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🇩🇪 „Guten Tag, ich bin Rosa von Zehnle, ich reagiere nur auf die Pronomen ER oder IHM. Ach, Entschuldigung, man sieht es doch optisch.“ – Ein öffentlicher Antwortbrief zum Pronomen-Zirkus.

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Die­ser Tage erhielt ich einen eBrief von einem Stu­den­ten der Geschich­te, der sich an das Rosa Archiv wand­te und drei sach­li­che Fra­gen stell­te, es aber zuvor für nötig hielt, sich mit zwei Vor­na­men und einem erfun­de­nen Pro­no­men vor­zu­stel­len. Das war der Anlaß zu die­ser öffent­li­chen Ant­wort, denn zu die­sem Pro­no­men-Zir­kus wer­de ich mir sicher kei­ne Ein­tritts­kar­te besorgen.


Ich grüße Dich …

Dei­nen Brief habe ich jetzt erst gefun­den, er hat­te sich näm­lich in mei­nem Spam-Ord­ner ein­quar­tiert, wo ich nur ganz sel­ten hin­schaue. Viel­leicht war das ja kein Zufall. Nach­rich­ten, die über ihre eige­ne Her­kunft im Unkla­ren las­sen, fin­den ihren Weg zum Emp­fän­ger eben manch­mal nicht auf Anhieb.

Dabei läßt Dein Brief selbst man­ches im Ver­bor­ge­nen.
Zwei Vor­na­men, bei­de so gewählt, daß sie weder männ­lich noch weib­lich ver­ra­ten, wer da schreibt, dazu ein erfun­de­nes Pro­no­men. Bei­de Namen sind so gewählt, daß sie kei­ne Aus­kunft geben. Dazu dann noch das komi­sche nicht­deut­sche Pro­no­men. Das ist kein Zufall, das ist Sys­tem. Wer drei Ebe­nen braucht, Name, Zweit­na­me und Pro­no­men, um zu ver­schlei­ern, wer da eigent­lich schreibt, der betreibt einen erheb­li­chen Auf­wand für eine ein­zi­ge Sache: daß sein Gegen­über im Dun­keln bleibt. Ich bin seit vier Jahr­zehn­ten für jeden erkenn­bar, der mei­ne Tex­te liest. Das­sel­be erwar­te ich von jeman­dem, der an mei­ne Tür klopft.

Dei­nen Brief habe ich gele­sen
und das ers­te, was mir ins Auge sprang, war nicht Dei­ne Fra­ge, son­dern Dei­ne Pro­no­men­an­ga­be im zwei­ten Satz. Wer einem Frem­den, den er um einen Gefal­len bit­tet, bereits im Anschrei­ben eine Sprach­re­ge­lung vor die Nase setzt, der kommt nicht mit einer Bit­te, son­dern mit einer For­de­rung. Ich ken­ne die­se Metho­de. Sie gehört zum Hand­werks­zeug einer Sze­ne, die gelernt hat, Ideo­lo­gie als Höf­lich­keit zu ver­klei­den.
Noch eine Anmer­kung zu Dei­ner Pro­no­men­an­ga­be.
„Dey“ und „deren“ sind kei­ne deut­schen Wör­ter. Sie sind ein Ver­such, den eng­li­schen Sin­gu­lar-Gebrauch von „they“ ins Deut­sche zu über­tra­gen, ein kon­stru­ier­tes Gebil­de, das in kei­nem gewach­se­nen Wör­ter­buch steht, bio­lo­gisch nichts abbil­det und der deut­schen Spra­che von außen auf­ge­zwun­gen wird. Ich pfle­ge mei­ne Deut­sche Mut­ter­spra­che seit Jahr­zehn­ten bewußt, in alter Recht­schrei­bung, ohne Angli­zis­men, ohne Gen­de­rei und ohne erfun­de­ne Wör­ter, die bio­lo­gi­sche oder sprach­li­che Wirk­lich­kei­ten ver­bie­gen sol­len. Das wer­de ich auch bei die­ser Gele­gen­heit nicht auf­ge­ben.
Wie Du Dich selbst siehst, bleibt Dir über­las­sen, und ich neh­me das zur Kennt­nis. Was ich nicht tue, ist, es in mei­ne Spra­che zu über­neh­men und so zu schrei­ben, als wäre es seit jeher mei­ne Gepflo­gen­heit gewe­sen.

Ich betrei­be die­ses Archiv seit 1986,
ohne För­der­gel­der, ohne Bedin­gun­gen und ohne den jeweils aktu­el­len Zeit­geist als Kompaß. Vier­zig Jah­re schwu­le Geschich­te, erkämpft und bewahrt von Men­schen, die wuß­ten, wer sie sind und es auch sag­ten, laut und ohne Ver­klei­dung. Die Pro­no­men­an­ga­be in Dei­ner Anfra­ge gehört zu einer Spra­che, die ich nicht spre­che und nicht spre­chen wer­de. Wer sei­ne eige­ne Per­son hin­ter einem Pro­no­men-Zir­kus in Sicher­heit bringt, bevor er über­haupt gegrüßt hat, der bit­tet mich um etwas, das ich seit vier Jahr­zehn­ten nie­man­dem gewährt habe: die Anpas­sung an das, was gera­de als schick­lich gilt. Das wer­de ich nicht tun.

Ich habe vier Jahr­zehn­te erlebt
und min­des­tens drei Zeit­geist­va­ri­an­ten kom­men und gehen sehen, jeden lau­ter als den vori­gen, kei­nen bestän­di­ger als Mor­gen­rauch. Den aktu­el­len Zeit­geist wer­de ich auch noch gehen sehen.
In der DDR lagen Bücher zur Homo­phi­lie in den Gift­schrän­ken der Biblio­the­ken, weg­ge­schlos­sen, weil der Staat ent­schied, was sag­bar ist.
Nach der Wen­de gal­ten die­sel­ben Bücher als befreit, über Nacht, ohne daß sich an ihrem Inhalt ein Wort geän­dert hät­te.
Heu­te wan­dern bestimm­te sexu­el­le The­men wie­der hin­ter ver­schlos­se­ne Türen, nur nennt man das Schlüs­sel­dre­hen dies­mal Hal­tung. Das Archiv hat in all die­sen Jahr­zehn­ten sein Mate­ri­al nach einem ein­zi­gen Maß­stab geord­net: der Wahr­heit der Din­ge, so wie sie über­lie­fert sind. Kein Dog­ma hat hier je ein Regal umge­stellt, kei­ne Ideo­lo­gie einen Bestand aus­sor­tiert. Das wird so blei­ben.
Wenn Du mit offe­nem Gesicht schreibst und an der Sache selbst inter­es­siert bist, an der Geschich­te der Schwu­len­be­we­gung, die lan­ge vor den heu­ti­gen Begriffs­de­bat­ten begann und sie über­dau­ern wird, dann bin ich ein fai­rer Gesprächs­part­ner.

Noch eine sach­li­che Klar­stel­lung:
Du schreibst, Du inter­es­sierst Dich für die Erfor­schung „quee­rer“ Geschich­te. Die­sen Begriff wirst Du in unse­rem Archiv nicht fin­den. Wir füh­ren Bestän­de zur Geschich­te des Urning­tums, der Homo­se­xua­li­tät, der Pädo­phi­lie und ande­rer sexu­el­ler Rich­tun­gen, so wie die­se Begrif­fe gewach­sen und belegt sind. „Que­er“ als Sam­mel­be­griff exis­tier­te in unse­rem Arbeits­feld vor drei­ßig, vier­zig Jah­ren nicht und wird von uns auch heu­te nicht über­nom­men. Wer unse­re Bestän­de nut­zen möch­te, arbei­tet mit unse­rer Begriff­lich­keit.

Zu Dei­nen Fra­gen:
Das Archiv exis­tiert und ist aktiv. Seit mei­ner poli­tisch moti­vier­ten Aus­wan­de­rung im Jah­re 2014 befin­den sich die Bestän­de voll­stän­dig in Ungarn und lie­gen in mei­ner per­sön­li­chen Obhut. Das Archiv trägt das Biblio­theks­sie­gel L 333, ver­ge­ben von der Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz. Das Karl-Hein­rich-Ulrichs-Zen­trum in der Niko­lai­stra­ße exis­tiert lei­der nicht mehr. Es war nicht finan­zier­bar, die Mie­te stieg, die Stadt ver­wei­ger­te jede Unter­stüt­zung und da wir seit der Grün­dung ohne För­der­gel­der arbei­ten, muß­ten wir es auf­ge­ben. Ein Fest­akt zum vier­zig­jäh­ri­gen Jubi­lä­um in die­sem Jahr ist nicht vor­ge­se­hen. Den pla­nen wir (viel­leicht) für das 44. Jahr des Bestehens, also für 2030, bis dahin wer­de ich auch wie­der teil­wei­se in Sach­sen seß­haft sein. Den Weg dort­hin berei­tet eine vier­und­vier­zig­tei­li­ge Auf­satz­rei­he vor, die sich mit dem Archiv und sei­nem Inhalt befas­sen wird und in den kom­men­den Jah­ren erscheint. Dazu kom­men Hör­bei­trä­ge.

Was ich Dir wei­ter oben gesagt habe,
mei­ne ich nicht als per­sön­li­chen Angriff. Aber Du mußt auch mich ver­ste­hen: Ich bin seit vier Jahr­zehn­ten in mei­ner Linie geblie­ben und das, was mir auf­ge­zwun­gen wer­den soll, wer­de ich ihr nicht unter­ord­nen. Das war nie so und das wird so blei­ben.

Noch eins zum Abschluß
und das mei­ne ich auf­rich­tig:
Du wirst von die­sem Brief ent­täuscht sein, weil Du ihn so nicht erwar­tet hast. Aber es gibt noch alte Akti­vis­ten der ers­ten Stun­de, die bei der Sache geblie­ben sind, sich nie ver­bo­gen haben und eben des­halb den neu­mo­di­schen Kram nicht mit­ma­chen. Ich bin einer von ihnen.
Du bist jung, Du stu­dierst, Du forschst. Das ist gut so.
Ich war auch jung und habe auch geforscht, nur ohne Uni­ver­si­tät (die DDR ver­wei­ger­te sie mir poli­tisch moti­viert) und ohne den Rück­halt einer Insti­tu­ti­on. Was ich dabei gelernt habe, hat mir kein Lehr­plan bei­gebracht, son­dern das Leben selbst.
Laß Dir Zeit. Nicht alles, was heu­te als gesetzt gilt, wird es in zwan­zig Jah­ren noch sein. Und nicht alles, was heu­te als über­holt gilt, war es wirk­lich.

Mit bes­ten und frei­en Grü­ßen,
Rosa von Zehn­le.

schrei­ben­dER, ver­le­gER, krea­ti­vER, musik­ma­chER, natur­recht­lER, nicht­an­ge­paß­tER
und

inha­bER und machER des Rosa Archiv & Biblio­thek
gegr. 1986 in Leip­zig
:
ROSA ARCHIV & Biblio­thek
und grün­dER und machER des
175er Ver­lagTROTZ Ver­lag
Arti­kel­sei­te begin­nend ab 2026 zum Rosa Archiv:
🇩🇪 40 Jah­re ROSA ARCHIV & Biblio­thek 2026
und eben­so ab 2026 begin­nen­de Hör­buch-Serie:
Hör­bei­trä­ge (Pod­cast)

P.S. Die Digi­ta­li­sie­rung des Archivs ist in vol­lem Gan­ge. Der­zeit lie­gen knapp vier­zig­tau­send Sei­ten digi­tal vor, die ab Herbst 2026 schritt­wei­se online gestellt wer­den. Bis zur 44. Exis­tenz 2030 soll ein Groß­teil des gesam­te Papier- und Doku­men­ten­ar­chiv erfaßt sein, nach der­zei­ti­ger Schät­zung mehr als eine Vier­tel­mil­li­on eige­ne Digi­ta­li­sa­te, dazu kom­men dann noch wei­te­re Zehn­tau­sen­de frem­de Digitaldateien.


Rosa von Zehn­le úr
Ùjud­var, 2026.06.26
♛ Róz­sa Magyar Rádió ♛
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