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Müs­sen – Vom Ur­sprung des Müs­sens und des ge­mein­sa­men Wohl­wol­lens: Na­tur­recht, Frei­heit und die Har­mo­nie im mensch­li­chen Miteinander

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Die­se neu­en Be­trach­tun­gen bil­den die ge­reif­te Fort­füh­rung ei­ner grund­le­gen­den Rech­te­phi­lo­so­phie des Müs­sens, wel­che be­reits vor ge­rau­mer Zeit ih­ren An­fang nahm, näm­lich mit mei­nem Bei­tra­ge:
Na­tur­recht & Wild-Pin­keln.
Wäh­rend da­mals ein be­mer­kens­wer­tes Ge­richts­ur­teil, wel­ches sich auf das Na­tur­recht be­zog, den An­laß zu mei­nem dies­be­züg­li­chen ers­ten Bei­trag bot, zeigt sich die un­er­bitt­li­che Wahr­heit des Na­tur­rech­tes heu­te ganz prak­tisch im all­täg­li­chen Da­sein des Müs­sens oder Seinlassens.

Der all­täg­li­che An­laß der Er­kennt­nis
Die tiefs­ten phi­lo­so­phi­schen Ein­sich­ten er­wach­sen oft nicht in den stau­bi­gen Hal­len der Uni­ver­si­tä­ten, son­dern ent­sprin­gen den schein­bar ge­rings­ten Be­ge­ben­hei­ten des All­tags. Den kon­kre­ten An­laß für die­se Be­trach­tun­gen lie­fer­te die Ab­wei­sung ei­nes Zeit­ge­nos­sen im welt­wei­ten Netz. Auf das freund­li­che An­ge­bot, sich ein von mir vor­ge­stell­tes Mu­sik­stück an­zu­hö­ren, ver­bun­den mit dem Wun­sche nach gu­tem Ge­nuß, er­folg­te als­bald die kar­ge und ab­wei­sen­de Rück­mel­dung: „Nein, dan­ke.“
Die­se de­mons­tra­ti­ve Ver­wei­ge­rung jeg­li­cher ge­sell­schaft­li­cher Cour­toi­sie reg­te mei­nen Geist da­zu an, über die Na­tur des Zwan­ges und die Gren­zen der mensch­li­chen Will­kür nach­zu­sin­nen. Aus dem Im­puls her­aus, dem Un­höf­li­chen sei­ne ver­meint­li­che Frei­heit zu be­las­sen, ihm je­doch gleich­zei­tig sei­ne krea­tür­li­che Gren­ze auf­zu­zei­gen, ent­stand das apho­ris­ti­sche Wort­spiel:
„Ich kann da­mit le­ben, al­les ist frei­wil­lig, nie­mand muß müs­sen, aber müs­sen muß je­der; wer in­des zu müs­sen meint, was er zu müs­sen glaubt, der muß erst recht das Müs­sen müs­sen, ob­gleich das reins­te Müs­sen letzt­lich nur dar­in be­steht, über­haupt nichts mehr müs­sen zu müs­sen.„

Die zwei Ge­sich­ter des Na­tur­rech­tes
Die­ses sprach­li­che Ge­we­be führt uns un­ver­züg­lich zum We­sen des Na­tur­rech­tes, wel­ches die ab­so­lu­te und un­ver­än­der­li­che Rech­te­ord­nung der Na­tur (Schöp­fung) dar­stellt. Es zer­fällt in zwei un­um­stöß­li­che Be­rei­che: das phy­sisch-bio­lo­gi­sche Na­tur­ge­setz und das mo­ra­lisch-ver­nunft­ge­mä­ße Ge­setz des Geis­tes. Das ers­te­re ist von ab­so­lu­ter Un­er­bitt­lich­keit ge­prägt; es steu­ert das Wachs­tum, das Al­tern und je­ne kör­per­li­chen Be­dürf­nis­se, die kein Sterb­li­cher zu ver­wei­gern ver­mag. Das letz­te­re hin­ge­gen schenkt dem Men­schen die an­ge­bo­re­ne Frei­heit des Wil­lens und den Ver­stand.
Das Na­tur­recht ist so­mit die Wie­ge der ech­ten Frei­heit, da es kei­nem Men­schen er­laubt, recht­mä­ßig über den Geist ei­nes an­de­ren zu herr­schen. Wer das Na­tur­recht als Richt­schnur sei­nes Da­seins wählt, der er­kennt, daß al­le staat­li­chen Sat­zun­gen und ge­sell­schaft­li­chen Sit­ten nur künst­li­che Bei­wer­ke sind, die vor den ewi­gen Ge­set­zen der Na­tur ver­blas­sen.

Das Pos­tu­lat der ab­so­lu­ten Frei­wil­lig­keit
Aus dem na­tur­recht­li­chen Frei­heits­be­griff folgt zwin­gend das Prin­zip der Frei­wil­lig­keit, wel­ches im ers­ten Tei­le des Wort­spie­les zum Aus­druck kommt. Nie­mand be­sitzt das Recht, ei­nem an­de­ren Men­schen ei­ne Hand­lung, ei­nen Ge­schmack oder ei­ne Be­schäf­ti­gung auf­zu­nö­ti­gen, so­fern da­durch nicht die Rech­te Drit­ter ge­schmä­lert wer­den. Das An­hö­ren ei­nes Lie­des, das An­neh­men ei­nes Ra­tes oder das Ein­ge­hen auf ein Ge­spräch muß stets ein Akt des frei­en Wil­lens blei­ben. In­dem ich dem ab­wei­sen­den Ge­gen­über mit den Wor­ten „nie­mand muß müs­sen“ be­geg­ne, stel­le ich mich ganz auf den Bo­den die­ser na­tur­recht­li­chen Frei­heit. Es ist die sou­ve­rä­ne An­er­ken­nung, daß die Tor­heit oder die Un­lust des an­de­ren sein ur­ei­ge­nes Recht ist, wel­ches ihm von Na­tur aus zu­steht und das es nicht zu bre­chen gilt.

Die so­zia­le Ver­nunft als Bin­de­mit­tel
Hier tritt nun das Prin­zip der so­zia­len Ver­nunft auf den Plan, wel­ches die not­wen­di­ge Er­gän­zung zum rei­nen Na­tur­recht bil­det. Die so­zia­le Ver­nunft ist die im Men­schen an­ge­leg­te Ein­sicht, daß er als Ge­mein­schafts­we­sen ge­schaf­fen ist und das Zu­sam­men­le­ben nur durch ge­gen­sei­ti­ge Ach­tung und Wohl­wol­len ge­dei­hen kann. Sie ge­bie­tet, die Frei­heit des an­de­ren nicht durch un­nö­ti­ge Roh­heit oder hoch­mü­ti­ge Ab­wei­sung zu krän­ken. Ein ein­fa­ches
„Nein, dan­ke“,
dar­ge­bo­ten als „stump­fe Zu­rück­wei­sung“ ei­ner freund­li­chen Ges­te, zeugt von ei­nem „tie­fen Man­gel an die­ser so­zia­len Ver­nunft“. Der Be­tref­fen­de miß­ver­steht sei­ne na­tür­li­che Frei­heit als ein Recht zur Un­höf­lich­keit und stört da­durch die fei­ne Har­mo­nie des mensch­li­chen Mit­ein­an­ders, die auf Wohl­wol­len und An­stand be­ruht.

Das un­er­bitt­li­che bio­lo­gi­sche Kor­rek­tiv
Doch das Na­tur­recht dul­det kei­nen dau­er­haf­ten Hoch­mut und hält für je­den, der sich über die so­zia­le Ver­nunft er­hebt, ein un­be­stech­li­ches Kor­rek­tiv be­reit. Dies ist die ab­so­lu­te Gleich­heit al­ler Men­schen vor den Ge­set­zen der Bio­lo­gie, aus­ge­drückt in der Sen­tenz „aber müs­sen muß je­der“. Un­ab­hän­gig von Rang, Stand, ver­meint­li­cher geis­ti­ger Über­le­gen­heit oder hoch­mü­ti­ger At­ti­tü­de bleibt je­der Mensch an die krea­tür­li­chen Not­wen­dig­kei­ten sei­nes Lei­bes ge­fes­selt. Das pro­fa­ne, un­auf­schieb­ba­re Müs­sen des Kör­pers, der un­er­bitt­li­che Gang zur Ört­lich­keit, ist die stän­di­ge, hu­mor­vol­le Mah­nung der Na­tur, daß der Mensch trotz al­len Stol­zes ein Fleisch­we­sen bleibt. Vor die­sem Ur-Müs­sen schrumpft je­de ein­ge­bil­de­te Di­stan­zie­rung zur Be­deu­tungs­lo­sig­keit zu­sam­men; die Bio­lo­gie zwingt sie am En­de al­le in die Ho­cke.
So zeigt sich auf dem stil­len Ört­chen die wun­der­ba­re Dop­pel­deu­tig­keit die­ses Wor­tes, da der Mensch auf Er­den wohl manch treff­li­chen Ge­dan­ken im Tex­te aus­zu­drü­cken ver­mag, am En­de aber doch der un­er­bitt­li­chen Pflicht ge­hor­chen muß, die schie­re Ma­te­rie bio­lo­gisch aus­zu­drü­cken.

Das Ge­fäng­nis der selbst auf­er­leg­ten Zwän­ge
Wer die so­zia­le Ver­nunft miß­ach­tet und die Po­se der per­ma­nen­ten Ab­wei­sung wählt, ver­fängt sich un­wei­ger­lich in der Spi­ra­le des zwei­ten Satz­tei­les: „der muß erst recht das Müs­sen müs­sen“. Ein sol­cher Geist ist nicht frei, son­dern er wird zum Skla­ven sei­ner ei­ge­nen schlech­ten Lau­ne und sei­ner star­ren Prin­zi­pi­en. Er meint, stets ab­leh­nend re­agie­ren zu müs­sen, um sein künst­li­ches Selbst­bild der Un­nah­bar­keit zu wah­ren. Dies ist die Tra­gik des mo­der­nen Men­schen, der sich vom Na­tur­rech­te ab­ge­wandt hat: Er bür­det sich un­zäh­li­ge ein­ge­bil­de­te Pflich­ten und mo­ra­li­sche Kor­set­te auf, die ihn in­ner­lich ver­kramp­fen las­sen. Er ver­lernt die na­tür­li­che Un­be­fan­gen­heit und Leich­tig­keit des Seins, weil er fort­wäh­rend den An­sprü­chen sei­nes ei­ge­nen Egos ge­nü­gen muß.

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Stoi­sche Sou­ve­rä­ni­tät und das ewi­ge Na­tur­recht als Le­bens­ziel
Das voll­kom­me­ne Fa­zit die­ser Be­trach­tung liegt in der Er­rei­chung je­ner höchs­ten Stu­fe, die das Wort­spiel als das „reins­te Müs­sen“ de­fi­niert: über­haupt „nichts mehr müs­sen zu müs­sen“. Dies ist der Zu­stand der ab­so­lu­ten, in­ne­ren Sou­ve­rä­ni­tät und der stoi­schen Ge­las­sen­heit. Wer im Ein­klang mit dem Na­tur­recht und der so­zia­len Ver­nunft lebt, der hat al­le künst­li­chen Zwän­ge, al­le ge­sell­schaft­li­chen Ei­tel­kei­ten und al­le Emp­find­lich­kei­ten ab­ge­wor­fen. Er ge­währt dem Mit­men­schen die Frei­heit zu sei­ner Un­höf­lich­keit, blickt mit ei­nem mil­de lä­cheln­den Au­ge auf die bio­lo­gi­schen Not­wen­dig­kei­ten des Da­seins und ver­bleibt selbst un­er­schüt­ter­lich in sei­ner in­ne­ren Mit­te. Das Los­las­sen von je­dem über­flüs­si­gen, men­schen­ge­mach­ten Zwang ist der wah­re Tri­umph des Geis­tes und die Voll­endung der Le­bens­weis­heit.

In die­sem fei­nen Wech­sel­spiel zwi­schen Frei­heit und Not­wen­dig­keit
of­fen­bart sich die un­teil­ba­re Ma­jes­tät des Na­tur­rech­tes als das ein­zig wah­re Fun­da­ment mensch­li­chen Da­seins. Wäh­rend die Will­kür des po­si­ti­ven, staat­lich ver­ord­ne­ten Ge­set­zes den Men­schen fort­wäh­rend gän­gelt, re­gle­men­tiert und in künst­li­che Bah­nen preßt, schenkt das Na­tur­recht dem In­di­vi­du­um ei­ne un­ver­äu­ßer­li­che Wür­de, die kei­ner Er­laub­nis durch ei­ne welt­li­che Ob­rig­keit be­darf. Es ist der ewi­ge An­ker ge­gen je­de Ty­ran­nei, gleich­viel ob die­se im Ge­wan­de staat­li­cher Pro­pa­gan­da oder im Klein­klein all­täg­li­cher An­ma­ßung da­her­kommt.
Wenn wir be­grei­fen, daß das Recht auf Selbst­be­stim­mung und der freie Wil­le di­rekt aus der Ord­nung der Schöp­fung flie­ßen, ver­liert je­de äu­ße­re Ein­mi­schung ih­re mo­ra­li­sche Kraft. Die so­zia­le Ver­nunft ist hier­bei kein Wi­der­spruch zur Frei­heit, son­dern ihr edels­ter Wäch­ter: Sie ge­bie­tet uns, die na­tur­recht­li­chen Gren­zen des Nächs­ten eben­so zu ach­ten wie die ei­ge­nen. Wer sich je­doch die­ser Ver­nunft ver­wei­gert und sich statt­des­sen im Di­ckicht selbst ge­schaf­fe­ner, neu­ro­ti­scher Zwän­ge oder ge­sell­schaft­li­cher Prä­ten­sio­nen ver­liert, der ver­stößt ge­gen die Har­mo­nie des Kos­mos, denn er ver­wech­selt die Frei­heit des Geis­tes mit der Zü­gel­lo­sig­keit des Egos.

Das Na­tur­recht for­dert kei­ne skla­vi­sche Un­ter­wer­fung un­ter Pa­ra­gra­phen,
son­dern das mu­ti­ge Le­ben im Be­wußt­sein der ei­ge­nen Krea­tür­lich­keit und der geis­ti­gen Un­ab­hän­gig­keit. Am En­de tri­um­phiert stets das Ge­setz der Na­tur, wel­ches uns durch das pro­fa­ne Müs­sen des Kör­pers er­det, wäh­rend es uns durch die Ver­nunft er­laubt, über die Un­zu­läng­lich­kei­ten der Welt hin­aus­zu­wach­sen.
Wah­re Frei­heit be­deu­tet mit­hin, die ewi­gen Ge­set­ze der Na­tur zu ken­nen, sie im All­tag zu le­ben und al­les Men­schen­ge­mach­te mit je­nem un­er­schüt­ter­li­chen Gleich­mut zu be­trach­ten, der den frei­en Geist aus­zeich­net.

In die­sem Sin­ne
Müs­sen müs­sen wir zwar am En­de al­le, aber wir müs­sen wahr­lich nicht je­des ver­meint­li­che, von Men­schen­hand ge­schaf­fe­ne Müs­sen müs­sen; und so bleibt das reins­te und frei­es­te Müs­sen eben je­ner stoi­sche Gleich­mut, der im An­ge­sich­te des Un­ab­än­der­li­chen ver­weilt, wäh­rend er al­les üb­ri­ge Müs­sen schlicht­weg als das nimmt, was es ist: ei­ne flüch­ti­ge Not­wen­dig­keit, der man sich mit ei­nem Lä­cheln ent­le­di­gen kann.

Ro­sa von Zehn­le úr
Ùjud­var, 2026.06.06
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