „al­lein“ da.
Nicht weil Du ge­fal­len wärst, son­dern weil die, die ne­ben Dir stan­den, im ent­schei­den­den Mo­ment die Sei­te ge­wech­selt ha­ben. Das nen­ne ich nicht Über­zeu­gungs­wan­del. Das nen­ne ich Feig­heit mit An­sa­ge.
Für mich stehst Du nicht al­lein da.
Die Zahl der Weg­ge­fähr­ten mag klei­ner ge­wor­den sein, doch auf die Zahl kam es nie an. Cha­rak­ter zeigt sich dar­an, ob man sei­nen Idea­len treu bleibt oder sie dem je­wei­li­gen Zeit­geist op­fert.
Und ich sa­ge das öf­fent­lich, weil es öf­fent­lich ge­sagt wer­den muß.


- Teil 2 -
Ralf Do­se und sein Lebenswerk

Es gibt Men­schen, die Ge­schich­te schrei­ben
und es gibt Men­schen, die Ge­schich­te be­wah­ren und Ralf Do­se ge­hört zur zwei­ten, sel­te­ne­ren Art. Nicht die, die im Ram­pen­licht ste­hen und Re­den hal­ten, son­dern die, die in Ar­chi­ven sit­zen, Nach­läs­se durch­fors­ten, Brie­fe ent­zif­fern, Kar­tei­kar­ten an­le­gen und da­für sor­gen, daß das, was ge­we­sen ist, nicht ein­fach ver­schwin­det, weil es nie­man­den mehr gibt, der es sich mer­ken will.
Und dann gibt es noch Men­schen die Ge­schich­te zer­stö­ren und das sind die die sich heu­te dem Zeit­geist an­bie­dern und Ge­schich­te dar­stel­len wol­len, wie sie eben nicht war.
Und!
Es gibt Men­schen, die Ge­schich­te ver­nich­ten.
Wer sich er­tappt fühlt, mö­ge vor Scham im Bo­den ver­sin­ken.
Denn wer Ge­schich­te ver­nich­tet, ver­liert nicht nur den Re­spekt vor der Ver­gan­gen­heit selbst, son­dern auch vor den Men­schen, die sie er­lebt und be­wahrt ha­ben.

Seit 1971 war Do­se in der West­ber­li­ner Schwu­len­be­we­gung ak­tiv,
zu ei­ner Zeit, als das noch et­was be­deu­te­te: als männ­li­che Ho­mo­se­xua­li­tät in der BRD un­ter dem be­rüch­tig­ten Pa­ra­gra­phen 175 teil­wei­se noch un­ter Stra­fe stand und als schwul zu sein be­deu­te­te, sich täg­lich ge­gen ei­ne Ge­sell­schaft zu be­haup­ten, die Schwu­le ent­we­der igno­rier­te, be­straf­te oder be­mit­lei­de­te. Er hat die­se Zeit nicht nur er­lebt, er hat sie ak­tiv ge­stal­tet und do­ku­men­tiert.

1982, elf Jah­re nach sei­nem ers­ten En­ga­ge­ment,
war er Mit­be­grün­der der Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft, die in der Woh­nung von Hans-Gün­ter Klein ins Le­ben ge­ru­fen wur­de. Der An­laß war kon­kret: das 50-jäh­ri­ge Ge­den­ken an die na­tio­nal-so­zia­lis­ti­sche Macht­über­nah­me von 1933 stand be­vor und es zeich­ne­te sich ab, daß bei den of­fi­zi­el­len Ver­an­stal­tun­gen ei­ne Op­fer­grup­pe aber­mals ver­ges­sen wer­den wür­de, so wie sie jahr­zehn­te­lang ver­ges­sen wor­den war: die Ho­mo­phi­len. Do­se und sei­ne Mit­strei­ter ha­ben das nicht hin­ge­nom­men.

Was folg­te, wa­ren über 40 Jah­re un­un­ter­bro­che­ne wis­sen­schaft­li­che Ar­beit. Nicht ge­le­gent­lich, nicht ne­ben­her, son­dern als Le­bens­auf­ga­be. Die Ge­schich­te des In­sti­tuts für Se­xu­al­wis­sen­schaft, das Ma­gnus Hirsch­feld 1919 in Ber­lin ge­grün­det hat­te, wur­de von Do­se und sei­nen Mit­ar­bei­tern Stück für Stück re­kon­stru­iert. Brie­fe, Fo­tos, Do­ku­men­te, Bio­gra­fien der Mit­ar­bei­ter, Nach­läs­se, Ver­bin­dun­gen zu Ar­chi­ven in al­ler Welt: das al­les ist das stil­le, ge­dul­di­ge, un­spek­ta­ku­lä­re Hand­werk ei­nes Man­nes, der ver­stand, daß Ge­schich­te nicht von selbst über­lebt.

Zu den be­deu­ten­den Er­geb­nis­sen
die­ser Ar­beit ge­hö­ren zahl­rei­che Pu­bli­ka­tio­nen und die Mit­tei­lun­gen der Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft, die seit 1983 er­schei­nen und die heu­te auch als Stan­dard­quel­le zur Ge­schich­te der Hirschfeld´schen Se­xu­al­wis­sen­schaft gel­ten. Da­zu kom­men Aus­stel­lun­gen, Buch­bei­trä­ge, ge­mein­sa­me Pro­jek­te mit in­ter­na­tio­na­len Ar­chi­ven und die jah­re­lan­ge Zu­sam­men­ar­beit mit un­zäh­li­gen For­schern, die mit Do­se ge­mein­sam um­fang­rei­che Do­ku­men­ta­tio­nen zum und über das In­sti­tut für Se­xu­al­wis­sen­schaft ver­öf­fent­lich­ten. Das Er­geb­nis die­ser Mü­hen ist nicht weg­zu­dis­ku­tie­ren und nicht weg­zu­schwei­gen: es steht in Bi­blio­the­ken, in Ar­chi­ven, in Fuß­no­ten und in dem kol­lek­ti­ven Wis­sen all je­ner, die sich heu­te mit Ma­gnus Hirsch­feld be­schäf­ti­gen.

Und ge­nau das ist der Kern der Un­ver­schämt­heit des­sen,
was heu­te ge­schieht.
Wer Ralf Do­se heu­te an die Wand stellt, stellt da­mit auch sein Werk an die Wand. Wer sei­ne För­der­gel­der streicht und ihm den Rü­cken kehrt, der kehrt da­mit auch Ma­gnus Hirsch­feld den Rü­cken, dem Mann, in des­sen Na­men die Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft ge­grün­det wur­de und in des­sen Na­men sie jahr­zehn­te­lang Gel­der ein­ge­wor­ben hat. Man kann nicht Hirsch­feld fei­ern und Do­se fal­len las­sen. Man kann nicht auf Hirsch­felds Schul­tern ste­hen und gleich­zei­tig dem Mann ins Ge­sicht tre­ten, der die­se Schul­tern auf­ge­baut hat.

Do­se hat für die­se Ar­beit kein Ver­mö­gen ge­macht. Er hat kein gro­ßes Haus ge­baut, kei­ne Kar­rie­re im aka­de­mi­schen Be­trieb ver­folgt, kei­ne Pro­fes­sur ein­ge­nom­men. Er war Pu­bli­zist, Wis­sen­schafts­his­to­ri­ker und Ak­ti­vist aus Über­zeu­gung, nicht aus Kal­kül. Das ver­bin­det ihn mit all je­nen, die in der Ge­schich­te der Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen im­mer die ei­gent­li­che Ar­beit ge­tan ha­ben: die Nicht­be­zahl­ten, die Nicht­ge­ehr­ten, die Un­er­müd­li­chen und die Nicht­an­ge­paß­ten.

Heu­te, im Jahr 2026, hat die­ser Mann nie­man­den,
der öf­fent­lich zu ihm steht. Sei­ne ehe­ma­li­gen Mit­strei­ter schwei­gen. Sei­ne lang­jäh­ri­gen und eins­ti­gen Mit­ak­ti­vis­ten ver­ste­cken sich hin­ter ei­ner na­men­lo­sen Kol­lek­tiv­erklä­rung oder schwei­gen wei­ter. Die In­sti­tu­tio­nen, die von sei­ner Ar­beit pro­fi­tiert ha­ben, wen­den sich ab wie Leu­te, die ei­nen Be­kann­ten auf der Stra­ße nicht er­ken­nen wol­len, weil es ge­ra­de un­ge­le­gen kommt.
Das ist kei­ne Ab­rech­nung mit ein­zel­nen Men­schen. Das ist die Be­schrei­bung ei­nes Zu­stan­des, der über den Ein­zel­fall weit hin­aus­geht und der et­was über den in­ne­ren Ver­fall ei­ner Be­we­gung sagt, die ein­mal an­ge­tre­ten war, die Welt ge­rech­ter zu machen.


- Teil 3 -
Das Ge­dächt­nis ei­ner Bewegung

Wer die Er­eig­nis­se rund um Ralf Do­se und sei­ner Zeit in der AHS ver­ste­hen will,
muß sich er­in­nern. Ernst­haft und oh­ne Vor­be­hal­te er­in­nern, al­so nicht se­lek­tiv, nicht be­quem, son­dern voll­stän­dig. Und voll­stän­di­ges Er­in­nern be­deu­tet, den his­to­ri­schen Kon­text der 1980er Jah­re so zu be­schrei­ben, wie er tat­säch­lich war, nicht so, wie er im Rück­blick ger­ne heu­te zeit­geist­ge­recht dar­ge­stellt wer­den soll und heu­te da­durch lei­der nur falsch dar­ge­stellt wird.
Die Schwu­len­be­we­gung der 1970er bis An­fang der 1990er Jah­re war kei­ne ho­mo­ge­ne, über­sicht­li­che Ver­an­stal­tung. Sie war ein brei­ter, wi­der­sprüch­li­cher, le­ben­di­ger Eman­zi­pa­ti­ons­strom, in dem vie­le Dis­kur­se gleich­zei­tig lie­fen. Ei­ner da­von war der Dis­kurs über Pä­do­phi­lie. Das ist kei­ne Be­haup­tung, das ist be­leg­ba­re Geschichte.

Das schwu­le, pä­do­phi­le und les­bi­sche Adres­sen­ver­zeich­nis,
(sie­he Ab­bil­dung rechts) das in je­nen Jah­ren bis An­fang der 1990er Jah­ren zir­ku­lier­te und al­le hal­be Jah­re er­schien und das ich selbst im Ro­sa Ar­chiv ver­wah­re, trägt die­sen Ti­tel nicht aus Ver­se­hen. Die Rei­hen­fol­ge ist do­ku­men­tiert: schwul, pä­do­phil, lesbisch.

Pä­do­phi­lie war in die­sem Ver­zeich­nis kei­ne ver­steck­te Rand­no­tiz, son­dern ein gleich­ran­gig ge­nann­tes The­ma. Wer heu­te be­haup­tet, das sei da­mals ein Ta­bu ge­we­sen oder ein Ein­zel­phä­no­men, lügt wi­der bes­se­res Wis­sen oder hat schlicht kei­ne Ah­nung, wo­von er spricht.

Die Ar­beits­ge­mein­schaft Hu­ma­ne Se­xua­li­tät,
kurz AHS, in der Ralf Do­se im Vor­stand tä­tig war, ist ein wei­te­res be­leg­ba­res Bei­spiel. Im Ro­sa Ar­chiv lie­gen zwan­zig Ord­ner aus der Grün­dungs­zeit die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on. Ich ha­be sie. Ich ha­be sie ge­le­sen. Was dar­in steht, ist kein Auf­ruf zu Kin­des­miß­brauch, son­dern die For­de­rung nach glei­che Men­schen­rech­te auch für Pä­do­phi­le, nach recht­li­cher Gleich­stel­lung, nach ei­nem zi­vi­li­sier­ten ge­sell­schaft­li­chen Um­gang mit ei­ner Min­der­heit, die kri­mi­na­li­siert wur­de. Das ist ein fun­da­men­ta­ler Un­ter­schied, den heu­te nie­mand mehr hö­ren will, weil er die ein­fa­che Gleich­set­zung von Pä­do­phi­lie und Kin­des­miß­brauch stört, die in­zwi­schen zum Stan­dard­re­per­toire je­der öf­fent­li­chen De­bat­te ge­hört.
Die­ser Dis­kurs war kein Al­lein­gang ein­zel­ner „Spin­ner“ am Rand der Be­we­gung. Er wur­de ge­führt von Schwu­len­ver­bän­den, von Tei­len der Grü­nen, von Se­xu­al­wis­sen­schaft­lern, von Re­form­päd­ago­gen, Po­li­ti­kern, von Me­di­en usw., die an­fangs zö­ger­lich, dann zu­neh­mend of­fen mit­dis­ku­tier­ten. Es gibt da­für Be­le­ge in Hül­le und Fül­le, in Ar­chi­ven, in Pro­to­kol­len, in Pu­bli­ka­tio­nen der da­ma­li­gen Zeit. Das Ro­sa Ar­chiv be­sitzt da­von ei­nen er­heb­li­chen Teil.
Und noch et­was:
Die AHS war ei­ne the­men­über­grei­fen­de In­sti­tu­ti­on, wo Pä­do­phi­lie nur ein sehr klei­nes The­ma un­ter vie­len war, wie ich das hier an Hand fol­gen­der und ei­ner un­voll­stän­di­gen Auf­lis­tung auf­zei­ge:
- AD(H)S und Se­xua­li­tät – AIDS und HIV – Aus­gren­zung und Se­xua­li­tät – Be­hin­de­rung und Se­xua­li­tät – Bi­se­xua­li­tät – De­pres­si­on und Se­xua­li­tät – Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund se­xu­el­ler Ori­en­tie­rung – Ent­ta­bui­sie­rung se­xu­el­ler The­men – Ex­hi­bi­tio­nis­mus – Ge­schlechts­iden­ti­tät – ge­sell­schaft­li­cher Um­gang mit se­xu­el­len Min­der­hei­ten – Ho­mo­se­xua­li­tät – In­ter­se­xua­li­tät – Ju­gend­schutz – Ju­gend­sexua­li­tät – Kin­der­se­xua­li­tät – Män­ner und Ge­walt – Män­ner und Se­xua­li­tät – Miß­brauch und Miß­brauchs­vor­wür­fe – Part­ner­schaft und Be­zie­hun­gen – Por­no­gra­phie – Pro­sti­tu­ti­on / Sex­ar­beit – Re­for­men des Se­xu­al­straf­rechts – Selbst­be­frie­di­gung – se­xu­el­le Auf­klä­rung – se­xu­el­le Men­schen­rech­te – se­xu­el­le Min­der­hei­ten – se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung – Se­xu­al­erzie­hung / Se­xu­al­päd­ago­gik – Se­xua­li­tät als Dienst­leis­tung – Se­xua­li­tät bei Krank­heit – Se­xua­li­tät im Al­ter – Se­xua­li­tät und Ge­sell­schaft – Se­xua­li­tät und Macht – Se­xua­li­tät und Me­di­en – Se­xua­li­tät und Recht – Se­xu­al­po­li­tik – Se­xu­al­straf­recht – Se­xu­al­wis­sen­schaft – Sucht und Se­xua­li­tät – Trans­se­xua­li­tät – Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on – usw. – …

Die rechts oben bei­gefüg­ten Ab­bil­dun­gen
zei­gen zu­dem eben­falls nur ei­ne klei­ne Aus­wahl von Brief­köp­fen aus dem Schrift­ver­kehr der Ar­beits­ge­mein­schaft Hu­ma­ne Se­xua­li­tät, mit staat­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen In­sti­tu­tio­nen der BRD zwi­schen 1983 und 1990: Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, Bun­des­rat, Baye­ri­sches Staats­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zi­al­ord­nung, ZDF-In­ten­danz, Deut­scher Kin­der­schutz­bund, Land­tags­frak­tio­nen und Kom­mu­nal­ver­wal­tun­gen. Die­ser Quer­schnitt be­legt, daß die AHS kei­ne Rand­or­ga­ni­sa­ti­on war, son­dern ein an­er­kann­ter Ge­sprächs­part­ner auf al­len Ebe­nen des öf­fent­li­chen Le­bens, der sach­lich, ernst­haft und oh­ne ideo­lo­gi­schen Tun­nel­blick in le­gis­la­ti­ve Pro­zes­se ein­be­zo­gen wur­de.
Wer heu­te Ralf Do­se als Ge­fahr für die Sze­ne dar­stellt, muß sich fra­gen las­sen, war­um das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um je­ner Epo­che die AHS, in der Do­se Vor­stands­mit­glied war, als an­er­kann­te Fach­or­ga­ni­sa­ti­on be­han­del­te, ih­ren Sach­ver­stand zu lau­fen­den Ge­setz­ge­bungs­vor­ha­ben ak­tiv ein­hol­te und ih­re Stel­lung­nah­men als Be­ra­tungs­grund­la­ge in die ei­ge­nen Ge­set­zes-Er­wä­gun­gen ein­be­zog.

Ralf Do­se war in die­sem Dis­kurs kei­ne Aus­nah­me.
Er war ein Teil­neh­mer an ei­ner De­bat­te, die sei­ne Zeit präg­te und die von den ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen in je­nen Jah­ren her­vor­ge­bracht wur­de. Das In­sti­tut für Se­xu­al­wis­sen­schaft, des­sen Ge­schich­te er er­forscht hat, hat­te sich be­reits in den 1920er Jah­ren mit Fra­gen der Se­xua­li­tät be­faßt, die weit über das hin­aus­gin­gen, was da­mals ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert war. Hirsch­feld selbst hat­te sich für die Ent­kri­mi­na­li­sie­rung von Ho­mo­se­xua­li­tät ein­ge­setzt, als das noch ein ge­fähr­li­ches Un­ter­fan­gen war. Die Li­nie von Hirsch­feld zu Do­se ist kei­ne Er­fin­dung, sie ist wis­sen­schaft­li­che Kon­ti­nui­tät. Und auch Hirsch­feld be­faß­te sich mit der The­ma­tik der Kin­des­se­xua­li­tät und der „Pä­do­phi­lia ero­ti­ca“, wie auch al­le sei­ne Kol­le­gen je­ner Zeit, die die Se­xu­al­wis­sen­schaft wirk­lich ernst nah­men und kei­nen Be­reich aus­lie­ßen.

Was heu­te ge­schieht, ist et­was grund­le­gend an­de­res.
Es ist die nach­träg­li­che An­wen­dung ei­nes Maß­sta­bes, der in den 1980er Jah­ren nicht exis­tier­te, auf Hand­lun­gen und Hal­tun­gen, die in je­nem Kon­text ent­stan­den sind. Man nimmt den Do­se von 1985 und be­ur­teilt ihn mit dem Blick­win­kel von 2025. Das ist kei­ne Ge­schichts­wis­sen­schaft, das ist pu­re dik­ta­to­ri­sche Zeit­geist­jus­tiz.
Das MHG-Ar­chiv, das aus der mü­he­vol­len Ar­beit von Do­se ent­stan­den ist, trägt ei­nen un­er­meß­li­chen kul­tur­his­to­ri­schen Wert, der durch kei­ne Pres­se­mit­tei­lung und kei­nen För­der­ent­zug zu ne­gie­ren ist. Was dort la­gert, sind Ori­gi­nal­do­ku­men­te, Brie­fe, Fo­tos und Nach­läs­se zur Ge­schich­te der Se­xu­al­wis­sen­schaft, die es in die­ser Form welt­weit wohl kein zwei­tes Mal gibt. Man kann den Grün­der fal­len las­sen. Man kann ihm die För­de­rung strei­chen. Man kann sein Schwei­gen er­zwin­gen. Aber man kann nicht un­ge­sche­hen ma­chen, was er in 44 Jah­ren mü­he­voll auf­ge­baut hat.
Das steht. Das bleibt.
Das wird man nicht rück­gän­gig ma­chen kön­nen.

Die Fra­ge, die sich je­der stel­len muß,
der heu­te die Na­se über Ralf Do­se rümpft, lau­tet:
Wo warst Du da­mals?
Wer von den heu­ti­gen An­klä­gern hat in den 1980er Jah­ren öf­fent­lich ge­gen den Dis­kurs pro­tes­tiert, an dem Do­se teil­nahm?
Wer hat da­mals den Fin­ger ge­ho­ben und ge­sagt, das geht zu weit?
Die Ant­wort ist be­kannt. Nie­mand.
Oder je­den­falls so gut wie nie­mand. Weil es da­mals eben so war, wie es war. Und weil es be­que­mer ist, heu­te auf je­man­den zu zei­gen, als sich an ges­tern zu erinnern.


- Teil 4 -
Das Tri­bu­nal als in­tel­lekt­lo­ses und amo­ra­li­sches Problem

Es gibt ei­ne sehr wich­ti­ge Fra­ge,
die in der ge­sam­ten De­bat­te um Ralf Do­se nicht ge­stellt wird. Nicht in den Ar­ti­keln des Ta­ges­spie­gels, nicht in den Stel­lung­nah­men des Spinn­bo­den, nicht in den Er­klä­run­gen des FFBIZ, nicht im Brief des ehe­ma­li­gen Vor­stands­mit­glieds Mi­cha­el Tay­lor, nicht in der kaum an Ar­ro­ganz zu über­bie­ten­den na­men­lo­sen Kol­lek­tiv­erklä­rung der Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft.
Auch an­ders­wo nicht.

Die­se Fra­ge lau­tet:
Nach wel­chem Recht ver­ur­teilt man ei­nen Men­schen für Hal­tun­gen, die er in ei­ner Zeit ein­nahm, in der die­se Hal­tun­gen nicht nur to­le­riert, son­dern breit dis­ku­tiert wur­den?
Selbst das da­ma­li­ge Bon­ner Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um hat­te in­ten­si­ve Ar­beits­kon­tak­te zur AHS, wie man an den bei­den Ab­bil­dun­gen rechts oben se­hen kann.
Das ist kei­ne rhe­to­ri­sche Fra­ge.
Das ist die Grund­fra­ge je­der zi­vi­li­sier­ten Rech­te-Ord­nung und je­der ernst­haf­ten Ge­schichts­wis­sen­schaft. Und sie wird be­wußt nicht ge­stellt, weil die Ant­wort heu­te un­be­quem ist.
War­um wird sie nicht ge­stellt?
Hat die BRD kei­ne Rech­te-Ord­nung mehr?
Und war­um schweigt die Ge­schichts­wis­sen­schaft da­zu?
Und war­um schwei­gen, die, die einst Sei­te an Sei­te von Do­se stan­den?

Ge­schich­te ist kei­ne Knet­mas­se,
die man so lan­ge kne­tet, bis sie die Form des je­wei­li­gen Zeit­geis­tes an­ge­nom­men hat. Was ge­sche­hen ist, ist ge­sche­hen. Man kann es er­for­schen, be­wer­ten und dis­ku­tie­ren. Man kann es aber nicht nach­träg­lich um­for­men, nur weil die Wahr­heit un­be­quem ge­wor­den ist.
Das gilt eben­so für Ar­chi­ve, Do­ku­men­te, Be­zie­hun­gen und Ko­ope­ra­tio­nen. Was do­ku­men­tiert ist, ge­hört zur Ge­schich­te. Man kann es kri­tisch ein­ord­nen oder hin­ter­fra­gen. Man kann es aber nicht ver­schwin­den las­sen, nur weil es nicht mehr in das ge­wünsch­te Bild paßt. Ak­ten wer­den nicht un­wahr, nur weil sie heu­te man­chem nicht mehr ins Welt­bild pas­sen.

Und mal ne­ben­bei be­merkt:
Wer sich heu­te von Ralf Do­se di­stan­ziert, wer ihn dif­fa­miert und öf­fent­lich an­klagt, weil er in den 1980er Jah­ren mit der AHS zu­sam­men­ar­bei­te­te, der müß­te kon­se­quen­ter­wei­se auch das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um je­ner Epo­che öf­fent­lich ver­ur­tei­len, das die­sel­be Or­ga­ni­sa­ti­on als an­er­kann­te Fach­in­stanz be­han­del­te und ih­ren Sach­ver­stand in lau­fen­de Ge­setz­ge­bungs­vor­ha­ben ein­be­zog.
Daß das nie­mand tut, hat ei­nen ein­fa­chen Grund:
Man fürch­tet das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um weil es mit ei­ner Ver­leum­dungs­kla­ge oder an­de­re recht­li­chen Mög­lich­kei­ten kon­tern wür­de. Oder viel wir­kungs­vol­ler: es wür­de ein Kol­le­gen­an­ruf ge­nü­gen, um die För­der­gel­der so­fort zu stop­pen und wo­mög­lich er­hal­te­ne Gel­der zu­rück zu zah­len.
Wie­so wird hier al­so mit zwei­er­lei Maß ge­mes­sen?

In je­der zi­vi­li­sier­ten Ge­sell­schaft gilt der Grund­satz,
daß nie­mand für ei­ne Hand­lung be­straft wer­den kann, die zum Zeit­punkt ih­rer Vor­nah­me nicht straf­bar war. Das ist kein Schlupf­loch, das ist ein recht­li­ches Fun­da­ment. Es heißt auf la­tei­nisch „nulla poe­na si­ne le­ge“, kei­ne Stra­fe oh­ne Ge­setz und es ge­hört zu den äl­tes­ten Er­run­gen­schaf­ten des zi­vi­li­sier­ten Rech­tes.
Gibt es al­so in der BRD schluß­fol­gernd kein zi­vi­li­sier­tes Recht mehr?
Man mag über die­sen Grund­satz im Ein­zel­fall strei­ten. Aber wer ihn au­ßer Kraft setzt, der setzt nicht Recht, der setzt Will­kür.

Was mit Ralf Do­se ge­schieht, ist Will­kür.
Nicht im ju­ris­ti­schen Sinn, denn er wird nicht vor Ge­richt ge­stellt. Son­dern – und das ist viel schlim­mer – im mo­ra­li­schen und ge­sell­schaft­li­chen Sinn: sein Ruf wird ver­nich­tet, sei­ne För­de­rung wird ge­stri­chen, sei­ne Mit­strei­ter wen­den sich ab und das al­les auf der Grund­la­ge von Hal­tun­gen, die er vor 40 Jah­ren in ei­nem völ­lig an­de­ren ge­sell­schaft­li­chen Kon­text ein­nahm, in dem die­sel­ben Men­schen, die ihn heu­te an­kla­gen, ent­we­der schwie­gen, zu­stimm­ten oder noch gar nicht auf der Welt wa­ren oder heu­te der ei­ge­nen Re­pu­ta­ti­on ein­fach nur das Maul hal­ten.

Das Gut­ach­ten, das die MHG in Auf­trag ge­ge­ben hat,
spricht in die­ser Hin­sicht Bän­de. Es wur­de be­auf­tragt, nach­dem Do­se be­reits zum Rück­tritt ge­drängt wor­den war. Nicht vor­her. Nicht als Grund­la­ge ei­ner Ent­schei­dung, son­dern als nach­träg­li­che Le­gi­ti­ma­ti­on ei­ner be­reits voll­zo­ge­nen Ver­ur­tei­lung. Das ist nicht das Vor­ge­hen ei­ner ehr­lich und so­li­den In­sti­tu­ti­on, die an Auf­klä­rung in­ter­es­siert ist. Das ist das Vor­ge­hen ei­ner In­sti­tu­ti­on, die ei­ne Ent­schei­dung be­reits ge­trof­fen hat und nun nach ei­ner Be­grün­dung sucht. Erst das Ur­teil, dann der Pro­zeß. Das kennt man ei­gent­lich aus an­de­ren Zei­ten und an­de­ren Sys­te­men.
Das ken­ne ich noch aus der DDR, wo ich we­gen Re­pu­blik­flucht ver­haf­tet wur­de und das Ur­teil be­reits vor der Ver­hand­lung fest­stand und ich dann 18 Mo­na­te mei­nes jun­gen Le­bens im Knast voll­brin­gen muß­te.
Es ist al­so nicht bes­ser ge­wor­den da­durch, daß man es jetzt in sei­ne Ver­eins­pro­to­kol­le „säu­ber­lich“ ver­packt und auch noch glaubt, man han­delt rich­tig.

Das Tri­bu­nal der Nach­ge­bo­re­nen
funk­tio­niert nach ei­ner simp­len Lo­gik: man nimmt ei­nen Men­schen, der sich in sei­ner Zeit en­ga­giert hat, man legt an ihn den Maß­stab der Ge­gen­wart an und man er­klärt ihn für schul­dig. Kei­ne Be­rück­sich­ti­gung des Kon­tex­tes. Und das Schlimms­te: oh­ne je­de ech­ten Be­wei­se!
Da­zu kei­ne Wür­di­gung des Ge­samt­wer­kes. Kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen dem, was da­mals Dis­kurs war und was heu­te Kon­sens ist. Nur das ver­meint­lich sau­be­re Er­geb­nis zählt: der An­ge­klag­te ist schul­dig, die An­klä­ger sind rein und die För­der­gel­der flie­ßen wei­ter in die rich­ti­ge Rich­tung.
Das ist nicht in­tel­lek­tu­ell.
Das ist das Ge­gen­teil von In­tel­lekt. In­tel­lekt wür­de be­deu­ten, ei­nen Sach­ver­halt in sei­ner his­to­ri­schen Kom­ple­xi­tät zu be­ur­tei­len, Ur­sa­chen und Zu­sam­men­hän­ge zu ver­ste­hen, zwi­schen Ab­sicht und Wir­kung zu un­ter­schei­den und zu fra­gen, wel­che Schlüs­se aus ei­ner dif­fe­ren­zier­ten Be­trach­tung zu zie­hen sind. Das al­les un­ter­bleibt. Statt­des­sen gibt es Schlag­zei­len, Stel­lung­nah­men und För­der­ent­zug und öf­fent­li­che Dif­fa­mie­rung.
Das ist auch nicht mo­ra­lisch.
Das ist das Ge­gen­teil von Mo­ral. Mo­ral wür­de be­deu­ten, ei­nem Men­schen ge­gen­über, der Jahr­zehn­te lang für ei­ne Sa­che ge­ar­bei­tet hat, Loya­li­tät zu zei­gen, zu­min­dest den An­stand auf­zu­brin­gen, ihn per­sön­lich zu fra­gen, be­vor man ihn öf­fent­lich fal­len läßt. Mo­ral wür­de be­deu­ten, daß man zu je­man­dem steht, wenn es un­be­quem wird, nicht nur dann, wenn es nichts kos­tet. Was statt­des­sen ge­schieht, ist die Ent­sor­gung ei­nes Men­schen, der läs­tig ge­wor­den ist, un­ter dem Deck­man­tel mo­ra­li­scher Em­pö­rung.

Al­fon­so Pan­tis­a­no, Que­er­be­auf­trag­ter des Ber­li­ner Se­nats
und SPD-Mit­glied, hat öf­fent­lich er­klärt, wer im Jahr 2026 noch über ei­ne his­to­ri­sche Ein­ord­nung sol­cher Po­si­tio­nen dis­ku­tie­re, ver­ken­ne die Ver­ant­wor­tung. Das ist ei­ne be­mer­kens­wer­te Aus­sa­ge. Sie be­deu­tet im Klar­text: his­to­ri­sche Ein­ord­nung ist un­er­wünscht. Kon­text ist un­er­wünscht. Dif­fe­ren­zie­rung ist un­er­wünscht. Wer fragt, hat be­reits ver­lo­ren. Das ist kein auf­ge­klär­ter Stand­punkt. Das ist die Denk­struk­tur ei­nes Tri­bu­nals, das kei­ne Ver­tei­di­gung dul­det.
Pan­tis­a­no ist da­bei sym­pto­ma­tisch für ei­nen Typ, der in der heu­ti­gen Sze­ne do­mi­niert: staat­lich gut be­sol­det, in­sti­tu­tio­nell ab­ge­si­chert, dis­kur­siv kon­form und da­her in der sehr kom­for­ta­blen Po­si­ti­on, über an­de­re zu ur­tei­len, oh­ne selbst je­mals ein Ri­si­ko ein­ge­gan­gen zu sein. Er hat kei­ne 40 Jah­re in ei­nem Ar­chiv ge­ar­bei­tet. Er hat kei­ne Bü­cher über die Gren­ze in die DDR ge­schickt. Er hat kei­ne ei­ge­nen Gel­der in ei­ne Sa­che in­ves­tiert, an die er glaubt. Er ver­wal­tet ei­nen Pos­ten und voll­zieht gna­den­los, was der Zeit­geist von ihm ver­langt. Das ist sein gu­tes Recht. Aber es gibt ihm nicht das Recht, über Men­schen zu rich­ten, die ein Viel­fa­ches mehr ge­leis­tet ha­ben als er in sei­nem ge­sam­ten bis­he­ri­gen Be­rufs­le­ben.

Aber be­son­ders schwer wiegt die halt­lo­se Be­haup­tung Al­fon­so Pan­tis­a­nos,
die er in der Sie­ges­säu­le vom April 2026 auf­ge­stellt hat: Ma­gnus Hirsch­feld ha­be sich“… immer klar ge­gen pä­do­se­xu­el­le Nei­gun­gen po­si­tio­niert.“ – Wau, ei­ne glat­te Lü­ge!
Als je­mand, der seit 1986 mit Hirsch­felds Werk be­faßt ist und des­sen wich­tigs­te Schrif­ten, an­nä­hernd vier Re­gal­me­ter, im ei­ge­nen Ar­chiv ver­wahrt, muß ich das klar zu­rück­wei­sen, denn es gibt kei­nen ein­zi­gen Satz Hirsch­felds, der die­se Be­haup­tung be­legt und kei­ne Be­mer­kung aus der man sol­che Be­haup­tun­gen ei­nes Pan­tis­a­nos auch nur an­deu­tungs­wei­se her­aus­le­sen könnte.

Was Pan­tis­a­no of­fen­sicht­lich nicht weiß:
Der Be­griff „Pä­do­se­xua­li­tät“ exis­tier­te zu Hirsch­felds Leb­zei­ten schlicht nicht. Hirsch­feld starb 1935. Das Wort, das Pan­tis­a­no ihm als Be­zugs­punkt un­ter­schiebt, ist ei­ne Wort­schöp­fung der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Zu Hirsch­felds Zeit sprach die Wis­sen­schaft, so­weit sie das Phä­no­men be­nann­te, von „Pä­do­phi­lia ero­ti­ca“, ein Be­griff, den Ri­chard von Krafft-Ebing 1886 in sei­ner „Psy­cho­pa­thia Se­xua­lis“ einführte. 

Hirsch­feld selbst präg­te 1906 die Be­grif­fe
Ephe­b­o­phi­lie und Par­the­no­phi­lie, al­so kli­ni­sche Be­schrei­bungs­ka­te­go­rien für das se­xu­el­le In­ter­es­se an pu­ber­tie­ren­den Jun­gen be­zie­hungs­wei­se Mäd­chen. Wer Be­grif­fe für Phä­no­me­ne schafft, po­si­tio­niert sich nicht „klar da­ge­gen“, son­dern be­schreibt und klas­si­fi­ziert wis­sen­schaft­lich, wie es sei­ner Zeit und sei­ner Me­tho­de ent­sprach.
Hirsch­feld hat Pä­do­phi­lie in sei­nen Schrif­ten als krank­haf­ten Se­xu­al­typ und als psy­cho­sexu­ell in­fan­ti­le Se­xu­al­kon­sti­tu­ti­on ein­ge­stuft, die er zu den Ent­wick­lungs­stö­run­gen zähl­te. Das ist ei­ne kli­ni­sche Ein­ord­nung aus dem se­xu­al­wis­sen­schaft­li­chen Den­ken sei­ner Epo­che, kei­ne mo­ral­po­li­ti­sche Ver­ur­tei­lung im Sin­ne des Jah­res 2026.
Gleich­zei­tig hat er in sei­nem Jahr­buch für se­xu­el­le Zwi­schen­stu­fen, das er von 1899 bis 1923 in 24 Jahr­gän­gen her­aus­gab, Päd­eras­tie und ver­wand­te Er­schei­nun­gen als wis­sen­schaft­li­che Ge­gen­stän­de be­han­delt und ent­spre­chen­de Bei­trä­ge ver­öf­fent­licht. Das ist das ge­naue Ge­gen­teil ei­ner „im­mer kla­ren Ge­gen­po­si­ti­on.“
Al­so bit­te gut mer­ken Al­fon­so
und bei der nächs­ten Zi­ta­ti­on was Hirsch­feld ge­sagt oder ge­meint ha­ben könn­te, doch bit­te künf­tig zu­erst in­for­mie­ren und dann über­legt han­deln, da­mit Du Dich nicht wie­der lä­cher­lich machst.
Das die SiS (Sie­ges­säu­le) die­sen Kä­se auch noch ge­druckt hat, zeigt, wie Me­di­en un­über­legt, un­ge­prüft und letzt­lich un­se­ri­ös so et­was ver­brei­ten. In mei­ner ba­di­schen Hei­mat wür­de man so ein Ma­ga­zin ein­fach und tref­fend als Käs´blatt be­zeich­nen.

Pan­tis­a­no pro­ji­ziert den mo­ra­li­schen und recht­li­chen Rah­men
des Jah­res 2026 auf ei­nen Wis­sen­schaft­ler, der im Wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reich und der Wei­ma­rer Re­pu­blik ar­bei­te­te, un­ter ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen, die mit den heu­ti­gen nicht ver­gleich­bar sind. Das ist kei­ne his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung, wie Pan­tis­a­no sie von der MHG ein­for­dert. Das ist das Ge­gen­teil da­von: die Rück­pro­jek­ti­on heu­ti­ger Be­grif­fe in ei­ne ver­gan­ge­ne Zeit, um ei­nen To­ten, der sich nicht mehr weh­ren kann, für ta­ges­po­li­ti­sche Zwe­cke zu ver­ein­nah­men. Ma­gnus Hirsch­feld hat sein Le­ben da­mit ver­bracht, wis­sen­schaft­li­che Er­kennt­nis­se ge­gen mo­ra­li­sche Will­kür zu ver­tei­di­gen. Ihn heu­te zum Kron­zeu­gen eben je­ner Will­kür zu ma­chen, ist ei­ne Ver­dre­hung sei­nes Er­bes, die ich nicht un­wi­der­spro­chen las­sen kann.

Al­fon­so, bit­te un­ter­laß künf­tig
sol­che halt­lo­sen Zu­sam­men­hän­ge mit Ma­gnus Hirsch­feld und die­sen aus die­sem Spiel. Ein Mann, der sein Le­ben dem Kampf ge­gen Un­wis­sen­heit, Vor­ur­teil und die Will­kür des Staa­tes ge­wid­met hat, ver­dient kei­nen Nach­red­ner, der sei­nen Na­men be­nutzt und be­schmutzt, oh­ne sei­ne Schrif­ten ge­le­sen zu ha­ben. Wenn Hirsch­feld hö­ren könn­te, mit wel­cher Leicht­fer­tig­keit Du hier sei­nen Na­men für ei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on in An­spruch nimmst, die we­der his­to­risch noch be­griff­lich ei­ner ein­zi­gen Über­prü­fung stand­hält, wür­de er sich im Gra­be um­dre­hen. Ich bin si­cher: Er hät­te Dir das per­sön­lich ge­sagt, höf­lich, prä­zi­se und ver­nich­tend.

Und Al­fon­so, Du schreibst in Dei­nem Blog
un­ter der Ru­brik „Que­er“:
„Ich weiß, was es heißt, ver­letzt zu wer­den, durch Wor­te, durch Schwei­gen, durch Ge­set­ze.“
Da stellt sich für mich ei­ne ganz ent­schei­den­de Fra­ge:
Wenn Du weißt, was es heißt, ver­letzt zu wer­den, war­um ver­letzt Du dann Do­se durch Wor­te, die ihm Din­ge un­ter­stel­len, die nicht be­legt sind, durch Schwei­gen, das Du bei all je­nen or­ga­ni­sierst, die sich nicht mehr zu ihm be­ken­nen sol­len und durch Ge­set­ze, die Du als staat­lich be­sol­de­ter Que­er­be­auf­trag­ter in Gang ge­setzt hast, um ihm die För­de­rung zu ent­zie­hen? Das ist kein Wi­der­spruch, den man über­se­hen kann.
Das ist Heu­che­lei in Rein­kul­tur.
Und der Mit­tel­teil Dei­nes letz­ten Sat­zes dort ist auch nur Schaum­schlä­ge­rei. Du schreibst:
„Und für das, was uns al­le ver­bin­det: das Recht, frei und si­cher zu le­ben, egal, wen wir lie­ben, wie wir hei­ßen oder wo­her wir kom­men.“
Die­ses Recht ge­stehst Du Ralf Do­se aber auch nicht zu.
Ei­nem Mann, der aus ei­ner an­de­ren Zeit die­ser Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung kommt, der die­se Be­we­gung mit­ge­grün­det hat, be­vor Du über­haupt wuß­test, was das Wort be­deu­tet. Schö­ne Wor­te auf ei­ner Home­page kos­ten nichts. Hal­tung kos­tet et­was. Den Un­ter­schied sieht man an dem, was Du Do­se an­ge­tan hast.

Das ei­gent­li­che in­tel­lekt­lo­se und amo­ra­li­sche Pro­blem
ist nicht Ralf Do­se. Das ei­gent­li­che Pro­blem ist ei­ne Kul­tur, die ge­lernt hat, daß man Kar­rie­re macht, in­dem man auf Schwa­che und Ge­fal­le­ne zeigt und daß man sei­nen Pos­ten nur da­durch si­chert, in­dem man sich recht­zei­tig und öf­fent­lich di­stan­ziert. Das ist kei­ne Mo­ral. Das ist Op­por­tu­nis­mus (heu­te eher Wer­te-Va­ku­um) mit mo­ra­li­schem An­strich. Und es riecht, wie Op­por­tu­nis­mus (heu­te eher Un­mo­ral-Kal­kül) im­mer riecht: nach Angst und nach Kal­kül.
Und für mich stinkt das Gan­ze nicht nur bis in den Him­mel, son­dern weit dar­über hinaus!


- Teil 5 -
Die neue Zeitgeist-Armee

Die Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft hat am 17. März 2026 fol­gen­de Er­klä­rung ver­öf­fent­licht:
„Wir dan­ken Ralf Do­se für sein lang­jäh­ri­ges En­ga­ge­ment in der MHG. Sei­ne For­schun­gen seit 1983 ha­ben maß­geb­lich da­zu bei­getra­gen, Ma­gnus Hirsch­feld und das In­sti­tut für Se­xu­al­wis­sen­schaft wie­der be­kannt zu ma­chen und in die öf­fent­li­che Er­in­ne­rung zu­rück­zu­ho­len.
Die Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft stellt sich ge­gen je­de Form von Ge­walt und se­xua­li­sier­ter Ge­walt, ins­be­son­de­re ge­gen Min­der­jäh­ri­ge. Sie nimmt die Ver­stri­ckung von Mit­glie­dern der ahs in Miss­brauchs­fäl­len von Kin­dern ernst. Die MHG wird den be­gon­ne­nen Pro­zess der Auf­klä­rung ih­rer ei­ge­nen Ge­schich­te un­ter Be­rück­sich­ti­gung des Gut­ach­tens fort­set­zen.„

Man le­se die­sen Text bit­te zwei­mal.
Zu­erst der ge­heu­chel­te Dank, dann der hieb­fes­te Mes­ser­stich tief ins Herz ei­nes En­ga­gier­ten, der mehr als 40 Jah­re sei­nes Le­bens für ge­nau die­se MHG ge­ar­bei­tet hat. Der Satz über die „Ver­stri­ckung von Mit­glie­dern der AHS in Miss­brauchs­fäl­len von Kin­dern“ steht un­mit­tel­bar nach dem Dank an Do­se und im­pli­ziert durch sei­ne blo­ße Nach­bar­schaft, was er nicht of­fen zu sa­gen wagt: daß Do­se selbst in Miß­brauch ver­wi­ckelt sei. Das ist kei­ne Auf­ar­bei­tung. Das ist übels­te Nach­re­de durch Syn­tax, fei­ge for­mu­liert und ju­ris­tisch knapp kal­ku­liert.

Da­zu kommt:
Die MHG be­auf­tragt ei­nen Gut­ach­ter, nach­dem man Do­se be­reits ver­ur­teilt hat. Den Na­men ken­ne ich nicht. Ich weiß nicht, wer er ist, wel­chen Hin­ter­grund er hat und ob er je­mals ernst­haft mit die­sem Kom­plex be­faßt war: er ist ein Au­ßen­ste­hen­der! Was ich weiß: Die Men­schen, die die­sen Kon­text aus ei­ge­nem Er­le­ben, aus jahr­zehn­te­lan­ger Ar­beit und aus un­mit­tel­ba­rer Kennt­nis der Ver­hält­nis­se be­ur­tei­len könn­ten, wer­den nicht ge­fragt. Das ist kein Zu­fall. Man fragt sie nicht, weil sie nicht das sa­gen wür­den, was man hö­ren will.

Es gibt ei­nen Mo­ment in der Ge­schich­te je­der Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung,
der ent­schei­dend ist und der sel­ten ge­fei­ert wird: den Mo­ment, in dem die Be­we­gung auf­hört, ei­ne Be­we­gung zu sein und an­fängt, ei­ne In­sti­tu­ti­on zu wer­den. Die­ser Mo­ment ist nicht im­mer laut. Oft kommt er lei­se, ver­klei­det als Er­folg, als An­er­ken­nung, als An­kom­men in der Ge­sell­schaft. Und er hat ei­nen Preis, der erst spä­ter sicht­bar wird.
Und die­ser Preis war nicht das er­klär­te Ziel der eins­ti­gen Schwu­len­be­we­gung.
Je­den­falls nicht mein Ziel.

Die west­deut­sche Schwu­len­be­we­gung der 1970er und 1980er Jah­re
war ei­ne ech­te Be­we­gung. Sie hat­te Fein­de, sie hat­te Ri­si­ken, sie hat­te Kos­ten.
Wer da­mals öf­fent­lich schwul war, ris­kier­te sei­nen Ar­beits­platz, sei­ne Fa­mi­lie, sei­ne so­zia­le Exis­tenz. Wer sich or­ga­ni­sier­te, tat das am An­fang oh­ne staat­li­che För­de­rung, oh­ne in­sti­tu­tio­nel­le Rü­cken­de­ckung, oh­ne den Ap­plaus des Zeit­geis­tes.
Aber auch das Ro­sa Ar­chiv, ge­grün­det 1986 in Leip­zig, ist ein Bei­spiel da­für: ent­stan­den oh­ne ei­nen ein­zi­gen För­der­an­trag, ge­tra­gen von pri­va­ten Mit­teln, von Schen­kun­gen, von der Über­zeu­gung, daß die­se Ge­schich­te be­wahrt wer­den muß, auch wenn es nie­man­den in­ter­es­siert und nie­mand da­für zahlt.

Ralf Do­se und die Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft
ha­ben in den An­fangs­jah­ren ähn­li­ches ge­lebt und ge­leis­tet. Die Ge­sell­schaft wur­de 1982 in ei­ner Pri­vat­woh­nung ge­grün­det, nicht in ei­nem ge­för­der­ten Ver­eins­heim. Die ers­ten Pu­bli­ka­tio­nen wur­den mit ei­ge­nen Mit­teln fi­nan­ziert. Die Bü­cher, die Do­se über die in­ner­deut­sche Gren­ze schick­te, kos­te­ten Geld, das er selbst auf­brach­te und sie wur­den ver­schickt, oh­ne daß je­mand da­für ei­ne Quit­tung aus­stell­te oder ei­ne För­der­ab­rech­nung ein­reich­te.

Das hat sich ge­än­dert.
Nicht plötz­lich, son­dern schritt­wei­se, über Jahr­zehn­te. Die Schwu­len­be­we­gung wur­de ge­sell­schafts­fä­hig. Männ­li­che Ho­mo­se­xua­li­tät wur­de ent­kri­mi­na­li­siert, gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten wur­den recht­lich an­er­kannt, usw. …
Das al­les sind Er­run­gen­schaf­ten, für die Men­schen wie Ralf Do­se und vie­le an­de­re Schwu­len­ak­ti­vis­ten jahr­zehn­te­lang ge­ar­bei­tet ha­ben.
Aber mit der An­er­ken­nung ka­men die För­der­gel­der. Und mit den För­der­gel­dern ka­men die Ab­hän­gig­kei­ten. Und mit den Ab­hän­gig­kei­ten kam das Schwei­gen. Und mit dem Schwei­gen kam das Lü­gen, Heu­cheln und die Miß­gunst. Und mit dem Lü­gen, Heu­cheln und der Miß­gunst kam der Ego­is­mus. Und mit dem Ego­is­mus kam, daß nur noch die ei­ge­ne Re­pu­ta­ti­on zählt.
Und mit der ei­ge­nen Re­pu­ta­ti­on kam die Wür­de­lo­sig­keit!

För­der­gel­der sind kein Ge­schenk.
För­der­gel­der sind ein Ver­trag. Wer Geld vom Staat nimmt, vom Ber­li­ner Se­nat, von der Bun­des­stif­tung, von öf­fent­li­chen Trä­gern, der nimmt da­mit auch die un­ge­schrie­be­nen Be­din­gun­gen an, die die­sem Geld bei­gefügt sind. So­lan­ge Du tust, was wir er­war­ten, fließt das Geld. So­bald Du un­be­quem wirst, hört es auf. Das muß nie­mand aus­spre­chen. Das ver­steht sich von selbst. Und es wird ver­stan­den, von al­len, die da­von ab­hän­gig sind.

Der Spinn­bo­den, das fe­mi­nis­ti­sche Les­be­nar­chiv in Ber­lin,
hat den Rück­tritt von Ralf Do­se be­grüßt und sich vom ge­mein­sa­men Ar­chiv­pro­jekt di­stan­ziert. Der Spinn­bo­den wird öf­fent­lich ge­för­dert, da muß man sich doch di­stan­zie­ren. Das FFBIZ, das fe­mi­nis­ti­sche Ar­chiv Ber­lin, hat ei­ne Stel­lung­nah­me ver­öf­fent­licht, in der die Vor­wür­fe für ernst ge­nom­men er­klärt wer­den. Das FFBIZ wird eben­falls öf­fent­lich ge­för­dert und des­halb ver­gißt man auch hier die jahr­zehn­te­lan­ge und gu­te Zu­sam­men­ar­beit ein­fach.

Mi­cha­el Tay­lor, ehe­ma­li­ges Vor­stands­mit­glied der MHG,
hat ei­nen öf­fent­li­chen Aus­tritts­brief ge­schrie­ben, in dem er von Mit­glie­dern spricht, die se­xua­li­sier­te Ge­walt le­gi­ti­miert hät­ten.
Ei­ne Fra­ge da­zu, ganz oh­ne Um­schwei­fe:
Wer sich um ein Vor­stands­amt in ei­nem Ver­ein be­wirbt, hat sich vor­her über die­sen Ver­ein zu in­for­mie­ren. Das ist kei­ne Kür, das ist ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Wer das nicht ge­tan hat, ist schlicht un­ge­eig­net für ein Vor­stands­amt. Wer es aber ge­tan hat und trotz­dem bei­getre­ten ist und dann, als der Wind sich dreht und der Zeit­geist pfeift, em­pört den Ver­ein ver­läßt, der be­treibt kei­ne Auf­ar­bei­tung. Der be­treibt Image­pfle­ge. Bei­des, Un­wis­sen­heit wie Heu­che­lei, dis­qua­li­fi­ziert Tay­lor als glaub­wür­di­gen Zeu­gen in die­ser Sa­che oh­ne­hin.

Und noch ei­ne klei­ne Spit­ze an Al­fon­so Pan­tis­a­no,
der den För­der­ent­zug aus­ge­spro­chen hat: dem kann das al­les völ­lig egal sein, denn er ist staat­lich gut be­sol­det und sitzt auf ei­nem best­do­tier­ten Pos­ten, von wo er nach Be­lie­ben fau­le Ei­er aus­brü­ten kann, wie das ei­ne be­reits oben ge­nann­te mit der in­halt­lich halt­lo­sen Be­haup­tung über Ma­gnus Hirsch­feld, ein­drucks­voll be­weist.

Man muß al­so die­se Zu­sam­men­hän­ge nicht er­fin­den.
Man muß sie ein­fach nur be­nen­nen.
Was ent­stan­den ist, ist ei­ne neue Zeit­geist-Ar­mee. Kei­ne Ar­mee mit Uni­for­men und Be­feh­len, son­dern ei­ne mit För­der­an­trä­gen und Stel­lung­nah­men. Ei­ne Ar­mee, die nicht kämpft, son­dern ver­wal­tet. Die nicht ris­kiert, son­dern ab­si­chert. Die nicht fragt, son­dern er­klärt. Und die je­den, der aus der Rei­he tanzt oder der die fal­sche Ge­schich­te mit­bringt, mit der Prä­zi­si­on ei­nes ge­üb­ten Bü­ro­kra­ten aus dem Weg räumt.

Auch An­dre­as Pret­zel ist ein an­schau­li­ches Bei­spiel für die­sen Ty­pus.
Heu­te Ge­schäfts­füh­rer der Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft, al­so je­ner In­sti­tu­ti­on, die Do­se fal­len ge­las­sen hat, schrieb er im Ja­nu­ar 2013 an das Ro­sa Ar­chiv und bat um ei­nen Be­such. In sei­ner ePost stell­te er sich als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter an der von Prof. Kraß ge­lei­te­ten For­schungs­stel­le vor, die das Hae­ber­le-Hirsch­feld-Ar­chiv an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin betreut.

Was be­son­ders auf­fällt,
ist wohl für je­den an­de­ren ei­ne Klei­nig­keit, die aber für mich kei­ne Klei­nig­keit ist. Pret­zel schrieb mich im Ja­nu­ar 2013 mit „Sehr ge­ehr­ter Herr Zehn­le“ an. Da­bei hat­ten wir uns, als wir uns 2009 auf ei­ner Ta­gung be­geg­net wa­ren, noch ge­duzt, so wie es in der Sze­ne da­mals üb­lich war und wie es auf dem Fo­to nach­zu­se­hen ist, auf dem ich rechts mit Le­der­kap­pe kaum zu er­ken­nen bin. Das plötz­li­che Sie in sei­ner ePost war kei­ne Förm­lich­keit. Es war ei­ne Di­stan­zie­rung, noch be­vor das Ge­spräch be­gon­nen hat­te. Er si­gna­li­siert mit ei­nem ein­zi­gen Wort: ich ken­ne Dich, aber ich möch­te so tun, als kenn­ten wir uns nicht. – Das gilt bis heu­te für al­le schwul-les­bi­schen Ar­chi­ve, die mich nie gleich­wer­tig be­han­del­ten, was mir aber auch egal war.

Der Rest des Brief­wech­sels folgt dem­sel­ben Mus­ter.
Pret­zel schrieb al­so, er ha­be durch Prof. Kraß von mei­nem Ar­chiv er­fah­ren und wol­le es be­su­chen. Es hat­te bis da­hin be­reits 27 Jah­re exis­tiert, oh­ne daß je­mand aus dem Dunst­kreis der fast ge­sam­ten Schwu­len­sze­ne wirk­lich ernst­haf­tes In­ter­es­se dar­an ge­zeigt hät­te: auch Pret­zel nicht, der 2009 auf der Ta­gung der schwul-les­bi­schen His­to­ri­ker ge­nau wuß­te wer ich war. Nun, plötz­lich, war das In­ter­es­se da. Ich ant­wor­te­te und mach­te da­bei deut­lich, daß mich die­se plötz­li­che Ent­de­ckung ver­wun­der­te und ich füg­te ein Zi­tat ein, das Ralf Do­se drei Jah­re zu­vor über mei­nen Ver­lag ge­schrie­ben hat­te:
„zu we­nig da­hin­ter. und mit man­chen Dei­ner links – die­sem selt­sa­men Ver­lag z.B. – möch­te ich de­fi­ni­tiv nicht in ver­bin­dung ge­bracht wer­den. ich weiss, dass die kol­le­gen das ge­nau­so se­hen.“
Ge­meint war der 175er Ver­lag, den ich 1990 in der noch-DDR ge­grün­det hat­te. Pret­zel, der auch zum Do­se-Kreis ge­hör­te, ant­wor­te­te dar­auf­hin, daß er kei­nen wei­te­ren Kon­takt mit mir wün­sche und wünsch­te (schein­hei­lig( wei­ter) viel Er­folg.

Das ist das Mus­ter in sei­ner reins­ten Form:
wenn es et­was zu ho­len gibt, wenn ein Ar­chiv nütz­lich er­scheint, wenn ein Kon­takt der ei­ge­nen Ar­beit die­nen könn­te, dann ist man plötz­lich da. Wenn sich her­aus­stellt, daß der Kon­takt un­be­que­me Fra­gen mit­bringt oder ei­nen un­er­wünsch­ten Spie­gel vor­hält, dann ver­schwin­det man wie­der, höf­lich, pro­fes­sio­nell, aber lei­der oh­ne Rück­grat. Das nennt sich in der Sze­ne Ver­net­zung. Ich nen­ne es, was es ist: Ver­wer­tungs­den­ken oh­ne An­stand.
Das ist für mich al­ler­dings kein gro­ßes Dra­ma. Es ist ein klei­nes, all­täg­li­ches Bei­spiel da­für, wie die Sze­ne funk­tio­niert: man sucht den Kon­takt, so­lan­ge er nütz­lich er­scheint und man be­en­det ihn, so­bald er un­be­quem wird. Pret­zel wuß­te ge­nau, wer Ralf Do­se war und was er tat. Er hat da­mals kei­ne Ein­wän­de ge­habt. Heu­te ver­wal­tet er die In­sti­tu­ti­on, die Do­se fal­len ge­las­sen hat. Das nennt sich Kar­rie­re auf Kos­ten an­de­rer!

Das ist das We­sen der neu­en Zeit­geist-Ar­mee:
sie be­steht nicht aus Über­zeug­ten, son­dern aus An­ge­paß­ten. Nicht aus Men­schen, die für et­was kämp­fen, son­dern aus Men­schen, die dar­auf ach­ten, auf der rich­ti­gen Sei­te zu ste­hen, wenn der neue Marsch ge­bla­sen wird. Das ist ihr gu­tes Recht. Aber es macht sie zu dem, was sie sind: zu Söld­nern des je­wei­li­gen Zeit­geis­tes, die heu­te in Ver­ei­nen sit­zen und sich mor­gen an ei­ne neue Front be­we­gen, wenn sich der Wind wie­der dreht und dann die För­der­gel­der wo­an­ders her­kom­men.

Die ei­gent­li­che Schwu­len­be­we­gung,
al­so die Ak­ti­vis­ten der 1970er und 1980er Jah­re, hat das nicht ver­dient. Sie ha­ben sich nicht für För­der­an­trä­ge ge­op­fert. Sie ha­ben sich nicht für Ver­eins­pro­to­kol­le ge­op­fert. Sie ha­ben sich für die per­sön­li­che Frei­heit ge­op­fert, für das Recht, so zu le­ben, wie man ist, oh­ne da­für ver­folgt, be­straft oder ver­ach­tet zu wer­den.
Was heu­te in ih­rem Na­men ge­schieht, ist die Per­ver­si­on die­ses Er­bes.

Üb­ri­gens:
Daß In­sti­tu­tio­nen wel­cher Art auch im­mer, un­ab­hän­gi­ge Ar­chi­ve und ih­re In­ha­ber fal­len ge­las­sen wer­den, so­bald die­se sich wei­gern, po­li­tisch ge­fäl­lig zu sein, ist kein neu­es Phä­no­men. Ich ha­be es 2016 er­lebt, als die Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz, ver­tre­ten durch die da­ma­li­ge Che­fin der Ber­li­ner Staats­bi­blio­thek Frau Bar­ba­ra Schnei­der-Kempf die Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ro­sa Ar­chiv be­en­de­te, nach­dem ich mich ge­wei­gert hat­te, mei­ne po­li­ti­sche und in­tel­lek­tu­el­le Au­to­no­mie als Be­din­gung für ei­ne Ko­ope­ra­ti­on auf­zu­ge­ben. Ich ha­be mich dem Zeit­geist nie an­ge­bie­dert, we­der in der DDR, noch in der Nach­wen­de­zeit, noch wer­de ich es heu­te tun. Ein Ar­chiv hat die Auf­ga­be, Ma­te­ri­al zu be­wah­ren, nicht es dem je­wei­li­gen Zeit­geist zu­lie­be zu ver­nich­ten oder in Gift­schrän­ke zu ver­la­gern, wie es zu DDR-Zei­ten Pra­xis war. Wer das von ei­nem Ar­chiv ver­langt, hat den Sinn ei­nes Ar­chivs nicht ver­stan­den.
Über die­sen Fall wird es in mei­ner Ju­bi­lä­ums-Se­rie der 44 Auf­sät­ze spä­ter auch Aus­führ­li­ches zu die­sem The­ma geben.


- Teil 6 -
Die Sze­ne frißt ih­re Besten

Es gibt ei­nen Satz, der der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on
zu­ge­schrie­ben wird und der seit­dem durch die Ge­schich­te geis­tert: die Re­vo­lu­ti­on frißt ih­re Kin­der. Ge­meint war, daß Be­we­gun­gen, die mit dem An­spruch an­tre­ten, die Welt ge­rech­ter zu ma­chen, da­zu nei­gen, ir­gend­wann ih­re ei­ge­nen Prot­ago­nis­ten zu ver­schlin­gen, die Idea­lis­ti­schen, die Un­be­que­men, die Un­be­stech­li­chen, je­ne, die am lau­tes­ten für die Sa­che ge­spro­chen ha­ben und die des­halb am ge­fähr­lichs­ten wer­den, wenn die Sa­che zur Macht wird.

Ich va­ri­ie­re die­sen Satz be­wußt.
Es geht hier nicht um Kin­der. Es geht um die Bes­ten. Die Sze­ne frißt ih­re Bes­ten und da ist Do­se nicht der Ers­te. Er ist kein Op­fer ei­nes äu­ße­ren Fein­des. Nein! Er ist kein Op­fer der ka­tho­li­schen Kir­che, der CSU oder des kon­ser­va­ti­ven Bür­ger­tums. Er ist das Op­fer je­ner, mit de­nen er jahr­zehn­te­lang zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat, de­nen er sein Wis­sen zur Ver­fü­gung ge­stellt hat, in de­ren Na­men er ge­forscht, pu­bli­ziert und ar­chi­viert hat. Das ist Kan­ni­ba­lis­mus in den ei­ge­ne Rei­hen: Kan­ni­ba­lis­mus un­ter den ei­ge­nen Leu­ten.
Und das ist nicht nur die bit­ters­te Form des Ver­rats, son­dern das ist zu­dem die bit­ters­te Form des Ster­bens.

Man­fred Her­zer,
(ein von mir hoch­ge­schätz­ter His­to­ri­ker) war mit Ralf Do­se in der 1971 auf­kom­men­den West­ber­li­ner Schwu­len­be­we­gung ak­tiv und sie grün­de­ten 1982 zu­sam­men die Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft, er ist Jahr­gang 1949 und war Jahr­zehn­te­lang Weg­ge­fähr­te, Her­aus­ge­ber der Ca­pri, je­ner Zeit­schrift für schwu­le Ge­schich­te, von der ich selbst al­le Ex­em­pla­re im Ro­sa Ar­chiv ver­wah­re:
Er schweigt.

Rai­ner Herrn,
seit 1991 an der For­schungs­stel­le der MHG tä­tig, ge­mein­sa­me Pu­bli­ka­tio­nen mit Do­se, mehr als 30 Jah­re Sei­te an Sei­te:
Er schweigt.

Der Vor­stand der MHG,
Hans Ber­ge­mann, Ur­su­la Fer­di­nand, Christl Wi­ckert:
ei­ne na­men­lo­se Kol­lek­tiv­erklä­rung, hin­ter der sich je­der ver­ste­cken kann, oh­ne daß je­mand per­sön­li­che Ver­ant­wor­tung über­nimmt.
Der Vor­stand schweigt nicht, aber es wä­re bes­ser er hät­te ge­schwie­gen.
Ich fra­ge mich ernst­haft, ob die­sem Vor­stand be­wußt ist, was er da tut. Ralf Do­se hat die MHG in 44 Jah­ren zu dem ge­macht, was sie heu­te ist. Das Fun­da­ment, auf dem Ihr sitzt, hat er ge­legt. Die Bi­blio­thek, die Ihr ver­wal­tet, hat er auf­ge­baut. Die Re­pu­ta­ti­on, von der Ihr heu­te zehrt, hat er hart er­ar­bei­tet. Und nun tre­tet Ihr ge­schlos­sen den­je­ni­gen, dem Ihr das al­les ver­dankt, mit Eu­ren Fü­ßen vor­an aus sei­nem Ar­chiv. Das ist kei­ne Auf­ar­bei­tung. Das ist die Ent­eig­nung ei­nes Le­bens­werks durch je­ne, die von die­sem Le­bens­werk pro­fi­tiert ha­ben und nun so tun, als wä­re es ihr ei­ge­nes. Wo blei­ben Wür­de, An­stand und Re­spekt Do­se ge­gen­über?
Pfui. Und noch­mal pfui.

Mi­cha­el Tay­lor,
ehe­ma­li­ges Vor­stands­mit­glied: ein öf­fent­li­cher Aus­tritts­brief, der Do­se und die ver­blie­be­nen Mit­glie­der pau­schal der Le­gi­ti­mie­rung se­xua­li­sier­ter Ge­walt be­zich­tigt, oh­ne ei­nen ein­zi­gen kon­kre­ten Be­leg zu nen­nen. Das ist in­fan­til, in­fam und in­dis­ku­ta­bel.
Zu Tay­lor äu­ßer­te ich mich be­reits wei­ter oben, aber ei­nes sei hier noch er­gänzt: Was Du da tust, Mi­cha­el, ken­ne ich. Ich ken­ne es aus der DDR, wo sich eben­falls je­der, der sich wich­tig neh­men woll­te, dem herr­schen­den Sys­tem an­dien­te, um selbst Lor­bee­ren zu ern­ten. Der Me­cha­nis­mus heu­te ist der­sel­be, nur das Sys­tem hat ge­wech­selt. Da­mals hieß es Par­tei­li­nie, heu­te heißt es Zeit­geist. Das Er­geb­nis ist das­sel­be: man op­fert ei­nen an­de­ren, um selbst gut da zu ste­hen.
Bei­des, Un­wis­sen­heit wie Heu­che­lei, macht Tay­lor zu dem, was er ist: zu ei­nem Mann, der ei­nen an­de­ren op­fert, um selbst sau­ber aus­zu­se­hen.
Das ist kei­ne Hal­tung.
Das ist das äl­tes­te Feig­lings­prin­zip der Welt.

Und dann sind da noch die An­de­ren,
je­ne, die jah­re- und jahr­zehn­te­lang mit Do­se zu­sam­men­ge­ar­bei­tet ha­ben, pu­bli­ziert ha­ben, ge­forscht ha­ben, die sei­nen Na­men in ih­ren Le­bens­läu­fen tra­gen und heu­te schwei­gen (so­weit sie noch le­ben):
Hans Ber­ge­mann, Ke­vin Du­bout, Ur­su­la Fer­di­nand, Rai­ner Herrn, Man­fred Her­zer, An­nett Ju­ba­ra, Hans-Gün­ter Klein, Mark Lehm­stedt, Chris­tia­ne Lei­din­ger, Ge­sa Lin­de­mann, An­ge­les Llor­ca Diaz, Rü­di­ger Laut­mann, Ja­mi­la Mar­tin, An­dre­as Pret­zel, Da­vid Pri­ckett, Ha­rald Rim­me­le, Ré­gis Schlag­den­hauf­fen, An­dre­as Se­eck, Karl-Heinz Stein­le, Klaus-Har­ro Tie­mann, Rai­mund Wol­fert und vie­le An­de­re.
(Dopp­lun­gen sind Ab­sicht!)

Das­sel­be Schwei­gen fin­det sich bei den schwul-les­bi­schen Ar­chi­ven,
die jahr­zehn­te­lang eng mit der Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft un­ter Do­ses Lei­tung ver­netzt wa­ren: das Spinn­bo­den-Ar­chiv Ber­lin, das Schwu­le Mu­se­um Ber­lin, das Cen­trum Schwu­le Ge­schich­te Köln, das Schwu­len­ar­chiv Schweiz, das Zen­trum Que­e­re Ge­schich­te Wien, das Que­e­re Fo­rum Mün­chen und wei­te­re Ar­chi­ve und In­sti­tu­tio­nen.
Kein Wort.
Kei­ne Stel­lung­nah­me.
Kei­ne So­li­da­ri­tät.
Mit Aus­nah­me zwei­er Les­be­nar­chi­ve, die sich öf­fent­lich ge­gen Do­se ge­stellt ha­ben und das nicht aus Über­zeu­gung, son­dern aus Angst um ih­re För­der­gel­der. Auch das ist die Zeit­geist-Ar­mee, nur in ih­rer feigs­ten Va­ri­an­te.

Und dann ha­ben wir noch ei­nen ganz spe­zi­el­len Fall, näm­lich die Bun­des­stif­tung Ma­gnus Hirsch­feld,
je­ne staat­lich fi­nan­zier­te Ein­rich­tung mit über elf Mil­lio­nen Eu­ro Stif­tungs­ver­mö­gen, die För­der­gel­der ver­gibt, Pro­jek­te be­wil­ligt und sich selbst als Hü­te­rin des Hirsch­feld-Er­bes ver­steht.
Von An­be­ginn die­ser hat die Stif­tung Ralf Do­se als kom­pe­ten­ten Ge­sprächs­part­ner ge­nutzt, ihn zu Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen ein­ge­la­den, In­ter­views mit ihm auf ih­rer Web­site ver­öf­fent­licht, die dort bis heu­te nach­zu­le­sen sind und mit der MHG ko­ope­riert, wann im­mer es ihr nütz­lich er­schien.
Und jetzt?
Nichts.
Kein Wort.
Kei­ne Stel­lung­nah­me.
Kein ein­zi­ger Satz.
Du, Hel­mut Metz­ner,
sitzt seit Ju­ni 2022 als ge­schäfts­füh­ren­der Vor­stand auf die­sem Pos­ten und trägst den Na­men ei­nes Man­nes im Ti­tel „Dei­ner“ Ein­rich­tung, des­sen Er­be Ralf Do­se wie kaum ein an­de­rer be­wahrt hat.
Wie er­klärst Du die­ses Schwei­gen?
Ich er­klä­re es mir so:

Wer nichts sagt, we­der für noch ge­gen je­man­den, der zeigt da­mit nicht Neu­tra­li­tät, son­dern Kal­kül. Und Kal­kül ist kei­ne Tu­gend, es ist ei­ne Me­tho­de.
Daß Du, Hel­mut,
mit sol­chen Me­tho­den ver­traut bist, hat die Öf­fent­lich­keit be­reits 2010 er­fah­ren, als Wiki­Leaks be­leg­te, daß Du als Bü­ro­lei­ter von Gui­do Wes­ter­wel­le die ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaft jah­re­lang über in­ter­ne FDP-Stra­te­gien in­for­miert hat­test. Das ist do­ku­men­tiert. Ich stel­le kei­ne Ver­bin­dung zwi­schen da­mals und heu­te her.
Ich stel­le nur fest:
Ein Mann, der ein sol­ches Mus­ter in sei­ner Bio­gra­phie trägt, soll­te ver­ste­hen, war­um an­de­re ge­nau­er hin­schau­en, wenn er schweigt. Men­schen, die öf­fent­lich Klar­text re­den, oh­ne Rück­sicht auf Kar­rie­re und För­der­gel­der, gibt es kaum noch. Aber es gibt sie noch. Wie Du an mir se­hen kannst.

Und ich möch­te noch auf ei­nen Wi­der­spruch hin­wei­sen, der schwer zu über­se­hen ist
2013 warn­te die Bun­des­stif­tung Ma­gnus Hirsch­feld öf­fent­lich vor dem Ver­lust his­to­ri­scher Über­lie­fe­run­gen und den dar­aus ent­ste­hen­den Ge­dächt­nis­lü­cken.
Heu­te herrscht aus­ge­rech­net dort Schwei­gen, wo das Le­bens­werk ei­nes der wich­tigs­ten Be­wah­rer die­ser Ge­schich­te öf­fent­lich be­schä­digt wird.
Wie nennt man es, wenn man ei­ne Ent­wick­lung öf­fent­lich be­klagt und ihr zu­gleich ta­ten­los zu­sieht, so­bald sie die ei­ge­nen Rei­hen be­trifft?
Prin­zi­pi­en­treue je­den­falls nicht.

Dies hier ist nur die Spit­ze des Eis­bergs:
wer in 44 Jah­ren so ge­ar­bei­tet hat wie Ralf Do­se, hin­ter­läßt ein Netz­werk, das in die Hun­der­te geht, an Ver­ei­nen, Or­ga­ni­sa­tio­nen, In­sti­tu­tio­nen, un­zäh­li­ge Mit­ar­bei­ter, Mit­strei­ter und an­de­re Men­schen.
Ja und lei­der ver­mis­se ich vor al­lem den Zu­sam­men­halt der Freun­de und Ur-Ak­ti­vis­ten und von all de­nen hört und liest man heu­te NICHTS.
Wer von Euch noch ein Ge­wis­sen hat, weiß, was jetzt zu tun ist.

Ich ken­ne die­ses sich stän­dig wie­der­ho­len­de Mus­ter seit vier­zig Jah­ren.
Ich ha­be es am ei­ge­nen Leib er­fah­ren, nicht in die­ser Di­men­si­on, denn ich ha­be mich nie ei­ner Struk­tur un­ter­ge­ord­net, die Zwang be­deu­te­te, da­von hat­te ich in der DDR ge­nug ge­habt, aber in der­sel­ben Grund­struk­tur: wer nicht schweigt, wer den Fin­ger in die Wun­de legt, der wird fal­len ge­las­sen.
Nicht von Fein­den.
Von Weg­ge­fähr­ten.
Wer in der Sze­ne Fra­gen stellt, die nicht ge­fragt wer­den sol­len, wer Kri­tik übt, wo Kon­sens er­war­tet wird, der wird nicht wi­der­legt. Er wird igno­riert, ge­mie­den, ab­ge­schrie­ben. Das ist bil­li­ger als ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung und ef­fek­ti­ver als ein Ar­gu­ment. Do­se hat mich da­mals fal­len ge­las­sen, weil ich un­be­quem war. Heu­te läßt die Sze­ne Do­se fal­len, weil er un­be­quem ge­wor­den ist.
Das Mus­ter ist das­sel­be.
Nur der Maß­stab ist ein an­de­rer.
Ver­rat bleibt Ver­rat, egal in wel­cher Di­men­si­on er statt­fin­det.
Aber es gibt zwi­schen der Sze­ne und mir ei­nen ge­wal­ti­gen Un­ter­schied:
Ich ste­he wei­ter­hin öf­fent­lich zu Do­se sei­ner un­er­müd­li­chen Ar­beit, die er im Sin­ne von Ma­gnus Hirsch­feld wei­ter ge­führt hat.
Und das oh­ne wenn und aber.
Für mich zählt das ge­schaf­fe­ne Werk und nicht der ge­ra­de herr­schen­de Zeit­geist!

Ich rei­che Ralf Do­se heu­te im­mer noch die Hand.
Nicht trotz al­le­dem, son­dern we­gen al­le­dem. We­gen der 44 Jah­re, die er in ei­ne Sa­che in­ves­tiert hat, die grö­ßer war als er selbst. We­gen der Bü­cher, die er über die Mau­er schick­te, als das noch ein Ri­si­ko war. We­gen des Ar­chivs, das er auf­ge­baut hat und das bleibt, lan­ge nach­dem die heu­ti­gen An­klä­ger ver­ges­sen ha­ben wer­den, daß sie je­mals et­was da­mit zu tun hat­ten. Ich rei­che ihm die Hand, weil ich den Wert des­sen ken­ne, was er ge­schaf­fen hat und weil ich weiß, was es kos­tet, ein Le­ben lang für ei­ne Sa­che zu ar­bei­ten, oh­ne daß je­mand da­für dankt.
So­weit ich se­he, bin ich der ein­zi­ge, der das heu­te öf­fent­lich tut. Das sagt mehr über die Sze­ne aus als je­de Stel­lung­nah­me, die je in ih­rem Na­men ver­öf­fent­licht wur­de.

Was mich an die­sem Fall be­son­ders auf­bringt,
ist nicht die Tat­sa­che des Ver­rats. Ver­rat in der Sze­ne ist nichts Neu­es, er ge­hört seit Jahr­zehn­ten zur Grund­aus­stat­tung und fand auch in der ers­ten Schwu­len­be­we­gung der Wei­ma­rer Zeit statt. Was mich auf­bringt, ist die Feig­heit, mit der er voll­zo­gen wird.
Nie­mand stellt sich hin und sagt of­fen: wir wol­len Do­se los­wer­den, weil er uns läs­tig ist, weil er zu alt ist, weil er zu ei­gen­wil­lig ist, weil sei­ne Ge­schich­te nicht mehr in un­ser ge­för­der­tes Ver­eins­bild paßt. Das wür­de we­nigs­tens Ehr­lich­keit be­deu­ten. Statt­des­sen wird der Zeit­geist be­müht, wird ver­lo­ge­ne mo­ra­li­sche Em­pö­rung in­sze­niert, wird ein heu­cheln­des Gut­ach­ten in Auf­trag ge­ge­ben, das nach dem Ur­teil kommt statt vor ihm und es wird ei­ne un­ter­schrif­ten­lo­se Kol­lek­tiv­erklä­rung ver­öf­fent­licht, hin­ter der sich al­le ver­ste­cken kön­nen, oh­ne daß je­mand sei­nen Na­men da­für hin­hal­ten muß.

Das MHG-Ar­chiv, das Ralf Do­se in 44 Jah­ren auf­ge­baut hat,
be­sitzt ei­nen un­er­meß­li­chen kul­tur­his­to­ri­schen Wert, der durch kei­ne Ver­eins­kri­se und kei­nen För­der­ent­zug zu ne­gie­ren ist. Dort la­gern, wie oben be­reits er­wähnt, Ori­gi­nal­do­ku­men­te, Brie­fe, Fo­to­gra­fien und Nach­läs­se zur Ge­schich­te der Se­xu­al­wis­sen­schaft, die es in die­ser Form welt­weit kaum ein zwei­tes Mal gibt. Die­se Ma­te­ria­li­en exis­tie­ren un­ab­hän­gig da­von, was der Ber­li­ner Se­nat, der Spinn­bo­den, das FFBIZ oder Al­fon­so Pan­tis­a­no dar­über den­ken.
Sie sind da. Sie blei­ben da. Und sie wer­den noch da sein, wenn die heu­ti­gen An­klä­ger längst ver­ges­sen ha­ben, daß sie je­mals et­was mit Ma­gnus Hirsch­feld zu tun hat­ten.

Die ei­gent­li­che Fra­ge, die die­ser Fall auf­wirft,
ist nicht, ob Ralf Do­se in den 1980er Jah­ren Hal­tun­gen ein­nahm, die heu­te nicht mehr mehr­heits­fä­hig sind. Die ei­gent­li­che Fra­ge ist, was ei­ne Be­we­gung über sich selbst aus­sagt, wenn sie ei­nen Mann, der ihr 44 Jah­re lang ge­dient hat, in dem Mo­ment fal­len läßt, in dem es un­be­quem wird, zu ihm zu ste­hen.
Die Ant­wort ist klar.
Sie sagt aus, daß die­se Be­we­gung auf­ge­hört hat, ei­ne Be­we­gung zu sein. Daß sie zur In­sti­tu­ti­on ge­wor­den ist, mit al­len Schwä­chen, die In­sti­tu­tio­nen ha­ben: Selbst­er­hal­tungs­trieb, An­pas­sungs­druck, Op­por­tu­nis­mus (heu­te eher Rück­grat-Abs­ti­nenz). Daß sie die Tu­gen­den, die sie einst groß ge­macht ha­ben, al­so Mut, Loya­li­tät und Un­be­quem­lich­keit, längst ge­gen För­der­an­trä­ge und sau­be­re Ver­eins­pro­to­kol­le ein­ge­tauscht hat.
Und daß sie da­mit nicht nur Ralf Do­se ver­rät.
Son­dern und vor al­lem sich selbst.
Doch wen in­ter­es­siert schon das Ge­schwätz von ges­tern, wenn es heu­te der ei­ge­nen Re­pu­ta­ti­on nur schadet.


- Teil 7 -
Hal­tung oh­ne Ap­plaus aber da­für mit Rückgrat

Es gibt ei­ne al­te Fra­ge, die sich je­der stel­len muß,
der öf­fent­lich das Wort er­greift:
Für wen schreibst Du das ei­gent­lich?
Für die Le­ser?
Für die Ge­schich­te?
Für Dich selbst?
Mei­ne Ant­wort zu die­sem Brief lau­tet:
Ich schrei­be die­sen öf­fent­li­chen Brief für Ralf Do­se.
Aber ich schrei­be ihn auch für al­le, die in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ge­schwie­gen ha­ben, ob­wohl sie hät­ten spre­chen kön­nen und müs­sen. Nicht um ih­nen Vor­wür­fe zu ma­chen, das ha­be ich be­reits ge­tan und da­bei be­las­se ich es auch, son­dern da­mit sie se­hen, daß es mög­lich ist. Daß man die Gu­sche auf­ma­chen kann, oh­ne daß die Welt un­ter­geht. Daß man zu je­man­dem ste­hen kann, der nur des Zeit­geis­tes we­gen un­be­quem ge­wor­den ist, oh­ne selbst un­ter­zu­ge­hen. Daß Hal­tung kei­ne Fra­ge des Mu­tes ist, son­dern ei­ne Fra­ge der ei­ge­nen un­ab­hän­gi­gen Ent­schei­dung.

Ich ha­be in 40 Jah­ren kei­nen ein­zi­gen bin­den­den För­der­an­trag ge­stellt.
Ich ha­be kei­nen Ver­ein ge­grün­det, der auf staat­li­che Gel­der an­ge­wie­sen wä­re. Ich ha­be kei­nen Pos­ten an­ge­nom­men, der mich zu Wohl­ver­hal­ten ver­pflich­tet hät­te. Das Ro­sa Ar­chiv ist mit pri­va­ten Mit­teln auf­ge­baut wor­den, mit Schen­kun­gen, mit dem Er­lös aus Ver­käu­fen, mit dem, was üb­rig blieb, wenn die Rech­nun­gen be­zahlt wa­ren. Das war kei­ne As­ke­se und kein Hel­den­mut. Das war ei­ne Ent­schei­dung. Die Ent­schei­dung, un­ab­hän­gig zu blei­ben, weil Un­ab­hän­gig­keit der ein­zi­ge Zu­stand ist, in dem man sa­gen kann, was man wirk­lich denkt und tun kann, was man wirk­lich tun will, oh­ne aus­ge­bremst zu wer­den.
Die­se Un­ab­hän­gig­keit hat ih­ren Preis ge­habt. Die Sze­ne hat mich nie ge­mocht, weil ich im­mer den Fin­ger in die Wun­de ge­legt ha­be. Ich war nie be­liebt, weil Be­liebt­heit und Ehr­lich­keit sel­ten auf dem­sel­ben Weg lau­fen. Ich ha­be Di­stan­zie­run­gen er­lebt, Ab­sa­gen, das de­mons­tra­ti­ve Schwei­gen von Leu­ten, die mich kann­ten und so ta­ten, als ob nicht.
Das war mir im­mer egal, denn mein Ar­chiv zähl­te und nicht das ko­mi­sche Ver­hal­ten der Leu­te.
Das al­les hat mich nicht auf­ge­hal­ten.
Es hat mich ganz am An­fang manch­mal ge­är­gert, hin und wie­der ge­wun­dert, aber auch sehr amü­siert und ge­le­gent­lich so­gar er­freut, denn wer ei­nen Geg­ner hat, weiß we­nigs­tens, wer ihn an­greift und er weiß, daß er et­was ge­sagt hat, das sitzt.

Soll­te man mich nach die­sem Brief an­grei­fen wol­len,
dann sei das je­dem un­be­nom­men. Ich fürch­te das nicht. Im Ge­gen­teil: ein An­griff wä­re die bes­te Wer­bung, die das Ro­sa Ar­chiv be­kom­men könn­te und da­zu noch ei­ne kos­ten­lo­se. Wer mich an­greift, macht mich be­kann­ter. Wer mich igno­riert, tut mir kei­nen Ge­fal­len, son­dern scha­det nur der Sze­ne selbst. Und wer glaubt, mir den Mund ver­bie­ten zu kön­nen, der hat 40 Jah­re lang nicht auf­ge­paßt.

Ralf, Du bist jetzt 74 Jah­re jung.
Du hast mehr ge­leis­tet, als mehr ein Dut­zend Men­schen in die­sem Land in ei­nem gan­zen Le­ben leis­ten. Du hast ein gran­dio­ses Ar­chiv auf­ge­baut, das bleibt. Du hast ei­ne For­schungs­stel­le ge­grün­det, de­ren Er­geb­nis­se in Bi­blio­the­ken ste­hen und nicht ver­schwin­den, nur weil Al­fon­so Pan­tis­a­no den Geld­hahn zu­dreht. Du hast Ma­gnus Hirsch­feld aus dem Ver­ges­sen ge­holt und da­für ge­sorgt, daß sei­ne Ge­schich­te er­zählt wer­den kann. Das kann Dir nie­mand neh­men. Das wird Dir nie­mand neh­men kön­nen. Kein Vor­stands­be­schluß, kein För­der­ent­zug, kei­ne Kol­lek­tiv­erklä­rung, hin­ter der sich Leu­te ver­ste­cken, die nicht den An­stand auf­brin­gen, ih­ren Na­men dar­un­ter zu set­zen.
Und das wird Dir auch kein al­ber­nes Gut­ach­ten neh­me kön­nen.
Den Scha­den wirst nicht Du ha­ben, son­dern die die glau­ben, Dich scha­den zu kön­nen.

Was Dir aber ge­nom­men wur­de, ist et­was an­de­res.
Es ist das, was Men­schen brau­chen, die ihr Le­ben ei­ner Sa­che ge­wid­met ha­ben: die An­er­ken­nung de­rer, mit de­nen sie die­sen Weg ge­gan­gen sind. Die Loya­li­tät der Weg­ge­fähr­ten. Das schlich­te, mensch­li­che Zei­chen, daß die ge­mein­sa­me Ar­beit mehr wert war als ein ge­för­der­tes Ver­eins­pro­to­koll. Das wur­de Dir ver­wei­gert. Und das ist das ei­gent­li­che Un­recht, nicht die Schlag­zei­len, nicht der För­der­ent­zug, son­dern das Schwei­gen der Men­schen, die es bes­ser wis­sen und es trotz­dem nicht sa­gen.
Ich sa­ge es.
Ich sa­ge es als je­mand, der Dich seit 1986 kennt. Als je­mand, der ein Teil Dei­ner Ar­beit in sei­nem Ar­chiv ver­wahrt. Als je­mand, der selbst weiß, was es be­deu­tet, jahr­zehn­te­lang oh­ne Netz und dop­pel­ten Bo­den für ei­ne Sa­che zu ar­bei­ten, an die man glaubt. Als je­mand, dem Du da­mals den Rü­cken ge­kehrt hast und der Dir heu­te trotz­dem den Rü­cken stärkt, nicht weil er das ver­ges­sen hat, son­dern weil es dar­auf nicht an­kommt. Was zählt, ist nicht, was zwi­schen uns war. Was zählt, ist, was Du ge­leis­tet hast und was heu­te mit Dir ge­schieht.

Die Sze­ne, die Dich fal­len läßt, ist nicht mehr die Be­we­gung,
für die wir bei­de ein­mal an­ge­tre­ten sind. Sie ist et­was an­de­res ge­wor­den: klei­ner, ängst­li­cher, ab­hän­gi­ger und in ih­rer Ab­hän­gig­keit un­frei­er als je zu­vor. Und lei­der ha­ben sich wohl al­le al­ten und eins­ti­gen Schwu­len­ak­ti­vis­ten dem heu­ti­gen Sys­tem an­ge­gli­chen. Sie re­det von To­le­ranz und prak­ti­ziert Aus­gren­zung. Sie re­det von Viel­falt und dul­det kei­ne ab­wei­chen­de Mei­nung. Sie re­det von Ge­schich­te und ver­leug­net ih­re ei­ge­ne. Das ist ihr Pro­blem, nicht De­ins und nicht meins.

Dein Pro­blem, wenn es ei­nes gibt, ist das­sel­be wie meins:
daß wir in ei­ner Zeit le­ben, in der Hal­tung oh­ne Ap­plaus sel­ten ge­wor­den ist. In der die meis­ten lie­ber schwei­gen als ris­kie­ren. In der För­der­gel­der mehr wie­gen als Freund­schaft, Kar­rie­re und Über­zeu­gung. Das ist nicht neu. Das war im­mer so. Aber es war nie so sicht­bar wie heu­te und jetzt, in die­sem Mo­ment, wo ein Mann, der un­un­ter­bro­chen 44 Jah­re lang für ei­ne Sa­che ge­ar­bei­tet hat und nun al­lein da­steht und nie­mand da ist, der öf­fent­lich sagt:
ich ken­ne ihn,
ich schät­ze ihn,
ich ste­he zu ihm.
Nie­mand, au­ßer mir.
Das ist mei­ne Hal­tung.
Oh­ne Ap­plaus.
Oh­ne För­der­an­trag.
Oh­ne Rück­sicht dar­auf, was der Zeit­geist dar­über denkt.
Aber mit Rück­grat.

Und falls Du die­sen Brief liest, Ralf:
ich hof­fe, er er­reicht Dich.
Das ist kein Mit­leid, das wä­re das letz­te, was Du brauchst. Son­dern es ist, was es ist: ein Zei­chen, daß es noch Leu­te gibt, die sich an Dei­ne wert­vol­le Ar­beit er­in­nern. Die wis­sen, was Du 44 Jah­re für die­se Ge­sell­schaft ge­tan und ge­leis­tet hast. Und die das öf­fent­lich sa­gen, weil es öf­fent­lich ge­sagt wer­den muß.


- Nach­wort und Fa­zit -

Die­ser Brief ist kein Ab­schluß. Er ist ein An­fang.
Er ist der An­fang ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung, die längst hät­te ge­führt wer­den müs­sen und die nie­mand ge­führt hat, weil es be­que­mer war – und wei­ter ist – zu schwei­gen. Er ist der An­fang ei­ner De­bat­te dar­über, was ei­ne Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung ist, was sie war und was sie hät­te blei­ben sol­len. Und er ist der An­fang ei­ner Fra­ge, die sich je­de Ge­ne­ra­ti­on neu stel­len muß:
Wie geht man mit Men­schen um, die un­er­müd­lich für ei­ne Sa­che ge­ar­bei­tet ha­ben, an die sie glaub­ten und die da­für heu­te nicht eh­ren­den Dank ern­ten, son­dern skru­pel­lo­se Ver­ach­tung?
Die Ant­wort, die die heu­ti­ge Sze­ne auf die­se Fra­ge gibt, ist nie­der­schmet­ternd. Sie lau­tet: man ent­sorgt sie. Man ver­steckt sich hin­ter Kol­lek­tiv­erklä­run­gen. Man be­auf­tragt Gut­ach­ten, die nach dem be­reits ge­fäll­ten Ur­teil kom­men. Man streicht die För­der­gel­der und nennt das Hal­tung. Man schweigt, wenn man spre­chen soll­te und spricht, wenn man schwei­gen soll­te.

Das ist kein Ein­zel­fall Ralf Do­se. Das ist ein Sys­tem­feh­ler.
Ei­ne Be­we­gung, die ih­re ei­ge­ne Ge­schich­te ver­leug­net, um im Zeit­geist zu be­stehen, hat auf­ge­hört, ei­ne Be­we­gung zu sein. Sie ist zum Werk­zeug des Es­tab­lish­ments ge­wor­den, das sie ein­mal be­kämpft hat. Sie ver­tei­digt heu­te die­sel­ben Me­cha­nis­men, ge­gen die sie ein­mal an­ge­tre­ten ist: Aus­gren­zung, De­nun­zia­ti­on, die Ver­ur­tei­lung des An­ders­den­ken­den. Nur daß die Ver­ur­teil­ten heu­te an­de­re sind als da­mals. Und daß die Rich­ter heu­te sze­ne­e­ige­ne Ver­eins­vor­sit­zen­de sind statt Staats­an­wäl­te. Das Mus­ter ist aber das­sel­be.

Was bleibt, ist die Ar­beit.
Die Ar­beit von Ralf Do­se,
die in Ar­chi­ven steht und nicht mehr ver­schwin­det.
Die Ar­beit des Ro­sa Ar­chiv, das in die­sem Jahr 40 Jah­re jung wur­de und das oh­ne ei­nen ein­zi­gen be­din­gen­den För­der­an­trag durch­ge­hal­ten hat und wei­ter bis zum 50. Ju­bi­lä­um durch­hal­ten wird
Die Ar­beit all je­ner, die in den 1970er, 1980er und 1990er Jah­ren für ei­ne Sa­che ein­ge­stan­den sind, die grö­ßer war als sie selbst und die da­für kei­nen Dank be­kom­men ha­ben und kei­nen er­war­tet ha­ben.
Die­se Ar­beit ist das ei­gent­li­che Er­be der Schwu­len­be­we­gung. Nicht die För­der­an­trä­ge. Nicht die Ver­eins­pro­to­kol­le. Nicht die Stel­lung­nah­men des Ber­li­ner Se­nats. Nicht die An­bie­de­rung an den Zeit­geist. Son­dern die Bü­cher, die Ar­chi­ve, die For­schungs­er­geb­nis­se, die Do­ku­men­te, die Brie­fe, die Fo­to­gra­fien, die Nach­läs­se und al­les was er­schaf­fen und ar­chi­viert wur­de.
Das ist, was bleibt.
Das ist, was zählt.
Das ist, was letzt­lich über­le­ben wird.

Ralf Do­se hat die­ses Er­be mit ge­schaf­fen.
Er ver­dient es, daß das ge­sagt wird.
Laut. Öf­fent­lich. Oh­ne Wenn und Aber.
Heu­te jetzt und hier.
Und das ist hier­mit geschehen.


- Ein letz­ter Ge­dan­ke,
den ich mir nicht ver­knei­fen kann -

Das an­ge­kün­dig­te Gut­ach­ten
der Ma­gnus-Hirsch­feld-Ge­sell­schaft soll im Som­mer 2026 er­schei­nen. Ich sa­ge heu­te vor­aus, was dar­in ste­hen wird: es wird zeit­geist­ge­recht for­mu­liert sein, es wird die his­to­ri­schen Zu­sam­men­hän­ge aus­blen­den, es wird den Kon­text der 1980er Jah­re igno­rie­ren und es wird zu dem Er­geb­nis kom­men, das be­reits vor sei­ner Er­stel­lung fest­stand. Ein Gut­ach­ten, das nach der Ver­ur­tei­lung ei­nes Men­schen in Auf­trag ge­ge­ben wird, ist kein ech­tes und glaub­wür­di­ges Gut­ach­ten. Es kann ge­trost un­ge­le­sen dort­hin, wo es hin­ge­hört: in die Pa­pier­ton­ne. Wenn das Gut­ach­ten er­scheint, wer­de ich es an die­ser Stel­le aus­ein­an­der­neh­men wie ei­ne Weih­nachts­gans. Es wird mir ei­ne Freu­de sein.
Üb­ri­gens:
Ich ken­ne die­se Art der Ver­fah­ren aus ei­ge­ner Er­fah­rung, nur un­ter an­de­rem Na­men. In der DDR hieß es po­li­ti­sches Ur­teil.
Als ich 1983 we­gen ver­such­ter Re­pu­blik­flucht ver­haf­tet wur­de, stand das Ur­teil vor der Ver­hand­lung fest.
Das Sys­tem wech­selt. Die Struk­tur bleibt die­sel­be: erst wird ent­schie­den, dann wird be­grün­det. Der Un­ter­schied zwi­schen da­mals und heu­te ist le­dig­lich, daß man es heu­te (ver­lo­gen und ge­heu­chelt) Auf­ar­bei­tung nennt.

Ro­sa von Zehn­le
Un­garn – 17.6. – 2026
grün­dER, lei­tER und in­ha­bER
des 1986 in Leip­zig ge­grün­de­ten
Ro­sa Ar­chiv & Bi­blio­thek
und
grün­dER und ma­chER
des am – 17.5. – 1990 in Leip­zig ge­grün­de­ten
175er Ver­lag

Welt­sei­ten-Blog:
https://1956-hirek.org/
und dar­in zum Bei­spiel die Ru­brik:
40 Jah­re ROSA ARCHIV & Bi­blio­thek 2026

Der In­halt die­ser The­men-Tri­lo­gie:
(Nicht der In­halt des obi­gen Auf­sat­zes!)

  • 1. Der um­fang­rei­che Auf­satz mit der Nen­nung von un­schö­nen Aus­sa­gen und ei­ni­ger Na­men der be­tei­lig­ten und un­be­tei­lig­ten Ak­teu­re … bit­te nach oben!
  • 2. Die Bun­des­tags-Pe­ti­ti­on, hier nur ver­linkt, dort mehr zum Inhalt.
  • 3. Der Hör­bei­trag (deutsch­feind­lich: Pod­cast) hat 3 Tei­le und ist zu­sätz­lich mit 58 Schau­ta­feln versehen.

Ro­sa von Zehn­le úr
Ùjud­var, 2026.06.17
♛ Róz­sa Ma­gyar Rá­dió ♛
non pro­fit · © q‑art-in 2026
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Klap­pen­text:
Ma­gnus Hirschfeld´s Er­be er­neut in Ge­fahr?
𝐎𝐟𝐟𝐞𝐧𝐞𝐫 𝐁𝐫𝐢𝐞𝐟 𝐚𝐧 𝐑𝐚𝐥𝐟 𝐃𝐨𝐬𝐞 𝐯𝐨𝐧 𝐝𝐞𝐫 𝐌𝐚𝐠𝐧𝐮𝐬-𝐇𝐢𝐫𝐬𝐜𝐡𝐟𝐞𝐥𝐝-𝐆𝐞𝐬𝐞𝐥𝐥𝐬𝐜𝐡𝐚𝐟𝐭 (𝐌𝐇𝐆) – 𝐑𝐨𝐬𝐚 𝐯𝐨𝐧 𝐙𝐞𝐡𝐧𝐥𝐞: „𝐑𝐚𝐥𝐟, 𝐢𝐜𝐡 𝐬𝐭𝐞𝐡𝐞 𝐨̈𝐟𝐟𝐞𝐧𝐭𝐥𝐢𝐜𝐡 𝐳𝐮 𝐃𝐢𝐫!“
2. von 44 Bei­trä­gen mei­ner Auf­satz­rei­he zu „40 Jah­re ROSA ARCHIV & Bi­blio­thek“ – ge­gr. 1986 in Leip­zig!
Der In­halt die­ser The­men-Tri­lo­gie:
(Nicht der In­halt des fol­gen­den Auf­sat­zes!)
1. Der 𝐮𝐦𝐟𝐚𝐧𝐠𝐫𝐞𝐢𝐜𝐡𝐞 𝐀𝐮𝐟𝐬𝐚𝐭𝐳 mit der Nen­nung von un­schö­nen Aus­sa­gen und ei­ni­ger Na­men der be­tei­lig­ten und un­be­tei­lig­ten Ak­teu­re … un­ten fol­gend.
2. Die 𝐁𝐮𝐧𝐝𝐞𝐬𝐭𝐚𝐠𝐬-𝐏𝐞𝐭𝐢𝐭𝐢𝐨𝐧, hier nur ver­linkt, dort mehr zum In­halt.
3. Der 𝐇𝐨̈𝐫𝐛𝐞𝐢𝐭𝐫𝐚𝐠 (deutsch­feind­lich: Pod­cast) hat 3 Tei­le und ist zu­sätz­lich mit 58 Schau­ta­feln ver­se­hen.
𝐀𝐥𝐥𝐞𝐬 𝐤𝐨𝐦𝐩𝐥𝐞𝐭𝐭 𝐡𝐢𝐞𝐫:
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…
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