Dieser Tage erhielt ich einen eBrief von einem Studenten der Geschichte, der sich an das Rosa Archiv wandte und drei sachliche Fragen stellte, es aber zuvor für nötig hielt, sich mit zwei Vornamen und einem erfundenen Pronomen vorzustellen. Das war der Anlaß zu dieser öffentlichen Antwort, denn zu diesem Pronomen-Zirkus werde ich mir sicher keine Eintrittskarte besorgen.

Ich grüße Dich …
Deinen Brief habe ich jetzt erst gefunden, er hatte sich nämlich in meinem Spam-Ordner einquartiert, wo ich nur ganz selten hinschaue. Vielleicht war das ja kein Zufall. Nachrichten, die über ihre eigene Herkunft im Unklaren lassen, finden ihren Weg zum Empfänger eben manchmal nicht auf Anhieb.
Dabei läßt Dein Brief selbst manches im Verborgenen.
Zwei Vornamen, beide so gewählt, daß sie weder männlich noch weiblich verraten, wer da schreibt, dazu ein erfundenes Pronomen. Beide Namen sind so gewählt, daß sie keine Auskunft geben. Dazu dann noch das komische nichtdeutsche Pronomen. Das ist kein Zufall, das ist System. Wer drei Ebenen braucht, Name, Zweitname und Pronomen, um zu verschleiern, wer da eigentlich schreibt, der betreibt einen erheblichen Aufwand für eine einzige Sache: daß sein Gegenüber im Dunkeln bleibt. Ich bin seit vier Jahrzehnten für jeden erkennbar, der meine Texte liest. Dasselbe erwarte ich von jemandem, der an meine Tür klopft.
Deinen Brief habe ich gelesen
und das erste, was mir ins Auge sprang, war nicht Deine Frage, sondern Deine Pronomenangabe im zweiten Satz. Wer einem Fremden, den er um einen Gefallen bittet, bereits im Anschreiben eine Sprachregelung vor die Nase setzt, der kommt nicht mit einer Bitte, sondern mit einer Forderung. Ich kenne diese Methode. Sie gehört zum Handwerkszeug einer Szene, die gelernt hat, Ideologie als Höflichkeit zu verkleiden.
Noch eine Anmerkung zu Deiner Pronomenangabe.
„Dey“ und „deren“ sind keine deutschen Wörter. Sie sind ein Versuch, den englischen Singular-Gebrauch von „they“ ins Deutsche zu übertragen, ein konstruiertes Gebilde, das in keinem gewachsenen Wörterbuch steht, biologisch nichts abbildet und der deutschen Sprache von außen aufgezwungen wird. Ich pflege meine Deutsche Muttersprache seit Jahrzehnten bewußt, in alter Rechtschreibung, ohne Anglizismen, ohne Genderei und ohne erfundene Wörter, die biologische oder sprachliche Wirklichkeiten verbiegen sollen. Das werde ich auch bei dieser Gelegenheit nicht aufgeben.
Wie Du Dich selbst siehst, bleibt Dir überlassen, und ich nehme das zur Kenntnis. Was ich nicht tue, ist, es in meine Sprache zu übernehmen und so zu schreiben, als wäre es seit jeher meine Gepflogenheit gewesen.
Ich betreibe dieses Archiv seit 1986,
ohne Fördergelder, ohne Bedingungen und ohne den jeweils aktuellen Zeitgeist als Kompaß. Vierzig Jahre schwule Geschichte, erkämpft und bewahrt von Menschen, die wußten, wer sie sind und es auch sagten, laut und ohne Verkleidung. Die Pronomenangabe in Deiner Anfrage gehört zu einer Sprache, die ich nicht spreche und nicht sprechen werde. Wer seine eigene Person hinter einem Pronomen-Zirkus in Sicherheit bringt, bevor er überhaupt gegrüßt hat, der bittet mich um etwas, das ich seit vier Jahrzehnten niemandem gewährt habe: die Anpassung an das, was gerade als schicklich gilt. Das werde ich nicht tun.
Ich habe vier Jahrzehnte erlebt
und mindestens drei Zeitgeistvarianten kommen und gehen sehen, jeden lauter als den vorigen, keinen beständiger als Morgenrauch. Den aktuellen Zeitgeist werde ich auch noch gehen sehen.
In der DDR lagen Bücher zur Homophilie in den Giftschränken der Bibliotheken, weggeschlossen, weil der Staat entschied, was sagbar ist.
Nach der Wende galten dieselben Bücher als befreit, über Nacht, ohne daß sich an ihrem Inhalt ein Wort geändert hätte.
Heute wandern bestimmte sexuelle Themen wieder hinter verschlossene Türen, nur nennt man das Schlüsseldrehen diesmal Haltung. Das Archiv hat in all diesen Jahrzehnten sein Material nach einem einzigen Maßstab geordnet: der Wahrheit der Dinge, so wie sie überliefert sind. Kein Dogma hat hier je ein Regal umgestellt, keine Ideologie einen Bestand aussortiert. Das wird so bleiben.
Wenn Du mit offenem Gesicht schreibst und an der Sache selbst interessiert bist, an der Geschichte der Schwulenbewegung, die lange vor den heutigen Begriffsdebatten begann und sie überdauern wird, dann bin ich ein fairer Gesprächspartner.
Noch eine sachliche Klarstellung:
Du schreibst, Du interessierst Dich für die Erforschung „queerer“ Geschichte. Diesen Begriff wirst Du in unserem Archiv nicht finden. Wir führen Bestände zur Geschichte des Urningtums, der Homosexualität, der Pädophilie und anderer sexueller Richtungen, so wie diese Begriffe gewachsen und belegt sind. „Queer“ als Sammelbegriff existierte in unserem Arbeitsfeld vor dreißig, vierzig Jahren nicht und wird von uns auch heute nicht übernommen. Wer unsere Bestände nutzen möchte, arbeitet mit unserer Begrifflichkeit.
Zu Deinen Fragen:
Das Archiv existiert und ist aktiv. Seit meiner politisch motivierten Auswanderung im Jahre 2014 befinden sich die Bestände vollständig in Ungarn und liegen in meiner persönlichen Obhut. Das Archiv trägt das Bibliothekssiegel L 333, vergeben von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Das Karl-Heinrich-Ulrichs-Zentrum in der Nikolaistraße existiert leider nicht mehr. Es war nicht finanzierbar, die Miete stieg, die Stadt verweigerte jede Unterstützung und da wir seit der Gründung ohne Fördergelder arbeiten, mußten wir es aufgeben. Ein Festakt zum vierzigjährigen Jubiläum in diesem Jahr ist nicht vorgesehen. Den planen wir (vielleicht) für das 44. Jahr des Bestehens, also für 2030, bis dahin werde ich auch wieder teilweise in Sachsen seßhaft sein. Den Weg dorthin bereitet eine vierundvierzigteilige Aufsatzreihe vor, die sich mit dem Archiv und seinem Inhalt befassen wird und in den kommenden Jahren erscheint. Dazu kommen Hörbeiträge.
Was ich Dir weiter oben gesagt habe,
meine ich nicht als persönlichen Angriff. Aber Du mußt auch mich verstehen: Ich bin seit vier Jahrzehnten in meiner Linie geblieben und das, was mir aufgezwungen werden soll, werde ich ihr nicht unterordnen. Das war nie so und das wird so bleiben.
Noch eins zum Abschluß
und das meine ich aufrichtig:
Du wirst von diesem Brief enttäuscht sein, weil Du ihn so nicht erwartet hast. Aber es gibt noch alte Aktivisten der ersten Stunde, die bei der Sache geblieben sind, sich nie verbogen haben und eben deshalb den neumodischen Kram nicht mitmachen. Ich bin einer von ihnen.
Du bist jung, Du studierst, Du forschst. Das ist gut so.
Ich war auch jung und habe auch geforscht, nur ohne Universität (die DDR verweigerte sie mir politisch motiviert) und ohne den Rückhalt einer Institution. Was ich dabei gelernt habe, hat mir kein Lehrplan beigebracht, sondern das Leben selbst.
Laß Dir Zeit. Nicht alles, was heute als gesetzt gilt, wird es in zwanzig Jahren noch sein. Und nicht alles, was heute als überholt gilt, war es wirklich.
Mit besten und freien Grüßen,
Rosa von Zehnle.
schreibendER, verlegER, kreativER, musikmachER, naturrechtlER, nichtangepaßtER
und
inhabER und machER des Rosa Archiv & Bibliothek
gegr. 1986 in Leipzig:
ROSA ARCHIV & Bibliothek
und gründER und machER des
175er Verlag & TROTZ Verlag
Artikelseite beginnend ab 2026 zum Rosa Archiv:
🇩🇪 40 Jahre ROSA ARCHIV & Bibliothek 2026
und ebenso ab 2026 beginnende Hörbuch-Serie:
Hörbeiträge (Podcast)
P.S. Die Digitalisierung des Archivs ist in vollem Gange. Derzeit liegen knapp vierzigtausend Seiten digital vor, die ab Herbst 2026 schrittweise online gestellt werden. Bis zur 44. Existenz 2030 soll ein Großteil des gesamte Papier- und Dokumentenarchiv erfaßt sein, nach derzeitiger Schätzung mehr als eine Viertelmillion eigene Digitalisate, dazu kommen dann noch weitere Zehntausende fremde Digitaldateien.
Rosa von Zehnle úr
Ùjudvar, 2026.06.26
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