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🇩🇪 Magnus Hirschfeld´s Erbe erneut in Gefahr? – Offener Brief an Ralf Dose von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft (MHG) – Rosa von Zehnle: „Ralf, ich stehe öffentlich zu Dir!“ – 2. Beitrag meiner Aufsatzreihe zu „40 Jahre ROSA ARCHIV & Bibliothek“ – gegr. 1986 in Leipzig

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Es gibt Momen­te, in denen Schwei­gen zur Mit­schuld wird. Die­ser öffent­li­che Brief tut etwas ande­res und benennt einen sol­chen: den Ver­rat einer Bewe­gung an sei­nen Mit­grün­der, voll­zo­gen nicht von Fein­den, son­dern von Weg­ge­fähr­ten. Wer Ralf Dose ist und war­um – außer mir – heu­te nie­mand mehr zu ihm steht, kann man fol­gend lesen. Scho­nungs­los und unter der Nen­nung von Namen!

Lieber Ralf,

als ich von Dei­nem Schick­sal erfuhr, hat es mich nicht mehr los­ge­las­sen. Mor­gens beim Auf­wa­chen. Abends beim Ein­schla­fen. Nachts, wenn man eigent­lich schla­fen soll­te. Ich bin seit 2014 im freie­ren Ungarn und sit­ze an mei­nem Schreib­tisch, weit weg von der BRD und ihrem deut­schen Sze­ne­trei­ben mit sei­nen ewi­gen, meist völ­lig bedeu­tungs­lo­sen Emp­find­lich­kei­ten. Und trotz­dem hat mich die­ser Fall ein­ge­holt. Weil er mich angeht. Weil er uns alle angeht, die wir dabei waren.
Ich habe lan­ge über­legt, ob ich reagie­re oder schwei­ge. Ich habe mich am Ende gegen das Schwei­gen ent­schie­den, weil Schwei­gen in die­sem Fall Mit­schuld wäre und Mit­schuld ist etwas, das ich mir in 40 Jah­ren noch nie geleis­tet habe.

Der Inhalt dieser Themen-Trilogie:
(Nicht der Inhalt des folgenden Aufsatzes!)

  • 1. Der umfang­rei­che Auf­satz mit der Nen­nung von unschö­nen Aus­sa­gen und eini­ger Namen der betei­lig­ten und unbe­tei­lig­ten Akteu­re … unten folgend.
  • 2. Die Bun­des­tags-Peti­ti­on, hier nur ver­linkt, dort mehr zum Inhalt.
  • 3. Der Hör­bei­trag (deutsch­feind­lich: Pod­cast) hat 3 Tei­le und ist zusätz­lich mit 58 Schau­ta­feln versehen.

- Vorbemerkungen -

Du kennst mich, Ralf,
wir ken­nen uns zwar nicht per­sön­lich aber den­noch seit um 1986. Du aus West-Ber­lin, ich damals aus Leip­zig, auf der ande­ren Sei­te einer Mau­er, die zu sei­ner Zeit noch sehr real war und sehr töd­lich. Was uns ver­band, war stär­ker als Beton, Sta­chel­draht und poli­ti­sche Unter­schie­de: die über Gren­zen hin­weg gemein­sa­me Arbeit mit Magnus Hirsch­feld, die sei­ner Geschich­te, die sei­nes Erbes und die Auf­ga­be für das, was er der Nach­welt hin­ter­las­sen hat­te, um es nicht dem Ver­ges­sen zu über­las­sen. Du hast dem Rosa Archiv zu jener Zeit noch unter den Namen „Freun­des­kreis Rosa Archiv“ fun­gie­rend, immer und regel­mä­ßig das aktu­el­le Mate­ri­al der MHG zuge­schickt: kos­ten­los, über die Gren­ze, obwohl das ver­bo­ten war und obwohl es (für mich) Kon­se­quen­zen hät­te haben kön­nen.
Die­ses Mate­ri­al steht heu­te noch im les­ben- und frau­en­quo­ten­frei­en Rosa Archiv, das in die­sem Jahr 40 Jah­re jung wird.
Ich habe es nicht weg­ge­wor­fen.
Ich habe es nicht ver­steckt.
Es ist Teil Dei­ner und mei­ner Geschich­te und es ist Teil unse­rer dama­li­gen gemein­sa­men Arbeit zu Magnus Hirsch­feld über tren­nen­de poli­ti­sche Gren­zen hin­weg.

In mei­ner von 1990 bis 1994
erschie­ne­nen bun­des­wei­ten GAY NEWS, die ab der 5. Aus­ga­be im gesam­ten deutsch­spra­chi­gen Euro­pa ver­brei­tet war, habe ich die Mate­ria­li­en regel­mä­ßig vor­ge­stellt und der MHG dar­über hin­aus kos­ten­freie Anzei­gen ein­ge­räumt, als klei­nes Gegen­ge­wicht zu den vie­len Sach­spen­den, die sie uns zu DDR-Zei­ten zukom­men ließ.

Dann kamen die 2000er Jah­re
und ein eBrief von Dir, in dem Du mir mit­teil­test, daß Du mit mir und mei­nem „komi­schen Ver­lag“, so nann­test Du mei­nen 175er Ver­lag, den ich im Juni 1990 noch in der DDR gegrün­det hat­te, nichts mehr zu tun haben woll­test.
Ich habe nie wirk­lich ver­stan­den, war­um. Wahr­schein­lich waren es mei­ne Sze­ne-Kri­ti­ken, die ich immer geübt habe und die den Schwu­len­ak­ti­vis­ten nie gepaßt haben. Ich habe nie gemocht, was ich nicht gut fand und ich habe es gesagt, auch – und erst recht – wenn und weil es unbe­quem war. Ich habe das damals auf sich beru­hen las­sen, denn ich bin nicht emp­find­lich und schon gar nicht nach­tra­gend.

Heu­te sage ich Dir:
Ich habe es Dir längst nicht mehr so übel genom­men, wie Du anneh­men könn­test, denn ich kann­te sol­che Ver­hal­tens­wei­sen mir gegen­über aus der Sze­ne und das nicht erst in der BRD, son­dern schon lan­ge zuvor aus der DDR-Schwu­len­be­we­gung. Die haben mich nie gemocht, weil ich immer alle Fin­ger in die Wun­den gelegt habe, wenn es ange­bracht war nicht zu heu­cheln und nicht Tat­sa­chen zu ver­dre­hen oder schön zu reden. Das war damals mei­ne Art und das hat sich bis heu­te NICHT geän­dert.

Wie weit die­ses dama­li­ge Denun­zi­an­ten­tum
in der Sze­ne reich­te (und es ist heu­te, unter ande­rem Deck­man­tel, längst wie­der gang und gäbe), habe ich am eige­nen Leib erfah­ren, durch einen Schwu­len aus den eige­nen Rei­hen, der das Denun­zie­ren von der STASI gelernt hat­te und nach dem Ende die­ser nach 1990 damit mun­ter wei­ter mach­te.
Das beweist auch fol­gen­des Bei­spiel:
Als ich von 2012 bis 2013 die Bun­des­tags-Peti­ti­on für die Reha­bi­li­tie­rung und Ent­schä­di­gung der wegen § 175 Ver­ur­teil­ten initi­ier­te und mit knapp 6.000 Unter­schrif­ten (an der die gesam­te von Vol­ker Beck beein­fluß­te Schwu­len­lob­by NICHT teil­nahm) erfolg­reich dem Deut­schen Bun­des­tag über­gab (und die­se Peti­ti­on in einem Aus­schuß auch behan­del­te), sorg­te ein ehe­ma­li­ger Sta­si­spit­zel mit gleich zwei IM-Namen, also ein gewis­ser Det­lef Hüt­tig, dafür, um immer wie­der gegen mich vor­zu­ge­hen. Die­ser Typ hat­te einen Groß­teil der Schwu­len­sze­ne im Auf­tra­ge der STASI unter „Kon­trol­le“ und bespit­zel­te mich schon zu DDR-Zei­ten und denun­zier­te mich wei­ter nach der Wen­de, wo immer es ihm mög­lich war: bei Buch­au­to­ren, bei Pro­fes­so­ren, bei Zei­tun­gen. Er zeig­te mich sogar wegen der Ver­wen­dung eines Haken­kreu­zes an, das ich in einer Peti­ti­on gra­fisch ein­ge­setzt hat­te, nicht um Nati­onl-Sozia­lis­ten zu ver­herr­li­chen, son­dern um zu zei­gen, wie sich ein selbst­er­nann­ter Juden­has­ser öffent­lich äußert.
Das Ergeb­nis: 850 Euro Stra­fe, die ich ver­wei­ger­te und 10 Tage Ersatz­haft, die ich mit Hun­ger­streik ver­brach­te, um so zusätz­lich auf die­ses unge­rech­te Urteil auf­merk­sam zu machen. Wer also glaubt, mich mit irgend­et­was ein­schüch­tern zu kön­nen, hat mich schlicht nicht ver­stan­den.

Heu­te kommt mir eben die­se Kri­tik
nicht gegen Dich zugu­te, son­dern gegen jene, die Dich jahr­zehn­te­lang ge- und miß­braucht haben, die von Dei­ner Arbeit gezehrt haben wie die Mis­tel schma­rot­zend auf einem star­ken Baum und die Dich heu­te förm­lich und mit aller Wucht zur Sei­te sto­ßen, damit sie wei­ter gera­de­aus mar­schie­ren kön­nen, als wärst Du ein läs­ti­ges Hin­der­nis auf dem Weg zu „sau­be­ren“ För­der­bi­lan­zen und „unbe­fleck­ten“ Ver­eins­pro­to­kol­len. Das ist kei­ne Abrech­nung. Das ist eine Schan­de. Eine Schan­de, die ich (wei­ter unten) beim Namen und mit Namen nen­nen wer­de, weil es sonst nie­mand tut.

Ich ste­he öffent­lich zu Dir Ralf.
Ich beken­ne mich dazu, daß Du Dich in der Arbeits­ge­mein­schaft Huma­ne Sexua­li­tät (AHS) in frü­he­ren Jah­ren auch mit The­men wie der Pädo-Sexua­li­tät befaßt hast, die damals Gegen­stand eines wirk­lich sehr brei­ten gesell­schaft­li­chen Dis­kur­ses waren. Dar­an nah­men Schwu­len­ver­bän­de, Ver­tre­ter der Grü­nen, der SPD, der FDP, der CSU und ande­re eben­so teil wie Sexu­al­wis­sen­schaft­ler, Reform­päd­ago­gen, Kin­der­schutz­ver­bän­de und man kann es heu­te kaum noch glau­ben, auch der Bun­des­rat.
Sie alle pfleg­ten regen Kon­takt zur AHS, die die­ses The­ma als einen von vie­len Berei­chen inner­halb einer sach­li­chen wis­sen­schaft­li­chen und auf­klä­ren­den Arbeit behan­del­te. Daß selbst der zu sei­ner Zeit weit bekann­te Sexu­al­auf­klä­rer Oswald Kol­le Mit­glied der AHS wur­de, zeigt, wie tief die­se dis­kus­si­ons­freu­di­ge Har­mo­nie allen sexu­el­len The­men gegen­über reich­te und alle Schich­ten erfaß­te.
Auch das ZDF und ande­re Medi­en­häu­ser betei­lig­ten sich an die­sem Dis­kurs und selbst das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz rich­te­te Anfra­gen an die AHS, was deren fach­li­che Aner­ken­nung und gesell­schaft­li­che Ein­bin­dung zwei­fels­frei belegt.

Ich habe dazu Gra­fi­ken zusam­men­ge­stellt
(rech­te Spal­te), die einen klei­nen Quer­schnitt bil­det und zeigt, wie breit und von gegen­sei­ti­gem Respekt geprägt die­ser gesell­schaft­li­che Kon­sens ver­lief. Heu­te exis­tiert kein dis­kus­si­ons­freu­di­ger Kon­sens mehr; an sei­ne Stel­le ist ein gesell­schafts­zer­stö­ren­der, destruk­ti­ver Dis­sens getre­ten, der nicht nur Men­schen ver­nich­tet und Geschich­te ver­fälscht, son­dern die ehe­ma­li­gen Akteu­re als mora­lisch ver­kom­me­ne Rand­fi­gu­ren stig­ma­ti­siert, um jede sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung im Keim zu ersti­cken.

Ich ste­he öffent­lich dazu, weil ich damals dabei war
und es erleb­te und ich ste­he dazu, mich noch heu­te öffent­lich auch für die ech­te natür­li­che Pädo­phi­lie ein­zu­set­zen. Nicht im Sin­ne der Bedeu­tung des heu­ti­gen Zeit­geis­tes, son­dern im Sin­ne ech­ter wis­sen­schaft­lich-fun­dier­ter Basis, aller­dings nicht die der Aktu­el­len.
Lei­der ist die ursprüng­li­che Sexu­al­wis­sen­schaft heu­te zeit­geist­ver­kom­men, was ich hier nicht wei­ter aus­füh­ren möch­te. Mein dazu aus­führ­li­cher zwei­ge­teil­ter Hör­bei­trag (deutsch­feind­lich: Pod­cast) zeigt das heu­ti­ge wis­sen­schafts­feind­li­che „Sys­tem der Gefäl­lig­kei­ten“ und war­um wah­re Auf­klä­rung nie­mals käuf­lich sein darf, deut­lich auf. Hier ist dazu die kur­ze redak­tio­nel­le Ein­füh­rung.

Ich ste­he zu Dir Ralf,
weil ich die­se Zeit der Auf­klä­rung selbst erlebt habe. Weil ich es bele­gen kann, in mei­ner GAY NEWS, im Regal mei­nes Archivs, in den üppig gefüll­ten Ord­nern. In mei­nem Archiv lagern zwan­zig prall gefüll­te AHS-Akten­ord­ner, die das Wir­ken der AHS von ihren Anfän­gen bis in die frü­hen zwei­tau­sen­der Jah­re doku­men­tie­ren. In die­sem umfang­rei­chen Bestand fin­det sich nicht ein ein­zi­ger Beleg für die Vor­wür­fe, die heu­te gegen Dich erho­ben wer­den. Es ist bezeich­nend, daß bereits ein öffent­li­ches Urteil gefällt wur­de, noch bevor das ange­kün­dig­te Schein­gut­ach­ten über­haupt erstellt ist. Die­ses alber­ne Gut­ach­ten wird letzt­lich rei­ne Maku­la­tur blei­ben, da es sich nicht an den dama­li­gen Gege­ben­hei­ten ori­en­tiert, son­dern den For­de­run­gen des heu­ti­gen Zeit­geis­tes fol­gen wird. Es geht nicht mehr um Klä­rung, son­dern aus­schließ­lich um Vor­ver­ur­tei­lung, was man ja bereits tat ohne Bele­ge, Bewei­se und ohne sach­kun­di­ges Mate­ri­al auf den Tisch zu legen und noch ein­mal: es geht dar­um zu ver­ur­tei­len und nicht dar­um, die Ange­le­gen­heit sach­lich und fair zu klä­ren.
Wie ver­lo­gen das heu­te doch alles ist!
Man kann es kaum glau­ben, aber lei­der muß man es glau­ben.

Lie­ber Ralf,
Ich bin gene­rell in jeder Sache unan­greif­bar und das sage ich ohne jede Koket­te­rie. Ich habe in 40 Jah­ren kei­ner­lei bedin­gen­de För­der­mit­tel ange­nom­men. Ich habe mich nie­mals einem Ver­ein, einer Par­tei, einer Stif­tung oder ande­ren Instan­zen ange­bie­dert, um mei­ne Arbeit zu finan­zie­ren. Ich schul­de nie­man­dem etwas und des­we­gen kann mir auch nie­mand dro­hen. Soll­te man mich nach die­sem Brief angrei­fen wol­len, was ich für reich­lich unwahr­schein­lich hal­te, dann wird mir das schlicht und ergrei­fend am Arsch vor­bei­ge­hen. Und je lau­ter man mir den Mund ver­bie­ten woll­te, des­to wei­ter habe ich ihn in der Ver­gan­gen­heit immer wie­der auf­ge­macht. Das ist in 40 Jah­ren so geblie­ben und dar­an wird sich auch künf­tig NICHTS ändern.

Was mich nun nach kur­zem Schwei­gen
doch an den Schreib­tisch trieb, ist nicht Nost­al­gie. Es ist der lächer­li­che Anblick einer eins­ti­gen stol­zen Schwu­len­sze­ne, die heu­te unauf­hör­lich von Tole­ranz redet, von Frei­heit und Demo­kra­tie faselt, von der Wür­de des Anders­den­ken­den, aber in Wirk­lich­keit die into­le­ran­tes­te Min­der­heit gewor­den ist, der ich je begeg­net bin, sobald es dar­um geht, einen der ihren nicht mehr zu schüt­zen, da er des Zeit­geis­tes wegen unbe­quem gewor­den ist.
Das ist Ver­rat, Ver­rat der übels­ten Art!
Ver­rat aus den eige­nen Rei­hen.

Aber Ralf, Du bist nicht gefal­len,
Du wur­dest zwar ange­grif­fen und ver­sto­ßen: wer jedoch ange­grif­fen und ver­sto­ßen wird, ver­dient zumin­dest einen Men­schen, der dies öffent­lich aus­spricht und ohne Scheu zu ihm steht – erst recht, wenn es um sol­che Heu­che­lei und Ver­lo­gen­heit geht, wie in Dei­nem Fall. Die­sen Men­schen fin­dest Du in mir, denn ich bin wohl der Ein­zi­ge aus der gesam­ten Schwu­len­be­we­gung, der die­sen Weg geht.
Auch wenn wir kei­ne Freun­de waren oder heu­te sind, so haben wir uns bei­de doch dem­sel­ben Mann gegen­über ver­pflich­tet gefühlt und tun es heu­te noch: Magnus Hirsch­feld.
Gera­de des­halb schät­ze ich Dei­ne 44-jäh­ri­ge Hirsch­feld-Arbeit zutiefst, denn kol­le­gia­le Wert­schät­zung erfor­dert kei­ne per­sön­li­che Freund­schaft.
Rosa von Zehn­le
Ungarn – 17.6. – 2026


- Einleitung -

Die­ser öffent­li­che Brief ist kein Nach­ruf
und kei­ne Ver­tei­di­gungs­schrift. Er ist ein öffent­li­ches Zeug­nis, abge­legt von jeman­dem, der dabei war und der heu­te, im Juni 2026, nicht zum inhalt­li­chen Vor­fall schwei­gen will.

Er erscheint als 2. Teil einer 44-teil­i­gen Auf­satz­se­rie,
die ich anläß­lich des 40-jäh­ri­gen Bestehens mei­nes Rosa Archiv und Biblio­thek, gegrün­det 1986 in Leip­zig, bis zum Jahr 2030, der 44.-jährigen Exis­tenz, ver­öf­fent­li­che. In die­ser Rei­he geht es um Men­schen, Ereig­nis­se und Ent­wick­lun­gen, die das Rosa Archiv und sei­ne Geschich­te geprägt haben. Ralf Dose und die Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft gehö­ren untrenn­bar dazu.
Der Brief ist in sie­ben Tei­le geglie­dert, denen obi­ges Vor­wort und die Ein­lei­tung vor­an­ge­stellt sind und sich wie folgt glie­dert.
Sie­he rech­te Spal­te oben.

Wer die­sen öffent­li­chen Brief liest,
wird am Ende erken­nen, wie die heu­ti­ge Bewe­gung aus­sieht, die Tag für Tag von Tole­ranz spricht und Tag für Tag genau jene Men­schen vor den Kopf stößt, die ihr Ver­trau­en, ihre Zeit, ihre Arbeit und ihre Loya­li­tät ein­ge­bracht haben und eine gera­de­zu prak­ti­zier­te und infla­tio­nä­re Undank­bar­keit an den Tag legt, nicht nur nach außen, son­dern auch in den eige­nen Rei­hen.
Und wer die­sen Bei­trag bis zum Ende liest, wird wis­sen, daß es noch Men­schen gibt, die die­sen Wider­spruch sehen und nicht bereit sind, ihn schwei­gend hin­zu­neh­men.

Auch wenn von ihnen kaum mehr als eine Hand­voll geblie­ben ist. Und zu die­ser Hand­voll Men­schen gehör­te ich schon immer. Viel­leicht gera­de auch des­halb, weil eine aus­ge­streck­te Hand mehr ver­bin­det als tau­send erho­be­ne Arme.

Eine Auf­satz-Serie zum
40-jäh­ri­gen Bestehen:

Die hier doku­men­tier­ten Ana­ly­sen gehen zurück bis zum Grün­dungs­jahr 1986.
2. von 44 inhalts­rei­chen und kri­ti­schen Auf­sät­zen.
- – - – - – -
Wer mir schrei­ben möch­te, aber nicht als öffent­li­chen Kom­men­tar, bit­te an:
info@rosa-archiv.de
Gern auch Kommentare!


Offe­ner Brief an
Ralf Dose von der MHG!
Rosa von Zehn­le:
Lie­ber Ralf,
ich ste­he zu Dir!
Ich wert­schät­ze Dei­ne

geleis­te­te Arbeit
der letz­ten

44 Jah­re!
Dafür gro­ßen Dank!

Mir ist wurscht,
was die ande­ren
davon hal­ten!

I n h a l t :

  • Vor­be­mer­kun­gen
    (Etwas län­ger als gewohnt!)
  • Ein­lei­tung
  • Teil 1
    „Vier­zig Jah­re auf dem­sel­ben Weg“
    und schil­dert den gemein­sa­men Arbeits­kon­takt zwi­schen dem Rosa Archiv und der Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft Ber­lin seit 1985, den Brief­wech­sel, den Mate­ri­al­ver­sand über die inner­deut­sche Gren­ze und was dar­aus bis zur Wen­de gewor­den ist.
  • Teil 2 
    wid­met sich Ralf Doses
    wis­sen­schaft­li­chem Lebens­werk:

    40 Jah­re For­schung zu Magnus Hirsch­feld, zur Geschich­te der Sexu­al­wis­sen­schaft und zur Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung. Was er geleis­tet hat und was davon bleibt, unab­hän­gig davon, was der Zeit­geist heu­te dar­über denkt.
  • Teil 3 
    stellt den his­to­ri­schen Kon­text der 1970er, 1980er bis Anfang der 1990er Jah­re dar.
    Es war eine Zeit, in der der Dis­kurs über Sexua­li­tät, Eman­zi­pa­ti­on und gesell­schaft­li­che Rand­grup­pen quer durch Schwu­len­be­we­gung, Grü­ne, Wis­sen­schaft und Reform­päd­ago­gik geführt wur­de. Wer das heu­te ver­ges­sen will, lügt sich in die eige­ne Tasche.
  • Teil 4 
    wirft die volks-phi­lo­so­phi­sche und recht­li­che Grund­fra­ge auf:
    Kann man einen Men­schen nach Maß­stä­ben ver­ur­tei­len, die es zum Zeit­punkt sei­nes Han­delns schlicht nicht gab? Das Tri­bu­nal der Nach­ge­bo­re­nen als intel­lekt­lo­ses und amo­ra­li­sches Problem.
  • Teil 5 beschreibt,
    wie die eins­ti­ge Sub­kul­tur­be­we­gung zur Hüte­rin des herr­schen­den Dis­kur­ses wur­de:
    För­der­gel­der als Zügel, staat­li­che Aner­ken­nung als Zäh­mung, insti­tu­tio­nel­le Abhän­gig­keit als Schweigepflicht.
  • Teil 6 schwer­wie­gend und hat den Titel „Die Bewe­gung frißt ihre Bes­ten“
    und benennt beim Namen und was gesche­hen ist: eine Bewe­gung, die ihre eige­nen Grün­der opfert, um sich nach außen zu „rei­ni­gen“. Mit Quel­len, mit Namen und ohne Beschönigung.
  • Teil 7
    schließt mit dem Titel „Hal­tung ohne Applaus, aber mit Rück­grat“.
    Es ist mein per­sön­li­ches Schluß­wort: war­um ich heu­te öffent­lich zu Ralf Dose ste­he, was Freund­schaft über Jahr­zehn­te und trotz Dif­fe­ren­zen bedeu­tet und was der Zeit­geist damit (nicht) anfan­gen kann.
  • Nach­wort und Fazit
  • Ein letz­ter Gedan­ke, den ich mir nicht ver­knei­fen kann!


Der breite gesellschaftliche Konsens der AHS
in den 1980er-1990er
Jahren in zahlreichen
Abbildungsbeispielen
:


- Teil 1 -
Vierzig Jahre auf demselben Weg

Es gibt Ver­bin­dun­gen,
die kei­ne Urkun­de brau­chen und kei­nen Ver­eins­stem­pel. Sie ent­ste­hen ein­fach, weil zwei Men­schen zur glei­chen Zeit an der­sel­ben Sache arbei­ten, aus dem­sel­ben Antrieb her­aus, mit den­sel­ben Mit­teln: Bücher, Brie­fe, Hart­nä­ckig­keit.
1986 war ich 26 Jah­re jung und betrieb seit 1985 den „Freun­des­kreis Rosa Archiv“ (FKRA), der eben 1986 und bis heu­te das Rosa Archiv und Biblio­thek ist und das in die­sem Jahr sein 40-jäh­ri­ges Bestehen nach­wei­sen kann. Ein Archiv ohne Geld, ohne För­de­rung, ohne staat­li­che Rücken­de­ckung, in einem Land, das sol­che Initia­ti­ven nicht moch­te und eigent­lich nicht dul­de­te. Ein Archiv, das trotz­dem exis­tier­te, weil es exis­tie­ren muß­te.

Du, Ralf, warst zu die­ser Zeit
bereits seit vier Jah­ren Mit­be­grün­der und Geschäfts­füh­rer der Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft in West-Ber­lin, einer Insti­tu­ti­on, die sich dem Erbe Magnus Hirsch­felds ver­schrie­ben hat­te, jenem Arzt und Sexu­al­wis­sen­schaft­ler, der 1919 in Ber­lin das ers­te Insti­tut für Sexu­al­wis­sen­schaft der Welt gegrün­det hat­te und des­sen Werk die Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933 zum größ­ten Teil ver­brann­ten und zer­stör­ten.
Was uns zusam­men­brach­te, war also Magnus Hirsch­feld. Nicht als Legen­de, nicht als Denk­mals­fi­gur, son­dern als Auf­ga­be. Die Auf­ga­be, sein Werk zu bewah­ren, sei­ne Geschich­te zu erfor­schen und dafür zu sor­gen, daß das, was noch vor­han­den war, Puz­zle­teil für Puz­zle­teil neu zusam­men­ge­fügt und für alle Zukunft archi­viert wird.

Unser Brief­wech­sel begann,
wie vie­le wich­ti­ge Din­ge begin­nen: unspek­ta­ku­lär.
Ein Brief hier­hin, eine Ant­wort dort­hin. Dann Mate­ria­li­en, Publi­ka­tio­nen, Mit­tei­lun­gen der Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft, Auf­sät­ze, Doku­men­ta­tio­nen. Das alles kam über die inner­deut­sche Gren­ze, von West nach Ost, auf einem Weg, der offi­zi­ell nicht exis­tie­ren durf­te und der für mich nicht ohne Risi­ko war, denn was ich mach­te, war nach DDR-Straf­recht ver­folg­bar und konn­te mit Gefäng­nis geahn­det wer­den.
Ich habe das damals wie heu­te nie als Selbst­ver­ständ­lich­keit betrach­tet. In einem Land, in dem der Post­weg über­wacht wur­de und in dem uner­wünsch­te Lite­ra­tur beschlag­nahmt wer­den konn­te, war jedes Paket, das ankam, ein klei­ner Sieg gegen die Dumm­heit des Sys­tems.

Zudem war genau das Mate­ri­al was ich sam­mel­te, in der DDR nur in gro­ßen Biblio­the­ken ein­seh­bar, wenn man einen wis­sen­schaft­li­chen Nach­weis einer DDR-Insti­tu­ti­on vor­le­gen konn­te. Und die­sem bekam kei­ner, der nicht zur The­ma­tik stu­dier­te. Ich bekam hin und wie­der etwas aus dem Gift­schrank der Leip­zi­ger „Deut­schen Büche­rei“ (heu­te Deut­sche Natio­nal­bi­blio­thek), da ich als Fleisch- und Wurst­ver­käu­fer in einer pri­va­ten Flei­sche­rei mit Schwei­ne­lend­chen und Koch­schin­ken auf­war­ten konn­te, die es fast nur unter dem Laden­tisch zu kau­fen gab.
Das war DDR-All­tag und jeder mach­te das Bes­te dar­aus.

Ralf, Dei­ne Mate­ria­li­en aus jener Zeit sind heu­te noch vor­han­den.
Sie ste­hen im Rosa Archiv, geord­net und sind unter dem Biblio­theks­sie­gel L 333, das im Sigel­ver­zeich­nis der Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz ein­ge­tra­gen ist, als Bestand für die Zukunft gesi­chert. Sie sind kein pri­va­tes Andenken, son­dern Teil eines öffent­li­chen, wis­sen­schaft­lich aner­kann­ten Bestan­des. Wer also behaup­ten woll­te, unse­re Zusam­men­ar­beit habe nie statt­ge­fun­den oder sei bedeu­tungs­los gewe­sen, der möge sich auf den Weg der kur­zen Suche machen, nach­se­hen und fest­stel­len, wie es wirk­lich ist.

Dann kam die Wen­de und sie ver­än­der­te vie­les. Die Mau­er fiel, die DDR ver­schwand und mit ihr die äuße­ren Bedin­gun­gen, die unse­re Zusam­men­ar­beit geprägt hat­ten. Was blieb, war die Arbeit selbst. Ich grün­de­te im Juni 1990, in den letz­ten Wochen der DDR, den 175er Ver­lag, benannt nach dem Para­gra­phen, der männ­li­che Homo­se­xua­li­tät unter Stra­fe gestellt hat­te, aber end­gül­tig erst 1994 rest­los viel. – Ein Ver­lag ohne Kapi­tal, ohne Netz und ohne Applaus, aber mit einem kla­ren Auf­trag.

Dann, irgend­wann in den 2000er Jah­ren, kam eine ePost von Dir.
Du woll­test mit mir und dem „komi­schen Ver­lag“ nichts mehr zu tun haben. Ich habe dar­über nach­ge­dacht, wahr­schein­lich zu lan­ge. Mei­ne Kri­ti­ken an der Schwu­len­sze­ne, die ich immer geübt hat­te und nie zurück­ge­hal­ten habe, mögen Dich gestört haben. Viel­leicht war es auch etwas ande­res, das ich bis heu­te nicht wirk­lich ken­ne, ich aber ver­mu­te. Ich habe es auf sich beru­hen las­sen, weil ich gelernt habe, daß man­che Din­ge kei­ne Erklä­rung benö­ti­gen und daß man trotz­dem wei­ter­ar­bei­ten kann.
Was ich aber nicht auf sich beru­hen las­se, ist das, was heu­te mit Dir geschieht.
40 Jah­re haben wir auf dem­sel­ben Weg gear­bei­tet, Du in Ber­lin, ich in Leip­zig und spä­ter in Ungarn.
40 Jah­re, in denen Du För­der­gel­der bekamst und ich kei­nen Pfen­nig öffent­li­che Gel­der in Anspruch genom­men habe, wir aber bei­de getrennt und den­noch the­ma­tisch ver­bun­den, taten, was uns wirk­lich wich­tig war.
40 Jah­re, in denen wir bei­de wuß­ten, was Abhän­gig­keit bedeu­tet, aber auch 40 Jah­re was Unab­hän­gig­keit bedeu­tet.
Jeder aus sei­ner Sicht.

Heu­te stehst Du „allein“ da.
Nicht weil Du gefal­len wärst, son­dern weil die, die neben Dir stan­den, im ent­schei­den­den Moment die Sei­te gewech­selt haben. Das nen­ne ich nicht Über­zeu­gungs­wan­del. Das nen­ne ich Feig­heit mit Ansa­ge.
Für mich stehst Du nicht allein da.
Die Zahl der Weg­ge­fähr­ten mag klei­ner gewor­den sein, doch auf die Zahl kam es nie an. Cha­rak­ter zeigt sich dar­an, ob man sei­nen Idea­len treu bleibt oder sie dem jewei­li­gen Zeit­geist opfert.
Und ich sage das öffent­lich, weil es öffent­lich gesagt wer­den muß.


- Teil 2 -
Ralf Dose und sein Lebenswerk

Es gibt Men­schen, die Geschich­te schrei­ben
und es gibt Men­schen, die Geschich­te bewah­ren und Ralf Dose gehört zur zwei­ten, sel­te­ne­ren Art. Nicht die, die im Ram­pen­licht ste­hen und Reden hal­ten, son­dern die, die in Archi­ven sit­zen, Nach­läs­se durch­fors­ten, Brie­fe ent­zif­fern, Kar­tei­kar­ten anle­gen und dafür sor­gen, daß das, was gewe­sen ist, nicht ein­fach ver­schwin­det, weil es nie­man­den mehr gibt, der es sich mer­ken will.
Und dann gibt es noch Men­schen die Geschich­te zer­stö­ren und das sind die die sich heu­te dem Zeit­geist anbie­dern und Geschich­te dar­stel­len wol­len, wie sie eben nicht war.
Und!
Es gibt Men­schen, die Geschich­te ver­nich­ten.
Wer sich ertappt fühlt, möge vor Scham im Boden ver­sin­ken.
Denn wer Geschich­te ver­nich­tet, ver­liert nicht nur den Respekt vor der Ver­gan­gen­heit selbst, son­dern auch vor den Men­schen, die sie erlebt und bewahrt haben.

Seit 1971 war Dose in der West­ber­li­ner Schwu­len­be­we­gung aktiv,
zu einer Zeit, als das noch etwas bedeu­te­te: als männ­li­che Homo­se­xua­li­tät in der BRD unter dem berüch­tig­ten Para­gra­phen 175 teil­wei­se noch unter Stra­fe stand und als schwul zu sein bedeu­te­te, sich täg­lich gegen eine Gesell­schaft zu behaup­ten, die Schwu­le ent­we­der igno­rier­te, bestraf­te oder bemit­lei­de­te. Er hat die­se Zeit nicht nur erlebt, er hat sie aktiv gestal­tet und doku­men­tiert.

1982, elf Jah­re nach sei­nem ers­ten Enga­ge­ment,
war er Mit­be­grün­der der Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft, die in der Woh­nung von Hans-Gün­ter Klein ins Leben geru­fen wur­de. Der Anlaß war kon­kret: das 50-jäh­ri­ge Geden­ken an die natio­nal-sozia­lis­ti­sche Macht­über­nah­me von 1933 stand bevor und es zeich­ne­te sich ab, daß bei den offi­zi­el­len Ver­an­stal­tun­gen eine Opfer­grup­pe aber­mals ver­ges­sen wer­den wür­de, so wie sie jahr­zehn­te­lang ver­ges­sen wor­den war: die Homo­phi­len. Dose und sei­ne Mit­strei­ter haben das nicht hin­ge­nom­men.

Was folg­te, waren über 40 Jah­re unun­ter­bro­che­ne wis­sen­schaft­li­che Arbeit. Nicht gele­gent­lich, nicht neben­her, son­dern als Lebens­auf­ga­be. Die Geschich­te des Insti­tuts für Sexu­al­wis­sen­schaft, das Magnus Hirsch­feld 1919 in Ber­lin gegrün­det hat­te, wur­de von Dose und sei­nen Mit­ar­bei­tern Stück für Stück rekon­stru­iert. Brie­fe, Fotos, Doku­men­te, Bio­gra­fien der Mit­ar­bei­ter, Nach­läs­se, Ver­bin­dun­gen zu Archi­ven in aller Welt: das alles ist das stil­le, gedul­di­ge, unspek­ta­ku­lä­re Hand­werk eines Man­nes, der ver­stand, daß Geschich­te nicht von selbst über­lebt.

Zu den bedeu­ten­den Ergeb­nis­sen
die­ser Arbeit gehö­ren zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen und die Mit­tei­lun­gen der Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft, die seit 1983 erschei­nen und die heu­te auch als Stan­dard­quel­le zur Geschich­te der Hirschfeld´schen Sexu­al­wis­sen­schaft gel­ten. Dazu kom­men Aus­stel­lun­gen, Buch­bei­trä­ge, gemein­sa­me Pro­jek­te mit inter­na­tio­na­len Archi­ven und die jah­re­lan­ge Zusam­men­ar­beit mit unzäh­li­gen For­schern, die mit Dose gemein­sam umfang­rei­che Doku­men­ta­tio­nen zum und über das Insti­tut für Sexu­al­wis­sen­schaft ver­öf­fent­lich­ten. Das Ergeb­nis die­ser Mühen ist nicht weg­zu­dis­ku­tie­ren und nicht weg­zu­schwei­gen: es steht in Biblio­the­ken, in Archi­ven, in Fuß­no­ten und in dem kol­lek­ti­ven Wis­sen all jener, die sich heu­te mit Magnus Hirsch­feld beschäf­ti­gen.

Und genau das ist der Kern der Unver­schämt­heit des­sen,
was heu­te geschieht.
Wer Ralf Dose heu­te an die Wand stellt, stellt damit auch sein Werk an die Wand. Wer sei­ne För­der­gel­der streicht und ihm den Rücken kehrt, der kehrt damit auch Magnus Hirsch­feld den Rücken, dem Mann, in des­sen Namen die Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft gegrün­det wur­de und in des­sen Namen sie jahr­zehn­te­lang Gel­der ein­ge­wor­ben hat. Man kann nicht Hirsch­feld fei­ern und Dose fal­len las­sen. Man kann nicht auf Hirsch­felds Schul­tern ste­hen und gleich­zei­tig dem Mann ins Gesicht tre­ten, der die­se Schul­tern auf­ge­baut hat.

Dose hat für die­se Arbeit kein Ver­mö­gen gemacht. Er hat kein gro­ßes Haus gebaut, kei­ne Kar­rie­re im aka­de­mi­schen Betrieb ver­folgt, kei­ne Pro­fes­sur ein­ge­nom­men. Er war Publi­zist, Wis­sen­schafts­his­to­ri­ker und Akti­vist aus Über­zeu­gung, nicht aus Kal­kül. Das ver­bin­det ihn mit all jenen, die in der Geschich­te der Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen immer die eigent­li­che Arbeit getan haben: die Nicht­be­zahl­ten, die Nicht­ge­ehr­ten, die Uner­müd­li­chen und die Nicht­an­ge­paß­ten.

Heu­te, im Jahr 2026, hat die­ser Mann nie­man­den,
der öffent­lich zu ihm steht. Sei­ne ehe­ma­li­gen Mit­strei­ter schwei­gen. Sei­ne lang­jäh­ri­gen und eins­ti­gen Mit­ak­ti­vis­ten ver­ste­cken sich hin­ter einer namen­lo­sen Kol­lek­tiv­erklä­rung oder schwei­gen wei­ter. Die Insti­tu­tio­nen, die von sei­ner Arbeit pro­fi­tiert haben, wen­den sich ab wie Leu­te, die einen Bekann­ten auf der Stra­ße nicht erken­nen wol­len, weil es gera­de unge­le­gen kommt.
Das ist kei­ne Abrech­nung mit ein­zel­nen Men­schen. Das ist die Beschrei­bung eines Zustan­des, der über den Ein­zel­fall weit hin­aus­geht und der etwas über den inne­ren Ver­fall einer Bewe­gung sagt, die ein­mal ange­tre­ten war, die Welt gerech­ter zu machen.


- Teil 3 -
Das Gedächtnis einer Bewegung

Wer die Ereig­nis­se rund um Ralf Dose und sei­ner Zeit in der AHS ver­ste­hen will,
muß sich erin­nern. Ernst­haft und ohne Vor­be­hal­te erin­nern, also nicht selek­tiv, nicht bequem, son­dern voll­stän­dig. Und voll­stän­di­ges Erin­nern bedeu­tet, den his­to­ri­schen Kon­text der 1980er Jah­re so zu beschrei­ben, wie er tat­säch­lich war, nicht so, wie er im Rück­blick ger­ne heu­te zeit­geist­ge­recht dar­ge­stellt wer­den soll und heu­te dadurch lei­der nur falsch dar­ge­stellt wird.
Die Schwu­len­be­we­gung der 1970er bis Anfang der 1990er Jah­re war kei­ne homo­ge­ne, über­sicht­li­che Ver­an­stal­tung. Sie war ein brei­ter, wider­sprüch­li­cher, leben­di­ger Eman­zi­pa­ti­ons­strom, in dem vie­le Dis­kur­se gleich­zei­tig lie­fen. Einer davon war der Dis­kurs über Pädo­phi­lie. Das ist kei­ne Behaup­tung, das ist beleg­ba­re Geschichte.

Das schwu­le, pädo­phi­le und les­bi­sche Adres­sen­ver­zeich­nis,
(sie­he Abbil­dung rechts) das in jenen Jah­ren bis Anfang der 1990er Jah­ren zir­ku­lier­te und alle hal­be Jah­re erschien und das ich selbst im Rosa Archiv ver­wah­re, trägt die­sen Titel nicht aus Ver­se­hen. Die Rei­hen­fol­ge ist doku­men­tiert: schwul, pädo­phil, lesbisch.

Pädo­phi­lie war in die­sem Ver­zeich­nis kei­ne ver­steck­te Rand­no­tiz, son­dern ein gleich­ran­gig genann­tes The­ma. Wer heu­te behaup­tet, das sei damals ein Tabu gewe­sen oder ein Ein­zel­phä­no­men, lügt wider bes­se­res Wis­sen oder hat schlicht kei­ne Ahnung, wovon er spricht.

Die Arbeits­ge­mein­schaft Huma­ne Sexua­li­tät,
kurz AHS, in der Ralf Dose im Vor­stand tätig war, ist ein wei­te­res beleg­ba­res Bei­spiel. Im Rosa Archiv lie­gen zwan­zig Ord­ner aus der Grün­dungs­zeit die­ser Orga­ni­sa­ti­on. Ich habe sie. Ich habe sie gele­sen. Was dar­in steht, ist kein Auf­ruf zu Kin­des­miß­brauch, son­dern die For­de­rung nach glei­che Men­schen­rech­te auch für Pädo­phi­le, nach recht­li­cher Gleich­stel­lung, nach einem zivi­li­sier­ten gesell­schaft­li­chen Umgang mit einer Min­der­heit, die kri­mi­na­li­siert wur­de. Das ist ein fun­da­men­ta­ler Unter­schied, den heu­te nie­mand mehr hören will, weil er die ein­fa­che Gleich­set­zung von Pädo­phi­lie und Kin­des­miß­brauch stört, die inzwi­schen zum Stan­dard­re­per­toire jeder öffent­li­chen Debat­te gehört.
Die­ser Dis­kurs war kein Allein­gang ein­zel­ner „Spin­ner“ am Rand der Bewe­gung. Er wur­de geführt von Schwu­len­ver­bän­den, von Tei­len der Grü­nen, von Sexu­al­wis­sen­schaft­lern, von Reform­päd­ago­gen, Poli­ti­kern, von Medi­en usw., die anfangs zöger­lich, dann zuneh­mend offen mit­dis­ku­tier­ten. Es gibt dafür Bele­ge in Hül­le und Fül­le, in Archi­ven, in Pro­to­kol­len, in Publi­ka­tio­nen der dama­li­gen Zeit. Das Rosa Archiv besitzt davon einen erheb­li­chen Teil.
Und noch etwas:
Die AHS war eine the­men­über­grei­fen­de Insti­tu­ti­on, wo Pädo­phi­lie nur ein sehr klei­nes The­ma unter vie­len war, wie ich das hier an Hand fol­gen­der und einer unvoll­stän­di­gen Auf­lis­tung auf­zei­ge:
- AD(H)S und Sexua­li­tät – AIDS und HIV – Aus­gren­zung und Sexua­li­tät – Behin­de­rung und Sexua­li­tät – Bise­xua­li­tät – Depres­si­on und Sexua­li­tät – Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund sexu­el­ler Ori­en­tie­rung – Ent­ta­bui­sie­rung sexu­el­ler The­men – Exhi­bi­tio­nis­mus – Geschlechts­iden­ti­tät – gesell­schaft­li­cher Umgang mit sexu­el­len Min­der­hei­ten – Homo­se­xua­li­tät – Inter­se­xua­li­tät – Jugend­schutz – Jugend­sexua­li­tät – Kin­der­se­xua­li­tät – Män­ner und Gewalt – Män­ner und Sexua­li­tät – Miß­brauch und Miß­brauchs­vor­wür­fe – Part­ner­schaft und Bezie­hun­gen – Por­no­gra­phie – Pro­sti­tu­ti­on / Sex­ar­beit – Refor­men des Sexu­al­straf­rechts – Selbst­be­frie­di­gung – sexu­el­le Auf­klä­rung – sexu­el­le Men­schen­rech­te – sexu­el­le Min­der­hei­ten – sexu­el­le Selbst­be­stim­mung – Sexu­al­erzie­hung / Sexu­al­päd­ago­gik – Sexua­li­tät als Dienst­leis­tung – Sexua­li­tät bei Krank­heit – Sexua­li­tät im Alter – Sexua­li­tät und Gesell­schaft – Sexua­li­tät und Macht – Sexua­li­tät und Medi­en – Sexua­li­tät und Recht – Sexu­al­po­li­tik – Sexu­al­straf­recht – Sexu­al­wis­sen­schaft – Sucht und Sexua­li­tät – Trans­se­xua­li­tät – Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on – usw. – …

Die rechts oben bei­gefüg­ten Abbil­dun­gen
zei­gen zudem eben­falls nur eine klei­ne Aus­wahl von Brief­köp­fen aus dem Schrift­ver­kehr der Arbeits­ge­mein­schaft Huma­ne Sexua­li­tät, mit staat­li­chen und gesell­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen der BRD zwi­schen 1983 und 1990: Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, Bun­des­rat, Baye­ri­sches Staats­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozi­al­ord­nung, ZDF-Inten­danz, Deut­scher Kin­der­schutz­bund, Land­tags­frak­tio­nen und Kom­mu­nal­ver­wal­tun­gen. Die­ser Quer­schnitt belegt, daß die AHS kei­ne Rand­or­ga­ni­sa­ti­on war, son­dern ein aner­kann­ter Gesprächs­part­ner auf allen Ebe­nen des öffent­li­chen Lebens, der sach­lich, ernst­haft und ohne ideo­lo­gi­schen Tun­nel­blick in legis­la­ti­ve Pro­zes­se ein­be­zo­gen wur­de.
Wer heu­te Ralf Dose als Gefahr für die Sze­ne dar­stellt, muß sich fra­gen las­sen, war­um das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um jener Epo­che die AHS, in der Dose Vor­stands­mit­glied war, als aner­kann­te Fach­or­ga­ni­sa­ti­on behan­del­te, ihren Sach­ver­stand zu lau­fen­den Gesetz­ge­bungs­vor­ha­ben aktiv ein­hol­te und ihre Stel­lung­nah­men als Bera­tungs­grund­la­ge in die eige­nen Geset­zes-Erwä­gun­gen ein­be­zog.

Ralf Dose war in die­sem Dis­kurs kei­ne Aus­nah­me.
Er war ein Teil­neh­mer an einer Debat­te, die sei­ne Zeit präg­te und die von den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen in jenen Jah­ren her­vor­ge­bracht wur­de. Das Insti­tut für Sexu­al­wis­sen­schaft, des­sen Geschich­te er erforscht hat, hat­te sich bereits in den 1920er Jah­ren mit Fra­gen der Sexua­li­tät befaßt, die weit über das hin­aus­gin­gen, was damals gesell­schaft­lich akzep­tiert war. Hirsch­feld selbst hat­te sich für die Ent­kri­mi­na­li­sie­rung von Homo­se­xua­li­tät ein­ge­setzt, als das noch ein gefähr­li­ches Unter­fan­gen war. Die Linie von Hirsch­feld zu Dose ist kei­ne Erfin­dung, sie ist wis­sen­schaft­li­che Kon­ti­nui­tät. Und auch Hirsch­feld befaß­te sich mit der The­ma­tik der Kin­des­se­xua­li­tät und der „Pädo­phi­lia ero­ti­ca“, wie auch alle sei­ne Kol­le­gen jener Zeit, die die Sexu­al­wis­sen­schaft wirk­lich ernst nah­men und kei­nen Bereich aus­lie­ßen.

Was heu­te geschieht, ist etwas grund­le­gend ande­res.
Es ist die nach­träg­li­che Anwen­dung eines Maß­sta­bes, der in den 1980er Jah­ren nicht exis­tier­te, auf Hand­lun­gen und Hal­tun­gen, die in jenem Kon­text ent­stan­den sind. Man nimmt den Dose von 1985 und beur­teilt ihn mit dem Blick­win­kel von 2025. Das ist kei­ne Geschichts­wis­sen­schaft, das ist pure dik­ta­to­ri­sche Zeit­geist­jus­tiz.
Das MHG-Archiv, das aus der mühe­vol­len Arbeit von Dose ent­stan­den ist, trägt einen uner­meß­li­chen kul­tur­his­to­ri­schen Wert, der durch kei­ne Pres­se­mit­tei­lung und kei­nen För­der­ent­zug zu negie­ren ist. Was dort lagert, sind Ori­gi­nal­do­ku­men­te, Brie­fe, Fotos und Nach­läs­se zur Geschich­te der Sexu­al­wis­sen­schaft, die es in die­ser Form welt­weit wohl kein zwei­tes Mal gibt. Man kann den Grün­der fal­len las­sen. Man kann ihm die För­de­rung strei­chen. Man kann sein Schwei­gen erzwin­gen. Aber man kann nicht unge­sche­hen machen, was er in 44 Jah­ren mühe­voll auf­ge­baut hat.
Das steht. Das bleibt.
Das wird man nicht rück­gän­gig machen kön­nen.

Die Fra­ge, die sich jeder stel­len muß,
der heu­te die Nase über Ralf Dose rümpft, lau­tet:
Wo warst Du damals?
Wer von den heu­ti­gen Anklä­gern hat in den 1980er Jah­ren öffent­lich gegen den Dis­kurs pro­tes­tiert, an dem Dose teil­nahm?
Wer hat damals den Fin­ger geho­ben und gesagt, das geht zu weit?
Die Ant­wort ist bekannt. Nie­mand.
Oder jeden­falls so gut wie nie­mand. Weil es damals eben so war, wie es war. Und weil es beque­mer ist, heu­te auf jeman­den zu zei­gen, als sich an ges­tern zu erinnern.


- Teil 4 -
Das Tribunal als intellektloses und amoralisches Problem

Es gibt eine sehr wich­ti­ge Fra­ge,
die in der gesam­ten Debat­te um Ralf Dose nicht gestellt wird. Nicht in den Arti­keln des Tages­spie­gels, nicht in den Stel­lung­nah­men des Spinn­bo­den, nicht in den Erklä­run­gen des FFBIZ, nicht im Brief des ehe­ma­li­gen Vor­stands­mit­glieds Micha­el Tay­lor, nicht in der kaum an Arro­ganz zu über­bie­ten­den namen­lo­sen Kol­lek­tiv­erklä­rung der Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft.
Auch anders­wo nicht.

Die­se Fra­ge lau­tet:
Nach wel­chem Recht ver­ur­teilt man einen Men­schen für Hal­tun­gen, die er in einer Zeit ein­nahm, in der die­se Hal­tun­gen nicht nur tole­riert, son­dern breit dis­ku­tiert wur­den?
Selbst das dama­li­ge Bon­ner Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um hat­te inten­si­ve Arbeits­kon­tak­te zur AHS, wie man an den bei­den Abbil­dun­gen rechts oben sehen kann.
Das ist kei­ne rhe­to­ri­sche Fra­ge.
Das ist die Grund­fra­ge jeder zivi­li­sier­ten Rech­te-Ord­nung und jeder ernst­haf­ten Geschichts­wis­sen­schaft. Und sie wird bewußt nicht gestellt, weil die Ant­wort heu­te unbe­quem ist.
War­um wird sie nicht gestellt?
Hat die BRD kei­ne Rech­te-Ord­nung mehr?
Und war­um schweigt die Geschichts­wis­sen­schaft dazu?
Und war­um schwei­gen, die, die einst Sei­te an Sei­te von Dose stan­den?

Geschich­te ist kei­ne Knet­mas­se,
die man so lan­ge kne­tet, bis sie die Form des jewei­li­gen Zeit­geis­tes ange­nom­men hat. Was gesche­hen ist, ist gesche­hen. Man kann es erfor­schen, bewer­ten und dis­ku­tie­ren. Man kann es aber nicht nach­träg­lich umfor­men, nur weil die Wahr­heit unbe­quem gewor­den ist.
Das gilt eben­so für Archi­ve, Doku­men­te, Bezie­hun­gen und Koope­ra­tio­nen. Was doku­men­tiert ist, gehört zur Geschich­te. Man kann es kri­tisch ein­ord­nen oder hin­ter­fra­gen. Man kann es aber nicht ver­schwin­den las­sen, nur weil es nicht mehr in das gewünsch­te Bild paßt. Akten wer­den nicht unwahr, nur weil sie heu­te man­chem nicht mehr ins Welt­bild pas­sen.

Und mal neben­bei bemerkt:
Wer sich heu­te von Ralf Dose distan­ziert, wer ihn dif­fa­miert und öffent­lich anklagt, weil er in den 1980er Jah­ren mit der AHS zusam­men­ar­bei­te­te, der müß­te kon­se­quen­ter­wei­se auch das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um jener Epo­che öffent­lich ver­ur­tei­len, das die­sel­be Orga­ni­sa­ti­on als aner­kann­te Fach­in­stanz behan­del­te und ihren Sach­ver­stand in lau­fen­de Gesetz­ge­bungs­vor­ha­ben ein­be­zog.
Daß das nie­mand tut, hat einen ein­fa­chen Grund:
Man fürch­tet das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um weil es mit einer Ver­leum­dungs­kla­ge oder ande­re recht­li­chen Mög­lich­kei­ten kon­tern wür­de. Oder viel wir­kungs­vol­ler: es wür­de ein Kol­le­gen­an­ruf genü­gen, um die För­der­gel­der sofort zu stop­pen und womög­lich erhal­te­ne Gel­der zurück zu zah­len.
Wie­so wird hier also mit zwei­er­lei Maß gemes­sen?

In jeder zivi­li­sier­ten Gesell­schaft gilt der Grund­satz,
daß nie­mand für eine Hand­lung bestraft wer­den kann, die zum Zeit­punkt ihrer Vor­nah­me nicht straf­bar war. Das ist kein Schlupf­loch, das ist ein recht­li­ches Fun­da­ment. Es heißt auf latei­nisch „nulla poe­na sine lege“, kei­ne Stra­fe ohne Gesetz und es gehört zu den ältes­ten Errun­gen­schaf­ten des zivi­li­sier­ten Rech­tes.
Gibt es also in der BRD schluß­fol­gernd kein zivi­li­sier­tes Recht mehr?
Man mag über die­sen Grund­satz im Ein­zel­fall strei­ten. Aber wer ihn außer Kraft setzt, der setzt nicht Recht, der setzt Will­kür.

Was mit Ralf Dose geschieht, ist Will­kür.
Nicht im juris­ti­schen Sinn, denn er wird nicht vor Gericht gestellt. Son­dern – und das ist viel schlim­mer – im mora­li­schen und gesell­schaft­li­chen Sinn: sein Ruf wird ver­nich­tet, sei­ne För­de­rung wird gestri­chen, sei­ne Mit­strei­ter wen­den sich ab und das alles auf der Grund­la­ge von Hal­tun­gen, die er vor 40 Jah­ren in einem völ­lig ande­ren gesell­schaft­li­chen Kon­text ein­nahm, in dem die­sel­ben Men­schen, die ihn heu­te ankla­gen, ent­we­der schwie­gen, zustimm­ten oder noch gar nicht auf der Welt waren oder heu­te der eige­nen Repu­ta­ti­on ein­fach nur das Maul hal­ten.

Das Gut­ach­ten, das die MHG in Auf­trag gege­ben hat,
spricht in die­ser Hin­sicht Bän­de. Es wur­de beauf­tragt, nach­dem Dose bereits zum Rück­tritt gedrängt wor­den war. Nicht vor­her. Nicht als Grund­la­ge einer Ent­schei­dung, son­dern als nach­träg­li­che Legi­ti­ma­ti­on einer bereits voll­zo­ge­nen Ver­ur­tei­lung. Das ist nicht das Vor­ge­hen einer ehr­lich und soli­den Insti­tu­ti­on, die an Auf­klä­rung inter­es­siert ist. Das ist das Vor­ge­hen einer Insti­tu­ti­on, die eine Ent­schei­dung bereits getrof­fen hat und nun nach einer Begrün­dung sucht. Erst das Urteil, dann der Pro­zeß. Das kennt man eigent­lich aus ande­ren Zei­ten und ande­ren Sys­te­men.
Das ken­ne ich noch aus der DDR, wo ich wegen Repu­blik­flucht ver­haf­tet wur­de und das Urteil bereits vor der Ver­hand­lung fest­stand und ich dann 18 Mona­te mei­nes jun­gen Lebens im Knast voll­brin­gen muß­te.
Es ist also nicht bes­ser gewor­den dadurch, daß man es jetzt in sei­ne Ver­eins­pro­to­kol­le „säu­ber­lich“ ver­packt und auch noch glaubt, man han­delt rich­tig.

Das Tri­bu­nal der Nach­ge­bo­re­nen
funk­tio­niert nach einer simp­len Logik: man nimmt einen Men­schen, der sich in sei­ner Zeit enga­giert hat, man legt an ihn den Maß­stab der Gegen­wart an und man erklärt ihn für schul­dig. Kei­ne Berück­sich­ti­gung des Kon­tex­tes. Und das Schlimms­te: ohne jede ech­ten Bewei­se!
Dazu kei­ne Wür­di­gung des Gesamt­wer­kes. Kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen dem, was damals Dis­kurs war und was heu­te Kon­sens ist. Nur das ver­meint­lich sau­be­re Ergeb­nis zählt: der Ange­klag­te ist schul­dig, die Anklä­ger sind rein und die För­der­gel­der flie­ßen wei­ter in die rich­ti­ge Rich­tung.
Das ist nicht intel­lek­tu­ell.
Das ist das Gegen­teil von Intel­lekt. Intel­lekt wür­de bedeu­ten, einen Sach­ver­halt in sei­ner his­to­ri­schen Kom­ple­xi­tät zu beur­tei­len, Ursa­chen und Zusam­men­hän­ge zu ver­ste­hen, zwi­schen Absicht und Wir­kung zu unter­schei­den und zu fra­gen, wel­che Schlüs­se aus einer dif­fe­ren­zier­ten Betrach­tung zu zie­hen sind. Das alles unter­bleibt. Statt­des­sen gibt es Schlag­zei­len, Stel­lung­nah­men und För­der­ent­zug und öffent­li­che Dif­fa­mie­rung.
Das ist auch nicht mora­lisch.
Das ist das Gegen­teil von Moral. Moral wür­de bedeu­ten, einem Men­schen gegen­über, der Jahr­zehn­te lang für eine Sache gear­bei­tet hat, Loya­li­tät zu zei­gen, zumin­dest den Anstand auf­zu­brin­gen, ihn per­sön­lich zu fra­gen, bevor man ihn öffent­lich fal­len läßt. Moral wür­de bedeu­ten, daß man zu jeman­dem steht, wenn es unbe­quem wird, nicht nur dann, wenn es nichts kos­tet. Was statt­des­sen geschieht, ist die Ent­sor­gung eines Men­schen, der läs­tig gewor­den ist, unter dem Deck­man­tel mora­li­scher Empö­rung.

Alfon­so Pan­tis­a­no, Que­er­be­auf­trag­ter des Ber­li­ner Senats
und SPD-Mit­glied, hat öffent­lich erklärt, wer im Jahr 2026 noch über eine his­to­ri­sche Ein­ord­nung sol­cher Posi­tio­nen dis­ku­tie­re, ver­ken­ne die Ver­ant­wor­tung. Das ist eine bemer­kens­wer­te Aus­sa­ge. Sie bedeu­tet im Klar­text: his­to­ri­sche Ein­ord­nung ist uner­wünscht. Kon­text ist uner­wünscht. Dif­fe­ren­zie­rung ist uner­wünscht. Wer fragt, hat bereits ver­lo­ren. Das ist kein auf­ge­klär­ter Stand­punkt. Das ist die Denk­struk­tur eines Tri­bu­nals, das kei­ne Ver­tei­di­gung dul­det.
Pan­tis­a­no ist dabei sym­pto­ma­tisch für einen Typ, der in der heu­ti­gen Sze­ne domi­niert: staat­lich gut besol­det, insti­tu­tio­nell abge­si­chert, dis­kur­siv kon­form und daher in der sehr kom­for­ta­blen Posi­ti­on, über ande­re zu urtei­len, ohne selbst jemals ein Risi­ko ein­ge­gan­gen zu sein. Er hat kei­ne 40 Jah­re in einem Archiv gear­bei­tet. Er hat kei­ne Bücher über die Gren­ze in die DDR geschickt. Er hat kei­ne eige­nen Gel­der in eine Sache inves­tiert, an die er glaubt. Er ver­wal­tet einen Pos­ten und voll­zieht gna­den­los, was der Zeit­geist von ihm ver­langt. Das ist sein gutes Recht. Aber es gibt ihm nicht das Recht, über Men­schen zu rich­ten, die ein Viel­fa­ches mehr geleis­tet haben als er in sei­nem gesam­ten bis­he­ri­gen Berufs­le­ben.

Aber beson­ders schwer wiegt die halt­lo­se Behaup­tung Alfon­so Pan­tis­a­nos,
die er in der Sie­ges­säu­le vom April 2026 auf­ge­stellt hat: Magnus Hirsch­feld habe sich immer klar gegen pädo­se­xu­el­le Nei­gun­gen posi­tio­niert.“ – Wau, eine glat­te Lüge!
Als jemand, der seit 1986 mit Hirsch­felds Werk befaßt ist und des­sen wich­tigs­te Schrif­ten, annä­hernd vier Regal­me­ter, im eige­nen Archiv ver­wahrt, muß ich das klar zurück­wei­sen, denn es gibt kei­nen ein­zi­gen Satz Hirsch­felds, der die­se Behaup­tung belegt und kei­ne Bemer­kung aus der man sol­che Behaup­tun­gen eines Pan­tis­a­nos auch nur andeu­tungs­wei­se her­aus­le­sen könnte.

Was Pan­tis­a­no offen­sicht­lich nicht weiß:
Der Begriff „Pädo­se­xua­li­tät“ exis­tier­te zu Hirsch­felds Leb­zei­ten schlicht nicht. Hirsch­feld starb 1935. Das Wort, das Pan­tis­a­no ihm als Bezugs­punkt unter­schiebt, ist eine Wort­schöp­fung der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Zu Hirsch­felds Zeit sprach die Wis­sen­schaft, soweit sie das Phä­no­men benann­te, von „Pädo­phi­lia ero­ti­ca“, ein Begriff, den Richard von Krafft-Ebing 1886 in sei­ner „Psy­cho­pa­thia Sexua­lis“ einführte. 

Hirsch­feld selbst präg­te 1906 die Begrif­fe
Ephe­b­o­phi­lie und Par­the­no­phi­lie, also kli­ni­sche Beschrei­bungs­ka­te­go­rien für das sexu­el­le Inter­es­se an puber­tie­ren­den Jun­gen bezie­hungs­wei­se Mäd­chen. Wer Begrif­fe für Phä­no­me­ne schafft, posi­tio­niert sich nicht „klar dage­gen“, son­dern beschreibt und klas­si­fi­ziert wis­sen­schaft­lich, wie es sei­ner Zeit und sei­ner Metho­de ent­sprach.
Hirsch­feld hat Pädo­phi­lie in sei­nen Schrif­ten als krank­haf­ten Sexu­al­typ und als psy­cho­sexu­ell infan­ti­le Sexu­al­kon­sti­tu­ti­on ein­ge­stuft, die er zu den Ent­wick­lungs­stö­run­gen zähl­te. Das ist eine kli­ni­sche Ein­ord­nung aus dem sexu­al­wis­sen­schaft­li­chen Den­ken sei­ner Epo­che, kei­ne moral­po­li­ti­sche Ver­ur­tei­lung im Sin­ne des Jah­res 2026.
Gleich­zei­tig hat er in sei­nem Jahr­buch für sexu­el­le Zwi­schen­stu­fen, das er von 1899 bis 1923 in 24 Jahr­gän­gen her­aus­gab, Päd­eras­tie und ver­wand­te Erschei­nun­gen als wis­sen­schaft­li­che Gegen­stän­de behan­delt und ent­spre­chen­de Bei­trä­ge ver­öf­fent­licht. Das ist das genaue Gegen­teil einer „immer kla­ren Gegen­po­si­ti­on.“
Also bit­te gut mer­ken Alfon­so
und bei der nächs­ten Zita­ti­on was Hirsch­feld gesagt oder gemeint haben könn­te, doch bit­te künf­tig zuerst infor­mie­ren und dann über­legt han­deln, damit Du Dich nicht wie­der lächer­lich machst.
Das die SiS (Sie­ges­säu­le) die­sen Käse auch noch gedruckt hat, zeigt, wie Medi­en unüber­legt, unge­prüft und letzt­lich unse­ri­ös so etwas ver­brei­ten. In mei­ner badi­schen Hei­mat wür­de man so ein Maga­zin ein­fach und tref­fend als Käs´blatt bezeich­nen.

Pan­tis­a­no pro­ji­ziert den mora­li­schen und recht­li­chen Rah­men
des Jah­res 2026 auf einen Wis­sen­schaft­ler, der im Wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reich und der Wei­ma­rer Repu­blik arbei­te­te, unter gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen, die mit den heu­ti­gen nicht ver­gleich­bar sind. Das ist kei­ne his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung, wie Pan­tis­a­no sie von der MHG ein­for­dert. Das ist das Gegen­teil davon: die Rück­pro­jek­ti­on heu­ti­ger Begrif­fe in eine ver­gan­ge­ne Zeit, um einen Toten, der sich nicht mehr weh­ren kann, für tages­po­li­ti­sche Zwe­cke zu ver­ein­nah­men. Magnus Hirsch­feld hat sein Leben damit ver­bracht, wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se gegen mora­li­sche Will­kür zu ver­tei­di­gen. Ihn heu­te zum Kron­zeu­gen eben jener Will­kür zu machen, ist eine Ver­dre­hung sei­nes Erbes, die ich nicht unwi­der­spro­chen las­sen kann.

Alfon­so, bit­te unter­laß künf­tig
sol­che halt­lo­sen Zusam­men­hän­ge mit Magnus Hirsch­feld und die­sen aus die­sem Spiel. Ein Mann, der sein Leben dem Kampf gegen Unwis­sen­heit, Vor­ur­teil und die Will­kür des Staa­tes gewid­met hat, ver­dient kei­nen Nach­red­ner, der sei­nen Namen benutzt und beschmutzt, ohne sei­ne Schrif­ten gele­sen zu haben. Wenn Hirsch­feld hören könn­te, mit wel­cher Leicht­fer­tig­keit Du hier sei­nen Namen für eine Argu­men­ta­ti­on in Anspruch nimmst, die weder his­to­risch noch begriff­lich einer ein­zi­gen Über­prü­fung stand­hält, wür­de er sich im Gra­be umdre­hen. Ich bin sicher: Er hät­te Dir das per­sön­lich gesagt, höf­lich, prä­zi­se und ver­nich­tend.

Und Alfon­so, Du schreibst in Dei­nem Blog
unter der Rubrik „Que­er“:
„Ich weiß, was es heißt, ver­letzt zu wer­den, durch Wor­te, durch Schwei­gen, durch Geset­ze.“
Da stellt sich für mich eine ganz ent­schei­den­de Fra­ge:
Wenn Du weißt, was es heißt, ver­letzt zu wer­den, war­um ver­letzt Du dann Dose durch Wor­te, die ihm Din­ge unter­stel­len, die nicht belegt sind, durch Schwei­gen, das Du bei all jenen orga­ni­sierst, die sich nicht mehr zu ihm beken­nen sol­len und durch Geset­ze, die Du als staat­lich besol­de­ter Que­er­be­auf­trag­ter in Gang gesetzt hast, um ihm die För­de­rung zu ent­zie­hen? Das ist kein Wider­spruch, den man über­se­hen kann.
Das ist Heu­che­lei in Rein­kul­tur.
Und der Mit­tel­teil Dei­nes letz­ten Sat­zes dort ist auch nur Schaum­schlä­ge­rei. Du schreibst:
„Und für das, was uns alle ver­bin­det: das Recht, frei und sicher zu leben, egal, wen wir lie­ben, wie wir hei­ßen oder woher wir kom­men.“
Die­ses Recht gestehst Du Ralf Dose aber auch nicht zu.
Einem Mann, der aus einer ande­ren Zeit die­ser Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung kommt, der die­se Bewe­gung mit­ge­grün­det hat, bevor Du über­haupt wuß­test, was das Wort bedeu­tet. Schö­ne Wor­te auf einer Home­page kos­ten nichts. Hal­tung kos­tet etwas. Den Unter­schied sieht man an dem, was Du Dose ange­tan hast.

Das eigent­li­che intel­lekt­lo­se und amo­ra­li­sche Pro­blem
ist nicht Ralf Dose. Das eigent­li­che Pro­blem ist eine Kul­tur, die gelernt hat, daß man Kar­rie­re macht, indem man auf Schwa­che und Gefal­le­ne zeigt und daß man sei­nen Pos­ten nur dadurch sichert, indem man sich recht­zei­tig und öffent­lich distan­ziert. Das ist kei­ne Moral. Das ist Oppor­tu­nis­mus (heu­te eher Wer­te-Vaku­um) mit mora­li­schem Anstrich. Und es riecht, wie Oppor­tu­nis­mus (heu­te eher Unmo­ral-Kal­kül) immer riecht: nach Angst und nach Kal­kül.
Und für mich stinkt das Gan­ze nicht nur bis in den Him­mel, son­dern weit dar­über hinaus!


- Teil 5 -
Die neue Zeitgeist-Armee

Die Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft hat am 17. März 2026 fol­gen­de Erklä­rung ver­öf­fent­licht:
„Wir dan­ken Ralf Dose für sein lang­jäh­ri­ges Enga­ge­ment in der MHG. Sei­ne For­schun­gen seit 1983 haben maß­geb­lich dazu bei­getra­gen, Magnus Hirsch­feld und das Insti­tut für Sexu­al­wis­sen­schaft wie­der bekannt zu machen und in die öffent­li­che Erin­ne­rung zurück­zu­ho­len.
Die Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft stellt sich gegen jede Form von Gewalt und sexua­li­sier­ter Gewalt, ins­be­son­de­re gegen Min­der­jäh­ri­ge. Sie nimmt die Ver­stri­ckung von Mit­glie­dern der ahs in Miss­brauchs­fäl­len von Kin­dern ernst. Die MHG wird den begon­ne­nen Pro­zess der Auf­klä­rung ihrer eige­nen Geschich­te unter Berück­sich­ti­gung des Gut­ach­tens fort­set­zen.„

Man lese die­sen Text bit­te zwei­mal.
Zuerst der geheu­chel­te Dank, dann der hieb­fes­te Mes­ser­stich tief ins Herz eines Enga­gier­ten, der mehr als 40 Jah­re sei­nes Lebens für genau die­se MHG gear­bei­tet hat. Der Satz über die „Ver­stri­ckung von Mit­glie­dern der AHS in Miss­brauchs­fäl­len von Kin­dern“ steht unmit­tel­bar nach dem Dank an Dose und impli­ziert durch sei­ne blo­ße Nach­bar­schaft, was er nicht offen zu sagen wagt: daß Dose selbst in Miß­brauch ver­wi­ckelt sei. Das ist kei­ne Auf­ar­bei­tung. Das ist übels­te Nach­re­de durch Syn­tax, fei­ge for­mu­liert und juris­tisch knapp kal­ku­liert.

Dazu kommt:
Die MHG beauf­tragt einen Gut­ach­ter, nach­dem man Dose bereits ver­ur­teilt hat. Den Namen ken­ne ich nicht. Ich weiß nicht, wer er ist, wel­chen Hin­ter­grund er hat und ob er jemals ernst­haft mit die­sem Kom­plex befaßt war: er ist ein Außen­ste­hen­der! Was ich weiß: Die Men­schen, die die­sen Kon­text aus eige­nem Erle­ben, aus jahr­zehn­te­lan­ger Arbeit und aus unmit­tel­ba­rer Kennt­nis der Ver­hält­nis­se beur­tei­len könn­ten, wer­den nicht gefragt. Das ist kein Zufall. Man fragt sie nicht, weil sie nicht das sagen wür­den, was man hören will.

Es gibt einen Moment in der Geschich­te jeder Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung,
der ent­schei­dend ist und der sel­ten gefei­ert wird: den Moment, in dem die Bewe­gung auf­hört, eine Bewe­gung zu sein und anfängt, eine Insti­tu­ti­on zu wer­den. Die­ser Moment ist nicht immer laut. Oft kommt er lei­se, ver­klei­det als Erfolg, als Aner­ken­nung, als Ankom­men in der Gesell­schaft. Und er hat einen Preis, der erst spä­ter sicht­bar wird.
Und die­ser Preis war nicht das erklär­te Ziel der eins­ti­gen Schwu­len­be­we­gung.
Jeden­falls nicht mein Ziel.

Die west­deut­sche Schwu­len­be­we­gung der 1970er und 1980er Jah­re
war eine ech­te Bewe­gung. Sie hat­te Fein­de, sie hat­te Risi­ken, sie hat­te Kos­ten.
Wer damals öffent­lich schwul war, ris­kier­te sei­nen Arbeits­platz, sei­ne Fami­lie, sei­ne sozia­le Exis­tenz. Wer sich orga­ni­sier­te, tat das am Anfang ohne staat­li­che För­de­rung, ohne insti­tu­tio­nel­le Rücken­de­ckung, ohne den Applaus des Zeit­geis­tes.
Aber auch das Rosa Archiv, gegrün­det 1986 in Leip­zig, ist ein Bei­spiel dafür: ent­stan­den ohne einen ein­zi­gen För­der­an­trag, getra­gen von pri­va­ten Mit­teln, von Schen­kun­gen, von der Über­zeu­gung, daß die­se Geschich­te bewahrt wer­den muß, auch wenn es nie­man­den inter­es­siert und nie­mand dafür zahlt.

Ralf Dose und die Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft
haben in den Anfangs­jah­ren ähn­li­ches gelebt und geleis­tet. Die Gesell­schaft wur­de 1982 in einer Pri­vat­woh­nung gegrün­det, nicht in einem geför­der­ten Ver­eins­heim. Die ers­ten Publi­ka­tio­nen wur­den mit eige­nen Mit­teln finan­ziert. Die Bücher, die Dose über die inner­deut­sche Gren­ze schick­te, kos­te­ten Geld, das er selbst auf­brach­te und sie wur­den ver­schickt, ohne daß jemand dafür eine Quit­tung aus­stell­te oder eine För­der­ab­rech­nung ein­reich­te.

Das hat sich geän­dert.
Nicht plötz­lich, son­dern schritt­wei­se, über Jahr­zehn­te. Die Schwu­len­be­we­gung wur­de gesell­schafts­fä­hig. Männ­li­che Homo­se­xua­li­tät wur­de ent­kri­mi­na­li­siert, gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten wur­den recht­lich aner­kannt, usw. …
Das alles sind Errun­gen­schaf­ten, für die Men­schen wie Ralf Dose und vie­le ande­re Schwu­len­ak­ti­vis­ten jahr­zehn­te­lang gear­bei­tet haben.
Aber mit der Aner­ken­nung kamen die För­der­gel­der. Und mit den För­der­gel­dern kamen die Abhän­gig­kei­ten. Und mit den Abhän­gig­kei­ten kam das Schwei­gen. Und mit dem Schwei­gen kam das Lügen, Heu­cheln und die Miß­gunst. Und mit dem Lügen, Heu­cheln und der Miß­gunst kam der Ego­is­mus. Und mit dem Ego­is­mus kam, daß nur noch die eige­ne Repu­ta­ti­on zählt.
Und mit der eige­nen Repu­ta­ti­on kam die Wür­de­lo­sig­keit!

För­der­gel­der sind kein Geschenk.
För­der­gel­der sind ein Ver­trag. Wer Geld vom Staat nimmt, vom Ber­li­ner Senat, von der Bun­des­stif­tung, von öffent­li­chen Trä­gern, der nimmt damit auch die unge­schrie­be­nen Bedin­gun­gen an, die die­sem Geld bei­gefügt sind. Solan­ge Du tust, was wir erwar­ten, fließt das Geld. Sobald Du unbe­quem wirst, hört es auf. Das muß nie­mand aus­spre­chen. Das ver­steht sich von selbst. Und es wird ver­stan­den, von allen, die davon abhän­gig sind.

Der Spinn­bo­den, das femi­nis­ti­sche Les­be­nar­chiv in Ber­lin,
hat den Rück­tritt von Ralf Dose begrüßt und sich vom gemein­sa­men Archiv­pro­jekt distan­ziert. Der Spinn­bo­den wird öffent­lich geför­dert, da muß man sich doch distan­zie­ren. Das FFBIZ, das femi­nis­ti­sche Archiv Ber­lin, hat eine Stel­lung­nah­me ver­öf­fent­licht, in der die Vor­wür­fe für ernst genom­men erklärt wer­den. Das FFBIZ wird eben­falls öffent­lich geför­dert und des­halb ver­gißt man auch hier die jahr­zehn­te­lan­ge und gute Zusam­men­ar­beit ein­fach.

Micha­el Tay­lor, ehe­ma­li­ges Vor­stands­mit­glied der MHG,
hat einen öffent­li­chen Aus­tritts­brief geschrie­ben, in dem er von Mit­glie­dern spricht, die sexua­li­sier­te Gewalt legi­ti­miert hät­ten.
Eine Fra­ge dazu, ganz ohne Umschwei­fe:
Wer sich um ein Vor­stands­amt in einem Ver­ein bewirbt, hat sich vor­her über die­sen Ver­ein zu infor­mie­ren. Das ist kei­ne Kür, das ist eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Wer das nicht getan hat, ist schlicht unge­eig­net für ein Vor­stands­amt. Wer es aber getan hat und trotz­dem bei­getre­ten ist und dann, als der Wind sich dreht und der Zeit­geist pfeift, empört den Ver­ein ver­läßt, der betreibt kei­ne Auf­ar­bei­tung. Der betreibt Image­pfle­ge. Bei­des, Unwis­sen­heit wie Heu­che­lei, dis­qua­li­fi­ziert Tay­lor als glaub­wür­di­gen Zeu­gen in die­ser Sache ohne­hin.

Und noch eine klei­ne Spit­ze an Alfon­so Pan­tis­a­no,
der den För­der­ent­zug aus­ge­spro­chen hat: dem kann das alles völ­lig egal sein, denn er ist staat­lich gut besol­det und sitzt auf einem best­do­tier­ten Pos­ten, von wo er nach Belie­ben fau­le Eier aus­brü­ten kann, wie das eine bereits oben genann­te mit der inhalt­lich halt­lo­sen Behaup­tung über Magnus Hirsch­feld, ein­drucks­voll beweist.

Man muß also die­se Zusam­men­hän­ge nicht erfin­den.
Man muß sie ein­fach nur benen­nen.
Was ent­stan­den ist, ist eine neue Zeit­geist-Armee. Kei­ne Armee mit Uni­for­men und Befeh­len, son­dern eine mit För­der­an­trä­gen und Stel­lung­nah­men. Eine Armee, die nicht kämpft, son­dern ver­wal­tet. Die nicht ris­kiert, son­dern absi­chert. Die nicht fragt, son­dern erklärt. Und die jeden, der aus der Rei­he tanzt oder der die fal­sche Geschich­te mit­bringt, mit der Prä­zi­si­on eines geüb­ten Büro­kra­ten aus dem Weg räumt.

Auch Andre­as Pret­zel ist ein anschau­li­ches Bei­spiel für die­sen Typus.
Heu­te Geschäfts­füh­rer der Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft, also jener Insti­tu­ti­on, die Dose fal­len gelas­sen hat, schrieb er im Janu­ar 2013 an das Rosa Archiv und bat um einen Besuch. In sei­ner ePost stell­te er sich als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter an der von Prof. Kraß gelei­te­ten For­schungs­stel­le vor, die das Hae­ber­le-Hirsch­feld-Archiv an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin betreut.

Was beson­ders auf­fällt,
ist wohl für jeden ande­ren eine Klei­nig­keit, die aber für mich kei­ne Klei­nig­keit ist. Pret­zel schrieb mich im Janu­ar 2013 mit „Sehr geehr­ter Herr Zehn­le“ an. Dabei hat­ten wir uns, als wir uns 2009 auf einer Tagung begeg­net waren, noch geduzt, so wie es in der Sze­ne damals üblich war und wie es auf dem Foto nach­zu­se­hen ist, auf dem ich rechts mit Leder­kap­pe kaum zu erken­nen bin. Das plötz­li­che Sie in sei­ner ePost war kei­ne Förm­lich­keit. Es war eine Distan­zie­rung, noch bevor das Gespräch begon­nen hat­te. Er signa­li­siert mit einem ein­zi­gen Wort: ich ken­ne Dich, aber ich möch­te so tun, als kenn­ten wir uns nicht. – Das gilt bis heu­te für alle schwul-les­bi­schen Archi­ve, die mich nie gleich­wer­tig behan­del­ten, was mir aber auch egal war.

Der Rest des Brief­wech­sels folgt dem­sel­ben Mus­ter.
Pret­zel schrieb also, er habe durch Prof. Kraß von mei­nem Archiv erfah­ren und wol­le es besu­chen. Es hat­te bis dahin bereits 27 Jah­re exis­tiert, ohne daß jemand aus dem Dunst­kreis der fast gesam­ten Schwu­len­sze­ne wirk­lich ernst­haf­tes Inter­es­se dar­an gezeigt hät­te: auch Pret­zel nicht, der 2009 auf der Tagung der schwul-les­bi­schen His­to­ri­ker genau wuß­te wer ich war. Nun, plötz­lich, war das Inter­es­se da. Ich ant­wor­te­te und mach­te dabei deut­lich, daß mich die­se plötz­li­che Ent­de­ckung ver­wun­der­te und ich füg­te ein Zitat ein, das Ralf Dose drei Jah­re zuvor über mei­nen Ver­lag geschrie­ben hat­te:
„zu wenig dahin­ter. und mit man­chen Dei­ner links – die­sem selt­sa­men Ver­lag z.B. – möch­te ich defi­ni­tiv nicht in ver­bin­dung gebracht wer­den. ich weiss, dass die kol­le­gen das genau­so sehen.“
Gemeint war der 175er Ver­lag, den ich 1990 in der noch-DDR gegrün­det hat­te. Pret­zel, der auch zum Dose-Kreis gehör­te, ant­wor­te­te dar­auf­hin, daß er kei­nen wei­te­ren Kon­takt mit mir wün­sche und wünsch­te viel Erfolg.

Das ist das Mus­ter in sei­ner reins­ten Form:
wenn es etwas zu holen gibt, wenn ein Archiv nütz­lich erscheint, wenn ein Kon­takt der eige­nen Arbeit die­nen könn­te, dann ist man plötz­lich da. Wenn sich her­aus­stellt, daß der Kon­takt unbe­que­me Fra­gen mit­bringt oder einen uner­wünsch­ten Spie­gel vor­hält, dann ver­schwin­det man wie­der, höf­lich, pro­fes­sio­nell, aber lei­der ohne Rück­grat. Das nennt sich in der Sze­ne Ver­net­zung. Ich nen­ne es, was es ist: Ver­wer­tungs­den­ken ohne Anstand.
Das ist für mich aller­dings kein gro­ßes Dra­ma. Es ist ein klei­nes, all­täg­li­ches Bei­spiel dafür, wie die Sze­ne funk­tio­niert: man sucht den Kon­takt, solan­ge er nütz­lich erscheint und man been­det ihn, sobald er unbe­quem wird. Pret­zel wuß­te genau, wer Ralf Dose war und was er tat. Er hat damals kei­ne Ein­wän­de gehabt. Heu­te ver­wal­tet er die Insti­tu­ti­on, die Dose fal­len gelas­sen hat. Das nennt sich Kar­rie­re auf Kos­ten ande­rer!

Das ist das Wesen der neu­en Zeit­geist-Armee:
sie besteht nicht aus Über­zeug­ten, son­dern aus Ange­paß­ten. Nicht aus Men­schen, die für etwas kämp­fen, son­dern aus Men­schen, die dar­auf ach­ten, auf der rich­ti­gen Sei­te zu ste­hen, wenn der neue Marsch gebla­sen wird. Das ist ihr gutes Recht. Aber es macht sie zu dem, was sie sind: zu Söld­nern des jewei­li­gen Zeit­geis­tes, die heu­te in Ver­ei­nen sit­zen und sich mor­gen an eine neue Front bewe­gen, wenn sich der Wind wie­der dreht und dann die För­der­gel­der woan­ders her­kom­men.

Die eigent­li­che Schwu­len­be­we­gung,
also die Akti­vis­ten der 1970er und 1980er Jah­re, hat das nicht ver­dient. Sie haben sich nicht für För­der­an­trä­ge geop­fert. Sie haben sich nicht für Ver­eins­pro­to­kol­le geop­fert. Sie haben sich für die per­sön­li­che Frei­heit geop­fert, für das Recht, so zu leben, wie man ist, ohne dafür ver­folgt, bestraft oder ver­ach­tet zu wer­den.
Was heu­te in ihrem Namen geschieht, ist die Per­ver­si­on die­ses Erbes.

Übri­gens:
Daß Insti­tu­tio­nen wel­cher Art auch immer, unab­hän­gi­ge Archi­ve und ihre Inha­ber fal­len gelas­sen wer­den, sobald die­se sich wei­gern, poli­tisch gefäl­lig zu sein, ist kein neu­es Phä­no­men. Ich habe es 2016 erlebt, als die Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz, ver­tre­ten durch die dama­li­ge Che­fin der Ber­li­ner Staats­bi­blio­thek Frau Bar­ba­ra Schnei­der-Kempf die Zusam­men­ar­beit mit dem Rosa Archiv been­de­te, nach­dem ich mich gewei­gert hat­te, mei­ne poli­ti­sche und intel­lek­tu­el­le Auto­no­mie als Bedin­gung für eine Koope­ra­ti­on auf­zu­ge­ben. Ich habe mich dem Zeit­geist nie ange­bie­dert, weder in der DDR, noch in der Nach­wen­de­zeit, noch wer­de ich es heu­te tun. Ein Archiv hat die Auf­ga­be, Mate­ri­al zu bewah­ren, nicht es dem jewei­li­gen Zeit­geist zulie­be zu ver­nich­ten oder in Gift­schrän­ke zu ver­la­gern, wie es zu DDR-Zei­ten Pra­xis war. Wer das von einem Archiv ver­langt, hat den Sinn eines Archivs nicht ver­stan­den.
Über die­sen Fall wird es in mei­ner Jubi­lä­ums-Serie der 44 Auf­sät­ze spä­ter auch Aus­führ­li­ches zu die­sem The­ma geben.


- Teil 6 -
Die Szene frißt ihre Besten

Es gibt einen Satz, der der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on
zuge­schrie­ben wird und der seit­dem durch die Geschich­te geis­tert: die Revo­lu­ti­on frißt ihre Kin­der. Gemeint war, daß Bewe­gun­gen, die mit dem Anspruch antre­ten, die Welt gerech­ter zu machen, dazu nei­gen, irgend­wann ihre eige­nen Prot­ago­nis­ten zu ver­schlin­gen, die Idea­lis­ti­schen, die Unbe­que­men, die Unbe­stech­li­chen, jene, die am lau­tes­ten für die Sache gespro­chen haben und die des­halb am gefähr­lichs­ten wer­den, wenn die Sache zur Macht wird.

Ich vari­ie­re die­sen Satz bewußt.
Es geht hier nicht um Kin­der. Es geht um die Bes­ten. Die Sze­ne frißt ihre Bes­ten und da ist Dose nicht der Ers­te. Er ist kein Opfer eines äuße­ren Fein­des. Nein! Er ist kein Opfer der katho­li­schen Kir­che, der CSU oder des kon­ser­va­ti­ven Bür­ger­tums. Er ist das Opfer jener, mit denen er jahr­zehn­te­lang zusam­men­ge­ar­bei­tet hat, denen er sein Wis­sen zur Ver­fü­gung gestellt hat, in deren Namen er geforscht, publi­ziert und archi­viert hat. Das ist Kan­ni­ba­lis­mus in den eige­ne Rei­hen: Kan­ni­ba­lis­mus unter den eige­nen Leu­ten.
Und das ist nicht nur die bit­ters­te Form des Ver­rats, son­dern das ist zudem die bit­ters­te Form des Ster­bens.

Man­fred Her­zer,
(ein von mir hoch­ge­schätz­ter His­to­ri­ker) war mit Ralf Dose in der 1971 auf­kom­men­den West­ber­li­ner Schwu­len­be­we­gung aktiv und sie grün­de­ten 1982 zusam­men die Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft, er ist Jahr­gang 1949 und war Jahr­zehn­te­lang Weg­ge­fähr­te, Her­aus­ge­ber der Capri, jener Zeit­schrift für schwu­le Geschich­te, von der ich selbst alle Exem­pla­re im Rosa Archiv ver­wah­re:
Er schweigt.

Rai­ner Herrn,
seit 1991 an der For­schungs­stel­le der MHG tätig, gemein­sa­me Publi­ka­tio­nen mit Dose, mehr als 30 Jah­re Sei­te an Sei­te:
Er schweigt.

Der Vor­stand der MHG,
Hans Ber­ge­mann, Ursu­la Fer­di­nand, Christl Wickert:
eine namen­lo­se Kol­lek­tiv­erklä­rung, hin­ter der sich jeder ver­ste­cken kann, ohne daß jemand per­sön­li­che Ver­ant­wor­tung über­nimmt.
Der Vor­stand schweigt nicht, aber es wäre bes­ser er hät­te geschwie­gen.
Ich fra­ge mich ernst­haft, ob die­sem Vor­stand bewußt ist, was er da tut. Ralf Dose hat die MHG in 44 Jah­ren zu dem gemacht, was sie heu­te ist. Das Fun­da­ment, auf dem Ihr sitzt, hat er gelegt. Die Biblio­thek, die Ihr ver­wal­tet, hat er auf­ge­baut. Die Repu­ta­ti­on, von der Ihr heu­te zehrt, hat er hart erar­bei­tet. Und nun tre­tet Ihr geschlos­sen den­je­ni­gen, dem Ihr das alles ver­dankt, mit Euren Füßen vor­an aus sei­nem Archiv. Das ist kei­ne Auf­ar­bei­tung. Das ist die Ent­eig­nung eines Lebens­werks durch jene, die von die­sem Lebens­werk pro­fi­tiert haben und nun so tun, als wäre es ihr eige­nes. Wo blei­ben Wür­de, Anstand und Respekt Dose gegen­über?
Pfui. Und noch­mal pfui.

Micha­el Tay­lor,
ehe­ma­li­ges Vor­stands­mit­glied: ein öffent­li­cher Aus­tritts­brief, der Dose und die ver­blie­be­nen Mit­glie­der pau­schal der Legi­ti­mie­rung sexua­li­sier­ter Gewalt bezich­tigt, ohne einen ein­zi­gen kon­kre­ten Beleg zu nen­nen. Das ist infan­til, infam und indis­ku­ta­bel.
Zu Tay­lor äußer­te ich mich bereits wei­ter oben, aber eines sei hier noch ergänzt: Was Du da tust, Micha­el, ken­ne ich. Ich ken­ne es aus der DDR, wo sich eben­falls jeder, der sich wich­tig neh­men woll­te, dem herr­schen­den Sys­tem andien­te, um selbst Lor­bee­ren zu ern­ten. Der Mecha­nis­mus heu­te ist der­sel­be, nur das Sys­tem hat gewech­selt. Damals hieß es Par­tei­li­nie, heu­te heißt es Zeit­geist. Das Ergeb­nis ist das­sel­be: man opfert einen ande­ren, um selbst gut da zu ste­hen.
Bei­des, Unwis­sen­heit wie Heu­che­lei, macht Tay­lor zu dem, was er ist: zu einem Mann, der einen ande­ren opfert, um selbst sau­ber aus­zu­se­hen.
Das ist kei­ne Hal­tung.
Das ist das ältes­te Feig­lings­prin­zip der Welt.

Und dann sind da noch die Ande­ren,
jene, die jah­re- und jahr­zehn­te­lang mit Dose zusam­men­ge­ar­bei­tet haben, publi­ziert haben, geforscht haben, die sei­nen Namen in ihren Lebens­läu­fen tra­gen und heu­te schwei­gen (soweit sie noch leben):
Hans Ber­ge­mann, Kevin Dubout, Ursu­la Fer­di­nand, Rai­ner Herrn, Man­fred Her­zer, Annett Juba­ra, Hans-Gün­ter Klein, Mark Lehm­stedt, Chris­tia­ne Lei­din­ger, Gesa Lin­de­mann, Ange­les Llor­ca Diaz, Rüdi­ger Laut­mann, Jami­la Mar­tin, Andre­as Pret­zel, David Pri­ckett, Harald Rim­me­le, Régis Schlag­den­hauf­fen, Andre­as Seeck, Karl-Heinz Stein­le, Klaus-Har­ro Tie­mann, Rai­mund Wol­fert und vie­le Ande­re.
(Dopp­lun­gen sind Absicht!)

Das­sel­be Schwei­gen fin­det sich bei den schwul-les­bi­schen Archi­ven,
die jahr­zehn­te­lang eng mit der Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft unter Doses Lei­tung ver­netzt waren: das Spinn­bo­den-Archiv Ber­lin, das Schwu­le Muse­um Ber­lin, das Cen­trum Schwu­le Geschich­te Köln, das Schwu­len­ar­chiv Schweiz, das Zen­trum Que­e­re Geschich­te Wien, das Que­e­re Forum Mün­chen und wei­te­re Archi­ve und Insti­tu­tio­nen.
Kein Wort.
Kei­ne Stel­lung­nah­me.
Kei­ne Soli­da­ri­tät.
Mit Aus­nah­me zwei­er Les­be­nar­chi­ve, die sich öffent­lich gegen Dose gestellt haben und das nicht aus Über­zeu­gung, son­dern aus Angst um ihre För­der­gel­der. Auch das ist die Zeit­geist-Armee, nur in ihrer feigs­ten Vari­an­te.

Und dann haben wir noch einen ganz spe­zi­el­len Fall, näm­lich die Bun­des­stif­tung Magnus Hirsch­feld,
jene staat­lich finan­zier­te Ein­rich­tung mit über elf Mil­lio­nen Euro Stif­tungs­ver­mö­gen, die För­der­gel­der ver­gibt, Pro­jek­te bewil­ligt und sich selbst als Hüte­rin des Hirsch­feld-Erbes ver­steht.
Von Anbe­ginn die­ser hat die Stif­tung Ralf Dose als kom­pe­ten­ten Gesprächs­part­ner genutzt, ihn zu Gedenk­ver­an­stal­tun­gen ein­ge­la­den, Inter­views mit ihm auf ihrer Web­site ver­öf­fent­licht, die dort bis heu­te nach­zu­le­sen sind und mit der MHG koope­riert, wann immer es ihr nütz­lich erschien.
Und jetzt?
Nichts.
Kein Wort.
Kei­ne Stel­lung­nah­me.
Kein ein­zi­ger Satz.
Du, Hel­mut Metz­ner,
sitzt seit Juni 2022 als geschäfts­füh­ren­der Vor­stand auf die­sem Pos­ten und trägst den Namen eines Man­nes im Titel „Dei­ner“ Ein­rich­tung, des­sen Erbe Ralf Dose wie kaum ein ande­rer bewahrt hat.
Wie erklärst Du die­ses Schwei­gen?
Ich erklä­re es mir so:

Wer nichts sagt, weder für noch gegen jeman­den, der zeigt damit nicht Neu­tra­li­tät, son­dern Kal­kül. Und Kal­kül ist kei­ne Tugend, es ist eine Metho­de.
Daß Du, Hel­mut,
mit sol­chen Metho­den ver­traut bist, hat die Öffent­lich­keit bereits 2010 erfah­ren, als Wiki­Leaks beleg­te, daß Du als Büro­lei­ter von Gui­do Wes­ter­wel­le die ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaft jah­re­lang über inter­ne FDP-Stra­te­gien infor­miert hat­test. Das ist doku­men­tiert. Ich stel­le kei­ne Ver­bin­dung zwi­schen damals und heu­te her.
Ich stel­le nur fest:
Ein Mann, der ein sol­ches Mus­ter in sei­ner Bio­gra­phie trägt, soll­te ver­ste­hen, war­um ande­re genau­er hin­schau­en, wenn er schweigt. Men­schen, die öffent­lich Klar­text reden, ohne Rück­sicht auf Kar­rie­re und För­der­gel­der, gibt es kaum noch. Aber es gibt sie noch. Wie Du an mir sehen kannst.

Und ich möch­te noch auf einen Wider­spruch hin­wei­sen, der schwer zu über­se­hen ist
2013 warn­te die Bun­des­stif­tung Magnus Hirsch­feld öffent­lich vor dem Ver­lust his­to­ri­scher Über­lie­fe­run­gen und den dar­aus ent­ste­hen­den Gedächt­nis­lü­cken.
Heu­te herrscht aus­ge­rech­net dort Schwei­gen, wo das Lebens­werk eines der wich­tigs­ten Bewah­rer die­ser Geschich­te öffent­lich beschä­digt wird.
Wie nennt man es, wenn man eine Ent­wick­lung öffent­lich beklagt und ihr zugleich taten­los zusieht, sobald sie die eige­nen Rei­hen betrifft?
Prin­zi­pi­en­treue jeden­falls nicht.

Dies hier ist nur die Spit­ze des Eis­bergs:
wer in 44 Jah­ren so gear­bei­tet hat wie Ralf Dose, hin­ter­läßt ein Netz­werk, das in die Hun­der­te geht, an Ver­ei­nen, Orga­ni­sa­tio­nen, Insti­tu­tio­nen, unzäh­li­ge Mit­ar­bei­ter, Mit­strei­ter und ande­re Men­schen.
Ja und lei­der ver­mis­se ich vor allem den Zusam­men­halt der Freun­de und Ur-Akti­vis­ten und von all denen hört und liest man heu­te NICHTS.
Wer von Euch noch ein Gewis­sen hat, weiß, was jetzt zu tun ist.

Ich ken­ne die­ses sich stän­dig wie­der­ho­len­de Mus­ter seit vier­zig Jah­ren.
Ich habe es am eige­nen Leib erfah­ren, nicht in die­ser Dimen­si­on, denn ich habe mich nie einer Struk­tur unter­ge­ord­net, die Zwang bedeu­te­te, davon hat­te ich in der DDR genug gehabt, aber in der­sel­ben Grund­struk­tur: wer nicht schweigt, wer den Fin­ger in die Wun­de legt, der wird fal­len gelas­sen.
Nicht von Fein­den.
Von Weg­ge­fähr­ten.
Wer in der Sze­ne Fra­gen stellt, die nicht gefragt wer­den sol­len, wer Kri­tik übt, wo Kon­sens erwar­tet wird, der wird nicht wider­legt. Er wird igno­riert, gemie­den, abge­schrie­ben. Das ist bil­li­ger als eine Aus­ein­an­der­set­zung und effek­ti­ver als ein Argu­ment. Dose hat mich damals fal­len gelas­sen, weil ich unbe­quem war. Heu­te läßt die Sze­ne Dose fal­len, weil er unbe­quem gewor­den ist.
Das Mus­ter ist das­sel­be.
Nur der Maß­stab ist ein ande­rer.
Ver­rat bleibt Ver­rat, egal in wel­cher Dimen­si­on er statt­fin­det.
Aber es gibt zwi­schen der Sze­ne und mir einen gewal­ti­gen Unter­schied:
Ich ste­he wei­ter­hin öffent­lich zu Dose sei­ner uner­müd­li­chen Arbeit, die er im Sin­ne von Magnus Hirsch­feld wei­ter geführt hat.
Und das ohne wenn und aber.
Für mich zählt das geschaf­fe­ne Werk und nicht der gera­de herr­schen­de Zeit­geist!

Ich rei­che Ralf Dose heu­te immer noch die Hand.
Nicht trotz alle­dem, son­dern wegen alle­dem. Wegen der 44 Jah­re, die er in eine Sache inves­tiert hat, die grö­ßer war als er selbst. Wegen der Bücher, die er über die Mau­er schick­te, als das noch ein Risi­ko war. Wegen des Archivs, das er auf­ge­baut hat und das bleibt, lan­ge nach­dem die heu­ti­gen Anklä­ger ver­ges­sen haben wer­den, daß sie jemals etwas damit zu tun hat­ten. Ich rei­che ihm die Hand, weil ich den Wert des­sen ken­ne, was er geschaf­fen hat und weil ich weiß, was es kos­tet, ein Leben lang für eine Sache zu arbei­ten, ohne daß jemand dafür dankt.
Soweit ich sehe, bin ich der ein­zi­ge, der das heu­te öffent­lich tut. Das sagt mehr über die Sze­ne aus als jede Stel­lung­nah­me, die je in ihrem Namen ver­öf­fent­licht wur­de.

Was mich an die­sem Fall beson­ders auf­bringt,
ist nicht die Tat­sa­che des Ver­rats. Ver­rat in der Sze­ne ist nichts Neu­es, er gehört seit Jahr­zehn­ten zur Grund­aus­stat­tung und fand auch in der ers­ten Schwu­len­be­we­gung der Wei­ma­rer Zeit statt. Was mich auf­bringt, ist die Feig­heit, mit der er voll­zo­gen wird.
Nie­mand stellt sich hin und sagt offen: wir wol­len Dose los­wer­den, weil er uns läs­tig ist, weil er zu alt ist, weil er zu eigen­wil­lig ist, weil sei­ne Geschich­te nicht mehr in unser geför­der­tes Ver­eins­bild paßt. Das wür­de wenigs­tens Ehr­lich­keit bedeu­ten. Statt­des­sen wird der Zeit­geist bemüht, wird ver­lo­ge­ne mora­li­sche Empö­rung insze­niert, wird ein heu­cheln­des Gut­ach­ten in Auf­trag gege­ben, das nach dem Urteil kommt statt vor ihm und es wird eine unter­schrif­ten­lo­se Kol­lek­tiv­erklä­rung ver­öf­fent­licht, hin­ter der sich alle ver­ste­cken kön­nen, ohne daß jemand sei­nen Namen dafür hin­hal­ten muß.

Das MHG-Archiv, das Ralf Dose in 44 Jah­ren auf­ge­baut hat,
besitzt einen uner­meß­li­chen kul­tur­his­to­ri­schen Wert, der durch kei­ne Ver­eins­kri­se und kei­nen För­der­ent­zug zu negie­ren ist. Dort lagern, wie oben bereits erwähnt, Ori­gi­nal­do­ku­men­te, Brie­fe, Foto­gra­fien und Nach­läs­se zur Geschich­te der Sexu­al­wis­sen­schaft, die es in die­ser Form welt­weit kaum ein zwei­tes Mal gibt. Die­se Mate­ria­li­en exis­tie­ren unab­hän­gig davon, was der Ber­li­ner Senat, der Spinn­bo­den, das FFBIZ oder Alfon­so Pan­tis­a­no dar­über den­ken.
Sie sind da. Sie blei­ben da. Und sie wer­den noch da sein, wenn die heu­ti­gen Anklä­ger längst ver­ges­sen haben, daß sie jemals etwas mit Magnus Hirsch­feld zu tun hat­ten.

Die eigent­li­che Fra­ge, die die­ser Fall auf­wirft,
ist nicht, ob Ralf Dose in den 1980er Jah­ren Hal­tun­gen ein­nahm, die heu­te nicht mehr mehr­heits­fä­hig sind. Die eigent­li­che Fra­ge ist, was eine Bewe­gung über sich selbst aus­sagt, wenn sie einen Mann, der ihr 44 Jah­re lang gedient hat, in dem Moment fal­len läßt, in dem es unbe­quem wird, zu ihm zu ste­hen.
Die Ant­wort ist klar.
Sie sagt aus, daß die­se Bewe­gung auf­ge­hört hat, eine Bewe­gung zu sein. Daß sie zur Insti­tu­ti­on gewor­den ist, mit allen Schwä­chen, die Insti­tu­tio­nen haben: Selbst­er­hal­tungs­trieb, Anpas­sungs­druck, Oppor­tu­nis­mus (heu­te eher Rück­grat-Abs­ti­nenz). Daß sie die Tugen­den, die sie einst groß gemacht haben, also Mut, Loya­li­tät und Unbe­quem­lich­keit, längst gegen För­der­an­trä­ge und sau­be­re Ver­eins­pro­to­kol­le ein­ge­tauscht hat.
Und daß sie damit nicht nur Ralf Dose ver­rät.
Son­dern und vor allem sich selbst.
Doch wen inter­es­siert schon das Geschwätz von ges­tern, wenn es heu­te der eige­nen Repu­ta­ti­on nur schadet.


- Teil 7 -
Haltung ohne Applaus aber dafür mit Rückgrat

Es gibt eine alte Fra­ge, die sich jeder stel­len muß,
der öffent­lich das Wort ergreift:
Für wen schreibst Du das eigent­lich?
Für die Leser?
Für die Geschich­te?
Für Dich selbst?
Mei­ne Ant­wort zu die­sem Brief lau­tet:
Ich schrei­be die­sen öffent­li­chen Brief für Ralf Dose.
Aber ich schrei­be ihn auch für alle, die in den ver­gan­ge­nen Mona­ten geschwie­gen haben, obwohl sie hät­ten spre­chen kön­nen und müs­sen. Nicht um ihnen Vor­wür­fe zu machen, das habe ich bereits getan und dabei belas­se ich es auch, son­dern damit sie sehen, daß es mög­lich ist. Daß man die Gusche auf­ma­chen kann, ohne daß die Welt unter­geht. Daß man zu jeman­dem ste­hen kann, der nur des Zeit­geis­tes wegen unbe­quem gewor­den ist, ohne selbst unter­zu­ge­hen. Daß Hal­tung kei­ne Fra­ge des Mutes ist, son­dern eine Fra­ge der eige­nen unab­hän­gi­gen Ent­schei­dung.

Ich habe in 40 Jah­ren kei­nen ein­zi­gen bin­den­den För­der­an­trag gestellt.
Ich habe kei­nen Ver­ein gegrün­det, der auf staat­li­che Gel­der ange­wie­sen wäre. Ich habe kei­nen Pos­ten ange­nom­men, der mich zu Wohl­ver­hal­ten ver­pflich­tet hät­te. Das Rosa Archiv ist mit pri­va­ten Mit­teln auf­ge­baut wor­den, mit Schen­kun­gen, mit dem Erlös aus Ver­käu­fen, mit dem, was übrig blieb, wenn die Rech­nun­gen bezahlt waren. Das war kei­ne Aske­se und kein Hel­den­mut. Das war eine Ent­schei­dung. Die Ent­schei­dung, unab­hän­gig zu blei­ben, weil Unab­hän­gig­keit der ein­zi­ge Zustand ist, in dem man sagen kann, was man wirk­lich denkt und tun kann, was man wirk­lich tun will, ohne aus­ge­bremst zu wer­den.
Die­se Unab­hän­gig­keit hat ihren Preis gehabt. Die Sze­ne hat mich nie gemocht, weil ich immer den Fin­ger in die Wun­de gelegt habe. Ich war nie beliebt, weil Beliebt­heit und Ehr­lich­keit sel­ten auf dem­sel­ben Weg lau­fen. Ich habe Distan­zie­run­gen erlebt, Absa­gen, das demons­tra­ti­ve Schwei­gen von Leu­ten, die mich kann­ten und so taten, als ob nicht.
Das war mir immer egal, denn mein Archiv zähl­te und nicht das komi­sche Ver­hal­ten der Leu­te.
Das alles hat mich nicht auf­ge­hal­ten.
Es hat mich ganz am Anfang manch­mal geär­gert, hin und wie­der gewun­dert, aber auch sehr amü­siert und gele­gent­lich sogar erfreut, denn wer einen Geg­ner hat, weiß wenigs­tens, wer ihn angreift und er weiß, daß er etwas gesagt hat, das sitzt.

Soll­te man mich nach die­sem Brief angrei­fen wol­len,
dann sei das jedem unbe­nom­men. Ich fürch­te das nicht. Im Gegen­teil: ein Angriff wäre die bes­te Wer­bung, die das Rosa Archiv bekom­men könn­te und dazu noch eine kos­ten­lo­se. Wer mich angreift, macht mich bekann­ter. Wer mich igno­riert, tut mir kei­nen Gefal­len, son­dern scha­det nur der Sze­ne selbst. Und wer glaubt, mir den Mund ver­bie­ten zu kön­nen, der hat 40 Jah­re lang nicht auf­ge­paßt.

Ralf, Du bist jetzt 74 Jah­re jung.
Du hast mehr geleis­tet, als mehr ein Dut­zend Men­schen in die­sem Land in einem gan­zen Leben leis­ten. Du hast ein gran­dio­ses Archiv auf­ge­baut, das bleibt. Du hast eine For­schungs­stel­le gegrün­det, deren Ergeb­nis­se in Biblio­the­ken ste­hen und nicht ver­schwin­den, nur weil Alfon­so Pan­tis­a­no den Geld­hahn zudreht. Du hast Magnus Hirsch­feld aus dem Ver­ges­sen geholt und dafür gesorgt, daß sei­ne Geschich­te erzählt wer­den kann. Das kann Dir nie­mand neh­men. Das wird Dir nie­mand neh­men kön­nen. Kein Vor­stands­be­schluß, kein För­der­ent­zug, kei­ne Kol­lek­tiv­erklä­rung, hin­ter der sich Leu­te ver­ste­cken, die nicht den Anstand auf­brin­gen, ihren Namen dar­un­ter zu set­zen.
Und das wird Dir auch kein alber­nes Gut­ach­ten neh­me kön­nen.
Den Scha­den wirst nicht Du haben, son­dern die die glau­ben, Dich scha­den zu kön­nen.

Was Dir aber genom­men wur­de, ist etwas ande­res.
Es ist das, was Men­schen brau­chen, die ihr Leben einer Sache gewid­met haben: die Aner­ken­nung derer, mit denen sie die­sen Weg gegan­gen sind. Die Loya­li­tät der Weg­ge­fähr­ten. Das schlich­te, mensch­li­che Zei­chen, daß die gemein­sa­me Arbeit mehr wert war als ein geför­der­tes Ver­eins­pro­to­koll. Das wur­de Dir ver­wei­gert. Und das ist das eigent­li­che Unrecht, nicht die Schlag­zei­len, nicht der För­der­ent­zug, son­dern das Schwei­gen der Men­schen, die es bes­ser wis­sen und es trotz­dem nicht sagen.
Ich sage es.
Ich sage es als jemand, der Dich seit 1986 kennt. Als jemand, der ein Teil Dei­ner Arbeit in sei­nem Archiv ver­wahrt. Als jemand, der selbst weiß, was es bedeu­tet, jahr­zehn­te­lang ohne Netz und dop­pel­ten Boden für eine Sache zu arbei­ten, an die man glaubt. Als jemand, dem Du damals den Rücken gekehrt hast und der Dir heu­te trotz­dem den Rücken stärkt, nicht weil er das ver­ges­sen hat, son­dern weil es dar­auf nicht ankommt. Was zählt, ist nicht, was zwi­schen uns war. Was zählt, ist, was Du geleis­tet hast und was heu­te mit Dir geschieht.

Die Sze­ne, die Dich fal­len läßt, ist nicht mehr die Bewe­gung,
für die wir bei­de ein­mal ange­tre­ten sind. Sie ist etwas ande­res gewor­den: klei­ner, ängst­li­cher, abhän­gi­ger und in ihrer Abhän­gig­keit unfrei­er als je zuvor. Und lei­der haben sich wohl alle alten und eins­ti­gen Schwu­len­ak­ti­vis­ten dem heu­ti­gen Sys­tem ange­gli­chen. Sie redet von Tole­ranz und prak­ti­ziert Aus­gren­zung. Sie redet von Viel­falt und dul­det kei­ne abwei­chen­de Mei­nung. Sie redet von Geschich­te und ver­leug­net ihre eige­ne. Das ist ihr Pro­blem, nicht Deins und nicht meins.

Dein Pro­blem, wenn es eines gibt, ist das­sel­be wie meins:
daß wir in einer Zeit leben, in der Hal­tung ohne Applaus sel­ten gewor­den ist. In der die meis­ten lie­ber schwei­gen als ris­kie­ren. In der För­der­gel­der mehr wie­gen als Freund­schaft, Kar­rie­re und Über­zeu­gung. Das ist nicht neu. Das war immer so. Aber es war nie so sicht­bar wie heu­te und jetzt, in die­sem Moment, wo ein Mann, der unun­ter­bro­chen 44 Jah­re lang für eine Sache gear­bei­tet hat und nun allein dasteht und nie­mand da ist, der öffent­lich sagt:
ich ken­ne ihn,
ich schät­ze ihn,
ich ste­he zu ihm.
Nie­mand, außer mir.
Das ist mei­ne Hal­tung.
Ohne Applaus.
Ohne För­der­an­trag.
Ohne Rück­sicht dar­auf, was der Zeit­geist dar­über denkt.
Aber mit Rück­grat.

Und falls Du die­sen Brief liest, Ralf:
ich hof­fe, er erreicht Dich.
Das ist kein Mit­leid, das wäre das letz­te, was Du brauchst. Son­dern es ist, was es ist: ein Zei­chen, daß es noch Leu­te gibt, die sich an Dei­ne wert­vol­le Arbeit erin­nern. Die wis­sen, was Du 44 Jah­re für die­se Gesell­schaft getan und geleis­tet hast. Und die das öffent­lich sagen, weil es öffent­lich gesagt wer­den muß.


- Nachwort und Fazit -

Die­ser Brief ist kein Abschluß. Er ist ein Anfang.
Er ist der Anfang einer Aus­ein­an­der­set­zung, die längst hät­te geführt wer­den müs­sen und die nie­mand geführt hat, weil es beque­mer war – und wei­ter ist – zu schwei­gen. Er ist der Anfang einer Debat­te dar­über, was eine Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung ist, was sie war und was sie hät­te blei­ben sol­len. Und er ist der Anfang einer Fra­ge, die sich jede Gene­ra­ti­on neu stel­len muß:
Wie geht man mit Men­schen um, die uner­müd­lich für eine Sache gear­bei­tet haben, an die sie glaub­ten und die dafür heu­te nicht ehren­den Dank ern­ten, son­dern skru­pel­lo­se Ver­ach­tung?
Die Ant­wort, die die heu­ti­ge Sze­ne auf die­se Fra­ge gibt, ist nie­der­schmet­ternd. Sie lau­tet: man ent­sorgt sie. Man ver­steckt sich hin­ter Kol­lek­tiv­erklä­run­gen. Man beauf­tragt Gut­ach­ten, die nach dem bereits gefäll­ten Urteil kom­men. Man streicht die För­der­gel­der und nennt das Hal­tung. Man schweigt, wenn man spre­chen soll­te und spricht, wenn man schwei­gen soll­te.

Das ist kein Ein­zel­fall Ralf Dose. Das ist ein Sys­tem­feh­ler.
Eine Bewe­gung, die ihre eige­ne Geschich­te ver­leug­net, um im Zeit­geist zu bestehen, hat auf­ge­hört, eine Bewe­gung zu sein. Sie ist zum Werk­zeug des Estab­lish­ments gewor­den, das sie ein­mal bekämpft hat. Sie ver­tei­digt heu­te die­sel­ben Mecha­nis­men, gegen die sie ein­mal ange­tre­ten ist: Aus­gren­zung, Denun­zia­ti­on, die Ver­ur­tei­lung des Anders­den­ken­den. Nur daß die Ver­ur­teil­ten heu­te ande­re sind als damals. Und daß die Rich­ter heu­te sze­ne­e­ige­ne Ver­eins­vor­sit­zen­de sind statt Staats­an­wäl­te. Das Mus­ter ist aber das­sel­be.

Was bleibt, ist die Arbeit.
Die Arbeit von Ralf Dose,
die in Archi­ven steht und nicht mehr ver­schwin­det.
Die Arbeit des Rosa Archiv, das in die­sem Jahr 40 Jah­re jung wur­de und das ohne einen ein­zi­gen bedin­gen­den För­der­an­trag durch­ge­hal­ten hat und wei­ter bis zum 50. Jubi­lä­um durch­hal­ten wird
Die Arbeit all jener, die in den 1970er, 1980er und 1990er Jah­ren für eine Sache ein­ge­stan­den sind, die grö­ßer war als sie selbst und die dafür kei­nen Dank bekom­men haben und kei­nen erwar­tet haben.
Die­se Arbeit ist das eigent­li­che Erbe der Schwu­len­be­we­gung. Nicht die För­der­an­trä­ge. Nicht die Ver­eins­pro­to­kol­le. Nicht die Stel­lung­nah­men des Ber­li­ner Senats. Nicht die Anbie­de­rung an den Zeit­geist. Son­dern die Bücher, die Archi­ve, die For­schungs­er­geb­nis­se, die Doku­men­te, die Brie­fe, die Foto­gra­fien, die Nach­läs­se und alles was erschaf­fen und archi­viert wur­de.
Das ist, was bleibt.
Das ist, was zählt.
Das ist, was letzt­lich über­le­ben wird.

Ralf Dose hat die­ses Erbe mit geschaf­fen.
Er ver­dient es, daß das gesagt wird.
Laut. Öffent­lich. Ohne Wenn und Aber.
Heu­te jetzt und hier.
Und das ist hier­mit geschehen.


- Ein letzter Gedanke,
den ich mir nicht verkneifen kann -

Das ange­kün­dig­te Gut­ach­ten
der Magnus-Hirsch­feld-Gesell­schaft soll im Som­mer 2026 erschei­nen. Ich sage heu­te vor­aus, was dar­in ste­hen wird: es wird zeit­geist­ge­recht for­mu­liert sein, es wird die his­to­ri­schen Zusam­men­hän­ge aus­blen­den, es wird den Kon­text der 1980er Jah­re igno­rie­ren und es wird zu dem Ergeb­nis kom­men, das bereits vor sei­ner Erstel­lung fest­stand. Ein Gut­ach­ten, das nach der Ver­ur­tei­lung eines Men­schen in Auf­trag gege­ben wird, ist kein ech­tes und glaub­wür­di­ges Gut­ach­ten. Es kann getrost unge­le­sen dort­hin, wo es hin­ge­hört: in die Papier­ton­ne. Wenn das Gut­ach­ten erscheint, wer­de ich es an die­ser Stel­le aus­ein­an­der­neh­men wie eine Weih­nachts­gans. Es wird mir eine Freu­de sein.
Übri­gens:
Ich ken­ne die­se Art der Ver­fah­ren aus eige­ner Erfah­rung, nur unter ande­rem Namen. In der DDR hieß es poli­ti­sches Urteil.
Als ich 1983 wegen ver­such­ter Repu­blik­flucht ver­haf­tet wur­de, stand das Urteil vor der Ver­hand­lung fest.
Das Sys­tem wech­selt. Die Struk­tur bleibt die­sel­be: erst wird ent­schie­den, dann wird begrün­det. Der Unter­schied zwi­schen damals und heu­te ist ledig­lich, daß man es heu­te (ver­lo­gen und geheu­chelt) Auf­ar­bei­tung nennt.

Rosa von Zehn­le
Ungarn – 17.6. – 2026
grün­dER, lei­tER und inha­bER
des 1986 in Leip­zig gegrün­de­ten
Rosa Archiv & Biblio­thek
und
grün­dER und machER
des am – 17.5. – 1990 in Leip­zig gegrün­de­ten
175er Ver­lag

Welt­sei­ten-Blog:
https://1956-hirek.org/
und dar­in zum Bei­spiel die Rubrik:
40 Jah­re ROSA ARCHIV & Biblio­thek 2026

Der Inhalt dieser Themen-Trilogie:
(Nicht der Inhalt des obigen Aufsatzes!)

  • 1. Der umfang­rei­che Auf­satz mit der Nen­nung von unschö­nen Aus­sa­gen und eini­ger Namen der betei­lig­ten und unbe­tei­lig­ten Akteu­re … bit­te nach oben!
  • 2. Die Bun­des­tags-Peti­ti­on, hier nur ver­linkt, dort mehr zum Inhalt.
  • 3. Der Hör­bei­trag (deutsch­feind­lich: Pod­cast) hat 3 Tei­le und ist zusätz­lich mit 58 Schau­ta­feln versehen.

Rosa von Zehn­le úr
Ùjud­var, 2026.06.17
♛ Róz­sa Magyar Rádió ♛
non pro­fit · © q‑art-in 2026
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https://1956-hirek.org/9807


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