Es gibt Momente, in denen Schweigen zur Mitschuld wird. Dieser öffentliche Brief tut etwas anderes und benennt einen solchen: den Verrat einer Bewegung an seinen Mitgründer, vollzogen nicht von Feinden, sondern von Weggefährten. Wer Ralf Dose ist und warum – außer mir – heute niemand mehr zu ihm steht, kann man folgend lesen. Schonungslos und unter der Nennung von Namen!

Lieber Ralf,
als ich von Deinem Schicksal erfuhr, hat es mich nicht mehr losgelassen. Morgens beim Aufwachen. Abends beim Einschlafen. Nachts, wenn man eigentlich schlafen sollte. Ich bin seit 2014 im freieren Ungarn und sitze an meinem Schreibtisch, weit weg von der BRD und ihrem deutschen Szenetreiben mit seinen ewigen, meist völlig bedeutungslosen Empfindlichkeiten. Und trotzdem hat mich dieser Fall eingeholt. Weil er mich angeht. Weil er uns alle angeht, die wir dabei waren.
Ich habe lange überlegt, ob ich reagiere oder schweige. Ich habe mich am Ende gegen das Schweigen entschieden, weil Schweigen in diesem Fall Mitschuld wäre und Mitschuld ist etwas, das ich mir in 40 Jahren noch nie geleistet habe.
Der Inhalt dieser Themen-Trilogie:
(Nicht der Inhalt des folgenden Aufsatzes!)
- 1. Der umfangreiche Aufsatz mit der Nennung von unschönen Aussagen und einiger Namen der beteiligten und unbeteiligten Akteure … unten folgend.
- 2. Die Bundestags-Petition, hier nur verlinkt, dort mehr zum Inhalt.
- 3. Der Hörbeitrag (deutschfeindlich: Podcast) hat 3 Teile und ist zusätzlich mit 58 Schautafeln versehen.
- Vorbemerkungen -
Du kennst mich, Ralf,
wir kennen uns zwar nicht persönlich aber dennoch seit um 1986. Du aus West-Berlin, ich damals aus Leipzig, auf der anderen Seite einer Mauer, die zu seiner Zeit noch sehr real war und sehr tödlich. Was uns verband, war stärker als Beton, Stacheldraht und politische Unterschiede: die über Grenzen hinweg gemeinsame Arbeit mit Magnus Hirschfeld, die seiner Geschichte, die seines Erbes und die Aufgabe für das, was er der Nachwelt hinterlassen hatte, um es nicht dem Vergessen zu überlassen. Du hast dem Rosa Archiv zu jener Zeit noch unter den Namen „Freundeskreis Rosa Archiv“ fungierend, immer und regelmäßig das aktuelle Material der MHG zugeschickt: kostenlos, über die Grenze, obwohl das verboten war und obwohl es (für mich) Konsequenzen hätte haben können.
Dieses Material steht heute noch im lesben- und frauenquotenfreien Rosa Archiv, das in diesem Jahr 40 Jahre jung wird.
Ich habe es nicht weggeworfen.
Ich habe es nicht versteckt.
Es ist Teil Deiner und meiner Geschichte und es ist Teil unserer damaligen gemeinsamen Arbeit zu Magnus Hirschfeld über trennende politische Grenzen hinweg.
In meiner von 1990 bis 1994
erschienenen bundesweiten GAY NEWS, die ab der 5. Ausgabe im gesamten deutschsprachigen Europa verbreitet war, habe ich die Materialien regelmäßig vorgestellt und der MHG darüber hinaus kostenfreie Anzeigen eingeräumt, als kleines Gegengewicht zu den vielen Sachspenden, die sie uns zu DDR-Zeiten zukommen ließ.
Dann kamen die 2000er Jahre
und ein eBrief von Dir, in dem Du mir mitteiltest, daß Du mit mir und meinem „komischen Verlag“, so nanntest Du meinen 175er Verlag, den ich im Juni 1990 noch in der DDR gegründet hatte, nichts mehr zu tun haben wolltest.
Ich habe nie wirklich verstanden, warum. Wahrscheinlich waren es meine Szene-Kritiken, die ich immer geübt habe und die den Schwulenaktivisten nie gepaßt haben. Ich habe nie gemocht, was ich nicht gut fand und ich habe es gesagt, auch – und erst recht – wenn und weil es unbequem war. Ich habe das damals auf sich beruhen lassen, denn ich bin nicht empfindlich und schon gar nicht nachtragend.
Heute sage ich Dir:
Ich habe es Dir längst nicht mehr so übel genommen, wie Du annehmen könntest, denn ich kannte solche Verhaltensweisen mir gegenüber aus der Szene und das nicht erst in der BRD, sondern schon lange zuvor aus der DDR-Schwulenbewegung. Die haben mich nie gemocht, weil ich immer alle Finger in die Wunden gelegt habe, wenn es angebracht war nicht zu heucheln und nicht Tatsachen zu verdrehen oder schön zu reden. Das war damals meine Art und das hat sich bis heute NICHT geändert.
Wie weit dieses damalige Denunziantentum
in der Szene reichte (und es ist heute, unter anderem Deckmantel, längst wieder gang und gäbe), habe ich am eigenen Leib erfahren, durch einen Schwulen aus den eigenen Reihen, der das Denunzieren von der STASI gelernt hatte und nach dem Ende dieser nach 1990 damit munter weiter machte.
Das beweist auch folgendes Beispiel:
Als ich von 2012 bis 2013 die Bundestags-Petition für die Rehabilitierung und Entschädigung der wegen § 175 Verurteilten initiierte und mit knapp 6.000 Unterschriften (an der die gesamte von Volker Beck beeinflußte Schwulenlobby NICHT teilnahm) erfolgreich dem Deutschen Bundestag übergab (und diese Petition in einem Ausschuß auch behandelte), sorgte ein ehemaliger Stasispitzel mit gleich zwei IM-Namen, also ein gewisser Detlef Hüttig, dafür, um immer wieder gegen mich vorzugehen. Dieser Typ hatte einen Großteil der Schwulenszene im Auftrage der STASI unter „Kontrolle“ und bespitzelte mich schon zu DDR-Zeiten und denunzierte mich weiter nach der Wende, wo immer es ihm möglich war: bei Buchautoren, bei Professoren, bei Zeitungen. Er zeigte mich sogar wegen der Verwendung eines Hakenkreuzes an, das ich in einer Petition grafisch eingesetzt hatte, nicht um Nationl-Sozialisten zu verherrlichen, sondern um zu zeigen, wie sich ein selbsternannter Judenhasser öffentlich äußert.
Das Ergebnis: 850 Euro Strafe, die ich verweigerte und 10 Tage Ersatzhaft, die ich mit Hungerstreik verbrachte, um so zusätzlich auf dieses ungerechte Urteil aufmerksam zu machen. Wer also glaubt, mich mit irgendetwas einschüchtern zu können, hat mich schlicht nicht verstanden.
Heute kommt mir eben diese Kritik
nicht gegen Dich zugute, sondern gegen jene, die Dich jahrzehntelang ge- und mißbraucht haben, die von Deiner Arbeit gezehrt haben wie die Mistel schmarotzend auf einem starken Baum und die Dich heute förmlich und mit aller Wucht zur Seite stoßen, damit sie weiter geradeaus marschieren können, als wärst Du ein lästiges Hindernis auf dem Weg zu „sauberen“ Förderbilanzen und „unbefleckten“ Vereinsprotokollen. Das ist keine Abrechnung. Das ist eine Schande. Eine Schande, die ich (weiter unten) beim Namen und mit Namen nennen werde, weil es sonst niemand tut.
Ich stehe öffentlich zu Dir Ralf.
Ich bekenne mich dazu, daß Du Dich in der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS) in früheren Jahren auch mit Themen wie der Pädo-Sexualität befaßt hast, die damals Gegenstand eines wirklich sehr breiten gesellschaftlichen Diskurses waren. Daran nahmen Schwulenverbände, Vertreter der Grünen, der SPD, der FDP, der CSU und andere ebenso teil wie Sexualwissenschaftler, Reformpädagogen, Kinderschutzverbände und man kann es heute kaum noch glauben, auch der Bundesrat.
Sie alle pflegten regen Kontakt zur AHS, die dieses Thema als einen von vielen Bereichen innerhalb einer sachlichen wissenschaftlichen und aufklärenden Arbeit behandelte. Daß selbst der zu seiner Zeit weit bekannte Sexualaufklärer Oswald Kolle Mitglied der AHS wurde, zeigt, wie tief diese diskussionsfreudige Harmonie allen sexuellen Themen gegenüber reichte und alle Schichten erfaßte.
Auch das ZDF und andere Medienhäuser beteiligten sich an diesem Diskurs und selbst das Bundesministerium der Justiz richtete Anfragen an die AHS, was deren fachliche Anerkennung und gesellschaftliche Einbindung zweifelsfrei belegt.
Ich habe dazu Grafiken zusammengestellt
(rechte Spalte), die einen kleinen Querschnitt bildet und zeigt, wie breit und von gegenseitigem Respekt geprägt dieser gesellschaftliche Konsens verlief. Heute existiert kein diskussionsfreudiger Konsens mehr; an seine Stelle ist ein gesellschaftszerstörender, destruktiver Dissens getreten, der nicht nur Menschen vernichtet und Geschichte verfälscht, sondern die ehemaligen Akteure als moralisch verkommene Randfiguren stigmatisiert, um jede sachliche Auseinandersetzung im Keim zu ersticken.
Ich stehe öffentlich dazu, weil ich damals dabei war
und es erlebte und ich stehe dazu, mich noch heute öffentlich auch für die echte natürliche Pädophilie einzusetzen. Nicht im Sinne der Bedeutung des heutigen Zeitgeistes, sondern im Sinne echter wissenschaftlich-fundierter Basis, allerdings nicht die der Aktuellen.
Leider ist die ursprüngliche Sexualwissenschaft heute zeitgeistverkommen, was ich hier nicht weiter ausführen möchte. Mein dazu ausführlicher zweigeteilter Hörbeitrag (deutschfeindlich: Podcast) zeigt das heutige wissenschaftsfeindliche „System der Gefälligkeiten“ und warum wahre Aufklärung niemals käuflich sein darf, deutlich auf. Hier ist dazu die kurze redaktionelle Einführung.
Ich stehe zu Dir Ralf,
weil ich diese Zeit der Aufklärung selbst erlebt habe. Weil ich es belegen kann, in meiner GAY NEWS, im Regal meines Archivs, in den üppig gefüllten Ordnern. In meinem Archiv lagern zwanzig prall gefüllte AHS-Aktenordner, die das Wirken der AHS von ihren Anfängen bis in die frühen zweitausender Jahre dokumentieren. In diesem umfangreichen Bestand findet sich nicht ein einziger Beleg für die Vorwürfe, die heute gegen Dich erhoben werden. Es ist bezeichnend, daß bereits ein öffentliches Urteil gefällt wurde, noch bevor das angekündigte Scheingutachten überhaupt erstellt ist. Dieses alberne Gutachten wird letztlich reine Makulatur bleiben, da es sich nicht an den damaligen Gegebenheiten orientiert, sondern den Forderungen des heutigen Zeitgeistes folgen wird. Es geht nicht mehr um Klärung, sondern ausschließlich um Vorverurteilung, was man ja bereits tat ohne Belege, Beweise und ohne sachkundiges Material auf den Tisch zu legen und noch einmal: es geht darum zu verurteilen und nicht darum, die Angelegenheit sachlich und fair zu klären.
Wie verlogen das heute doch alles ist!
Man kann es kaum glauben, aber leider muß man es glauben.
Lieber Ralf,
Ich bin generell in jeder Sache unangreifbar und das sage ich ohne jede Koketterie. Ich habe in 40 Jahren keinerlei bedingende Fördermittel angenommen. Ich habe mich niemals einem Verein, einer Partei, einer Stiftung oder anderen Instanzen angebiedert, um meine Arbeit zu finanzieren. Ich schulde niemandem etwas und deswegen kann mir auch niemand drohen. Sollte man mich nach diesem Brief angreifen wollen, was ich für reichlich unwahrscheinlich halte, dann wird mir das schlicht und ergreifend am Arsch vorbeigehen. Und je lauter man mir den Mund verbieten wollte, desto weiter habe ich ihn in der Vergangenheit immer wieder aufgemacht. Das ist in 40 Jahren so geblieben und daran wird sich auch künftig NICHTS ändern.
Was mich nun nach kurzem Schweigen
doch an den Schreibtisch trieb, ist nicht Nostalgie. Es ist der lächerliche Anblick einer einstigen stolzen Schwulenszene, die heute unaufhörlich von Toleranz redet, von Freiheit und Demokratie faselt, von der Würde des Andersdenkenden, aber in Wirklichkeit die intoleranteste Minderheit geworden ist, der ich je begegnet bin, sobald es darum geht, einen der ihren nicht mehr zu schützen, da er des Zeitgeistes wegen unbequem geworden ist.
Das ist Verrat, Verrat der übelsten Art!
Verrat aus den eigenen Reihen.
Aber Ralf, Du bist nicht gefallen,
Du wurdest zwar angegriffen und verstoßen: wer jedoch angegriffen und verstoßen wird, verdient zumindest einen Menschen, der dies öffentlich ausspricht und ohne Scheu zu ihm steht – erst recht, wenn es um solche Heuchelei und Verlogenheit geht, wie in Deinem Fall. Diesen Menschen findest Du in mir, denn ich bin wohl der Einzige aus der gesamten Schwulenbewegung, der diesen Weg geht.
Auch wenn wir keine Freunde waren oder heute sind, so haben wir uns beide doch demselben Mann gegenüber verpflichtet gefühlt und tun es heute noch: Magnus Hirschfeld.
Gerade deshalb schätze ich Deine 44-jährige Hirschfeld-Arbeit zutiefst, denn kollegiale Wertschätzung erfordert keine persönliche Freundschaft.
Rosa von Zehnle
Ungarn – 17.6. – 2026
- Einleitung -
Dieser öffentliche Brief ist kein Nachruf
und keine Verteidigungsschrift. Er ist ein öffentliches Zeugnis, abgelegt von jemandem, der dabei war und der heute, im Juni 2026, nicht zum inhaltlichen Vorfall schweigen will.
Er erscheint als 2. Teil einer 44-teiligen Aufsatzserie,
die ich anläßlich des 40-jährigen Bestehens meines Rosa Archiv und Bibliothek, gegründet 1986 in Leipzig, bis zum Jahr 2030, der 44.-jährigen Existenz, veröffentliche. In dieser Reihe geht es um Menschen, Ereignisse und Entwicklungen, die das Rosa Archiv und seine Geschichte geprägt haben. Ralf Dose und die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft gehören untrennbar dazu.
Der Brief ist in sieben Teile gegliedert, denen obiges Vorwort und die Einleitung vorangestellt sind und sich wie folgt gliedert.
Siehe rechte Spalte oben.
Wer diesen öffentlichen Brief liest,
wird am Ende erkennen, wie die heutige Bewegung aussieht, die Tag für Tag von Toleranz spricht und Tag für Tag genau jene Menschen vor den Kopf stößt, die ihr Vertrauen, ihre Zeit, ihre Arbeit und ihre Loyalität eingebracht haben und eine geradezu praktizierte und inflationäre Undankbarkeit an den Tag legt, nicht nur nach außen, sondern auch in den eigenen Reihen.
Und wer diesen Beitrag bis zum Ende liest, wird wissen, daß es noch Menschen gibt, die diesen Widerspruch sehen und nicht bereit sind, ihn schweigend hinzunehmen.
Auch wenn von ihnen kaum mehr als eine Handvoll geblieben ist. Und zu dieser Handvoll Menschen gehörte ich schon immer. Vielleicht gerade auch deshalb, weil eine ausgestreckte Hand mehr verbindet als tausend erhobene Arme.

Eine Aufsatz-Serie zum
40-jährigen Bestehen:
Die hier dokumentierten Analysen gehen zurück bis zum Gründungsjahr 1986.
2. von 44 inhaltsreichen und kritischen Aufsätzen.
- – - – - – -
Wer mir schreiben möchte, aber nicht als öffentlichen Kommentar, bitte an:
info@rosa-archiv.de
Gern auch Kommentare!

Offener Brief an
Ralf Dose von der MHG!
Rosa von Zehnle:
„Lieber Ralf,
ich stehe zu Dir!
Ich wertschätze Deine
geleistete Arbeit
der letzten
44 Jahre!
Dafür großen Dank!“
Mir ist wurscht,
was die anderen
davon halten!
I n h a l t :
- Vorbemerkungen
(Etwas länger als gewohnt!) - Einleitung
- Teil 1
„Vierzig Jahre auf demselben Weg“
und schildert den gemeinsamen Arbeitskontakt zwischen dem Rosa Archiv und der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin seit 1985, den Briefwechsel, den Materialversand über die innerdeutsche Grenze und was daraus bis zur Wende geworden ist. - Teil 2
widmet sich Ralf Doses
wissenschaftlichem Lebenswerk:
40 Jahre Forschung zu Magnus Hirschfeld, zur Geschichte der Sexualwissenschaft und zur Emanzipationsbewegung. Was er geleistet hat und was davon bleibt, unabhängig davon, was der Zeitgeist heute darüber denkt. - Teil 3
stellt den historischen Kontext der 1970er, 1980er bis Anfang der 1990er Jahre dar.
Es war eine Zeit, in der der Diskurs über Sexualität, Emanzipation und gesellschaftliche Randgruppen quer durch Schwulenbewegung, Grüne, Wissenschaft und Reformpädagogik geführt wurde. Wer das heute vergessen will, lügt sich in die eigene Tasche. - Teil 4
wirft die volks-philosophische und rechtliche Grundfrage auf:
Kann man einen Menschen nach Maßstäben verurteilen, die es zum Zeitpunkt seines Handelns schlicht nicht gab? Das Tribunal der Nachgeborenen als intellektloses und amoralisches Problem. - Teil 5 beschreibt,
wie die einstige Subkulturbewegung zur Hüterin des herrschenden Diskurses wurde:
Fördergelder als Zügel, staatliche Anerkennung als Zähmung, institutionelle Abhängigkeit als Schweigepflicht. - Teil 6 schwerwiegend und hat den Titel „Die Bewegung frißt ihre Besten“
und benennt beim Namen und was geschehen ist: eine Bewegung, die ihre eigenen Gründer opfert, um sich nach außen zu „reinigen“. Mit Quellen, mit Namen und ohne Beschönigung. - Teil 7
schließt mit dem Titel „Haltung ohne Applaus, aber mit Rückgrat“.
Es ist mein persönliches Schlußwort: warum ich heute öffentlich zu Ralf Dose stehe, was Freundschaft über Jahrzehnte und trotz Differenzen bedeutet und was der Zeitgeist damit (nicht) anfangen kann. - Nachwort und Fazit
- Ein letzter Gedanke, den ich mir nicht verkneifen kann!

Der breite gesellschaftliche Konsens der AHS
in den 1980er-1990er
Jahren in zahlreichen
Abbildungsbeispielen:





- Teil 1 -
Vierzig Jahre auf demselben Weg
Es gibt Verbindungen,
die keine Urkunde brauchen und keinen Vereinsstempel. Sie entstehen einfach, weil zwei Menschen zur gleichen Zeit an derselben Sache arbeiten, aus demselben Antrieb heraus, mit denselben Mitteln: Bücher, Briefe, Hartnäckigkeit.
1986 war ich 26 Jahre jung und betrieb seit 1985 den „Freundeskreis Rosa Archiv“ (FKRA), der eben 1986 und bis heute das Rosa Archiv und Bibliothek ist und das in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen nachweisen kann. Ein Archiv ohne Geld, ohne Förderung, ohne staatliche Rückendeckung, in einem Land, das solche Initiativen nicht mochte und eigentlich nicht duldete. Ein Archiv, das trotzdem existierte, weil es existieren mußte.
Du, Ralf, warst zu dieser Zeit
bereits seit vier Jahren Mitbegründer und Geschäftsführer der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in West-Berlin, einer Institution, die sich dem Erbe Magnus Hirschfelds verschrieben hatte, jenem Arzt und Sexualwissenschaftler, der 1919 in Berlin das erste Institut für Sexualwissenschaft der Welt gegründet hatte und dessen Werk die Nationalsozialisten 1933 zum größten Teil verbrannten und zerstörten.
Was uns zusammenbrachte, war also Magnus Hirschfeld. Nicht als Legende, nicht als Denkmalsfigur, sondern als Aufgabe. Die Aufgabe, sein Werk zu bewahren, seine Geschichte zu erforschen und dafür zu sorgen, daß das, was noch vorhanden war, Puzzleteil für Puzzleteil neu zusammengefügt und für alle Zukunft archiviert wird.
Unser Briefwechsel begann,
wie viele wichtige Dinge beginnen: unspektakulär.
Ein Brief hierhin, eine Antwort dorthin. Dann Materialien, Publikationen, Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Aufsätze, Dokumentationen. Das alles kam über die innerdeutsche Grenze, von West nach Ost, auf einem Weg, der offiziell nicht existieren durfte und der für mich nicht ohne Risiko war, denn was ich machte, war nach DDR-Strafrecht verfolgbar und konnte mit Gefängnis geahndet werden.
Ich habe das damals wie heute nie als Selbstverständlichkeit betrachtet. In einem Land, in dem der Postweg überwacht wurde und in dem unerwünschte Literatur beschlagnahmt werden konnte, war jedes Paket, das ankam, ein kleiner Sieg gegen die Dummheit des Systems.
Zudem war genau das Material was ich sammelte, in der DDR nur in großen Bibliotheken einsehbar, wenn man einen wissenschaftlichen Nachweis einer DDR-Institution vorlegen konnte. Und diesem bekam keiner, der nicht zur Thematik studierte. Ich bekam hin und wieder etwas aus dem Giftschrank der Leipziger „Deutschen Bücherei“ (heute Deutsche Nationalbibliothek), da ich als Fleisch- und Wurstverkäufer in einer privaten Fleischerei mit Schweinelendchen und Kochschinken aufwarten konnte, die es fast nur unter dem Ladentisch zu kaufen gab.
Das war DDR-Alltag und jeder machte das Beste daraus.
Ralf, Deine Materialien aus jener Zeit sind heute noch vorhanden.
Sie stehen im Rosa Archiv, geordnet und sind unter dem Bibliothekssiegel L 333, das im Sigelverzeichnis der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingetragen ist, als Bestand für die Zukunft gesichert. Sie sind kein privates Andenken, sondern Teil eines öffentlichen, wissenschaftlich anerkannten Bestandes. Wer also behaupten wollte, unsere Zusammenarbeit habe nie stattgefunden oder sei bedeutungslos gewesen, der möge sich auf den Weg der kurzen Suche machen, nachsehen und feststellen, wie es wirklich ist.
Dann kam die Wende und sie veränderte vieles. Die Mauer fiel, die DDR verschwand und mit ihr die äußeren Bedingungen, die unsere Zusammenarbeit geprägt hatten. Was blieb, war die Arbeit selbst. Ich gründete im Juni 1990, in den letzten Wochen der DDR, den 175er Verlag, benannt nach dem Paragraphen, der männliche Homosexualität unter Strafe gestellt hatte, aber endgültig erst 1994 restlos viel. – Ein Verlag ohne Kapital, ohne Netz und ohne Applaus, aber mit einem klaren Auftrag.
Dann, irgendwann in den 2000er Jahren, kam eine ePost von Dir.
Du wolltest mit mir und dem „komischen Verlag“ nichts mehr zu tun haben. Ich habe darüber nachgedacht, wahrscheinlich zu lange. Meine Kritiken an der Schwulenszene, die ich immer geübt hatte und nie zurückgehalten habe, mögen Dich gestört haben. Vielleicht war es auch etwas anderes, das ich bis heute nicht wirklich kenne, ich aber vermute. Ich habe es auf sich beruhen lassen, weil ich gelernt habe, daß manche Dinge keine Erklärung benötigen und daß man trotzdem weiterarbeiten kann.
Was ich aber nicht auf sich beruhen lasse, ist das, was heute mit Dir geschieht.
40 Jahre haben wir auf demselben Weg gearbeitet, Du in Berlin, ich in Leipzig und später in Ungarn.
40 Jahre, in denen Du Fördergelder bekamst und ich keinen Pfennig öffentliche Gelder in Anspruch genommen habe, wir aber beide getrennt und dennoch thematisch verbunden, taten, was uns wirklich wichtig war.
40 Jahre, in denen wir beide wußten, was Abhängigkeit bedeutet, aber auch 40 Jahre was Unabhängigkeit bedeutet.
Jeder aus seiner Sicht.
Heute stehst Du „allein“ da.
Nicht weil Du gefallen wärst, sondern weil die, die neben Dir standen, im entscheidenden Moment die Seite gewechselt haben. Das nenne ich nicht Überzeugungswandel. Das nenne ich Feigheit mit Ansage.
Für mich stehst Du nicht allein da.
Die Zahl der Weggefährten mag kleiner geworden sein, doch auf die Zahl kam es nie an. Charakter zeigt sich daran, ob man seinen Idealen treu bleibt oder sie dem jeweiligen Zeitgeist opfert.
Und ich sage das öffentlich, weil es öffentlich gesagt werden muß.
- Teil 2 -
Ralf Dose und sein Lebenswerk
Es gibt Menschen, die Geschichte schreiben
und es gibt Menschen, die Geschichte bewahren und Ralf Dose gehört zur zweiten, selteneren Art. Nicht die, die im Rampenlicht stehen und Reden halten, sondern die, die in Archiven sitzen, Nachlässe durchforsten, Briefe entziffern, Karteikarten anlegen und dafür sorgen, daß das, was gewesen ist, nicht einfach verschwindet, weil es niemanden mehr gibt, der es sich merken will.
Und dann gibt es noch Menschen die Geschichte zerstören und das sind die die sich heute dem Zeitgeist anbiedern und Geschichte darstellen wollen, wie sie eben nicht war.
Und!
Es gibt Menschen, die Geschichte vernichten.
Wer sich ertappt fühlt, möge vor Scham im Boden versinken.
Denn wer Geschichte vernichtet, verliert nicht nur den Respekt vor der Vergangenheit selbst, sondern auch vor den Menschen, die sie erlebt und bewahrt haben.
Seit 1971 war Dose in der Westberliner Schwulenbewegung aktiv,
zu einer Zeit, als das noch etwas bedeutete: als männliche Homosexualität in der BRD unter dem berüchtigten Paragraphen 175 teilweise noch unter Strafe stand und als schwul zu sein bedeutete, sich täglich gegen eine Gesellschaft zu behaupten, die Schwule entweder ignorierte, bestrafte oder bemitleidete. Er hat diese Zeit nicht nur erlebt, er hat sie aktiv gestaltet und dokumentiert.
1982, elf Jahre nach seinem ersten Engagement,
war er Mitbegründer der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, die in der Wohnung von Hans-Günter Klein ins Leben gerufen wurde. Der Anlaß war konkret: das 50-jährige Gedenken an die national-sozialistische Machtübernahme von 1933 stand bevor und es zeichnete sich ab, daß bei den offiziellen Veranstaltungen eine Opfergruppe abermals vergessen werden würde, so wie sie jahrzehntelang vergessen worden war: die Homophilen. Dose und seine Mitstreiter haben das nicht hingenommen.
Was folgte, waren über 40 Jahre ununterbrochene wissenschaftliche Arbeit. Nicht gelegentlich, nicht nebenher, sondern als Lebensaufgabe. Die Geschichte des Instituts für Sexualwissenschaft, das Magnus Hirschfeld 1919 in Berlin gegründet hatte, wurde von Dose und seinen Mitarbeitern Stück für Stück rekonstruiert. Briefe, Fotos, Dokumente, Biografien der Mitarbeiter, Nachlässe, Verbindungen zu Archiven in aller Welt: das alles ist das stille, geduldige, unspektakuläre Handwerk eines Mannes, der verstand, daß Geschichte nicht von selbst überlebt.
Zu den bedeutenden Ergebnissen
dieser Arbeit gehören zahlreiche Publikationen und die Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, die seit 1983 erscheinen und die heute auch als Standardquelle zur Geschichte der Hirschfeld´schen Sexualwissenschaft gelten. Dazu kommen Ausstellungen, Buchbeiträge, gemeinsame Projekte mit internationalen Archiven und die jahrelange Zusammenarbeit mit unzähligen Forschern, die mit Dose gemeinsam umfangreiche Dokumentationen zum und über das Institut für Sexualwissenschaft veröffentlichten. Das Ergebnis dieser Mühen ist nicht wegzudiskutieren und nicht wegzuschweigen: es steht in Bibliotheken, in Archiven, in Fußnoten und in dem kollektiven Wissen all jener, die sich heute mit Magnus Hirschfeld beschäftigen.
Und genau das ist der Kern der Unverschämtheit dessen,
was heute geschieht.
Wer Ralf Dose heute an die Wand stellt, stellt damit auch sein Werk an die Wand. Wer seine Fördergelder streicht und ihm den Rücken kehrt, der kehrt damit auch Magnus Hirschfeld den Rücken, dem Mann, in dessen Namen die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft gegründet wurde und in dessen Namen sie jahrzehntelang Gelder eingeworben hat. Man kann nicht Hirschfeld feiern und Dose fallen lassen. Man kann nicht auf Hirschfelds Schultern stehen und gleichzeitig dem Mann ins Gesicht treten, der diese Schultern aufgebaut hat.
Dose hat für diese Arbeit kein Vermögen gemacht. Er hat kein großes Haus gebaut, keine Karriere im akademischen Betrieb verfolgt, keine Professur eingenommen. Er war Publizist, Wissenschaftshistoriker und Aktivist aus Überzeugung, nicht aus Kalkül. Das verbindet ihn mit all jenen, die in der Geschichte der Emanzipationsbewegungen immer die eigentliche Arbeit getan haben: die Nichtbezahlten, die Nichtgeehrten, die Unermüdlichen und die Nichtangepaßten.
Heute, im Jahr 2026, hat dieser Mann niemanden,
der öffentlich zu ihm steht. Seine ehemaligen Mitstreiter schweigen. Seine langjährigen und einstigen Mitaktivisten verstecken sich hinter einer namenlosen Kollektiverklärung oder schweigen weiter. Die Institutionen, die von seiner Arbeit profitiert haben, wenden sich ab wie Leute, die einen Bekannten auf der Straße nicht erkennen wollen, weil es gerade ungelegen kommt.
Das ist keine Abrechnung mit einzelnen Menschen. Das ist die Beschreibung eines Zustandes, der über den Einzelfall weit hinausgeht und der etwas über den inneren Verfall einer Bewegung sagt, die einmal angetreten war, die Welt gerechter zu machen.
- Teil 3 -
Das Gedächtnis einer Bewegung
Wer die Ereignisse rund um Ralf Dose und seiner Zeit in der AHS verstehen will,
muß sich erinnern. Ernsthaft und ohne Vorbehalte erinnern, also nicht selektiv, nicht bequem, sondern vollständig. Und vollständiges Erinnern bedeutet, den historischen Kontext der 1980er Jahre so zu beschreiben, wie er tatsächlich war, nicht so, wie er im Rückblick gerne heute zeitgeistgerecht dargestellt werden soll und heute dadurch leider nur falsch dargestellt wird.
Die Schwulenbewegung der 1970er bis Anfang der 1990er Jahre war keine homogene, übersichtliche Veranstaltung. Sie war ein breiter, widersprüchlicher, lebendiger Emanzipationsstrom, in dem viele Diskurse gleichzeitig liefen. Einer davon war der Diskurs über Pädophilie. Das ist keine Behauptung, das ist belegbare Geschichte.
Das schwule, pädophile und lesbische Adressenverzeichnis,
(siehe Abbildung rechts) das in jenen Jahren bis Anfang der 1990er Jahren zirkulierte und alle halbe Jahre erschien und das ich selbst im Rosa Archiv verwahre, trägt diesen Titel nicht aus Versehen. Die Reihenfolge ist dokumentiert: schwul, pädophil, lesbisch.

Pädophilie war in diesem Verzeichnis keine versteckte Randnotiz, sondern ein gleichrangig genanntes Thema. Wer heute behauptet, das sei damals ein Tabu gewesen oder ein Einzelphänomen, lügt wider besseres Wissen oder hat schlicht keine Ahnung, wovon er spricht.
Die Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität,
kurz AHS, in der Ralf Dose im Vorstand tätig war, ist ein weiteres belegbares Beispiel. Im Rosa Archiv liegen zwanzig Ordner aus der Gründungszeit dieser Organisation. Ich habe sie. Ich habe sie gelesen. Was darin steht, ist kein Aufruf zu Kindesmißbrauch, sondern die Forderung nach gleiche Menschenrechte auch für Pädophile, nach rechtlicher Gleichstellung, nach einem zivilisierten gesellschaftlichen Umgang mit einer Minderheit, die kriminalisiert wurde. Das ist ein fundamentaler Unterschied, den heute niemand mehr hören will, weil er die einfache Gleichsetzung von Pädophilie und Kindesmißbrauch stört, die inzwischen zum Standardrepertoire jeder öffentlichen Debatte gehört.
Dieser Diskurs war kein Alleingang einzelner „Spinner“ am Rand der Bewegung. Er wurde geführt von Schwulenverbänden, von Teilen der Grünen, von Sexualwissenschaftlern, von Reformpädagogen, Politikern, von Medien usw., die anfangs zögerlich, dann zunehmend offen mitdiskutierten. Es gibt dafür Belege in Hülle und Fülle, in Archiven, in Protokollen, in Publikationen der damaligen Zeit. Das Rosa Archiv besitzt davon einen erheblichen Teil.
Und noch etwas:
Die AHS war eine themenübergreifende Institution, wo Pädophilie nur ein sehr kleines Thema unter vielen war, wie ich das hier an Hand folgender und einer unvollständigen Auflistung aufzeige:
- AD(H)S und Sexualität – AIDS und HIV – Ausgrenzung und Sexualität – Behinderung und Sexualität – Bisexualität – Depression und Sexualität – Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung – Enttabuisierung sexueller Themen – Exhibitionismus – Geschlechtsidentität – gesellschaftlicher Umgang mit sexuellen Minderheiten – Homosexualität – Intersexualität – Jugendschutz – Jugendsexualität – Kindersexualität – Männer und Gewalt – Männer und Sexualität – Mißbrauch und Mißbrauchsvorwürfe – Partnerschaft und Beziehungen – Pornographie – Prostitution / Sexarbeit – Reformen des Sexualstrafrechts – Selbstbefriedigung – sexuelle Aufklärung – sexuelle Menschenrechte – sexuelle Minderheiten – sexuelle Selbstbestimmung – Sexualerziehung / Sexualpädagogik – Sexualität als Dienstleistung – Sexualität bei Krankheit – Sexualität im Alter – Sexualität und Gesellschaft – Sexualität und Macht – Sexualität und Medien – Sexualität und Recht – Sexualpolitik – Sexualstrafrecht – Sexualwissenschaft – Sucht und Sexualität – Transsexualität – Zwangssterilisation – usw. – …
Die rechts oben beigefügten Abbildungen
zeigen zudem ebenfalls nur eine kleine Auswahl von Briefköpfen aus dem Schriftverkehr der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität, mit staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen der BRD zwischen 1983 und 1990: Bundesjustizministerium, Bundesrat, Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, ZDF-Intendanz, Deutscher Kinderschutzbund, Landtagsfraktionen und Kommunalverwaltungen. Dieser Querschnitt belegt, daß die AHS keine Randorganisation war, sondern ein anerkannter Gesprächspartner auf allen Ebenen des öffentlichen Lebens, der sachlich, ernsthaft und ohne ideologischen Tunnelblick in legislative Prozesse einbezogen wurde.
Wer heute Ralf Dose als Gefahr für die Szene darstellt, muß sich fragen lassen, warum das Bundesjustizministerium jener Epoche die AHS, in der Dose Vorstandsmitglied war, als anerkannte Fachorganisation behandelte, ihren Sachverstand zu laufenden Gesetzgebungsvorhaben aktiv einholte und ihre Stellungnahmen als Beratungsgrundlage in die eigenen Gesetzes-Erwägungen einbezog.
Ralf Dose war in diesem Diskurs keine Ausnahme.
Er war ein Teilnehmer an einer Debatte, die seine Zeit prägte und die von den gesellschaftlichen Verhältnissen in jenen Jahren hervorgebracht wurde. Das Institut für Sexualwissenschaft, dessen Geschichte er erforscht hat, hatte sich bereits in den 1920er Jahren mit Fragen der Sexualität befaßt, die weit über das hinausgingen, was damals gesellschaftlich akzeptiert war. Hirschfeld selbst hatte sich für die Entkriminalisierung von Homosexualität eingesetzt, als das noch ein gefährliches Unterfangen war. Die Linie von Hirschfeld zu Dose ist keine Erfindung, sie ist wissenschaftliche Kontinuität. Und auch Hirschfeld befaßte sich mit der Thematik der Kindessexualität und der „Pädophilia erotica“, wie auch alle seine Kollegen jener Zeit, die die Sexualwissenschaft wirklich ernst nahmen und keinen Bereich ausließen.
Was heute geschieht, ist etwas grundlegend anderes.
Es ist die nachträgliche Anwendung eines Maßstabes, der in den 1980er Jahren nicht existierte, auf Handlungen und Haltungen, die in jenem Kontext entstanden sind. Man nimmt den Dose von 1985 und beurteilt ihn mit dem Blickwinkel von 2025. Das ist keine Geschichtswissenschaft, das ist pure diktatorische Zeitgeistjustiz.
Das MHG-Archiv, das aus der mühevollen Arbeit von Dose entstanden ist, trägt einen unermeßlichen kulturhistorischen Wert, der durch keine Pressemitteilung und keinen Förderentzug zu negieren ist. Was dort lagert, sind Originaldokumente, Briefe, Fotos und Nachlässe zur Geschichte der Sexualwissenschaft, die es in dieser Form weltweit wohl kein zweites Mal gibt. Man kann den Gründer fallen lassen. Man kann ihm die Förderung streichen. Man kann sein Schweigen erzwingen. Aber man kann nicht ungeschehen machen, was er in 44 Jahren mühevoll aufgebaut hat.
Das steht. Das bleibt.
Das wird man nicht rückgängig machen können.
Die Frage, die sich jeder stellen muß,
der heute die Nase über Ralf Dose rümpft, lautet:
Wo warst Du damals?
Wer von den heutigen Anklägern hat in den 1980er Jahren öffentlich gegen den Diskurs protestiert, an dem Dose teilnahm?
Wer hat damals den Finger gehoben und gesagt, das geht zu weit?
Die Antwort ist bekannt. Niemand.
Oder jedenfalls so gut wie niemand. Weil es damals eben so war, wie es war. Und weil es bequemer ist, heute auf jemanden zu zeigen, als sich an gestern zu erinnern.
- Teil 4 -
Das Tribunal als intellektloses und amoralisches Problem
Es gibt eine sehr wichtige Frage,
die in der gesamten Debatte um Ralf Dose nicht gestellt wird. Nicht in den Artikeln des Tagesspiegels, nicht in den Stellungnahmen des Spinnboden, nicht in den Erklärungen des FFBIZ, nicht im Brief des ehemaligen Vorstandsmitglieds Michael Taylor, nicht in der kaum an Arroganz zu überbietenden namenlosen Kollektiverklärung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft.
Auch anderswo nicht.
Diese Frage lautet:
Nach welchem Recht verurteilt man einen Menschen für Haltungen, die er in einer Zeit einnahm, in der diese Haltungen nicht nur toleriert, sondern breit diskutiert wurden?
Selbst das damalige Bonner Justizministerium hatte intensive Arbeitskontakte zur AHS, wie man an den beiden Abbildungen rechts oben sehen kann.
Das ist keine rhetorische Frage.
Das ist die Grundfrage jeder zivilisierten Rechte-Ordnung und jeder ernsthaften Geschichtswissenschaft. Und sie wird bewußt nicht gestellt, weil die Antwort heute unbequem ist.
Warum wird sie nicht gestellt?
Hat die BRD keine Rechte-Ordnung mehr?
Und warum schweigt die Geschichtswissenschaft dazu?
Und warum schweigen, die, die einst Seite an Seite von Dose standen?
Geschichte ist keine Knetmasse,
die man so lange knetet, bis sie die Form des jeweiligen Zeitgeistes angenommen hat. Was geschehen ist, ist geschehen. Man kann es erforschen, bewerten und diskutieren. Man kann es aber nicht nachträglich umformen, nur weil die Wahrheit unbequem geworden ist.
Das gilt ebenso für Archive, Dokumente, Beziehungen und Kooperationen. Was dokumentiert ist, gehört zur Geschichte. Man kann es kritisch einordnen oder hinterfragen. Man kann es aber nicht verschwinden lassen, nur weil es nicht mehr in das gewünschte Bild paßt. Akten werden nicht unwahr, nur weil sie heute manchem nicht mehr ins Weltbild passen.
Und mal nebenbei bemerkt:
Wer sich heute von Ralf Dose distanziert, wer ihn diffamiert und öffentlich anklagt, weil er in den 1980er Jahren mit der AHS zusammenarbeitete, der müßte konsequenterweise auch das Bundesjustizministerium jener Epoche öffentlich verurteilen, das dieselbe Organisation als anerkannte Fachinstanz behandelte und ihren Sachverstand in laufende Gesetzgebungsvorhaben einbezog.
Daß das niemand tut, hat einen einfachen Grund:
Man fürchtet das Justizministerium weil es mit einer Verleumdungsklage oder andere rechtlichen Möglichkeiten kontern würde. Oder viel wirkungsvoller: es würde ein Kollegenanruf genügen, um die Fördergelder sofort zu stoppen und womöglich erhaltene Gelder zurück zu zahlen.
Wieso wird hier also mit zweierlei Maß gemessen?
In jeder zivilisierten Gesellschaft gilt der Grundsatz,
daß niemand für eine Handlung bestraft werden kann, die zum Zeitpunkt ihrer Vornahme nicht strafbar war. Das ist kein Schlupfloch, das ist ein rechtliches Fundament. Es heißt auf lateinisch „nulla poena sine lege“, keine Strafe ohne Gesetz und es gehört zu den ältesten Errungenschaften des zivilisierten Rechtes.
Gibt es also in der BRD schlußfolgernd kein zivilisiertes Recht mehr?
Man mag über diesen Grundsatz im Einzelfall streiten. Aber wer ihn außer Kraft setzt, der setzt nicht Recht, der setzt Willkür.
Was mit Ralf Dose geschieht, ist Willkür.
Nicht im juristischen Sinn, denn er wird nicht vor Gericht gestellt. Sondern – und das ist viel schlimmer – im moralischen und gesellschaftlichen Sinn: sein Ruf wird vernichtet, seine Förderung wird gestrichen, seine Mitstreiter wenden sich ab und das alles auf der Grundlage von Haltungen, die er vor 40 Jahren in einem völlig anderen gesellschaftlichen Kontext einnahm, in dem dieselben Menschen, die ihn heute anklagen, entweder schwiegen, zustimmten oder noch gar nicht auf der Welt waren oder heute der eigenen Reputation einfach nur das Maul halten.
Das Gutachten, das die MHG in Auftrag gegeben hat,
spricht in dieser Hinsicht Bände. Es wurde beauftragt, nachdem Dose bereits zum Rücktritt gedrängt worden war. Nicht vorher. Nicht als Grundlage einer Entscheidung, sondern als nachträgliche Legitimation einer bereits vollzogenen Verurteilung. Das ist nicht das Vorgehen einer ehrlich und soliden Institution, die an Aufklärung interessiert ist. Das ist das Vorgehen einer Institution, die eine Entscheidung bereits getroffen hat und nun nach einer Begründung sucht. Erst das Urteil, dann der Prozeß. Das kennt man eigentlich aus anderen Zeiten und anderen Systemen.
Das kenne ich noch aus der DDR, wo ich wegen Republikflucht verhaftet wurde und das Urteil bereits vor der Verhandlung feststand und ich dann 18 Monate meines jungen Lebens im Knast vollbringen mußte.
Es ist also nicht besser geworden dadurch, daß man es jetzt in seine Vereinsprotokolle „säuberlich“ verpackt und auch noch glaubt, man handelt richtig.
Das Tribunal der Nachgeborenen
funktioniert nach einer simplen Logik: man nimmt einen Menschen, der sich in seiner Zeit engagiert hat, man legt an ihn den Maßstab der Gegenwart an und man erklärt ihn für schuldig. Keine Berücksichtigung des Kontextes. Und das Schlimmste: ohne jede echten Beweise!
Dazu keine Würdigung des Gesamtwerkes. Keine Differenzierung zwischen dem, was damals Diskurs war und was heute Konsens ist. Nur das vermeintlich saubere Ergebnis zählt: der Angeklagte ist schuldig, die Ankläger sind rein und die Fördergelder fließen weiter in die richtige Richtung.
Das ist nicht intellektuell.
Das ist das Gegenteil von Intellekt. Intellekt würde bedeuten, einen Sachverhalt in seiner historischen Komplexität zu beurteilen, Ursachen und Zusammenhänge zu verstehen, zwischen Absicht und Wirkung zu unterscheiden und zu fragen, welche Schlüsse aus einer differenzierten Betrachtung zu ziehen sind. Das alles unterbleibt. Stattdessen gibt es Schlagzeilen, Stellungnahmen und Förderentzug und öffentliche Diffamierung.
Das ist auch nicht moralisch.
Das ist das Gegenteil von Moral. Moral würde bedeuten, einem Menschen gegenüber, der Jahrzehnte lang für eine Sache gearbeitet hat, Loyalität zu zeigen, zumindest den Anstand aufzubringen, ihn persönlich zu fragen, bevor man ihn öffentlich fallen läßt. Moral würde bedeuten, daß man zu jemandem steht, wenn es unbequem wird, nicht nur dann, wenn es nichts kostet. Was stattdessen geschieht, ist die Entsorgung eines Menschen, der lästig geworden ist, unter dem Deckmantel moralischer Empörung.
Alfonso Pantisano, Queerbeauftragter des Berliner Senats
und SPD-Mitglied, hat öffentlich erklärt, wer im Jahr 2026 noch über eine historische Einordnung solcher Positionen diskutiere, verkenne die Verantwortung. Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Sie bedeutet im Klartext: historische Einordnung ist unerwünscht. Kontext ist unerwünscht. Differenzierung ist unerwünscht. Wer fragt, hat bereits verloren. Das ist kein aufgeklärter Standpunkt. Das ist die Denkstruktur eines Tribunals, das keine Verteidigung duldet.
Pantisano ist dabei symptomatisch für einen Typ, der in der heutigen Szene dominiert: staatlich gut besoldet, institutionell abgesichert, diskursiv konform und daher in der sehr komfortablen Position, über andere zu urteilen, ohne selbst jemals ein Risiko eingegangen zu sein. Er hat keine 40 Jahre in einem Archiv gearbeitet. Er hat keine Bücher über die Grenze in die DDR geschickt. Er hat keine eigenen Gelder in eine Sache investiert, an die er glaubt. Er verwaltet einen Posten und vollzieht gnadenlos, was der Zeitgeist von ihm verlangt. Das ist sein gutes Recht. Aber es gibt ihm nicht das Recht, über Menschen zu richten, die ein Vielfaches mehr geleistet haben als er in seinem gesamten bisherigen Berufsleben.
Aber besonders schwer wiegt die haltlose Behauptung Alfonso Pantisanos,
die er in der Siegessäule vom April 2026 aufgestellt hat: Magnus Hirschfeld habe sich“… immer klar gegen pädosexuelle Neigungen positioniert.“ – Wau, eine glatte Lüge!
Als jemand, der seit 1986 mit Hirschfelds Werk befaßt ist und dessen wichtigste Schriften, annähernd vier Regalmeter, im eigenen Archiv verwahrt, muß ich das klar zurückweisen, denn es gibt keinen einzigen Satz Hirschfelds, der diese Behauptung belegt und keine Bemerkung aus der man solche Behauptungen eines Pantisanos auch nur andeutungsweise herauslesen könnte.
Was Pantisano offensichtlich nicht weiß:
Der Begriff „Pädosexualität“ existierte zu Hirschfelds Lebzeiten schlicht nicht. Hirschfeld starb 1935. Das Wort, das Pantisano ihm als Bezugspunkt unterschiebt, ist eine Wortschöpfung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu Hirschfelds Zeit sprach die Wissenschaft, soweit sie das Phänomen benannte, von „Pädophilia erotica“, ein Begriff, den Richard von Krafft-Ebing 1886 in seiner „Psychopathia Sexualis“ einführte.

Hirschfeld selbst prägte 1906 die Begriffe
Ephebophilie und Parthenophilie, also klinische Beschreibungskategorien für das sexuelle Interesse an pubertierenden Jungen beziehungsweise Mädchen. Wer Begriffe für Phänomene schafft, positioniert sich nicht „klar dagegen“, sondern beschreibt und klassifiziert wissenschaftlich, wie es seiner Zeit und seiner Methode entsprach.
Hirschfeld hat Pädophilie in seinen Schriften als krankhaften Sexualtyp und als psychosexuell infantile Sexualkonstitution eingestuft, die er zu den Entwicklungsstörungen zählte. Das ist eine klinische Einordnung aus dem sexualwissenschaftlichen Denken seiner Epoche, keine moralpolitische Verurteilung im Sinne des Jahres 2026.
Gleichzeitig hat er in seinem Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, das er von 1899 bis 1923 in 24 Jahrgängen herausgab, Päderastie und verwandte Erscheinungen als wissenschaftliche Gegenstände behandelt und entsprechende Beiträge veröffentlicht. Das ist das genaue Gegenteil einer „immer klaren Gegenposition.“
Also bitte gut merken Alfonso
und bei der nächsten Zitation was Hirschfeld gesagt oder gemeint haben könnte, doch bitte künftig zuerst informieren und dann überlegt handeln, damit Du Dich nicht wieder lächerlich machst.
Das die SiS (Siegessäule) diesen Käse auch noch gedruckt hat, zeigt, wie Medien unüberlegt, ungeprüft und letztlich unseriös so etwas verbreiten. In meiner badischen Heimat würde man so ein Magazin einfach und treffend als Käs´blatt bezeichnen.
Pantisano projiziert den moralischen und rechtlichen Rahmen
des Jahres 2026 auf einen Wissenschaftler, der im Wilhelminischen Kaiserreich und der Weimarer Republik arbeitete, unter gesellschaftlichen Bedingungen, die mit den heutigen nicht vergleichbar sind. Das ist keine historische Verantwortung, wie Pantisano sie von der MHG einfordert. Das ist das Gegenteil davon: die Rückprojektion heutiger Begriffe in eine vergangene Zeit, um einen Toten, der sich nicht mehr wehren kann, für tagespolitische Zwecke zu vereinnahmen. Magnus Hirschfeld hat sein Leben damit verbracht, wissenschaftliche Erkenntnisse gegen moralische Willkür zu verteidigen. Ihn heute zum Kronzeugen eben jener Willkür zu machen, ist eine Verdrehung seines Erbes, die ich nicht unwidersprochen lassen kann.
Alfonso, bitte unterlaß künftig
solche haltlosen Zusammenhänge mit Magnus Hirschfeld und diesen aus diesem Spiel. Ein Mann, der sein Leben dem Kampf gegen Unwissenheit, Vorurteil und die Willkür des Staates gewidmet hat, verdient keinen Nachredner, der seinen Namen benutzt und beschmutzt, ohne seine Schriften gelesen zu haben. Wenn Hirschfeld hören könnte, mit welcher Leichtfertigkeit Du hier seinen Namen für eine Argumentation in Anspruch nimmst, die weder historisch noch begrifflich einer einzigen Überprüfung standhält, würde er sich im Grabe umdrehen. Ich bin sicher: Er hätte Dir das persönlich gesagt, höflich, präzise und vernichtend.
Und Alfonso, Du schreibst in Deinem Blog
unter der Rubrik „Queer“:
„Ich weiß, was es heißt, verletzt zu werden, durch Worte, durch Schweigen, durch Gesetze.“
Da stellt sich für mich eine ganz entscheidende Frage:
Wenn Du weißt, was es heißt, verletzt zu werden, warum verletzt Du dann Dose durch Worte, die ihm Dinge unterstellen, die nicht belegt sind, durch Schweigen, das Du bei all jenen organisierst, die sich nicht mehr zu ihm bekennen sollen und durch Gesetze, die Du als staatlich besoldeter Queerbeauftragter in Gang gesetzt hast, um ihm die Förderung zu entziehen? Das ist kein Widerspruch, den man übersehen kann.
Das ist Heuchelei in Reinkultur.
Und der Mittelteil Deines letzten Satzes dort ist auch nur Schaumschlägerei. Du schreibst:
„Und für das, was uns alle verbindet: das Recht, frei und sicher zu leben, egal, wen wir lieben, wie wir heißen oder woher wir kommen.“
Dieses Recht gestehst Du Ralf Dose aber auch nicht zu.
Einem Mann, der aus einer anderen Zeit dieser Emanzipationsbewegung kommt, der diese Bewegung mitgegründet hat, bevor Du überhaupt wußtest, was das Wort bedeutet. Schöne Worte auf einer Homepage kosten nichts. Haltung kostet etwas. Den Unterschied sieht man an dem, was Du Dose angetan hast.
Das eigentliche intellektlose und amoralische Problem
ist nicht Ralf Dose. Das eigentliche Problem ist eine Kultur, die gelernt hat, daß man Karriere macht, indem man auf Schwache und Gefallene zeigt und daß man seinen Posten nur dadurch sichert, indem man sich rechtzeitig und öffentlich distanziert. Das ist keine Moral. Das ist Opportunismus (heute eher Werte-Vakuum) mit moralischem Anstrich. Und es riecht, wie Opportunismus (heute eher Unmoral-Kalkül) immer riecht: nach Angst und nach Kalkül.
Und für mich stinkt das Ganze nicht nur bis in den Himmel, sondern weit darüber hinaus!
- Teil 5 -
Die neue Zeitgeist-Armee
Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft hat am 17. März 2026 folgende Erklärung veröffentlicht:
„Wir danken Ralf Dose für sein langjähriges Engagement in der MHG. Seine Forschungen seit 1983 haben maßgeblich dazu beigetragen, Magnus Hirschfeld und das Institut für Sexualwissenschaft wieder bekannt zu machen und in die öffentliche Erinnerung zurückzuholen.
Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft stellt sich gegen jede Form von Gewalt und sexualisierter Gewalt, insbesondere gegen Minderjährige. Sie nimmt die Verstrickung von Mitgliedern der ahs in Missbrauchsfällen von Kindern ernst. Die MHG wird den begonnenen Prozess der Aufklärung ihrer eigenen Geschichte unter Berücksichtigung des Gutachtens fortsetzen.„
Man lese diesen Text bitte zweimal.
Zuerst der geheuchelte Dank, dann der hiebfeste Messerstich tief ins Herz eines Engagierten, der mehr als 40 Jahre seines Lebens für genau diese MHG gearbeitet hat. Der Satz über die „Verstrickung von Mitgliedern der AHS in Missbrauchsfällen von Kindern“ steht unmittelbar nach dem Dank an Dose und impliziert durch seine bloße Nachbarschaft, was er nicht offen zu sagen wagt: daß Dose selbst in Mißbrauch verwickelt sei. Das ist keine Aufarbeitung. Das ist übelste Nachrede durch Syntax, feige formuliert und juristisch knapp kalkuliert.
Dazu kommt:
Die MHG beauftragt einen Gutachter, nachdem man Dose bereits verurteilt hat. Den Namen kenne ich nicht. Ich weiß nicht, wer er ist, welchen Hintergrund er hat und ob er jemals ernsthaft mit diesem Komplex befaßt war: er ist ein Außenstehender! Was ich weiß: Die Menschen, die diesen Kontext aus eigenem Erleben, aus jahrzehntelanger Arbeit und aus unmittelbarer Kenntnis der Verhältnisse beurteilen könnten, werden nicht gefragt. Das ist kein Zufall. Man fragt sie nicht, weil sie nicht das sagen würden, was man hören will.
Es gibt einen Moment in der Geschichte jeder Emanzipationsbewegung,
der entscheidend ist und der selten gefeiert wird: den Moment, in dem die Bewegung aufhört, eine Bewegung zu sein und anfängt, eine Institution zu werden. Dieser Moment ist nicht immer laut. Oft kommt er leise, verkleidet als Erfolg, als Anerkennung, als Ankommen in der Gesellschaft. Und er hat einen Preis, der erst später sichtbar wird.
Und dieser Preis war nicht das erklärte Ziel der einstigen Schwulenbewegung.
Jedenfalls nicht mein Ziel.
Die westdeutsche Schwulenbewegung der 1970er und 1980er Jahre
war eine echte Bewegung. Sie hatte Feinde, sie hatte Risiken, sie hatte Kosten.
Wer damals öffentlich schwul war, riskierte seinen Arbeitsplatz, seine Familie, seine soziale Existenz. Wer sich organisierte, tat das am Anfang ohne staatliche Förderung, ohne institutionelle Rückendeckung, ohne den Applaus des Zeitgeistes.
Aber auch das Rosa Archiv, gegründet 1986 in Leipzig, ist ein Beispiel dafür: entstanden ohne einen einzigen Förderantrag, getragen von privaten Mitteln, von Schenkungen, von der Überzeugung, daß diese Geschichte bewahrt werden muß, auch wenn es niemanden interessiert und niemand dafür zahlt.
Ralf Dose und die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft
haben in den Anfangsjahren ähnliches gelebt und geleistet. Die Gesellschaft wurde 1982 in einer Privatwohnung gegründet, nicht in einem geförderten Vereinsheim. Die ersten Publikationen wurden mit eigenen Mitteln finanziert. Die Bücher, die Dose über die innerdeutsche Grenze schickte, kosteten Geld, das er selbst aufbrachte und sie wurden verschickt, ohne daß jemand dafür eine Quittung ausstellte oder eine Förderabrechnung einreichte.
Das hat sich geändert.
Nicht plötzlich, sondern schrittweise, über Jahrzehnte. Die Schwulenbewegung wurde gesellschaftsfähig. Männliche Homosexualität wurde entkriminalisiert, gleichgeschlechtliche Partnerschaften wurden rechtlich anerkannt, usw. …
Das alles sind Errungenschaften, für die Menschen wie Ralf Dose und viele andere Schwulenaktivisten jahrzehntelang gearbeitet haben.
Aber mit der Anerkennung kamen die Fördergelder. Und mit den Fördergeldern kamen die Abhängigkeiten. Und mit den Abhängigkeiten kam das Schweigen. Und mit dem Schweigen kam das Lügen, Heucheln und die Mißgunst. Und mit dem Lügen, Heucheln und der Mißgunst kam der Egoismus. Und mit dem Egoismus kam, daß nur noch die eigene Reputation zählt.
Und mit der eigenen Reputation kam die Würdelosigkeit!
Fördergelder sind kein Geschenk.
Fördergelder sind ein Vertrag. Wer Geld vom Staat nimmt, vom Berliner Senat, von der Bundesstiftung, von öffentlichen Trägern, der nimmt damit auch die ungeschriebenen Bedingungen an, die diesem Geld beigefügt sind. Solange Du tust, was wir erwarten, fließt das Geld. Sobald Du unbequem wirst, hört es auf. Das muß niemand aussprechen. Das versteht sich von selbst. Und es wird verstanden, von allen, die davon abhängig sind.
Der Spinnboden, das feministische Lesbenarchiv in Berlin,
hat den Rücktritt von Ralf Dose begrüßt und sich vom gemeinsamen Archivprojekt distanziert. Der Spinnboden wird öffentlich gefördert, da muß man sich doch distanzieren. Das FFBIZ, das feministische Archiv Berlin, hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der die Vorwürfe für ernst genommen erklärt werden. Das FFBIZ wird ebenfalls öffentlich gefördert und deshalb vergißt man auch hier die jahrzehntelange und gute Zusammenarbeit einfach.
Michael Taylor, ehemaliges Vorstandsmitglied der MHG,
hat einen öffentlichen Austrittsbrief geschrieben, in dem er von Mitgliedern spricht, die sexualisierte Gewalt legitimiert hätten.
Eine Frage dazu, ganz ohne Umschweife:
Wer sich um ein Vorstandsamt in einem Verein bewirbt, hat sich vorher über diesen Verein zu informieren. Das ist keine Kür, das ist eine Selbstverständlichkeit. Wer das nicht getan hat, ist schlicht ungeeignet für ein Vorstandsamt. Wer es aber getan hat und trotzdem beigetreten ist und dann, als der Wind sich dreht und der Zeitgeist pfeift, empört den Verein verläßt, der betreibt keine Aufarbeitung. Der betreibt Imagepflege. Beides, Unwissenheit wie Heuchelei, disqualifiziert Taylor als glaubwürdigen Zeugen in dieser Sache ohnehin.
Und noch eine kleine Spitze an Alfonso Pantisano,
der den Förderentzug ausgesprochen hat: dem kann das alles völlig egal sein, denn er ist staatlich gut besoldet und sitzt auf einem bestdotierten Posten, von wo er nach Belieben faule Eier ausbrüten kann, wie das eine bereits oben genannte mit der inhaltlich haltlosen Behauptung über Magnus Hirschfeld, eindrucksvoll beweist.
Man muß also diese Zusammenhänge nicht erfinden.
Man muß sie einfach nur benennen.
Was entstanden ist, ist eine neue Zeitgeist-Armee. Keine Armee mit Uniformen und Befehlen, sondern eine mit Förderanträgen und Stellungnahmen. Eine Armee, die nicht kämpft, sondern verwaltet. Die nicht riskiert, sondern absichert. Die nicht fragt, sondern erklärt. Und die jeden, der aus der Reihe tanzt oder der die falsche Geschichte mitbringt, mit der Präzision eines geübten Bürokraten aus dem Weg räumt.
Auch Andreas Pretzel ist ein anschauliches Beispiel für diesen Typus.
Heute Geschäftsführer der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, also jener Institution, die Dose fallen gelassen hat, schrieb er im Januar 2013 an das Rosa Archiv und bat um einen Besuch. In seiner ePost stellte er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der von Prof. Kraß geleiteten Forschungsstelle vor, die das Haeberle-Hirschfeld-Archiv an der Humboldt-Universität Berlin betreut.
Was besonders auffällt,
ist wohl für jeden anderen eine Kleinigkeit, die aber für mich keine Kleinigkeit ist. Pretzel schrieb mich im Januar 2013 mit „Sehr geehrter Herr Zehnle“ an. Dabei hatten wir uns, als wir uns 2009 auf einer Tagung begegnet waren, noch geduzt, so wie es in der Szene damals üblich war und wie es auf dem Foto nachzusehen ist, auf dem ich rechts mit Lederkappe kaum zu erkennen bin. Das plötzliche Sie in seiner ePost war keine Förmlichkeit. Es war eine Distanzierung, noch bevor das Gespräch begonnen hatte. Er signalisiert mit einem einzigen Wort: ich kenne Dich, aber ich möchte so tun, als kennten wir uns nicht. – Das gilt bis heute für alle schwul-lesbischen Archive, die mich nie gleichwertig behandelten, was mir aber auch egal war.

Der Rest des Briefwechsels folgt demselben Muster.
Pretzel schrieb also, er habe durch Prof. Kraß von meinem Archiv erfahren und wolle es besuchen. Es hatte bis dahin bereits 27 Jahre existiert, ohne daß jemand aus dem Dunstkreis der fast gesamten Schwulenszene wirklich ernsthaftes Interesse daran gezeigt hätte: auch Pretzel nicht, der 2009 auf der Tagung der schwul-lesbischen Historiker genau wußte wer ich war. Nun, plötzlich, war das Interesse da. Ich antwortete und machte dabei deutlich, daß mich diese plötzliche Entdeckung verwunderte und ich fügte ein Zitat ein, das Ralf Dose drei Jahre zuvor über meinen Verlag geschrieben hatte:
„zu wenig dahinter. und mit manchen Deiner links – diesem seltsamen Verlag z.B. – möchte ich definitiv nicht in verbindung gebracht werden. ich weiss, dass die kollegen das genauso sehen.“
Gemeint war der 175er Verlag, den ich 1990 in der noch-DDR gegründet hatte. Pretzel, der auch zum Dose-Kreis gehörte, antwortete daraufhin, daß er keinen weiteren Kontakt mit mir wünsche und wünschte viel Erfolg.
Das ist das Muster in seiner reinsten Form:
wenn es etwas zu holen gibt, wenn ein Archiv nützlich erscheint, wenn ein Kontakt der eigenen Arbeit dienen könnte, dann ist man plötzlich da. Wenn sich herausstellt, daß der Kontakt unbequeme Fragen mitbringt oder einen unerwünschten Spiegel vorhält, dann verschwindet man wieder, höflich, professionell, aber leider ohne Rückgrat. Das nennt sich in der Szene Vernetzung. Ich nenne es, was es ist: Verwertungsdenken ohne Anstand.
Das ist für mich allerdings kein großes Drama. Es ist ein kleines, alltägliches Beispiel dafür, wie die Szene funktioniert: man sucht den Kontakt, solange er nützlich erscheint und man beendet ihn, sobald er unbequem wird. Pretzel wußte genau, wer Ralf Dose war und was er tat. Er hat damals keine Einwände gehabt. Heute verwaltet er die Institution, die Dose fallen gelassen hat. Das nennt sich Karriere auf Kosten anderer!
Das ist das Wesen der neuen Zeitgeist-Armee:
sie besteht nicht aus Überzeugten, sondern aus Angepaßten. Nicht aus Menschen, die für etwas kämpfen, sondern aus Menschen, die darauf achten, auf der richtigen Seite zu stehen, wenn der neue Marsch geblasen wird. Das ist ihr gutes Recht. Aber es macht sie zu dem, was sie sind: zu Söldnern des jeweiligen Zeitgeistes, die heute in Vereinen sitzen und sich morgen an eine neue Front bewegen, wenn sich der Wind wieder dreht und dann die Fördergelder woanders herkommen.
Die eigentliche Schwulenbewegung,
also die Aktivisten der 1970er und 1980er Jahre, hat das nicht verdient. Sie haben sich nicht für Förderanträge geopfert. Sie haben sich nicht für Vereinsprotokolle geopfert. Sie haben sich für die persönliche Freiheit geopfert, für das Recht, so zu leben, wie man ist, ohne dafür verfolgt, bestraft oder verachtet zu werden.
Was heute in ihrem Namen geschieht, ist die Perversion dieses Erbes.
Übrigens:
Daß Institutionen welcher Art auch immer, unabhängige Archive und ihre Inhaber fallen gelassen werden, sobald diese sich weigern, politisch gefällig zu sein, ist kein neues Phänomen. Ich habe es 2016 erlebt, als die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, vertreten durch die damalige Chefin der Berliner Staatsbibliothek Frau Barbara Schneider-Kempf die Zusammenarbeit mit dem Rosa Archiv beendete, nachdem ich mich geweigert hatte, meine politische und intellektuelle Autonomie als Bedingung für eine Kooperation aufzugeben. Ich habe mich dem Zeitgeist nie angebiedert, weder in der DDR, noch in der Nachwendezeit, noch werde ich es heute tun. Ein Archiv hat die Aufgabe, Material zu bewahren, nicht es dem jeweiligen Zeitgeist zuliebe zu vernichten oder in Giftschränke zu verlagern, wie es zu DDR-Zeiten Praxis war. Wer das von einem Archiv verlangt, hat den Sinn eines Archivs nicht verstanden.
Über diesen Fall wird es in meiner Jubiläums-Serie der 44 Aufsätze später auch Ausführliches zu diesem Thema geben.
- Teil 6 -
Die Szene frißt ihre Besten
Es gibt einen Satz, der der Französischen Revolution
zugeschrieben wird und der seitdem durch die Geschichte geistert: die Revolution frißt ihre Kinder. Gemeint war, daß Bewegungen, die mit dem Anspruch antreten, die Welt gerechter zu machen, dazu neigen, irgendwann ihre eigenen Protagonisten zu verschlingen, die Idealistischen, die Unbequemen, die Unbestechlichen, jene, die am lautesten für die Sache gesprochen haben und die deshalb am gefährlichsten werden, wenn die Sache zur Macht wird.
Ich variiere diesen Satz bewußt.
Es geht hier nicht um Kinder. Es geht um die Besten. Die Szene frißt ihre Besten und da ist Dose nicht der Erste. Er ist kein Opfer eines äußeren Feindes. Nein! Er ist kein Opfer der katholischen Kirche, der CSU oder des konservativen Bürgertums. Er ist das Opfer jener, mit denen er jahrzehntelang zusammengearbeitet hat, denen er sein Wissen zur Verfügung gestellt hat, in deren Namen er geforscht, publiziert und archiviert hat. Das ist Kannibalismus in den eigene Reihen: Kannibalismus unter den eigenen Leuten.
Und das ist nicht nur die bitterste Form des Verrats, sondern das ist zudem die bitterste Form des Sterbens.
Manfred Herzer,
(ein von mir hochgeschätzter Historiker) war mit Ralf Dose in der 1971 aufkommenden Westberliner Schwulenbewegung aktiv und sie gründeten 1982 zusammen die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, er ist Jahrgang 1949 und war Jahrzehntelang Weggefährte, Herausgeber der Capri, jener Zeitschrift für schwule Geschichte, von der ich selbst alle Exemplare im Rosa Archiv verwahre:
Er schweigt.
Rainer Herrn,
seit 1991 an der Forschungsstelle der MHG tätig, gemeinsame Publikationen mit Dose, mehr als 30 Jahre Seite an Seite:
Er schweigt.
Der Vorstand der MHG,
Hans Bergemann, Ursula Ferdinand, Christl Wickert:
eine namenlose Kollektiverklärung, hinter der sich jeder verstecken kann, ohne daß jemand persönliche Verantwortung übernimmt.
Der Vorstand schweigt nicht, aber es wäre besser er hätte geschwiegen.
Ich frage mich ernsthaft, ob diesem Vorstand bewußt ist, was er da tut. Ralf Dose hat die MHG in 44 Jahren zu dem gemacht, was sie heute ist. Das Fundament, auf dem Ihr sitzt, hat er gelegt. Die Bibliothek, die Ihr verwaltet, hat er aufgebaut. Die Reputation, von der Ihr heute zehrt, hat er hart erarbeitet. Und nun tretet Ihr geschlossen denjenigen, dem Ihr das alles verdankt, mit Euren Füßen voran aus seinem Archiv. Das ist keine Aufarbeitung. Das ist die Enteignung eines Lebenswerks durch jene, die von diesem Lebenswerk profitiert haben und nun so tun, als wäre es ihr eigenes. Wo bleiben Würde, Anstand und Respekt Dose gegenüber?
Pfui. Und nochmal pfui.
Michael Taylor,
ehemaliges Vorstandsmitglied: ein öffentlicher Austrittsbrief, der Dose und die verbliebenen Mitglieder pauschal der Legitimierung sexualisierter Gewalt bezichtigt, ohne einen einzigen konkreten Beleg zu nennen. Das ist infantil, infam und indiskutabel.
Zu Taylor äußerte ich mich bereits weiter oben, aber eines sei hier noch ergänzt: Was Du da tust, Michael, kenne ich. Ich kenne es aus der DDR, wo sich ebenfalls jeder, der sich wichtig nehmen wollte, dem herrschenden System andiente, um selbst Lorbeeren zu ernten. Der Mechanismus heute ist derselbe, nur das System hat gewechselt. Damals hieß es Parteilinie, heute heißt es Zeitgeist. Das Ergebnis ist dasselbe: man opfert einen anderen, um selbst gut da zu stehen.
Beides, Unwissenheit wie Heuchelei, macht Taylor zu dem, was er ist: zu einem Mann, der einen anderen opfert, um selbst sauber auszusehen.
Das ist keine Haltung.
Das ist das älteste Feiglingsprinzip der Welt.
Und dann sind da noch die Anderen,
jene, die jahre- und jahrzehntelang mit Dose zusammengearbeitet haben, publiziert haben, geforscht haben, die seinen Namen in ihren Lebensläufen tragen und heute schweigen (soweit sie noch leben):
Hans Bergemann, Kevin Dubout, Ursula Ferdinand, Rainer Herrn, Manfred Herzer, Annett Jubara, Hans-Günter Klein, Mark Lehmstedt, Christiane Leidinger, Gesa Lindemann, Angeles Llorca Diaz, Rüdiger Lautmann, Jamila Martin, Andreas Pretzel, David Prickett, Harald Rimmele, Régis Schlagdenhauffen, Andreas Seeck, Karl-Heinz Steinle, Klaus-Harro Tiemann, Raimund Wolfert und viele Andere.
(Dopplungen sind Absicht!)
Dasselbe Schweigen findet sich bei den schwul-lesbischen Archiven,
die jahrzehntelang eng mit der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft unter Doses Leitung vernetzt waren: das Spinnboden-Archiv Berlin, das Schwule Museum Berlin, das Centrum Schwule Geschichte Köln, das Schwulenarchiv Schweiz, das Zentrum Queere Geschichte Wien, das Queere Forum München und weitere Archive und Institutionen.
Kein Wort.
Keine Stellungnahme.
Keine Solidarität.
Mit Ausnahme zweier Lesbenarchive, die sich öffentlich gegen Dose gestellt haben und das nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst um ihre Fördergelder. Auch das ist die Zeitgeist-Armee, nur in ihrer feigsten Variante.
Und dann haben wir noch einen ganz speziellen Fall, nämlich die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld,
jene staatlich finanzierte Einrichtung mit über elf Millionen Euro Stiftungsvermögen, die Fördergelder vergibt, Projekte bewilligt und sich selbst als Hüterin des Hirschfeld-Erbes versteht.
Von Anbeginn dieser hat die Stiftung Ralf Dose als kompetenten Gesprächspartner genutzt, ihn zu Gedenkveranstaltungen eingeladen, Interviews mit ihm auf ihrer Website veröffentlicht, die dort bis heute nachzulesen sind und mit der MHG kooperiert, wann immer es ihr nützlich erschien.
Und jetzt?
Nichts.
Kein Wort.
Keine Stellungnahme.
Kein einziger Satz.
Du, Helmut Metzner,
sitzt seit Juni 2022 als geschäftsführender Vorstand auf diesem Posten und trägst den Namen eines Mannes im Titel „Deiner“ Einrichtung, dessen Erbe Ralf Dose wie kaum ein anderer bewahrt hat.
Wie erklärst Du dieses Schweigen?
Ich erkläre es mir so:
Wer nichts sagt, weder für noch gegen jemanden, der zeigt damit nicht Neutralität, sondern Kalkül. Und Kalkül ist keine Tugend, es ist eine Methode.
Daß Du, Helmut,
mit solchen Methoden vertraut bist, hat die Öffentlichkeit bereits 2010 erfahren, als WikiLeaks belegte, daß Du als Büroleiter von Guido Westerwelle die amerikanische Botschaft jahrelang über interne FDP-Strategien informiert hattest. Das ist dokumentiert. Ich stelle keine Verbindung zwischen damals und heute her.
Ich stelle nur fest:
Ein Mann, der ein solches Muster in seiner Biographie trägt, sollte verstehen, warum andere genauer hinschauen, wenn er schweigt. Menschen, die öffentlich Klartext reden, ohne Rücksicht auf Karriere und Fördergelder, gibt es kaum noch. Aber es gibt sie noch. Wie Du an mir sehen kannst.
Und ich möchte noch auf einen Widerspruch hinweisen, der schwer zu übersehen ist
2013 warnte die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld öffentlich vor dem Verlust historischer Überlieferungen und den daraus entstehenden Gedächtnislücken.
Heute herrscht ausgerechnet dort Schweigen, wo das Lebenswerk eines der wichtigsten Bewahrer dieser Geschichte öffentlich beschädigt wird.
Wie nennt man es, wenn man eine Entwicklung öffentlich beklagt und ihr zugleich tatenlos zusieht, sobald sie die eigenen Reihen betrifft?
Prinzipientreue jedenfalls nicht.
Dies hier ist nur die Spitze des Eisbergs:
wer in 44 Jahren so gearbeitet hat wie Ralf Dose, hinterläßt ein Netzwerk, das in die Hunderte geht, an Vereinen, Organisationen, Institutionen, unzählige Mitarbeiter, Mitstreiter und andere Menschen.
Ja und leider vermisse ich vor allem den Zusammenhalt der Freunde und Ur-Aktivisten und von all denen hört und liest man heute NICHTS.
Wer von Euch noch ein Gewissen hat, weiß, was jetzt zu tun ist.
Ich kenne dieses sich ständig wiederholende Muster seit vierzig Jahren.
Ich habe es am eigenen Leib erfahren, nicht in dieser Dimension, denn ich habe mich nie einer Struktur untergeordnet, die Zwang bedeutete, davon hatte ich in der DDR genug gehabt, aber in derselben Grundstruktur: wer nicht schweigt, wer den Finger in die Wunde legt, der wird fallen gelassen.
Nicht von Feinden.
Von Weggefährten.
Wer in der Szene Fragen stellt, die nicht gefragt werden sollen, wer Kritik übt, wo Konsens erwartet wird, der wird nicht widerlegt. Er wird ignoriert, gemieden, abgeschrieben. Das ist billiger als eine Auseinandersetzung und effektiver als ein Argument. Dose hat mich damals fallen gelassen, weil ich unbequem war. Heute läßt die Szene Dose fallen, weil er unbequem geworden ist.
Das Muster ist dasselbe.
Nur der Maßstab ist ein anderer.
Verrat bleibt Verrat, egal in welcher Dimension er stattfindet.
Aber es gibt zwischen der Szene und mir einen gewaltigen Unterschied:
Ich stehe weiterhin öffentlich zu Dose seiner unermüdlichen Arbeit, die er im Sinne von Magnus Hirschfeld weiter geführt hat.
Und das ohne wenn und aber.
Für mich zählt das geschaffene Werk und nicht der gerade herrschende Zeitgeist!
Ich reiche Ralf Dose heute immer noch die Hand.
Nicht trotz alledem, sondern wegen alledem. Wegen der 44 Jahre, die er in eine Sache investiert hat, die größer war als er selbst. Wegen der Bücher, die er über die Mauer schickte, als das noch ein Risiko war. Wegen des Archivs, das er aufgebaut hat und das bleibt, lange nachdem die heutigen Ankläger vergessen haben werden, daß sie jemals etwas damit zu tun hatten. Ich reiche ihm die Hand, weil ich den Wert dessen kenne, was er geschaffen hat und weil ich weiß, was es kostet, ein Leben lang für eine Sache zu arbeiten, ohne daß jemand dafür dankt.
Soweit ich sehe, bin ich der einzige, der das heute öffentlich tut. Das sagt mehr über die Szene aus als jede Stellungnahme, die je in ihrem Namen veröffentlicht wurde.
Was mich an diesem Fall besonders aufbringt,
ist nicht die Tatsache des Verrats. Verrat in der Szene ist nichts Neues, er gehört seit Jahrzehnten zur Grundausstattung und fand auch in der ersten Schwulenbewegung der Weimarer Zeit statt. Was mich aufbringt, ist die Feigheit, mit der er vollzogen wird.
Niemand stellt sich hin und sagt offen: wir wollen Dose loswerden, weil er uns lästig ist, weil er zu alt ist, weil er zu eigenwillig ist, weil seine Geschichte nicht mehr in unser gefördertes Vereinsbild paßt. Das würde wenigstens Ehrlichkeit bedeuten. Stattdessen wird der Zeitgeist bemüht, wird verlogene moralische Empörung inszeniert, wird ein heuchelndes Gutachten in Auftrag gegeben, das nach dem Urteil kommt statt vor ihm und es wird eine unterschriftenlose Kollektiverklärung veröffentlicht, hinter der sich alle verstecken können, ohne daß jemand seinen Namen dafür hinhalten muß.
Das MHG-Archiv, das Ralf Dose in 44 Jahren aufgebaut hat,
besitzt einen unermeßlichen kulturhistorischen Wert, der durch keine Vereinskrise und keinen Förderentzug zu negieren ist. Dort lagern, wie oben bereits erwähnt, Originaldokumente, Briefe, Fotografien und Nachlässe zur Geschichte der Sexualwissenschaft, die es in dieser Form weltweit kaum ein zweites Mal gibt. Diese Materialien existieren unabhängig davon, was der Berliner Senat, der Spinnboden, das FFBIZ oder Alfonso Pantisano darüber denken.
Sie sind da. Sie bleiben da. Und sie werden noch da sein, wenn die heutigen Ankläger längst vergessen haben, daß sie jemals etwas mit Magnus Hirschfeld zu tun hatten.
Die eigentliche Frage, die dieser Fall aufwirft,
ist nicht, ob Ralf Dose in den 1980er Jahren Haltungen einnahm, die heute nicht mehr mehrheitsfähig sind. Die eigentliche Frage ist, was eine Bewegung über sich selbst aussagt, wenn sie einen Mann, der ihr 44 Jahre lang gedient hat, in dem Moment fallen läßt, in dem es unbequem wird, zu ihm zu stehen.
Die Antwort ist klar.
Sie sagt aus, daß diese Bewegung aufgehört hat, eine Bewegung zu sein. Daß sie zur Institution geworden ist, mit allen Schwächen, die Institutionen haben: Selbsterhaltungstrieb, Anpassungsdruck, Opportunismus (heute eher Rückgrat-Abstinenz). Daß sie die Tugenden, die sie einst groß gemacht haben, also Mut, Loyalität und Unbequemlichkeit, längst gegen Förderanträge und saubere Vereinsprotokolle eingetauscht hat.
Und daß sie damit nicht nur Ralf Dose verrät.
Sondern und vor allem sich selbst.
Doch wen interessiert schon das Geschwätz von gestern, wenn es heute der eigenen Reputation nur schadet.
- Teil 7 -
Haltung ohne Applaus aber dafür mit Rückgrat
Es gibt eine alte Frage, die sich jeder stellen muß,
der öffentlich das Wort ergreift:
Für wen schreibst Du das eigentlich?
Für die Leser?
Für die Geschichte?
Für Dich selbst?
Meine Antwort zu diesem Brief lautet:
Ich schreibe diesen öffentlichen Brief für Ralf Dose.
Aber ich schreibe ihn auch für alle, die in den vergangenen Monaten geschwiegen haben, obwohl sie hätten sprechen können und müssen. Nicht um ihnen Vorwürfe zu machen, das habe ich bereits getan und dabei belasse ich es auch, sondern damit sie sehen, daß es möglich ist. Daß man die Gusche aufmachen kann, ohne daß die Welt untergeht. Daß man zu jemandem stehen kann, der nur des Zeitgeistes wegen unbequem geworden ist, ohne selbst unterzugehen. Daß Haltung keine Frage des Mutes ist, sondern eine Frage der eigenen unabhängigen Entscheidung.
Ich habe in 40 Jahren keinen einzigen bindenden Förderantrag gestellt.
Ich habe keinen Verein gegründet, der auf staatliche Gelder angewiesen wäre. Ich habe keinen Posten angenommen, der mich zu Wohlverhalten verpflichtet hätte. Das Rosa Archiv ist mit privaten Mitteln aufgebaut worden, mit Schenkungen, mit dem Erlös aus Verkäufen, mit dem, was übrig blieb, wenn die Rechnungen bezahlt waren. Das war keine Askese und kein Heldenmut. Das war eine Entscheidung. Die Entscheidung, unabhängig zu bleiben, weil Unabhängigkeit der einzige Zustand ist, in dem man sagen kann, was man wirklich denkt und tun kann, was man wirklich tun will, ohne ausgebremst zu werden.
Diese Unabhängigkeit hat ihren Preis gehabt. Die Szene hat mich nie gemocht, weil ich immer den Finger in die Wunde gelegt habe. Ich war nie beliebt, weil Beliebtheit und Ehrlichkeit selten auf demselben Weg laufen. Ich habe Distanzierungen erlebt, Absagen, das demonstrative Schweigen von Leuten, die mich kannten und so taten, als ob nicht.
Das war mir immer egal, denn mein Archiv zählte und nicht das komische Verhalten der Leute.
Das alles hat mich nicht aufgehalten.
Es hat mich ganz am Anfang manchmal geärgert, hin und wieder gewundert, aber auch sehr amüsiert und gelegentlich sogar erfreut, denn wer einen Gegner hat, weiß wenigstens, wer ihn angreift und er weiß, daß er etwas gesagt hat, das sitzt.
Sollte man mich nach diesem Brief angreifen wollen,
dann sei das jedem unbenommen. Ich fürchte das nicht. Im Gegenteil: ein Angriff wäre die beste Werbung, die das Rosa Archiv bekommen könnte und dazu noch eine kostenlose. Wer mich angreift, macht mich bekannter. Wer mich ignoriert, tut mir keinen Gefallen, sondern schadet nur der Szene selbst. Und wer glaubt, mir den Mund verbieten zu können, der hat 40 Jahre lang nicht aufgepaßt.
Ralf, Du bist jetzt 74 Jahre jung.
Du hast mehr geleistet, als mehr ein Dutzend Menschen in diesem Land in einem ganzen Leben leisten. Du hast ein grandioses Archiv aufgebaut, das bleibt. Du hast eine Forschungsstelle gegründet, deren Ergebnisse in Bibliotheken stehen und nicht verschwinden, nur weil Alfonso Pantisano den Geldhahn zudreht. Du hast Magnus Hirschfeld aus dem Vergessen geholt und dafür gesorgt, daß seine Geschichte erzählt werden kann. Das kann Dir niemand nehmen. Das wird Dir niemand nehmen können. Kein Vorstandsbeschluß, kein Förderentzug, keine Kollektiverklärung, hinter der sich Leute verstecken, die nicht den Anstand aufbringen, ihren Namen darunter zu setzen.
Und das wird Dir auch kein albernes Gutachten nehme können.
Den Schaden wirst nicht Du haben, sondern die die glauben, Dich schaden zu können.
Was Dir aber genommen wurde, ist etwas anderes.
Es ist das, was Menschen brauchen, die ihr Leben einer Sache gewidmet haben: die Anerkennung derer, mit denen sie diesen Weg gegangen sind. Die Loyalität der Weggefährten. Das schlichte, menschliche Zeichen, daß die gemeinsame Arbeit mehr wert war als ein gefördertes Vereinsprotokoll. Das wurde Dir verweigert. Und das ist das eigentliche Unrecht, nicht die Schlagzeilen, nicht der Förderentzug, sondern das Schweigen der Menschen, die es besser wissen und es trotzdem nicht sagen.
Ich sage es.
Ich sage es als jemand, der Dich seit 1986 kennt. Als jemand, der ein Teil Deiner Arbeit in seinem Archiv verwahrt. Als jemand, der selbst weiß, was es bedeutet, jahrzehntelang ohne Netz und doppelten Boden für eine Sache zu arbeiten, an die man glaubt. Als jemand, dem Du damals den Rücken gekehrt hast und der Dir heute trotzdem den Rücken stärkt, nicht weil er das vergessen hat, sondern weil es darauf nicht ankommt. Was zählt, ist nicht, was zwischen uns war. Was zählt, ist, was Du geleistet hast und was heute mit Dir geschieht.
Die Szene, die Dich fallen läßt, ist nicht mehr die Bewegung,
für die wir beide einmal angetreten sind. Sie ist etwas anderes geworden: kleiner, ängstlicher, abhängiger und in ihrer Abhängigkeit unfreier als je zuvor. Und leider haben sich wohl alle alten und einstigen Schwulenaktivisten dem heutigen System angeglichen. Sie redet von Toleranz und praktiziert Ausgrenzung. Sie redet von Vielfalt und duldet keine abweichende Meinung. Sie redet von Geschichte und verleugnet ihre eigene. Das ist ihr Problem, nicht Deins und nicht meins.
Dein Problem, wenn es eines gibt, ist dasselbe wie meins:
daß wir in einer Zeit leben, in der Haltung ohne Applaus selten geworden ist. In der die meisten lieber schweigen als riskieren. In der Fördergelder mehr wiegen als Freundschaft, Karriere und Überzeugung. Das ist nicht neu. Das war immer so. Aber es war nie so sichtbar wie heute und jetzt, in diesem Moment, wo ein Mann, der ununterbrochen 44 Jahre lang für eine Sache gearbeitet hat und nun allein dasteht und niemand da ist, der öffentlich sagt:
ich kenne ihn,
ich schätze ihn,
ich stehe zu ihm.
Niemand, außer mir.
Das ist meine Haltung.
Ohne Applaus.
Ohne Förderantrag.
Ohne Rücksicht darauf, was der Zeitgeist darüber denkt.
Aber mit Rückgrat.
Und falls Du diesen Brief liest, Ralf:
ich hoffe, er erreicht Dich.
Das ist kein Mitleid, das wäre das letzte, was Du brauchst. Sondern es ist, was es ist: ein Zeichen, daß es noch Leute gibt, die sich an Deine wertvolle Arbeit erinnern. Die wissen, was Du 44 Jahre für diese Gesellschaft getan und geleistet hast. Und die das öffentlich sagen, weil es öffentlich gesagt werden muß.
- Nachwort und Fazit -
Dieser Brief ist kein Abschluß. Er ist ein Anfang.
Er ist der Anfang einer Auseinandersetzung, die längst hätte geführt werden müssen und die niemand geführt hat, weil es bequemer war – und weiter ist – zu schweigen. Er ist der Anfang einer Debatte darüber, was eine Emanzipationsbewegung ist, was sie war und was sie hätte bleiben sollen. Und er ist der Anfang einer Frage, die sich jede Generation neu stellen muß:
Wie geht man mit Menschen um, die unermüdlich für eine Sache gearbeitet haben, an die sie glaubten und die dafür heute nicht ehrenden Dank ernten, sondern skrupellose Verachtung?
Die Antwort, die die heutige Szene auf diese Frage gibt, ist niederschmetternd. Sie lautet: man entsorgt sie. Man versteckt sich hinter Kollektiverklärungen. Man beauftragt Gutachten, die nach dem bereits gefällten Urteil kommen. Man streicht die Fördergelder und nennt das Haltung. Man schweigt, wenn man sprechen sollte und spricht, wenn man schweigen sollte.
Das ist kein Einzelfall Ralf Dose. Das ist ein Systemfehler.
Eine Bewegung, die ihre eigene Geschichte verleugnet, um im Zeitgeist zu bestehen, hat aufgehört, eine Bewegung zu sein. Sie ist zum Werkzeug des Establishments geworden, das sie einmal bekämpft hat. Sie verteidigt heute dieselben Mechanismen, gegen die sie einmal angetreten ist: Ausgrenzung, Denunziation, die Verurteilung des Andersdenkenden. Nur daß die Verurteilten heute andere sind als damals. Und daß die Richter heute szeneeigene Vereinsvorsitzende sind statt Staatsanwälte. Das Muster ist aber dasselbe.
Was bleibt, ist die Arbeit.
Die Arbeit von Ralf Dose,
die in Archiven steht und nicht mehr verschwindet.
Die Arbeit des Rosa Archiv, das in diesem Jahr 40 Jahre jung wurde und das ohne einen einzigen bedingenden Förderantrag durchgehalten hat und weiter bis zum 50. Jubiläum durchhalten wird
Die Arbeit all jener, die in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren für eine Sache eingestanden sind, die größer war als sie selbst und die dafür keinen Dank bekommen haben und keinen erwartet haben.
Diese Arbeit ist das eigentliche Erbe der Schwulenbewegung. Nicht die Förderanträge. Nicht die Vereinsprotokolle. Nicht die Stellungnahmen des Berliner Senats. Nicht die Anbiederung an den Zeitgeist. Sondern die Bücher, die Archive, die Forschungsergebnisse, die Dokumente, die Briefe, die Fotografien, die Nachlässe und alles was erschaffen und archiviert wurde.
Das ist, was bleibt.
Das ist, was zählt.
Das ist, was letztlich überleben wird.
Ralf Dose hat dieses Erbe mit geschaffen.
Er verdient es, daß das gesagt wird.
Laut. Öffentlich. Ohne Wenn und Aber.
Heute jetzt und hier.
Und das ist hiermit geschehen.
- Ein letzter Gedanke,
den ich mir nicht verkneifen kann -
Das angekündigte Gutachten
der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft soll im Sommer 2026 erscheinen. Ich sage heute voraus, was darin stehen wird: es wird zeitgeistgerecht formuliert sein, es wird die historischen Zusammenhänge ausblenden, es wird den Kontext der 1980er Jahre ignorieren und es wird zu dem Ergebnis kommen, das bereits vor seiner Erstellung feststand. Ein Gutachten, das nach der Verurteilung eines Menschen in Auftrag gegeben wird, ist kein echtes und glaubwürdiges Gutachten. Es kann getrost ungelesen dorthin, wo es hingehört: in die Papiertonne. Wenn das Gutachten erscheint, werde ich es an dieser Stelle auseinandernehmen wie eine Weihnachtsgans. Es wird mir eine Freude sein.
Übrigens:
Ich kenne diese Art der Verfahren aus eigener Erfahrung, nur unter anderem Namen. In der DDR hieß es politisches Urteil.
Als ich 1983 wegen versuchter Republikflucht verhaftet wurde, stand das Urteil vor der Verhandlung fest.
Das System wechselt. Die Struktur bleibt dieselbe: erst wird entschieden, dann wird begründet. Der Unterschied zwischen damals und heute ist lediglich, daß man es heute (verlogen und geheuchelt) Aufarbeitung nennt.
Rosa von Zehnle
Ungarn – 17.6. – 2026
gründER, leitER und inhabER
des 1986 in Leipzig gegründeten
Rosa Archiv & Bibliothek
und
gründER und machER
des am – 17.5. – 1990 in Leipzig gegründeten
175er Verlag
Weltseiten-Blog:
https://1956-hirek.org/
und darin zum Beispiel die Rubrik:
40 Jahre ROSA ARCHIV & Bibliothek 2026
Der Inhalt dieser Themen-Trilogie:
(Nicht der Inhalt des obigen Aufsatzes!)
- 1. Der umfangreiche Aufsatz mit der Nennung von unschönen Aussagen und einiger Namen der beteiligten und unbeteiligten Akteure … bitte nach oben!
- 2. Die Bundestags-Petition, hier nur verlinkt, dort mehr zum Inhalt.
- 3. Der Hörbeitrag (deutschfeindlich: Podcast) hat 3 Teile und ist zusätzlich mit 58 Schautafeln versehen.
Rosa von Zehnle úr
Ùjudvar, 2026.06.17
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non profit · © q‑art-in 2026
https://175er-verlag.org/.recherchiert/archive/9807
https://1956-hirek.org/9807

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